Deutscher Gewerkschaftsbund

08.01.2018

Klatsch und Tratsch aus Amerika

Im Weißen Haus herrschen Chaos und ein unfähiger Präsident. Diese Erkenntnis überrascht kaum jemand und trotzdem schlägt das Buch "Fire and Fury" in Washington ein wie eine nordkoreanische Atomrakete. Dabei gäbe es weit mehr, über das man sich in den USA und global Sorgen machen müsste.

 

Kommentar von Daniel Haufler

Karikatur von Donald Trump, der mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Denkmalsockel steht und nach vorn seinen Mantel aufreißt.

Selbst ist der Trump DGB/Heiko Sakurai

Es ist kein Zufall, sondern nur konsequent: Ausgerechnet ein Klatschkolumnist schreibt eine Insidergeschichte über die ersten Monate von Donald Trump im Weißen Haus. Nichts könnte zu dieser Präsidentschaft besser passen, die mehr als jede andere zuvor geprägt ist von Klatsch und Tratsch über die Kabalen, Intrigen und persönlichen Eigenschaften der mächtigen weißen Männer im Weißen Haus.

Ein Buch wie „Fire and Fury“ von Michael Wolff hätte es nicht über Barack Obamas erstes Jahr als Präsident geben können, denn damals stritten der Präsident und die Politiker in Washington über zentrale politische Fragen, allen voran über die Gesundheitsreform. Nach langen zähen Ringen setzte Obama die größte Sozialreform seit den Sechzigerjahren durch.

Selbst über George W. Bush gab es weniger Klatsch

Ein solches Buch hätte es auch nicht über George W. Bush geben können, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: der Anschlag des 11. September 2001. Doch schon in den Monaten davor bestimmte nicht Klatsch die Debatten in Washington, sondern der Streit zwischen den neokonservativen Beratern des Präsidenten und ihren politischen Gegnern. Nicht weniger seriös war der politische Diskurs zu Beginn der Präsidentschaften von Bill Clinton oder Ronald Reagan, ganz zu schweigen von deren Vorgängern.

Und heute: Steht ein Präsident an der Spitze des mächtigsten Staates der Welt, der gar keine konsistente politische Agenda hat. Zwar schwadroniert er immer mal wieder über die Grenzmauer zu Mexiko und den Freihandel, zu viel Umweltschutz und Einwanderung. Erreicht hat er bislang vor allem aber eine Steuerreform, die von den Republikanern seit Jahren geplant war – und zudem ein Geschenk für reiche Unternehmer wie ihn selbst ist.

Barack Obama während seiner Amtszeit im Weißen Haus.

Ein seriöser US-Präsident, den heute viele im In- und Ausland vermissen: Barack Obama. DGB/ Mykhaylo Palinchak/123rf.com

Trump hat nichts zu den politischen Debatten in der Hauptstadt oder im Land beigetragen. Seine größte Leistung besteht im Unterzeichnen von Dekreten, die Errungenschaften von Barack Obama zurücknehmen. Er folgt dabei den Einflüsterungen von erzkonservativen, nationalistischen Ideologen wie Stephen Bannon, seinem ehemaligen Chefberater. Mit dem hat er sich zwar schon vor dessen derben Zitaten in Wolffs Buch überworfen, doch dessen Ideologie exekutiert er bis heute.

Auf der Strecke bleibt dabei eine zukunftsorientierte Politik. Statt in das kaputte Bildungssystem, die marode Infrastruktur und moderne Energietechniken zu investieren, beschneiden die Republikaner und ihr Präsident mit der Steuerreform dem Staat die Mittel zum Handeln, propagieren sterbende Technologien und ein kulturelles Rollback. Zudem isolieren sie die USA global – und das gilt keineswegs nur für die Atomknopffarce gegenüber Nordkorea oder die Jerusalem-Entscheidung. Die Gegner Amerikas frohlocken angesichts der paralysierten US-Politik, die China und Russland das Feld internationaler Politik überlässt und sich nicht um die Interessen der wichtigen Verbündeten in Europa oder Asien schert.

Ein Buch so überflüssig wie Trumps Präsidentschaft

Von all diesen Problemen erfährt der Leser in „Fire and Fury“ nichts. Stattdessen wiederholt Wolff in etwas anderen Worten, mit ein paar anderen Quellen und Zitaten das, was die hervorragenden Reporter von New York Times und Washington Post, Politico und Mother Jones längst ausführlich berichtet haben. Detailliert geht es um Trumps Hoffnung, die Wahlen nicht zu gewinnen, die Hahnenkämpfe zwischen dem ersten Stabschef Reince Priebus, Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und Bannon, um das Chaos im Weißen Haus oder um die Unfähigkeit des Präsidenten, sich länger als ein paar Minuten zu konzentrieren oder gar zu lesen.

Das ist in zweierlei Hinsicht so überflüssig wie Trumps Präsidentschaft für die Menschheitsgeschichte. Erstens: Wer es noch nicht weiß, muss im letzten Jahr im Koma gelegen haben – was zum Glück nur auf sehr wenige Menschen zutreffen dürfte. Und zweitens: Die meisten Protagonisten aus der von Wolff beschriebenen Chaos-Zeit mussten das Weiße Haus längst verlassen. Dank des neuen Stabschefs John Kelly funktioniert die Machtzentrale zumindest ansatzweise so, wie es sich gehört.

Stephen Bannon

Mit Stephen Bannon, seinem nationalistischen Stichwortgeber, hat sich Trump überworfen. Dessen Ideen leiten ihn aber noch immer. DGB/Gage Skidmore/Flickr/CC BY-SA 2.0

Wenn es eines Buchs über das Weiße Haus bedürfte, dann wäre es nicht ein voyeuristischer Schlüssellochbericht, wie ihn Wolff liefert, sondern ein Essay über den Zustand des Landes. Denn die USA waren zwar schon vorher gespalten in zwei politische Lager, die einander wenig zu sagen hatten und kaum noch Wege zur Zusammenarbeit fanden. Doch Trump hat nicht nur diese Gräben vertieft, er hat neue gegraben.

Schaden für die demokratische Kultur

Obendrein hat er das Niveau der politischen Debatten auf eine Weise gesenkt, dass die komplexen Probleme der Gegenwart kaum noch diskutiert werden können. Die Politiker und Medien, die versuchen nicht alle Rationalität fahren zu lassen und Kritik an der schlichten Weltsicht der Regierung äußern, werden vom Präsidenten persönlich aufs Übelste beschimpft. Gleiches gilt für die Justiz und das FBI. Der Schaden für die demokratische Kultur und den Rechtsstaat lässt sich kaum ermessen. Auch deshalb ist Wolffs Buch ein Ärgernis: In den USA geht es um weit mehr als die Intrigen einer unfähigen Administration. Eine der ältesten Demokratien der Welt erlebt ihre schlimmste Krise seit dem Bürgerkrieg.

Einen Trost immerhin bietet Wolffs Anekdotensammlung. Er liefert ein paar weitere Hinweise dafür, dass Trump und seine Leute die Aufklärung der russischen Einmischung in die Wahlen 2016 verhindern wollen. Das macht dem Sonderermittler Robert Mueller die Arbeit leichter – und dürfte dem Präsidenten und seinen Vasallen bei den Kongresswahlen im November mehr schaden als der Rest dieses Buches.


Buchumschlag von "Fire and Fury"

Michael Wolff: "Fire and Fury: Inside the Trump White House". Henry Holt and Co., New York 2018, 336 Seiten, 17,99 Euro (als E-Book 14,99 Euro)


Nach oben

Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten