Deutscher Gewerkschaftsbund

15.03.2017
Arbeitszeit neu denken

"Guten Tag, ich will mein Leben zurück"

Debattenreihe Arbeitszeit

DGB

Zeit für Familie, Erholung und Weiterbildung? Für viele Beschäftigte ist dies zwischen Smartphones, Tablets und dienstlichen E-Mails rund um die Uhr immer schwieriger zu organisieren. Wie die IG Metall das Problem angehen will, beschreiben die Tarifexperten Stefan Schaumburg und Sophie Jänicke.

Zeichnung Mann Frau Uhr

Colourbox.de

„Dein Feierabend hat angerufen. Er fängt schon mal ohne Dich an“, titelt ein aktuelles Plakat der IG Metall zur Arbeitszeitkampagne. Der Slogan beschreibt, was heute für viele Beschäftigte in der Industrie Realität ist: Die Arbeitszeit läuft aus dem Ruder. Trotz der tarifvertraglich vereinbarten 35- bzw. 38-Stunden-Woche: Arbeitszeiten (für Vollzeitbeschäftigte) werden länger, flexibler und ungesünder.

Beschäftigte in Deutschland arbeiten heute so flexibel wie nie zuvor. Dabei geben vor allem in der Industrie neue Produktions- und Office-Systeme sowie Marktschwankungen den Takt vor. Langes Arbeiten und Schichtarbeit rund um die Uhr, am Wochenende, im Betrieb oder am Küchentisch – das ist für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland Realität. Der Zugriff der Unternehmen auf Arbeits- und Lebenszeit wird immer umfassender.

Einstieg in eine neue Arbeitszeit-Politik

Nach Jahren arbeitszeitpolitischer Stagnation – oder noch schlimmer: des arbeitszeitpolitischen Rückschritts – setzt die IG Metall das Thema Arbeitszeit seit 2016 wieder prominent auf die Tagesordnung: in den Betrieben, in der Tarifpolitik und auch gesellschaftspolitisch.

Im Mittelpunkt steht dabei: Die Beschäftigten müssen wieder mehr Selbstbestimmung über ihre Zeit bekommen. Wir brauchen eine neue Arbeitszeitkultur, in der die persönlichen Zeitinteressen der Beschäftigten mehr Gewicht gegenüber den Flexibilisierungsinteressen der Unternehmen haben. Die Debatte um eine allgemeine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit steht dabei nicht im Mittelpunkt. Die Probleme, vor denen die Beschäftigten in den Betrieben stehen, sind andere. Angesichts des ständigen Zugriffs der Unternehmen auf die Zeit der Beschäftigten, der Flexibilisierung und der überlangen Arbeitszeiten, wünschen sich die Beschäftigten zunächst mehr individuelle Spielräume in ihrer Arbeitszeitgestaltung – im Alltag und im Lebensverlauf.  Die Frage, wie Arbeit und Leben unter einen Hut gebracht werden können, scheint heute eher mit individueller Reduzierung der Arbeitszeit und mehr Selbstbestimmung über die eigene Zeit als mit dem Wunsch nach kollektiver Verkürzung beantwortet zu werden.

Arbeitszeitfragen sind Machtfragen

Arbeitszeit war und ist ein umkämpftes Terrain. Es geht um Machtfragen: Wer bestimmt über die Zeit? Wer bestimmt darüber, wann und wie lange von wem gearbeitet wird? Wer bestimmt über Teilzeit oder Vollzeit, darüber, wie Arbeit und Privatleben vereinbart werden können oder darüber, ob der Traum von der Weltreise noch vor der Rente Wirklichkeit werden kann?

Arbeitszeiten entscheiden darüber, wer zu welchen Bedingungen am Erwerbsleben teilhaben kann. Sie entscheiden über die Gesundheit und wie lange die Menschen ihren Job machen können. Und nicht zuletzt entscheidet die Verteilung des Arbeitsvolumens darüber, wie viele Menschen am Erwerbsleben teilhaben können oder auf dem Weg in die Digitalisierung von der Gesellschaft zurück gelassen werden.

Und es geht um Verteilungsfragen, heute genauso wie in den historischen Kämpfen um die Arbeitszeit. Die Flexibilisierung der Produktion hat zu enormen Produktivitätssteigerungen geführt. Wer profitiert von diesen Flexibilisierungsgewinnen? Mit der Digitalisierung der Wirtschaft werden neue Rationalisierungsschübe stattfinden. Wer wird von diesen Rationalisierungsgewinnen profitieren?

Das Ziel der IG Metall ist, wieder eine handlungsfähige Gegenmacht in Sachen Arbeitszeit für die Beschäftigten zu sein. Damit beginnen wir in den Betrieben. In über 500 Pilotbetrieben werden derzeit die Arbeitszeitregelungen auf den Prüfstand gestellt und im Interesse der Beschäftigten neu verhandelt. Bessere Schichtarbeit, mehr Zugriffsrechte der Beschäftigten auf ihre eingearbeitete Zeit und die Regulierung von mobiler Arbeiten stehen dabei im Mittelpunkt.

Bundesweit diskutieren die Mitglieder der IG Metall im Rahmen unserer Kampagne das Thema Arbeitszeit. Dabei sind die Themen so vielfältig wie die Arbeitszeitrealitäten der Beschäftigten. Im Februar hat die IG Metall eine große Beschäftigtenbefragung zur Arbeitszeit durchgeführt. 2,2 Millionen Fragebögen sind in den Betrieben verteilt worden. Wenn im Mai die Ergebnisse vorliegen, werden wir unsere arbeitszeitpolitische Diskussion verdichten und in der zweiten Jahreshälfte – nach derzeitigem Stand – auch tarifpolitisch zuspitzen können. Die IG Metall will Arbeitszeit im Sinne der Beschäftigten neu gestalten: gerecht, sicher und selbstbestimmt.

Einen Rahmen für mehr Selbstbestimmung schaffen

Dabei zeigt die betriebliche Praxis: Die Arbeitszeiten gesetzlich zu deregulieren, wie es von den Arbeitsgeberverbänden immer wieder gefordert wird, ist überflüssig. Die Performance der deutschen Unternehmen ist hervorragend – mit den gesetzlichen Regelungen, die wir haben. Die Frage muss viel eher lauten: Welche neuen Schutzrechte brauchen Beschäftigte, die hochflexibel und immer mobiler arbeiten? Die Arbeitswissenschaft zeigt, dass ein höherer Grad an Selbstbestimmung über Arbeitsorganisation und Arbeitszeiten Belastungen reduzieren kann. Werden die Beschäftigten von morgen die Rechte und Ressourcen bekommen, um die höhere Beanspruchung, die moderne Arbeitsformen hervorrufen, durch mehr Selbstbestimmung auszugleichen?

Und nicht zuletzt: Ist genug Personal an Bord, damit die Arbeit auch in der vorgegebenen Zeit erledigt werden kann, ohne dass Gesundheit und Privatleben darunter leiden müssen? Hier sehen wir deutlichen Handlungsbedarf: Betriebsräte müssen mehr Mitbestimmung bei der Bemessung des Personalbedarfs bekommen. Denn heute ist das Personal zu oft zu knapp bemessen, so dass die Belastung für die Beschäftigten und Berge an Überstunden vorprogrammiert sind.

An der im Weißbuch Arbeit 4.0 der Arbeitsministerin aufgenommenen Diskussion um die zukünftige Gestaltung von Arbeitszeiten hat sich die IG Metall aktiv beteiligt. Das Anliegen, den Beschäftigten mehr Arbeitszeitoptionen im Lebenslauf zu ermöglichen, unterstützt die IG Metall. Allerdings ist die konkrete Ausgestaltung solcher Modelle ausschlaggebend dafür, ob sie für Beschäftigte auch in niedrigen Einkommensgruppen attraktiv sein können. Die IG Metall fordert daher vom Gesetzgeber, reduzierte Arbeitszeiten für bestimmte Zwecke finanziell abzufedern. Insbesondere, wenn es um die Reduzierung der Arbeitszeit beim Leben mit Kindern, bei Pflege von nahestehenden Personen oder für Weiterbildung geht. Pflege und Erziehung sind sozialstaatliche Aufgaben. Wenn der Sozialstaat darauf setzt, dass diese Aufgaben privat übernommen werden, müssen die Betroffenen besser unterstützt werden.

Zeit zu handeln

Es ist Zeit für die Unternehmen, zurückzuzahlen. Unsere Zeit ist unser Leben, und unser Leben darf sich nicht nach Börsenkursen oder Auslastungsschwankungen richten. Ebenso steht der Gesetzgeber in der Pflicht, einen besseren Rahmen für selbstbestimmte Arbeitszeiten zu schaffen. Es ist Zeit zu handeln. Die IG Metall hat jetzt damit begonnen und wird die Auseinandersetzung um bessere Arbeitszeiten in Betrieben und Gesellschaft weiterhin mit großem Einsatz führen.


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Kurzprofil

Sophie Jänicke
Sophie Jänicke, Jahrgang 1975, arbeitet als Gewerkschaftssekretärin in der Tarifabteilung beim Vorstand der IG Metall mit dem Schwerpunkt Arbeitszeit.
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Stefan Schaumburg
Stefan Schaumburg, 54, leitet seit Ende 2012 den Funktionsbereich Tarifpolitik beim Vorstand der IG Metall und ist damit zuständig für die Koordination der tarifpolitischen Aktivitäten der IG Metall.
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