Deutscher Gewerkschaftsbund

30.08.2018

Marx trifft Frankenstein

Seit ein paar Jahren beklagen viele BürgerInnen und PolitikerInnen einen Kontrollverlust. Das machen sich Rechtspopulisten und Autokraten zunutze. Doch gegen den dezentralen globalisierten Kapitalismus können genauso wenig ausrichten wie andere Politiker bislang. Er ist eine Macht, der jeder gehorchen muss, eine Macht, die Macht selbst über die Mächtigsten übernommen hat.

 

Von Robert Misik

Karikatur von Alexander Gauland, der Zeitung liest. Die Schlagzeile ist: AfD weiter drittstärkste Partei!

Völlig losgelöst von den Fakten... DGB/Heiko Sakurai

"I’m About to lose Control and I think I like it" sangen einst die Pointer Sisters in ihrem Hit „I’m so excited“. Doch das ist lange her. Heute ist der Kontrollverlust nichts mehr, was euphorisch bejubelt wird. Im Gegenteil. Jetzt heißt es: Sich im Griff haben. Beim Drift durch die Existenz Spur halten und nicht aus der Bahn geworfen werden. Die Überforderung, die alle spüren, meistern, ohne einzuknicken. Ja, für sich selbst verantwortlich sein, und jeden Schlag einstecken - wie es der Zeitgeist einer hyperindividualisierten Wettbewerbsgesellschaft verlangt.

Zugleich geistert das Wort vom Kontrollverlust als Warnsignal durch viele Debatten. Im neoliberalen Kapitalismus, in dem stets alles auf Messers Schneide steht, in dem man vom Job bis zur Ehe nie langfristig auf etwas bauen kann, empfinden viele Menschen Kontrollverlust. Die Menschen wissen, "dass Morgen alles ganz anders sein kann" (Hartmut Rosa).

Schwester des Kontrollverlusts ist der Kontrollwahn

Kontrollverlust ist daher zum universalen Schlagwort geworden. In den Hochtagen des Flüchtlingssommers, als Tausende über Grenzen marschierten, haben viele Menschen, so wird jedenfalls behauptet, vor allem die Bilder vom "Kontrollverlust" als verstörend erlebt. Und die Brexit-Befürworter in Großbritannien gewannen ihre Kampagne mit der Parole "Take Back Control". Soll heißen: Statt Spielball supranationaler Kräfte und undurchschaubarer Institutionengeflechte soll wieder nationalstaatliche Kontrolle zurück gewonnen werden.

Die Schwester des gefühlten Kontrollverlustes ist nämlich der Kontrollwahn. Kontrollwahn kann obsessiv und pathologisch sein, in jedem Fall ist es eine Form, mit Risiken umzugehen.

Die Pointer Sisters kommen am Flughafen in Amsterdam an.

Kein Problem mit Kontrollverlust hatten einst die Pointer Sisters, hier bei ihrer Ankunft in den Niederlanden 1974. DGB/Gemeinfrei

Weit rechts stehende Regierung, wie etwa die in Österreich und in Ungarn, können so gesehen auch als illusionäres Versprechen verstanden werden, wieder Kontrolle herzustellen. Strikte Regeln da, Law and Order dort, Kontrolle von Grenzen überall. Das ist die Antwort der "illiberalen Demokratie" auf die Risiken der modernen Welt. Selbst die erstaunliche Popularität eines Mannes wie Wladimir Putin in bestimmten Milieus im Westen lässt sich so erklären. Er präsentiert sich als Fürsprecher traditioneller Werte, etwa Familienwerte, traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit - und damit als Gegenspieler modischer liberalistischer Lebensentwürfe und Konventionen. Gerade weil er ein Autokrat ist, steht er für Ordnung gegenüber einer zunehmend als chaotisch empfundenen Welt. Und weil er vom personalen Habitus eher ironisch und auch gar nicht unsympathisch wirkt, erscheint er als einer, der zwar despotisch regiert, aber einfach, weil man das tun muss, damit einem der Laden nicht um die Ohren fliegt. Sozusagen: als Autokrat, der nur der lieben Ordnung willen autokratisch ist.

Menschen haben immer schon versucht, Risiken zu kontrollieren

Recht besehen jedoch stellt sich die Frage, was das überhaupt sein soll: "Kontrolle". Totale Kontrolle haben wir nie - haben wir nur relative, können wir uns schon glücklich schätzen. Selbst wer in scheinbar stabilem Wohlstand lebt, der hat das – gern verdrängte – Wissen darüber, dass das Unwägbare jederzeit in die Stabilität einbrechen kann. Trennung, Arbeitsunfähigkeit, Feuer, Pleite – irgendetwas, was uns aus der Bahn wirft. Aber der Verdacht, dass alles stets auf Messers Schneide steht, scheint mehr zu grassieren, als es realistischer Weise nötig wäre.

Die Geschichte der Menschen ist sowieso auch eine Geschichte des Versuchs, die Risiken zu kontrollieren. Ganze Wirtschaftszweige verdanken ihre Existenz dem Bedürfnis nach Sicherheit – allen voran die Versicherungswirtschaft. Die ideologischen Hohelieder auf Risiko, Beweglichkeit und Wagemut dürfen da nicht täuschen. Radikale Unsicherheit lähmt, erst relative Kontrolle erlaubt, kalkulierbare Wagnisse einzugehen.

Heinz-Christian Strache und Victor Orban bei einer Pressekonferenz.

Zwei Propagandisten des Kontrollwahns: Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Ungarns Premier Victor Orban. Reuters/Heinz-Peter Bader

Selbst auf angeblichen kapitalistischen Risikomärkten kann man das beobachten. Unternehmen suchen nicht das Risiko, im Gegenteil, sie versuchen, Unplanbarkeit und Unsicherheit auszuschalten. Etwa durch Monopolbildung, Marktbeherrschung, Absprachen mit der Konkurrenz. Die Bedeutung des ‚freien Marktes‘ wird überschätzt, zeigt die US-Ökonomin Pietra Rivoli exemplarisch für die Textilindustrie. Das durchschnittliche T-Shirt lernt den „freien Markt“ faktisch nie kennen. Die Baumwollpflanzung in Texas – sie ist staatlich gestützt und geschützt. Die Verarbeitung in China – auf einem rigide regulierten Arbeitsmarkt. Die Einfuhr in die USA – durch absurde Bestimmungen bis ins Detail politisch geregelt. Dass Menschen gerade auf solchen „Märkten“ aktiv sind, zeigt, so Rivoli, dass viele deshalb als Unternehmer erfolgreich sind, weil sie wettbewerbsintensiven Märkten aus dem Weg gehen.

In der hergebrachten modernen Politik war die Antwort Gouvernementalität, also die Zerlegung des Politischen in eminenten Sinn in Verwaltung, in Beobachtung, in Statistik, in Berechnung, in Steuerung, kurzum: ins Regieren im Mikrobereich, und bis hinein in die Steuerung der Subjekte durch Ideologie, Selbstzwang , Selbsttechnologien, etwa dem Leistungsbegriff und den damit verbundenen Vorstellungen eines idealen Lebenslaufs. Abläufe unter Kontrolle halten, und die Menschen unter Kontrolle halten - natürlich nur unter relativer Kontrolle, doch jedenfalls so, dass das "große Ganze" einigermaßen unter Kontrolle bleibt.

Das Monster des globalisierten Kapitalismus ist unkontrollierbar

Aber das grassierende Gefühl des Kontrollverlustes ist vielleicht gar nicht so sehr Folge des allgemeinen Gespürs, dass eine Vielzahl von Vektoren und Kräften in einer globalisierten und pluralistischen Welt wirken, die unmöglich noch jemand unter wirklicher Kontrolle halten kann. Es ist nicht nur eine Chaosdiagnose, sondern eher das Gefühl, dass wir ein Monster geschaffen haben. Der dezentrale globalisierte Kapitalismus ist eben nicht nur Chaos, sondern auch eine Ordnung, eine Macht, der jeder gehorchen muss, eine Macht, die Macht selbst über die Mächtigsten übernommen hat. Auch die Mächtigsten werden vom Monster gebeutelt, das sie selbst geschaffen haben.

Diese Seite der Kontrollverlust-Empfindung lässt uns an Mary Shelleys Frankenstein-Geschichte denken, an das Monster, das, von Menschenhand geschaffen, sich gegen ihren Schöpfer wendet, eine Geschichte, die schon zu Karl Marxens Zeiten äußerst populär war und ihn zu mancher Metapher seiner Kapitalismusdiagnose inspirierte. Eine Weltmaschine, die den Einzelnen verschluckt.

Kontrollverlust evoziert schließlich immer das Gefühl, kontrolliert zu werden von unpersönlichen Kräften, einer Struktur oft eine ohne lokalisierbare Machtknoten. Vielleicht ist das der denkbar schlimmste Kontrollverlust. Denn dagegen kann man nicht einmal rebellieren.


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Kurzprofil

Robert Misik
ist ein österreichischer Publizist und Journalist, der sich seit Jahrzehnten mit der Sozialdemokratie in Europa beschäftigt. 1992 bis 1997 war er Korrespondent des Nachrichtenmagazins Profil in Berlin.

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