Deutscher Gewerkschaftsbund

18.10.2018

"Es lebe die demokratisch-soziale Agitation!"

Jürgen Schmidts anregende Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1830-1870 zeigt, wie die Arbeiterbewegung aus der Distanzierung von der demokratischen, liberalen Bewegung hervorgeht. Das ist besonders heute interessant, da die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Parteien darum bemüht sind, wieder demokratische Bürgerparteien zu werden.

 

Von Arno Widmann

Gemälde von Ferdinand Lassalle aus dem Jahr 1870 mit einer Fahne, auf der steht: Social, Demokratie, Menschenrechte

DGB/DHM/Gemeinfrei

Ältere Leser erinnern sich womöglich an ein vorgebliches CDU-Plakat aus dem Wahlkampf 1972. Darauf ein mehrstöckiger moderner Flachbau aus Beton und Glas auf einem Felsen, dazu der Text: "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen." Es war eine der erfolgreichsten satirischen Arbeiten des Juristen und Beuys-Schülers und späteren Präsidenten der Berliner Akademie der Künste Klaus Staeck. Mir fällt sie ein bei der Lektüre in dem überaus lesenswerten Buch "Brüder, Bürger und Genossen. Die deutsche Arbeiterbewegung zwischen Klassenkampf und Bürgergesellschaft" von Jürgen Schmidt.

Schmidt zitiert aus einem Artikel in der Zeitung Nordstern vom 4. Juli 1863 von Ferdinand Lassalle. Der hatte im Mai des Jahres gerade den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet, mit zehn Delegierten von etwa 400 Mitgliedern. Lassalle schrieb sich in die Sommerferien verabschiedend: "Arbeiter! Bei meiner morgen erfolgenden Abreise in die Bäder der Schweiz ernenne ich bis zu meiner Rückkehr Herrn Dr. Otto Dammer in Leipzig zum Vizepräsidenten des Vereins (….) Agitiert! Jeder Arbeiter, der sich der Agitation entzieht, verlässt die allgemeine Sache, und die eigene zugleich. (…) Es lebe die demokratisch-soziale Agitation! Auf Wiedersehen im Herbst."

Die Arbeiterbewegung erscheint als ein historischer Umweg

Das ist das Dilemma einer jeden Organisation: der Abstand zwischen denen, die organisieren und denen, die organisiert werden. Dabei spielt überhaupt keine Rolle, wenn statt von Organisation von Selbstorganisation geredet wird. Es ist auch gleichgültig, ob der Organisator wie Ferdinand Lassalle aus dem Bürgertum kommt oder wie später Gerhard Schröder aus der Unterschicht. Die Organisation ermöglicht dem Organisator ein besseres Leben.

In Jürgen Schmidts Buch spielt dergleichen keine wichtige Rolle. Er zeigt ganz traditionell, wie die Arbeiterbewegung hervorgeht aus der Distanzierung von der demokratischen, liberalen Bewegung. Aber seine Geschichte dieser "Emanzipation" ist heute entstanden. Also in einer Zeit, in der die aus der einstigen Arbeiterbewegung hervorgegangenen Parteien darum bemüht sind, wieder demokratische Bürgerparteien zu werden. Ein Prozess, der schon viel länger dauert als die einstige Ablösung von den bürgerlichen Demokratiebewegungen des Kaiserreichs. Die "Arbeiterbewegung" erscheint heute wie ein Umweg, ein Nebengleis.

Plakat mit einer Villa auf einem Felsen, darüber der Text: Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.

Dieses Plakat war eine der erfolgreichsten satirischen Arbeiten des Beuys-Schülers und späteren Präsidenten der Berliner Akademie der Künste Klaus Staeck. Klaus Staeck

Das Buch von Jürgen Schmidt ist Band 4 der großangelegten Reihe "Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts", herausgegeben von Jürgen Kocka und dem mittlerweile verstorbenen Gerhard A. Ritter. Der erste Band, Autor Jürgen Kocka, trug den Titel "Weder Stand noch Klasse. Unterschichten um 1800". Er erschien - angesichts der Jahreszahl stockt man einen Augenblick - 1990. Das Ende des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden. Das Jahr, in dem aus Genossen wieder Bürger wurden. Für die meisten von ihnen zu ihrem Vorteil. Von dem Mammutwerk sind bisher zwölf Bände erschienen. Darunter Christoph Kleßmanns "Arbeiter im 'Arbeiterstaat' DDR. Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell, westdeutsches Magnetfeld (1945 bis 1971), erschienen im Jahr 2007 und Peter Hübners "Arbeit, Arbeiter und Technik in der DDR 1971-1989. Zwischen Fordismus und digitaler Revolution" (2013). Zu Klassikern der Reihe sind inzwischen wohl geworden Michael Schneiders "Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939" und Heinrich August Winklers Bände "Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924-1930" und "Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930-1933".

"Had we but world enough and time" - ich kann der Verlockung nicht widerstehen, "To his coy mistress" von Andrew Marvell, eines meiner Lieblingsgedichte, zu zitieren - ich würde mich hinsetzen und die wohl fast 10.000 Seiten lesen, nur um diesen Bogen, diesen wohl welthistorisch notwendigen "Umweg", zu begreifen. Freilich darf man nie vergessen, wie sehr der eigene Gesichtspunkt den Blick aufs Ganze verstellt. Die Gegenwart ist nur ein winziger Ausschnitt der Weltgeschichte. Vielleicht ist ja sie das Nebengleis, ein absterbendes Zweiglein an einem Stamm, den wir von ihr aus nicht erkennen können.

Bürgerliche Theoretiker wie Marx kapern die Arbeitervereine

Aber noch einmal zurück zu Jürgen Schmidts "Brüder, Bürger und Genossen". Das Lassalle-Zitat aus der Zeitung Nordstern markiert auch einen Abschnitt aus der Geschichte der Piraterie. Vergleichbares findet sich bei Marx. Auch er kapert als bürgerlicher Ideologe und Theoretiker Arbeitervereine, um ihnen begreiflich zu machen, worum es ihnen in Wahrheit gehen muss. Er bringt ihnen ein Selbstbewusstsein bei, das darin kulminiert, eine eigene politische Organisation aufzubauen. Deren Führer zu werden, immer wieder sein Traum war. Aber August Bebel wurde zum "Kaiser der Arbeiter", so der Titel einer Bebel-Biografie von Jürgen Schmidt.

Buchumschlag von "Brüder, Bürger und Genossen".

Der neueste Band der "Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland". Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

Jürgen Schmidt schreibt am Ende seines Buches: "Nimmt man das knappe Jahrzehnt (1860er-Jahre) insgesamt in den Blick und vergegenwärtigt sich, wie die Kooperation zwischen Arbeiterschaft und bürgerlichen Gruppen zwar nicht euphorisch, aber doch schwungvoll in Angriff genommen wurde und wie sich die Situation um 1870 darstellte, wird deutlich, dass die beiden Pole von liberaldemokratischer Bewegung und Arbeiterbewegung sich verfestigt und voneinander entfernt hatten. Dabei spielten die klassengesellschaftlichen Trennlinien eine wichtige Rolle, dominiert wurde der Prozess jedoch von den unterschiedlichen vereinsinternen politischen, ideologischen und organisatorischen Ansätzen. Vieles deutete dabei auf einen Bruch hin, aber endgültig vollzogen war er 1870/71 noch nicht. Die politischen Weichenstellungen und die sozioökonomischen Veränderungen der 1870er-Jahre, besonders die ab 1873 einsetzende wirtschaftliche Depression, verschärften klassenspezifische Konfliktlinien schon zu Beginn des Kaiserreichs. Doch für die politisch-organisatorische Trennung spielte der zunehmende staatliche Verfolgungsdruck nach der Reichseinigung eine entscheidendere Rolle. Denn er war begleitet von einem Prozess gegenseitiger gesellschaftlicher Ausgrenzung und Abschließung, der politisch abgegrenzte Lager hervorbrachte."

Die gesellschaftliche Ausgrenzung bewirkte das Gegenteil

Das Sozialistengesetz hat Sozialisten verfolgt, aber mehr noch Sozialisten produziert? Man denkt an die Nebenwirkungen des Krieges gegen den Terror. Es gibt eine Zeit, da sind Verbote und Verfolgung nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch überflüssig, da sie sich gegen verschwindend kleine Minderheiten richten. Wehe aber, diese kleinen Gruppen haben ein - schwer zu bestimmendes - Stadium erreicht, in dem ihr Verbot und ihre Verfolgung wie höchst erfolgreiche Werbekampagnen wirken! Sie wachsen nicht nur an Zahl, sondern auch an Selbstbewusstsein. Sie begreifen sich als etwas Besonderes, als Erwählte. Dagegen haben die die Macht nur verwaltenden Regierungen langfristig keine Chance. Sie müssen der Mehrheit, die sie zahlenmäßig noch immer hinter sich wissen, deutlich machen, dass sie die in Wahrheit Erwählten sind. Also ihnen nicht nur ein gutes Leben bescheren, sondern ihnen auch deutlich machen, dass sie es haben, weil sie es sich verdient haben. Ohne Populismus gibt es keine Demokratie. Es hängt alles davon ab, welche Art von Populismus die Überhand gewinnt. Der von "Ich verspreche Dir, was Du magst und tue, was ich will" oder der von "Tue Gutes und rede darüber!"

Ich bin wieder ausgewichen. Meine Gedanken sind weggeflogen von Jürgen Schmidts gar zu anregendem Buch. Ich bitte um Pardon und empfehle die Lektüre.

 


Jürgen Schmidt: Brüder, Bürger und Genossen. Die deutsche Arbeiterbewegung zwischen Klassenkampf und Bürgergesellschaft 1830-1870, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2018, 651 Seiten, 68 Seiten

Der Beitrag erschien zuerst auf perlentaucher.de.


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Kurzprofil

Arno Widmann
ist seit 2010 Mitglied der DuMont Hauptstadtredaktion. Davor war u.a. Feuilletonchef bei der Zeit, der FR und der taz. 2016 erhielt er den Otto Brenner Preis "Spezial" für sein journalistisches Lebenswerk.
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