Deutscher Gewerkschaftsbund

24.05.2017

Eine riskante Reform für den Mittelstand

In sieben großen weißen Rondellen, die Mitte ist jeweils frei, sitzen im Kreis diverse Börsianer an ihren Monitoren und verfolgen das Börsengeschehen. Im Hintergrund ist die Entwicklung der Börse anhand einer Grafik zu sehen.

DGB/Simone M. Neumann

Fehlt es den kleinen und mittelständischen Betrieben wirklich an Geld für Investitionen? Die EU-Kommission glaubt das und forciert daher eine Liberalisierung der Finanzmärkte. Doch das verkennt die wahren Probleme, meint Robby Riedel.

Die EU-Kommission will bis zum Jahr 2019 den europäischen Finanz- und Kapitalmarkt stark umbauen. Hintergrund der „Kapitalmarktunion“ ist, dass Europa unter einer flächendeckend schwachen Investitionstätigkeit leidet und die EU-Kommission diese in erster Linie mit der restriktiven Kreditvergabe der Banken sowie zu hohen bürokratischen Hürden bei der Unternehmensfinanzierung begründet. Die Weichen hierfür sind bereits gestellt. Eine Kapitalmarktunion soll den Markt für Verbriefungen wiederbeleben und das Angebot an Unternehmensfinanzierungen erweitern; zudem soll sie die Kapitalmarktfinanzierung vor allem zugunsten von kleinen und mittleren Unternehmen fördern und die Abhängigkeit von einer Bankenfinanzierung verringern. Dadurch, so hofft man, würden mehr Investitionen von außen in die EU gelenkt und das Finanzsystem insgesamt stabilisiert.

Doch was sich zunächst gut anhört, birgt viele Risiken. Ja, es ist sogar weder notwendig noch wünschenswert, das kapitalmarktbasierte Finanzsystem so zu forcieren und zu liberalisieren, wie es unter der Kapitalmarktunion vorgesehen ist. Denn die Möglichkeiten der kapitalmarktgestützten Unternehmensfinanzierung sind derzeit hinreichend gegeben.

Mittelständler haben ein Nachfrageproblem

Wir können davon ausgehen: Es existiert keine flächendeckende Kreditklemme in Europa; nachhaltige und aussichtsreiche Investitionen von Mittelständlern lassen sich durch Bankkredite finanzieren. Das Hauptproblem, mit dem sich kleine und mittlere Unternehmen konfrontiert sehen, ist in erster Linie die fehlende Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen. Dies wird auch in einer aktuellen Studie der EU-Kommission anhand einer Unternehmer-Umfrage bestätigt.[1] Zwischen den Jahren 2013 und 2015 ist der Anteil der Firmen, die eine fehlende Nachfrage als ihr dringendstes Geschäftsproblem ansehen von 22 Prozent auf 25 Prozent gestiegen. An Bedeutung verloren hat hingegen das Problem des Kapitalzugangs im selben Zweitraum.

Das klassische Bankgeschäft hat gegenüber einer Finanzierung über den Kapitalmarkt den grundsätzlichen Vorteil einer direkten-Beziehung zwischen Unternehmen und Bank. Dies erlaubt ein besseres ‚Monitoring`, da diese Geschäftsbeziehung oft langjährig besteht. Die flächendeckende Präsenz von Kreditinstituten und die damit einhergehenden Vor-Ort-Kenntnisse über die strukturellen Bedingungen und der konjunkturelle Lage ermöglichen es den Banken, Chancen und Risiken eines Geschäftsengagements besser abzuwägen. Demgegenüber zeichnen sich kapitalmarktorientierte Finanzierungsformen – etwa durch die Emission von Anleihen und Aktien – häufig durch eine größere Anonymität und damit auch durch die Auflösung klarer Verantwortlichkeiten aus.

Die Finanzierung durch die Hausbanken hat sich bewährt

Mit der Kapitalmarktunion soll nun ein Markt für qualitativ hochwertige Verbriefungen (STS-Verbriefungen, simple, transparent, standardised securitisation) geschaffen werden. In der jüngeren Vergangenheit hat sich allerdings gezeigt, dass Banken oftmals geneigt sind, Kredite nicht bester Qualität zu verbriefen, um diese dann an den Markt und die damit verbundenen Risiken weiterzugeben. Auch die sich später als toxisch herausgestellten Asset-Backed-Securities (ABS) wurden im Vorfeld der Finanz- und Wirtschaftskrise auch mithilfe von Ratingagenturen als hochwertig eingestuft. Daher stellt sich zwangsläufig die Frage, warum Banken die Geschäftspraktiken der Vergangenheit nicht wiederholen und stattdessen hochwertige Verbriefungen ausgeben sollten. Aus bankenbetriebswirtschaftlichen Kalkül ist diese Vorgehensweise rational. Banken behalten „gute“ Risiken lieber in den eigenen Büchern, statt sie weiterzugeben.

Vor allem Großbanken würden verstärkt in einer Kapitalmarktunion partizipieren. Es ist zu befürchten, dass sie dann ihre Vormachtstellung weiter ausbauen und ihre Bedeutung im System zunimmt. Dies würde mit einem unerwünschten Konzentrationsprozess im Banken- und Finanzsystem einhergehen. Zudem ist zu erwarten, dass Risiken vermehrt in das Schattenbankensystem wandern.

Kapitalmarktunion verfehlt ihr Ziel

Es bringt also wenig, neue Finanzprodukte oder neue Finanzmärkte für kleine und mittlere Unternehmen zu schaffen. Dasselbe gilt für neue Formen der Verbriefung. Damit werden grundlegende Probleme nicht gelöst, möglicherweise aber neue Instabilitäten geschaffen. Die Wiederherstellung eines funktionierenden Bankensystems und eine Rückkehr zum traditionellen Bankgeschäft, um Mittelständler mit Krediten zu versorgen, wären weit besser. Wenn Finanzierungslücken entstehen, sollte verstärkt auf Förderbanken und Bürgschaftsbanken zurückgegriffen werden können.

--

[1] Europäische Kommission, 2016, Annual Report on European SMEs 2015/2016 – SME recovery continues.


Nach oben

Kurzprofil

Dr. Robby Riedel
Geboren 1982 in Berlin
Referatsleiter Marktregulierung und Verteilungspolitik beim DGB Bundesvorstand in der Abteilung für Wirtschafts-, Finanz- und Steuerpolitik
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten