Deutscher Gewerkschaftsbund

23.11.2016
Zukunft der Gewerkschaften

Die Retter des Kapitalismus

Die Gewerkschaften sind die Retter des Kapitalismus. Sie waren es in der Vergangenheit – und müssen es auch in Zukunft sein. Nur den Gewerkschaften ist zu verdanken, dass neue Produkte entstehen und die Wirtschaft nicht in einer Dauerkrise feststeckt, stellt taz-Korrespondentin Ulrike Herrmann fest.

Herz vor Fabrikanlage

DGB/Simone M. Neumann

Diese These mag etwas kühn wirken, daher lohnt sich ein Abstecher in das 19. Jahrhundert, als die Gewerkschaften noch nicht zugelassen waren. Die Wirtschaft wuchs auch damals schon, doch vom neuen Reichtum kam bei den Proletariern nichts an. Ihre extreme Armut ließ sich sogar messen  – an der Körperlänge. Durch die Mangelernährung nahm die durchschnittliche Größe der englischen Soldaten zwischen 1830 und 1860 um zwei Zentimenter ab. Auch auf dem europäischen Kontinent machte sich das Militär Sorgen, dass es nicht genug wehrtaugliche Soldaten finden könnte. In seinem „Kapital“ zitiert Marx schaudernd die amtlichen Statistiken: „Das Militärmaß war in Sachsen 1780: 178 Zentimenter, jetzt 155.“ In Preußen war es nicht besser. Dort stellte sich 1862 „nach einem 9jährigen Durchschnitt heraus, dass von 1.000 Konskribierten 716 untauglich zum Militärdienst: 317 wegen Mindermaß und 399 wegen Gebrechen.“

Die Gewerkschaften retteten ihre Mitglieder - und den Kapitalismus

Die Gewerkschaften wollten diese Massenarmut lindern, und es gelang ihnen tatsächlich, höhere Reallöhne durchzusetzen. Ab etwa 1880 konnten sich auch Arbeiter mehr leisten als nur die täglichen Grundnahrungsmittel. Den damaligen Gewerkschaftlern war es nicht bewusst, aber sie retteten nicht nur ihre Mitglieder – sondern auch den Kapitalismus.  Ohne den Massenkonsum wäre der heutige Kapitalismus nicht denkbar, denn inzwischen machen Konsumerzeugnisse etwa 75 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Wären die Reallöhne nicht gestiegen, hätte sich der Kapitalismus schon im 19. Jahrhundert erledigt und wäre wahrscheinlich nicht über die Eisenbahn hinausgekommen. Erst die enorme Nachfrage seitens der Arbeitnehmer hat neue Produkte und neue Wachstumsschübe ermöglicht, die durch den Lebensstil der Wohlhabenden allein niemals ausgelöst worden wären. Wie der Historiker Eric Hobsbawm es zusammenfasst: „Es war nicht der Rolls-Royce, sondern das T-Modell von Ford, das die Automobilindustrie revolutioniert hat.

Ob Smartphones, Waschmaschinen oder Fernseher: Sie wären nie erfunden worden, wenn es nicht Millionen von Kunden gegeben hätte, die sich diese Annehmlichkeiten leisten konnten. Der Konsum treibt den Kapitalismus an, doch ist niemals gesichert, dass die Löhne auch tatsächlich hoch genug sind, um mit dem Güterausstoß mitzuhalten. Ausgerechnet das Wachstum produziert Probleme, denn der Kapitalismus wird von einem Paradox geschüttelt: Wachstum kann es nur geben, wenn technischer Fortschritt die Produktivität steigert. Doch genau diese permanente Effizienzrevolution bringt das Gleichgewicht zwischen Löhnen und Gewinnen immer wieder durcheinander, was dann in die Krise führt. Der technische Fortschritt macht den Wohlstand möglich – und ist gleichzeitig seine größte inhärente Bedrohung.

Gerade Kapitalisten verstehen den Kapitalismus nicht

Dieses Risiko wird meist völlig unterschätzt. Gerade Kapitalisten neigen dazu, den Kapitalismus nicht zu verstehen – und starke Gewerkschaften für eine Gefahr, statt einen Segen zu halten. Wieder bietet sich ein historischer Ausflug an, diesmal ins 20. Jahrhundert, um zu illustrieren, wie riskant es ist, wenn die Löhne nicht mit der Produktivität steigen. Es geschah nach dem ersten Weltkrieg: Zwischen 1919 und 1929 legte die Produktivität in den USA pro Industriearbeiter um 43 Prozent zu, so dass also jeder einzelne Beschäftigte  fast 1,5-mal so viele Waren herstellen konnte wie noch ein Jahrzehnt zuvor. Um eine Überproduktion zu vermeiden, hätten die Löhne entsprechend steigen müssen, damit die Arbeiter diese Flut an neuen Gütern auch hätten kaufen können. Doch wie dieser doppelte Konjunktiv schon ausdrückt, passierte genau das Gegenteil: Die Unternehmer freuten sich, dass ihre Kosten sanken, und nahmen die Extragewinne gern mit, die ihnen die technische Revolution bescherte. Die Löhne hingegen stiegen kaum, so dass es bald zu einer Absatzkrise kam. Spätestens ab 1927 gab es für die Fabrikanten nur noch einen Ausweg: die hemmungslose Spekulation. Das Ergebnis ist bekannt. An einem „schwarzen Freitag“ im Oktober 1929 brach die Börse an der Wall Street ein, und es begann eine Weltwirtschaftskrise, die unter anderem Hitler an die Macht spülte.

Die Geschichte wiederholt sich

Leider wurde aus dieser Erfahrung nicht gelernt. Stattdessen ist erneut weltweit zu beobachten, dass die Reallöhne weit hinter der Produktivität zurückbleiben und dass das Wachstum allein den Eliten zugute kommt. In den USA steigen die mittleren Reallöhne schon seit 1975 nicht mehr, in Deutschland stagnieren sie seit 2000. Das Jahr 1929 scheint sich zu wiederholen. Sowohl politisch wie ökonomisch. In den USA hat der Rechtspopulist Donald Trump die Wahlen gewonnen, indem er die Frustrierten hinter sich scharte – und auch die Crashs häufen sich. In nur zehn Jahren ist es zu drei schweren Finanzkrisen gekommen. 2001 platzte die Internetblase, 2007 rollte die Finanzkrise aus den USA heran, und seit 2010 ist die Eurokrise akut. Das ist ein Novum. Noch nie ist es in der Geschichte Europas vorgekommen, dass sich drei Finanzkrisen in einem einzigen Jahrzehnt entluden.

Es wäre zu einfach, diese Finanzkrisen allein darauf zurückzuführen, dass die Banken dereguliert wurden. Genauso fatal ist es, dass sich echte Investitionen kaum noch lohnen, weil die Reallöhne stagnieren und die Nachfrage fehlt. Also wird in die virtuellen Scheinwelten der Finanzmärkte „investiert“. Die Gewerkschaften selbst können an diesem Missstand kaum noch etwas ändern. Denn sie wurden in den vergangenen Jahrzehnten entmachtet, was in jedem Land ein wenig anders verlief – und in Deutschland ausgerechnet Rot-Grün anzulasten ist. Denn die Hartz-Reformen bedeuten, dass ein Jahr Arbeitslosigkeit reicht, um in die Armut abzurutschen. Dieses Wissen macht die Beschäftigten erpressbar und gefügig. Sie sind zu jedem Lohnverzicht bereit, wenn es gilt, ihre Jobs zu retten. Produktivitätsfortschritt? Diese gesamtwirtschaftliche Sicht kann keine Bedeutung mehr haben, wenn nur noch das Überleben des eigenen Betriebes zählt.

Die Zukunft der Gewerkschaften wird von anderen bestimmt

Die Zukunft der Gewerkschaften wird daher nicht mehr von ihnen selbst bestimmt. Ob sie jemals wieder Verhandlungsmacht besitzen, entscheiden die politischen Parteien. Die nötigen Maßnahmen wären gar nicht spektakulär: Um die Gewerkschaften erneut zu echten Partnern zu machen, würde es schon reichen, einen vernünftigen Mindestlohn einzuführen und den Hartz-IV-Satz deutlich anzuheben. Den Rest könnte man der Tarifautonomie überlassen, sobald die Arbeitnehmer nicht mehr gnadenlos erpressbar wären, weil sie um ihre Existenz fürchten müssen. Aber selbst für ein derartig bescheidenes Programm fehlen die Mehrheiten. Viele Arbeitnehmer haben nichts dagegen, dass die „Arbeitnehmervertreter“ eher machtlos sind – obwohl gleichzeitig beklagt wird, dass die Reichen ständig reicher werden. Dieser Widerspruch ist zwar eklatant, aber leider wird daraus keine Einsicht folgen: Viele Mittelschichtler meiden die Gewerkschaften, weil sie glauben, dass sich dort nur die Unterschichten sammeln. Man fühlt sich als etwas Besseres. Dieser Dünkel ist zwar glatter Selbstbetrug, dennoch dürfte der Versuch wenig bringen, die Mittelschichten zu einem „gefestigten Klassenstandpunkt“ zu bekehren. Zu stolz ist man auf den eigenen Aufstieg, und sei er nur eingebildet.

Daher könnte eine andere Strategie erfolgreicher sein: Die Gewerkschaften sollten sich nicht mehr allein als „Arbeitnehmervertreter“ verstehen, wenn sie höhere Löhne fordern - sondern als die Retter des Kapitalismus. Das waren sie in der Geschichte, und sie müssen es auch in Zukunft sein.


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Kurzprofil

Ulrike Herrmann
Ulrike Herrmann ist Wirtschaftskorrespondentin der "tageszeitung" (taz). Sie ist ausgebildete Bankkkauffrau und hat Geschichte und Philosophie an der FU Berlin studiert.
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