Deutscher Gewerkschaftsbund

08.05.2018
Atlas der Arbeit

Minimum an Arbeit

In Müßiggang zu leben war immer eine elitäre Idee. Heute geht es um Arbeitszeitverkürzung und Work-Life-Balance. Ein etwas anderer Blick auf das Recht auf Arbeit - und das Recht auf Faulheit.

 

Von Daniel Haufler


Auszug aus dem "Atlas der Arbeit", der diese Woche erscheint.


 

Frestko "Schule von Athen" aus dem "Saal der Signatur" in den Vatikanischen Museen.

In Raffaels berühmtem Fresko "Schule von Athen" sind die bekanntesten Philosophen der Antike dargestellt, so in der Mitte Platon, der mit dem Finger nach oben zeigt, und neben ihm Aristoteles. Diogenes liegt lesend auf der Treppe. DGB/Yorck Project/Public Domain

Es ist die vielleicht bekannteste Anekdote aus der Antike. Als Alexander der Große in Korinth weilt, um von dort einen Feldzug gegen die Perser anzuführen, machen ihm die Honoratioren der Stadt, Staatsmänner und auch Philosophen die Aufwartung. Einer allerdings entzieht sich dem Rummel: Diogenes von Sinope. Da geht Alexander zu dem berühmten Philosophen, der sich auf einem Platz ausruht. Als er ihn grüßt und fragt, womit er ihm dienen könnte, antwortet Diogenes nur kurz: "Geh mir doch ein wenig aus der Sonne!".

Subversive Philosophie als Plädoyer für Müßigkeit

Diese Anekdote zeugt von Philosophie in Aktion. Diogenes wirbt plakativ für seine Idee der Bedürfnislosigkeit. Denn nur sie ließe den Menschen frei sein, frei von Konventionen oder gesellschaftlichen Zwängen. Nicht erst heutzutage irritiert diese Vorstellung. Antike Philosophen wie Platon hielten wenig davon, Friedrich Nietzsche warf Diogenes sogar vor, mit der Forderung nach Bedürfnislosigkeit das „wichtigste Heilmittel gegen alle sozialen Umsturzgedanken“ zu liefen.

Doch damit tut er Diogenes Unrecht. Dessen Philosophie war seinerzeit durchaus subversiv und kann bis heute als Plädoyer für Müßiggang gelesen werden. Diogenes ist gewissermaßen der Vorläufer aller Forderungen nach dem Recht auf Faulheit oder aller Konzepte zur Entschleunigung des Lebens und Arbeitens. Er hat über die Jahrhunderte zahllose Denker und Schriftsteller inspiriert.

Grafik zur Belastung von Frauen und Männern im Laufe ihres Lebens

Nach ihrer Selbsteinschätzung liegt die Alltagsbelastung von Frauen im Lauf ihres Lebens fast durchweg über der von Männern. Von Müßiggang keine Spur. DGB/Atlas der Arbeit

Anatol France glaubte, dass Arbeit etwas Unnatürliches sei, die Faulheit dagegen göttlich. Als der junge Vladimir Nabokov in der Schule einen Aufsatz zum Thema Faulheit schreiben musste, gab er – konsequent - ein leeres Blatt ab. Sollten sich doch andere abmühen, um etwas Kluges übers Faulenzen zu schreiben. Ja, wirkliches Glück ohne Müßiggang sei unmöglich, glaubte Anton Tschechow. Und Friedrich Schlegel schließlich forderte, man solle das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja Religion bilden!

Immer schön produktiv sein

Doch so schön und überzeugend Dichter und Philosophen die Bedeutung des Müßiggangs oder der Faulheit skizzierten, es war eine elitäre Idee. Ihre Umsetzung blieb denen vorbehalten, die es sich leisten konnten, weil andere die Arbeit machten, sei es in den frühen Sklavengesellschaften oder später als "Lohnsklaven" (Rosa Luxemburg) in den frühkapitalistischen Gesellschaften. Schon der Soziologe und Frühsozialist Henri de Saint-Simon kritisierte Anfang des 19. Jahrhundert die "Klasse der Müßiggänger" (Adel, Rentiers, Klerus) und stellte ihr die Industriels, die "industrielle Klasse", gegenüber.

Karl Marx ging in "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie" (1858) weiter. Für die Gesellschaft gehe es darum, die Arbeitszeit "auf ein fallendes Minimum zu reduzieren, und so die Zeit aller frei für ihre Entwicklung zu machen". Denn der wirkliche Reichtum sei die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Bei Marx taucht sogar der Gedanke der "Selbstverwirklichung" des Individuums auf. Doch sie wird für ihn mit einer Tätigkeit erreicht, die einen "produktiven und schöpferischen Charakter" annimmt. Kurzum: Freie Zeit ist nicht bloß Zeit der Nichtarbeit, sondern Zeit für "höhere Tätigkeit", wissenschaftliche oder künstlerisch, um das Individuum voll zu entwickeln.

500

In vielen Ländern leisten große Teile der Belegschaften Überstunden - freiwillig oder auf Druck, bezahlt oder nicht. DGB/Atlas der Arbeit

Diese Vorstellung war kein Wunder, da Faulheit oder Müßiggang außerhalb der Eliten noch immer verpönt war, wie Sprichwörter dokumentieren, die wir bis heute gut kennen: "Müßiggang ist aller Laster Anfang" oder "Wer arbeitet, tut Gutes. Wer faulenzt, stiehlt dem lieben Gott die Zeit". Hier scheint unverkennbar die protestantische Ethik durch, die schließlich den Kapitalismus befeuert – und letztlich auch von Marx nicht infrage gestellt wird.

Marx' Schwiegersohn Paul Lafargue forderte maximal drei Stunden Arbeitszeit

Bemerkenswerterweise ist es dann sein Schwiegersohn Paul Lafargue, der nicht nur die kapitalistische Moral als "jämmerliche Kopie der christlichen Moral" geißelt, sondern obendrein feststellt: "Zwischen Kapital und Arbeiterbewegung gab es fast immer die grundsätzliche Übereinstimmung, dass die Leute schaffen müssen." Er will stattdessen das Recht auf Arbeit durch ein Recht auf Selbstbestimmung – ein "Recht auf Faulheit", wie er seine Schrift nennt – ersetzen. Als maximale Arbeitszeit schweben ihm drei Stunden am Tag vor. Mit der Dividende der Mechanisierung würde sich das finanzieren lassen.

Lafargues ökonomische Utopie entfaltet seinerzeit keine große Wirkung, doch über Arbeitszeit, Muße und Selbstbestimmung wird seitdem zumindest in den westlichen Gesellschaften immer wieder diskutiert. Das Spektrum reicht von Nietzsche bis zu dem Anthropologen David Graeber. Und in der Tat haben Gewerkschaften durchgesetzt, dass die Arbeitszeit kontinuierlich reduziert wurde und die Vereinbarkeit mit dem Privatleben (Work-Life-Balance) heute entschieden besser ist als je zuvor. Das verleiht den Arbeitenden eine größere Autonomie, die allerdings oft dazu dient, möglichst fit zu bleiben, um den sich verdichtenden Arbeitsprozessen gewachsen zu sein. Müßiggang bleibt letztlich eine ferne Utopie, oder um es in den Worten des Dichters Alfred Polgar zu sagen: "Arbeit ist das, was man tut, um es – Zielpunkt im Unbewussten – einmal nicht mehr tun zu müssen."


 

Umschlag vom Atlas der Arbeit

DGB/Atlas der Arbeit

Der Atlas steht ab sofort online -
oder kann in Print über die Hans-Böckler-Stiftung bestellt werden:

https://www.boeckler.de/6299.htm?produkt=HBS-006877&chunk=1.

Die Grafiken sind auch einzeln online verfügbar unter Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0)


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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