Deutscher Gewerkschaftsbund

09.08.2017

Wo sind nur die Reichen hin?

Wie sind die Vermögen in Deutschland verteilt? Diese Frage kann niemand genau beantworten. Das hat politische Gründe - und Folgen: So wissen die meisten Bürger nicht, wie ungerecht die Verteilung wirklich ist. Das bestätigt eine neue Studie der Universität St. Gallen. Einige Fakten und ein Blick in die Wahlprogramme der Parteien können hier weiterhelfen.

Von Daniel Haufler

Das Schloß Château de Chambord an der Loire

So prächtig und sichtbar wohnt kein Reicher in Deutschland: Château de Chambord an der Loire. Bert Kaufmann, Flickr, CC BY-NC 2.0

Die meisten Menschen in Deutschland wissen nicht, wie reich die Reichen eigentlich sind. Ja, die Mehrheit hält sich sogar für wohlhabend, ohne vermögend zu sein, weil ihr Wohlbefinden für sie mehr zählt als Geld. Das haben entsprechende Umfragen immer wieder gezeigt. Zu diesen Erkenntnissen passt eine neue Studie der Universität St. Gallen (exklusiv auf Spiegel Online), die herausfinden wollte, wie Bürgerinnen und Bürger die Verteilung des Vermögens hierzulande einschätzen. Zudem fragten sie die repräsentative Gruppe der Untersuchten, was sie für gerecht halten und welche Partei sie wählen.

Das Ergebnis ist klar: Die Befragten unterschätzen dramatisch die Ungleichheit bei den Vermögen. Sie gingen durchschnittlich davon aus, dass das reichste Fünftel 53 Prozent des Nettovermögens besitzt, während es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2013 sogar 74 Prozent waren. Beim ärmsten Fünftel war es ähnlich. Die Befragten glaubten, dass die Armen zusammen 13 Prozent des Nettovermögens besitzen. Tatsächlich jedoch haben sie gar nichts, weil die Summe ihrer Schulden höher ist als der Wert ihres Besitzes.

Maßeinheit sind die geschätzten, gewünschten und realen Anteile am Nettovermögen in Deutschland.

Über die Reichen wissen wir fast nichts

Wahrscheinlich ist die Ungleichheit sogar noch größer, da die Statistiken über den Wohlstand sehr lückenhaft sind. So wissen die Finanzämter wenig über das Gesamtvermögen der Reichen, da 1997 die Vermögenssteuer abgeschafft worden ist. Das Statistische Bundesamt wiederum kann sich nur auf die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) stützen, die alle fünf Jahre erhoben wird. Befragt werden knapp 60.000 Haushalte. Die Statistik berücksichtigt aber keine Haushalte, die über ein monatliches Nettoeinkommen von mehr als 18.000 Euro verfügen. Sie würden „in der Regel nicht in so ausreichender Zahl an der Erhebung teilnehmen, dass gesicherte Aussagen über ihre Lebensverhältnisse getroffen werden können.“[1]

Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hat daher schon vor vielen Jahren in seinem Standardwerk zur Wirtschaftsgeschichte beklagt: „So exakt die Bundesstatistik über die Höhe der Weinmosternte und die Zahl der Honigbienen Auskunft gibt, so wenig leistungsfähig zeigt sie sich im politisch-sensiblen Bereich der gesellschaftlichen Distribution.“[2] Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Thomas Piketty bei seinen Untersuchungen.

Figur eines Gottes in einem Hindu-Tempel in Los Angeles

Gott für Wohlstand in einem Tempel in Los Angeles. Ryan Varsi, Flickr, CC BY 2.0

Selbst der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung widmet sich aufgrund der mageren Datenlage nur auf gut zehn von über 200 Seiten den Reichen. Der Rest gilt den Armen, über die dagegen fast alles bekannt ist. Ulrike Herrmann zeigt in Ihrem Buch über den „Selbstbetrug der Mittelschicht“, dass die Ungleichheit noch viel krasser ist, „wenn allein das ,Produktivvermögen‘ betrachtet und also analysiert wird, wer überhaupt Betriebe besitzt. Dort zeigt sich dann eine erstaunliche Konzentration auf wenige Familien.“ So ergaben Schätzungen in der Frühphase der Bundesrepublik, dass 1960 ganze 1,7 Prozent der Haushalte 70 Prozent des Produktivvermögens kontrollierten. 1969 hatte dieser Personenkreis seine Macht dann schon auf 74 Prozent des Produktivvermögens ausgedehnt.[3]

Die Bundesrepublik ließe sich also als eine typische Klassengesellschaft beschreiben: „Wenige Kapitaleigner besitzen sämtliche Produktionsmittel – während stets mehr Menschen nur ihre eigene Arbeitskraft verkaufen können“, kritisiert Herrmann. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hält es daher für „ganz und gar irreführend, von einem Abschied der Klassen zu sprechen“.[4]

CDU/CSU und FDP wollen keine Vermögenssteuer!

So eine Einschätzung findet trotz der klaren Indikatoren selten Eingang in die Debatten zur sozialen Lage im Land. Von daher ist es kein Wunder, dass die Befragten in der St. Gallener Studie die Vermögensverteilung ziemlich falsch einschätzten. Bemerkenswert ist allerdings: Obwohl sie das Ausmaß der Ungleichheit drastisch unterschätzten, wünschten sie eine wesentlich gleichmäßigere Verteilung des Vermögens. Und das galt erstaunlicherweise für Anhänger aller Parteien.

Wahlplakat der FDP

So inhaltsleer kann ein vollgedrucktes Wahlplakat sein. FDP

Immerhin gibt es signifikante Unterschiede: „Die Wähler der FDP halten eine mehr als doppelt so hohe Ungleichheit für ideal … als die Wähler der Piratenpartei. Damit sticht die Anhängerschaft der wirtschaftsliberalen FDP heraus. Die Wähler der Union liegen mit ihren Vorstellungen jedenfalls näher bei den Anhängern von SPD, Grünen, der AfD und sogar der Linken als bei denen des eigentlich bevorzugten Koalitionspartners. Allerdings wirkt selbst die Idealvorstellung der FDP-Wähler gemessen an der tatsächlichen Situation geradezu sozialistisch.“[5]

Vom Wahlprogramm der FDP lässt sich das gewiss nicht sagen. Dessen Botschaft ist knapp: keine neuen Steuern, keine Vermögenssteuer, keine Verschärfung der Erbschaftsteuer! Die Liberalen verschwenden keinen Gedanken daran, dass die wirklich Wohlhabenden im Verhältnis weit weniger von Steuern belastet werden als Arbeitnehmer mit geringen und mittleren Einkommen. Die FDP will lieber den Staat schlank sparen, statt das Geld für Investitionen in Bildung, Infrastruktur und faire Lastenverteilung dort zu holen, wo es reichlich ist: bei den Reichen.

CDU und CSU passen in diesem Punkt perfekt zur FDP. Auch sie schließen Steuererhöhungen aus, vor allem mit Blick auf die Vermögens- und die Erbschaftsteuer. Nur die AfD ist noch weniger bereit, sich für mehr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Sie will die Erbschaftsteuer stattdessen ganz abschaffen und lehnt eine Wiedereinführung der Vermögensteuer strikt ab. Doch ihre Wähler scheinen das zu ignorieren.

Wahlplakat der Partei Die Linke

Plakativ auf dem Plakat - kein Problem für Die Linke. Die Linke

Steuergerechtigkeit gibt es nur mit Erbschaft- und Vermögenssteuer

Wenig überraschend vertreten die beiden Oppositionsparteien im Bundestag eine Gegenposition: Die Linke fordert eine Vermögenssteuer ab einem Vermögen von einer Million Euro und eine Erbschaftsteuer auf hohe Erbschaften. Das ist konsequent. Schließlich wird in Deutschland in den nächsten Jahren nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) weit mehr vererbt und verschenkt als bisher angenommen. Zwischen 2012 und 2027 belaufe sich das Erbvolumen auf schätzungsweise bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr, schrieb das DIW kürzlich.[6]

Auch die Grünen wollen eine Erbschaft- und eine Vermögenssteuer, formulieren diese Forderung allerdings etwas vorsichtiger. Sie sind für eine „verfassungsfeste, ergiebige und umsetzbare Vermögensteuer für Superreiche“ (was immer das nun genau heißen soll) – und für ein „einfaches gerechtes“ Erbschaftssteuermodell. Das soll aber nur zum Tragen kommen, wenn das Bundesverfassungsgericht den jüngsten Entwurf der großen Koalition kippt.

Und die Sozialdemokraten? Sie setzen auf diese Erbschaftsteuerreform und eine Reichensteuer. Doch an die Vermögenssteuer trauen sie sich nicht heran, obwohl das Bundesverfassungsgericht sie in seinem Urteil 1995 ausdrücklich „als zulässige Form des Steuerzugriffs“ qualifiziert hat. Wer also Steuergerechtigkeit erreichen will, kommt um Erbschaft- wie Vermögenssteuer nicht herum  – mithin um eine begrenzte Umverteilung von Vermögen, damit der Staat in die Zukunft aller investieren kann: in den Erhalt und den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, den Rechtsstaat, in Bildung und Forschung und in die soziale Sicherung.

Die Wahlprogramme und die immerhin bekannten Daten zur Vermögensverteilung sollten nicht nur den Befragten der St. Gallener Studie genügend Hinweise geben, um zwei Fragen zu beantworten: Wie gerecht sind die Vermögen in Deutschland? Und: Wer ist willens, daran etwas zu ändern?

 


[1] Bei der EVS führt es zu dramatischen Verzerrungen, dass die reichen Haushalte nicht befragt werden können. Ein weiteres Problem der EVS ist, dass die Befragten zwar angeben sollen, ob sie Geldvermögen besitzen, aber die genaue Höhe nicht nennen müssen.
[2] Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, C.H. Beck Verlag, München 2004, S. 341f.
[3] Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte, S. 349.
[4] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949-1990, C.H. Beck, München 2008, S. 215
[5] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ungleichheit-bei-vermoegen-wenn-fdp-waehler-zu-sozialisten-werden-a-1158432.html
[6] Das DIW rechnet damit, dass zwischen 2015 und 2024 rund 3,1 Billionen Euro vererbt werden. http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/vorsorgen-fuer-das-alter/diw-studie-in-deutschland-wird-mehr-vererbt-als-angenommen-15091953.html


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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