Deutscher Gewerkschaftsbund

26.06.2018
Atlas der Arbeit

Tarifverträge braucht das Land

Von steigenden Löhnen profitieren vor allem Gutverdienende – auch tarifgebundene Betriebe zahlen besser. Doch zugleich wächst der Niedriglohnsektor. Als Gegenmaßnahme dazu wurde erfolgreich der Mindestlohn eingeführt, der nun in zwei Stufen auf 9,35 Euro erhöht wird. Das ist aber längst noch nicht existenzsichernd.

 

Ein Überblick von Reinhard Bispinck

Grafik zur Entwicklung des Niedriglohnsektors seit 1995.

Die Niedriglöhne sind verfestigt. Dabei hat der Mindestlohn bewiesen, dass die Wirtschaft höhere Einkommen gut verkraften kann. DGB/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Seit Jahrzehnten wächst in Deutschland die Ungleichheit sowohl bei den Einkommen wie den Vermögen. Das birgt ökonomische, soziale und politische Probleme und rückt daher immer stärker ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte. Zu erkennen ist die ungleiche Entwicklung, wenn die Einkommen von abhängig Beschäftigten mit denen der Selbstständigen verglichen werden. Präzise formuliert: wenn die Lohnquote untersucht wird, der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen. Sie ging in den vergangenen Jahren zurück und umgekehrt stieg der Anteil der Gewinn- und Vermögenseinkommen. Anfang der 2000er-Jahre betrug die Lohnquote rund 72 Prozent, derzeit liegt sie bei 68 Prozent.

Die Einkommen der unteren 40 Prozent nehmen kaum zu

Hinzu kommt: Der Anteil der Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, wird größer. Die Einkommensmitte wird dünner, während die Gruppe der Menschen mit hohem Einkommen wächst. Die Löhne der unteren 40 Prozent der Einkommensbezieherinnen und –bezieher nehmen nicht stark genug zu, um die steigenden Preise – allen voran die Mieten – zu kompensieren.

Dass in immer weniger Betrieben Tarifverträge gelten, trägt dazu bei, dass sich Einkommen auseinanderentwickeln. Löhne und Gehälter werden maßgeblich durch Tarifverträge festgelegt, die Arbeitgeberverbände oder einzelne Unternehmen mit Gewerkschaften abschließen – sie gelten faktisch für alle Beschäftigten der tarifgebundenen Betriebe, nicht nur für Gewerkschaftsmitglieder. Deutschland ist von Branchentarifverträgen (auch „Flächentarifverträge“ genannt) geprägt. Tarifgebundene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienten im Jahr 2014 mit 20,74 Euro pro Stunde rund 18 Prozent mehr als Beschäftigte in nicht tarifgebundenen Betrieben (17,52 Euro). Viele Unternehmen fliehen aus der Tarifbindung, weil sie die Lohnkosten senken wollen. Nur noch jeder zweite Beschäftigte arbeitet in einem tarifgebundenen Betrieb.

Grafik zu Stundenlöhnen in Deutschland.

Während die höheren Einkommen zugelegt haben, sind die niedrigsten 40 Prozent der Stundenlöhne von 1995 bis 2015 sogar deutlich gesunken. DGB/Atlas der Arbeit/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Grundsätzlich fallen die Verdienste der Arbeitnehmenden je nach Branche und Betriebsgröße sehr unterschiedlich aus. So reichen die Bruttostundenverdienste von 9,63 Euro im Gastgewerbe am unteren Ende über 14,95 Euro im Handel, 21,05 Euro im verarbeitenden Gewerbe bis zu 27,80 Euro in der Energieversorgung. Teilzeitbeschäftigte erhalten im Schnitt über drei Euro je Stunde weniger als Vollzeitkräfte. In Großbetrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten liegt der durchschnittliche Bruttostundenverdienst bei 21,99 Euro und damit sehr viel höher als in Kleinbetrieben mit bis zu neun Beschäftigten (12,39 Euro). Frauen verdienen weniger als Männer. Der Lohnabstand beträgt seit Jahren rund 22 Prozent.

Es gibt immer mehr einfache, schlecht bezahlte Jobs

Eine wichtige Ursache für die polarisierte Lohnstruktur in der Bundesrepublik ist der seit den 1990er-Jahren wachsende Niedriglohnsektor. Er gehört mittlerweile zu den größten in Europa. Fast jeder und jede vierte abhängig Beschäftigte verdiente 2015 weniger als 10,22 Euro und lag damit unter der Niedriglohnschwelle. Minijobberinnen, gering Qualifizierte, junge Menschen und ausländische Beschäftigte arbeiten besonders häufig für niedrige Löhne. Dies hat politische Gründe wie die Hartz-Reformen, mit denen der Arbeitsmarkt dereguliert wurde und die einen erheblichen wirtschaftlichen Druck auf Arbeitslose ausüben. Daher erlebt auch die Leiharbeit seitdem einen starken Aufschwung.

Ursachen für den wachsenden Niedriglohnsektor sind zudem Verschiebungen in der Wirtschaftsstruktur. Deutschland ist zwar mit einem 23-prozentigen Anteil der Industrie an der Wertschöpfung ein vergleichsweise starkes Industrieland, aber der Anteil der Dienstleistungen wächst und damit auch der Anteil an einfachen, schlecht bezahlten Jobs. Unterstützt wird der Trend durch das gezielte Outsourcing von Dienstleistungen wie Kantinen, Reinigung oder die Wartung von Anlagen, alles einst zu Industriebetrieben gehörend.

Grafik zur Entwicklung von Vermögens- und Lohneinkommen in Deutschland seit 2000.

Selbst während der Weltfnanzkrise stiegen die deutschen Unternehmenseinkommen deutlich stärker als die Löhne und Gehälter. DGB/Atlas der Arbeit/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Als Gegenmaßnahme zum wachsenden Niedriglohnsektor wurde nach langen Auseinandersetzungen 2015 erstmals in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt. 2018 stieg er, orientiert an den vorausgegangenen Tariferhöhungen, auf 8,84 Euro. Nun soll er zum 1. Januar 2019 auf 9,19 Euro steigen und ab 1. Januar 2020 auf 9,35 Euro. Die Prognosen vieler Wirtschaftsexperten, dass mit dem Mindestlohn die Arbeitslosigkeit steige, bewahrheiteten sich bisher schon nicht. Im Gegenteil: Die Arbeitsmarktlage hat sich weiter verbessert. Die Zahl der Minijobs ging zurück, sie wurden teilweise in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse umgewandelt. Der Mindestlohn hat das Arbeitseinkommen am unteren Ende also stabilisiert.

Nur Tarifverträge garantieren angemessene Löhne

Zahlreiche Arbeitgeber umgehen allerdings den gesetzlichen Mindestlohn; die Kontrollen, um dieses illegale Verhalten zu bekämpfen, reichen nicht aus. Der Mindestlohn liegt aktuell bei etwa der Hälfte des mittleren Stundenlohns (Medianlohn). Existenzsichernd wäre er erst, wenn er in den kommenden Jahren stärker steigen würde als die Tariflöhne.

Angemessene Verdienste oberhalb des Mindestlohns wären wiederum nur mit gestärkten Tarifvertragssystemen zu erreichen. Seit 2015 ist es immerhin leichter geworden, einen Tarifvertrag für alle Betriebe einer Branche als allgemeinverbindlich zu erklären, also auch für die nicht tarifgebundenen. Bei allgemeinverbindlichen Tarifverträgen gelten die Bedingungen und neu ausgehandelten Lohnerhöhungen für alle Beschäftigten einer Branche. Derzeit sind rund 440 Tarifverträge allgemeinverbindlich, das sind lediglich 1,5 Prozent der Branchentarifverträge. Hier gibt es offenkundig noch Luft nach oben.


 

Umschlag des "Atlas der Arbeit"

DGB/Cover: Ellen Stockmar, Cover-Elemente: Ilya Rumyantsev/fotolia.com


Dieser Text ist ein Auszug aus dem "Atlas der Arbeit", der gerade erschienen ist.

Der Atlas steht ab sofort online unter www.dgb.de/atlas-der-arbeit

- oder auf Englisch unter: https://www.dgb.de/atlas-of-work

- oder kann gedruckt über die Hans-Böckler-Stiftung hier bestellt werden.

Die Grafiken sind auch einzeln online verfügbar unter Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0), die genauen Angaben finden sich auf der DGB-Seite.


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Kurzprofil

Reinhard Bispinck
war bis Mai 2017 Abteilungsleiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung und Leiter des WSI-Tarifarchivs
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