Deutscher Gewerkschaftsbund

04.08.2017

Die sanfte Macht des Kapitalismus

Beim Wechsel des Fußballers Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain geht es um viel mehr als Sport. Da hat der Freiburger Trainer Christian Streich Recht. Der Transfer ist wirtschaftlich und politisch weit bedeutsamer als auf den ersten Blick scheint.

Von Daniel Haufler

Der Fußballer Neymar stürmt mit dem Ball am Fuß auf das gegnerische Tor zu.

Neymar noch im Trikot des FC Barcelona. Marc Puig Perez, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

"Der Gott des Geldes wird immer größer, und irgendwann verschlingt er alles." Oder: "Die Macht des Geldes ist grenzenlos." Diese Kapitalismuskritik hat kein linker Politiker geäußert, sondern der Fußballtrainer Christian Streich, als er von dem Transfer Neymars vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain (PSG) erfuhr. 222 Millionen Euro beträgt die vertraglich festgeschriebene Summe, die aus Frankreich nach Spanien fließt. Streich hat absolut Recht, wenn er konstatiert, dass wir in einem "irrealen Bereich" angekommen sind, der aber "gerade Realität" ist – und ergänzt: „Ich weiß nicht, wie es Leuten geht, die nichts haben, wenn sie das lesen, ob da eine Frustration eintritt. Ich weiß nicht, ob es gut ist für unsere demokratische Ordnung. Ich glaube, es ist nicht gut.“

Der Trainer des SC Freiburg spricht ein Problem an, das es im Profifußball natürlich schon lange gibt: Auf der einen Seite stehen die Fans, die ihr Herz an einen Club oder Fußballer hängen und viel Geld für Tickets ihres Verein ausgeben, auf der anderen Seite die Sportler mit ihren gigantischen Einkünften und die Clubs, die sich gern bodenständig geben (wie Borussia Dortmund oder Liverpool). In Wahrheit jedoch sind es große Unternehmen, die Millionenumsätze im dreistelligen Bereich erreichen. Selbst der SC Freiburg setzt über 70 Euro im Jahr um. In Deutschland und anderswo gelingt es dennoch Vereinen wie Fans, weitgehend so zu tun, als ob sie noch in der gleichen Welt lebten, in der nur der Sport zählt.

Christian Streich, Trainer mit Studium nicht nur in Sport, sondern auch Geschichte und Germanistik.

Nur: Immer öfter stören millionenschwere Transfers und Berichte über die Spielergehälter das Bild von der heilen Fußballwelt. In den vergangenen Jahren haben besonders englische und spanische Clubs regelmäßig zweistellige Millionensummen für Spieler überwiesen. Viele Vereine haben Eigentümer aus dem Ausland – vor allem in England – oder sind hoch verschuldet – wie in Spanien. Die Bundesliga ist davor bisher verschont geblieben, unter anderem weil die 50+1-Regel verhindert, dass Großunternehmen oder andere Kapitalgeber die vollständige Kontrolle über die Profimannschaften von Vereinen übernehmen.

Geld macht den Meister

Trotzdem dominiert natürlich auch in Deutschland das Geld den Sport. Seit fünf Jahren feiert der Kapital-Primus der Liga, Bayern München, jedes Jahr die Meisterschaft. Im vergangenen Jahr musste die Mannschaft lediglich den von einem Brause-Konzern gepäppelten RB Leipzig und die börsennotierte Borussia aus Dortmund fürchten. Vereine wie Wolfsburg und Ingolstadt leben von der Unterstützung eines Großunternehmens, Hoffenheim von einem Milliardär im Ruhestand. Selbst der Drittligist Sonnenhof Großaspach reüssiert vor allem dank großzügiger Sponsoren und könnte bald in die Zweite Bundesliga aufsteigen. Traditionsvereine wie Rot Weiß Essen oder Alemannia Aachen dümpeln dagegen mittlerweile in der Regionalliga.

In England, den USA oder in Frankreich, vor allem eben bei PSG, offenbart sich die Macht des Geldes noch weit mehr – und illustriert für jeden Fan eigentlich sichtbar zwei Kennzeichen des Kapitalismus unserer Tage: 1) Die Globalisierung schreitet rasch voran und verschärft die Ungleichheit, sowohl zwischen den Vereinen und Ligen wie auch zwischen diesen Institutionen mit ihren Millionärssportlern und den Fans. 2) Die Wirtschaft hat das Primat sowohl gegenüber dem Sport wie gegenüber der Politik.

Die Skyline von Katars Hauptstadt Doha vom Meer aus gesehen

So modern und strahlend präsentiert sich der Wüstenstaat Katar gern. Francisco Anzola, Flicker, CC BY-NC-ND 2.0

Im besonderen Fall PSG/Neymar allerdings dient der Transfer (oder allein schon das Reden darüber) auch einem politischen Zweck. Denn Eigentümer des Clubs ist die Firma Qatar Sports Investments (QSI), die 2005 der spätere Emir von Kuwait Scheich Tamin bin Hamad al Thani gegründet hat. Er stieg 2011 bei PSG ein, um den Verein zu einer global erfolgreichen Marke zu formen und damit das Image Katars in der Welt hell erstrahlen zu lassen. Das hat bisher nur bedingt geklappt, auch weil Katar aufgrund des über Jahre fallenden Ölpreises nicht über genügend Kapital für Investitionen verfügte - und PSG keine internationalen Titel gewann.

Daran hat sich nichts geändert. Was sich allerdings geändert hat, ist der politische Druck, unter dem das Emirat steht. Nachbarstaaten wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben vor zwei Monaten eine Kampagne gegen das Land als „Sponsor des Terrorismus“ gestartet und versucht, es politisch und ökonomisch in der Region zu isolieren. Der Hauptgrund für die Initiative ist das gute Verhältnis Katars zu Iran, dem Intimfeind Saudi-Arabiens. Zudem wird Katar zu Recht für die miserablen Arbeitsbedingungen beim Bau der Fußballstadien für die WM 2020 kritisiert. Statt nun aber 222 Millionen Euro - also mehr als manches Entwicklungsland als Staatetat zur Verfügung hat - für die geknechteten Arbeiter aus Ländern wie Bangladesch auszugeben, wird es in einen einzelnen Fußballer investiert.

Der wirtschaftliche Nutzen für Frankreich

Katar kämpft damit nicht nur politisch um sein Image, sondern setzt sein Kapital ein, um sich auf einem vermeintlich unpolitischen Feld – mit Soft Power, wie es Politologen gern nennen – positiv in Szene zu setzen. Letztlich mit Erfolg. Jetzt reden alle über den Fußballer Neymar, der mit katarischem Geld nach Frankreich geholt werden soll, und nicht mehr über die Krise am Persischen Golf. Auf diese Weise vermischen sich auf erstaunliche Weise einmal mehr Sport und Politik.

In jedem Fall haben ein solcher Transfer und die künftige Bezahlung Neymars aber auch noch einen wirtschaftlichen Nebennutzen, der dessen künftiges Gastland freut. Die französische Zeitung Le Figaro hat ausrechnen lassen, dass Frankreich sich über 300 Millionen Steuereinnahmen freuen dürfte, wenn der Brasilianer zu PSG wechselt. Der französische Ökonom Pierre Rondeau rechnet dabei mit einem Jahresgehalt Neymars von 35 Millionen Euro netto und einem finanziellen Mehrwert des Spielers aufgrund von Trikotverkäufen oder anderen Produkten von PSG. Gerald Darmanin, der französische Haushaltsminister, jubiliert daher schon in einem Interview bei Radio France Inter: „Wenn Neymar zu einem französischen Verein wechselt, freut sich der zuständige Minister natürlich über die Steuern“.

Viele Fans in schwarz-gelben Trikots auf der Tribüne bei der Copa Libertadores in Südamerika.

Die Fans bleiben immer Fans. Oder nicht? Jimmy Baikovicius, Flickr, CC BY-SA 2.0

Es ist vielleicht ein Zufall, wenngleich ein interessanter Zufall, dass Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian kürzlich erst mit seinem katarischen Amtskollegen Muhamed bin Abdurrahman al Sani zusammentraf und sagte, Frankreich appelliere an die Nachbarstaaten, ihre Sanktionen gegen Katar aufzuheben. Schließlich ist Frankreich nach wie vor ein gern gesehener und durchaus einflussreicher Gesprächspartner im Mittleren Osten.

Neymar wird sicherlich nichts von möglichen politischen Verwicklungen im Umfeld seines Transfers wahrnehmen und auch die ökonomischen Implikationen nur mit Blick auf seinen Gehaltszettel sehen. Die Fans wiederum wollen ihn trotz alledem nur als Ballartist bewundern und mit ihm Siege, Pokale und Meisterschaften feiern. Vergessen werden bald die warnenden Worte des Freiburger Trainers sein: „Der Mammon wird eine der größten Gefahren für die Menschen. Dass der Mammon über sie Besitz ergreift.“ Zumal letztlich auch der Grübler Christian Streich in seiner durchkommerzialisierten Fußballwelt Erfolge präsentieren muss und nicht Systemkritik.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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