Deutscher Gewerkschaftsbund

07.02.2017

125 Jahre Halberstädter Kongress: Strukturen für die Zukunft

Mitte März 1892 tagte der Erste Kongress der Gewerkschaften in Halberstadt. Der Historiker Michael Schneider würdigt die Entscheidungen der Delegierten, die bis heute die Strukturen der Gewerkschaftslandschaft prägen.

Kontroversen waren vorprogrammiert, als sich die 208 Delegierten von 66 Zentralverbänden und 35 Lokalorganisationen als Vertreter von gut 300 000 Mitgliedern zum ersten Kongress der Gewerkschaften Deutschlands versammelten. Dieser fand vor 125 Jahren vom 14. bis 18. März 1892 in Halberstadt statt. Bereits zwei Jahre vorher hatten die Gewerkschaften die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands gebildet – der erste Schritt der sozialdemokratisch orientierten zu einer einheitlichen Bewegung. Doch die zukünftigen Strukturen der Gewerkschaftsbewegung mussten noch geklärt werden.

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Mehr zum Halberstädter Kongress gibt es auf dem Onlineportal www.gewerkschaftsgeschichte.de Entwickelt hat das Info-Angebot die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Unter anderem war der Historiker Michael Schneider am Auf- und Ausbau des Portals federführend beteiligt. Hans-Böckler-Stiftung

Höhepunkt des Kongresses war die Debatte über die Gewerkschaftsorganisation. Lag die Zukunft bei zentralen Berufsverbänden oder lokalen Organisationen? Die Verfechter des Modells der Zentralverbände trauten nur diesen Verbänden zu, den sozial- und streikpolitischen Anforderungen ihrer Mitglieder organisatorisch und finanziell gewachsen zu sein. Sie führten zu Gunsten der Zentralverbände an: Größere Finanzkraft, leichtere Koordinierung von Verwaltung, Agitation und Presse, bessere Risiko-Verteilung in Arbeitskämpfen und stärkeres Unterstützungswesen. Durch ein gestuftes System von Entscheidungsgremien mit entsprechenden Delegiertenwahlen sahen sie die Einhaltung demokratischer Prinzipien gesichert. Außerdem gingen sie – auch mit Rücksicht auf die Auflagen des Vereinsgesetzes – von einer Trennung von gewerkschaftlicher und politischer Arbeit und demgemäß von einer Arbeitsteilung zwischen Freien Gewerkschaften und Sozialdemokratischer Partei aus, mit der sie sich eng verbunden fühlten. Die Wortführer der Lokalorganisationen plädierten demgegenüber für ihr basisdemokratisches Modell und für die Einheit von wirtschaftlichem und politischem Kampf mit revolutionärer Perspektive. Nachdem ihr Antrag, die zentrale wie die lokale Form der gewerkschaftlichen Organisation zu akzeptieren, abgelehnt worden war, verließen die Antragsteller unter Protest den Saal. In der Tat wurde dann eine Resolution verabschiedet, in der für die Zukunft Zentralverbände in der Form von Berufs- und Berufsgruppenverbänden anvisiert wurden. In diesen sollten, wie zudem beschlossen wurde, Männer und Frauen gemeinsam organisiert sein. Die Bildung von Industrieverbänden wurde ausdrücklich nicht empfohlen, aber eben auch nicht ausgeschlossen.

Mit den Kongressbeschlüssen von Halberstadt entwarfen die Delegierten ein Organisationsmodell für die weitere Entwicklung der Gewerkschaften.

Ein weiterer Streit entzündete sich am Rechenschaftsbericht der vom späteren ADGB-Vorsitzenden Carl Legien geleiteten Generalkommission: Nicht wenige warfen dieser vor, ihre Kompetenzen zu überschreiten und in die Rechte der Einzelgewerkschaften einzugreifen. Die Devise der Kritiker: Die Geldzuweisungen durch die Gewerkschaften (und damit die Handlungsmöglichkeiten) an die Generalkommission sollten eingeschränkt werden. Aus den geforderten 10 Pfennigen pro Mitglied und Quartal wurden schließlich 5 Pfennige. Das war keine üppige Ausstattung, ermöglichte aber erst einmal, dass die Generalkommission ihre Aufgaben erledigen konnte. Das Gremium war zuständig für die Agitation in den Bereichen, in denen die Einzelverbände nicht präsent waren. Zudem sollte die Kommission das „Correspondenzblatt“ herausgeben, Statistiken erstellen und die internationalen Kontakte der Gewerkschaften pflegen. Weil dies nach Ansicht einer Mehrheit der Delegierten eine zu eindeutige Machtzusammenballung beim Dachverband bedeutet hätte, wurde der Plan, einen zentralen Fonds zur Unterstützung bei Abwehrstreiks zu bilden, fallen gelassen.

Bei den Wahlen zur Generalkommission bestätigten die Delegierten in Halberstadt Carl Legien im Amt; damit sorgten sie für Kontinuität in der Führung des jungen Dachverbandes. Emma Ihrer, die 1890 als einzige Frau in den siebenköpfigen Vorstand des Dachverbandes gewählt worden war, wurde durch Wilhelmine Kähler ersetzt, die dieses Amt bis 1899 innehatte. Danach wurde – trotz mehrerer Versuche – keine Frau in die Generalkommission gewählt.

Mit den Kongressbeschlüssen von Halberstadt wurde ein Organisationsmodell für die weitere Entwicklung der Gewerkschaften entworfen, dessen Prinzipien sich bewährten, auch wenn die praktische Umsetzung durchaus Probleme zeitigte: So wurden in Grundzügen Aufgaben und Finanzierung des Dachverbandes geregelt; dieses Problem sollte aber zwischen Bund und Einzelgewerkschaften zum „Dauerbrenner“ werden. Dass mit der Ausgrenzung der Lokalisten die Konzentration der Gewerkschaften auf den „wirtschaftlichen Kampf“ festgeschrieben wurde, barg das Risiko einer politischen Selbstbeschränkung; diese wurde auch dann noch im Rahmen der „Arbeitsteilung“ mit der SPD beibehalten, als durch die Reform des Vereinsgesetzes 1908 eine neue rechtliche Situation eingetreten war. Prinzipiell geklärt wurde in Halberstadt, dass sich die Arbeitnehmer in zentralen Berufs(gruppen)verbänden organisieren sollten, die ihrerseits in einem Dachverband zusammengeschlossen waren; dieses Modell trug zur organisatorischen Stärke der Gewerkschaften maßgeblich bei. Das gilt auch für den Beschluss, keine gesonderten Verbände für Frauen zu bilden; die Aufnahme von Frauen führte indessen nicht dazu, dass die nach wie vor von Männern dominierten Gewerkschaften frauenspezifische Interessen fortan konsequent vertreten hätten.

Das Modell der Berufsverbände hat zur organisatorischen Stärke der Gewerkschaften maßgeblich beigetragen.

Die organisationspolitischen Beschlüsse des Halberstädter Kongresses entsprachen im Grunde der damaligen Situation: Während die Berufsorientierung die vielfach handwerklich geprägte Arbeitssituation in kleinen und mittleren Betrieben spiegelte, unterstützte der Vormarsch des Großbetriebes, in dem die Angehörigen ganz unterschiedlicher Berufe und Arbeiter und Arbeiterinnen höchst unterschiedlicher Qualifikation zusammenarbeiteten, die Idee des Industrieverbandes. Doch zu Beginn der 1890er Jahre war für dieses Problem – wegen der erst in Anfängen sichtbaren Vormachtstellung des Großbetriebes – keine verbindliche Lösung in Sicht. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Gewerkschaftsbewegung insgesamt dem Vorbild der Metallarbeiter- und der Holzarbeiter-Organisationen folgte, die frühzeitig – 1891 bzw. 1893 – die Grenzen der Berufsorientierung überwanden. Und es dauerte noch länger, bis es gelang den Frauenanteil in der Mitgliedschaft dem wachsenden Anteil an der Erwerbsbevölkerung wenigstens in etwa anzunähern. Die Öffnung zur Berufsgruppengewerkschaft für Männer und Frauen ebnete den Weg für den Durchbruch zur Massengewerkschaft.

Damit wirkten die Grundsatzbeschlüsse von Halberstadt zum einen vorbildlich für die anderen Richtungsgewerkschaften, insbesondere für die ab 1894 gegründeten und 1899 in einem Gesamtverband zusammengeschlossenen Christlichen Gewerkschaften. Und zum anderen waren offenbar wachsende Kreise der Arbeiterschaft mit den Gewerkschaften, so wie sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts herausbildeten, durchaus einverstanden. Das illustriert am besten der Anstieg der Mitgliedszahlen, der freilich auch die gute wirtschaftliche Entwicklung ab 1895 und die damit erreichbaren gewerkschaftlichen Erfolge spiegelt: Nach einer schwierigen Anfangsphase zu Beginn der 1890er Jahre stieg die Mitgliedszahl der Freien Gewerkschaften über 1,1 Millionen (1904) auf 2,5 Millionen im letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg.

Insgesamt ist also festzuhalten: Die Beschlüsse von Halberstadt wirkten bis heute strukturbildend, wobei sich – natürlich – immer wieder neue Herausforderungen stellten, die Anpassungen an die veränderte Lage verlangten.

www.gewerkschaftsgeschichte.de

Mehr zur Situation der Gewerkschaften im Wilhelminischen Kaiserreich gibt es auf www.gewerkschaftsgeschichte.de. Hans-Böckler-Stiftung


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Kurzprofil

Prof. Dr. Michael Schneider
Michael Schneider, bis 2009 Leiter des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist Honorarprofessor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn und hat zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
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