Deutscher Gewerkschaftsbund

22.06.2018
Atlas der Arbeit

Tür auf für die Nachbarn

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Millionen von EU-Bürgerinnen und -Bürgern nutzen die Freizügigkeit für Arbeitskräfte, um in einem anderen Mitgliedsland zu arbeiten. Diese Mobilisierung ist gut für die Bundesrepublik, aber ein Problem für die Herkunftsländer.

 

Von Béla Galgóczy

Gastarbeiterinnen in der Schokoladenfabrik Stollwerck, in weißen Kitteln

Ohne ArbeiterInnen aus anderen Ländern - hier Gastarbeiterinnen 1962 in der Stollwerck-Schokoladenfabrik - wäre der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands unmöglich. Bundesarchiv, B_145_Bild-F013093-0001, CC BY-SA 3.0 DE

Ein Grundrecht der EU-Bürgerinnen und -Bürger besteht darin, sich frei in der Union zu bewegen und dort zu leben, wo sie wollen. Nirgends dürfen Angehörige anderer EU-Länder in Bezug auf Arbeitsrechte und Sozialleistungen diskriminiert werden. Gleichzeitig liegt die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in der nationalen Zuständigkeit der Staaten. Es gibt so gut wie keine europäische Arbeitsmarktpolitik – in einem Kontinent mit enormen Einkommens- und Lohnunterschieden. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Luxemburg liegt um mehr als das Zehnfache über dem von Bulgarien.

2016 arbeiteten fast 12 Millionen EU-BürgerInnen in einem anderen EU-Land

In Politik und Wissenschaft dominiert die Ansicht, dass die Mobilität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dazu beiträgt, dass der europäische Arbeitsmarkt besser funktioniert. Theoretisch steigt die Wirtschaftsleistung der Gesamt-EU, wenn Beschäftigte aus ärmeren Ländern besser bezahlte Jobs in reicheren Mitgliedstaaten übernehmen. So verbessert sich die allgemeine "Arbeitsallokation", da höhere Löhne automatisch zu einer höheren Produktivität in der EU führen.

Es ist eine andere Frage, wie frei diese Bewegung in Wirklichkeit ist und wie sie sich auf die Arbeitsmärkte in den Herkunfts- und Aufnahmeländern auswirkt. Im Jahr 2016 lebten 11,7 Millionen EU-Bürgerinnen und –Bürger zwischen 15 und 64 Jahren in einem anderen EU-Mitgliedstaat, nur 3,7 Prozent der gesamten Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Davon waren 8,5 Millionen erwerbstätig oder suchten eine Arbeit. Dies ist ein sehr bescheidenes Migrationsniveau, nur ein Bruchteil der Arbeitsmobilität zwischen Bundesstaaten innerhalb der USA. Die Freizügigkeit in der EU wird also wenig genutzt.

Grafik zur EU-Binnenwanderung von Arbeitskräften

Ein zu starker „Braindrain“, die Abwanderung gut Ausgebildeter, hemmt die Entwicklung in ihren Herkunftsländern. DGB/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Allerdings stammen von den 8,5 Millionen mobilen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen mehr als die Hälfte, nämlich 4,4 Millionen, aus den 13 Mitgliedstaaten, die der EU ab 2004 im Zuge ihrer Osterweiterung beigetreten sind. Dies ist ein viel höherer Prozentsatz als ihr Anteil von 21 Prozent an der gesamten EU-Beschäftigung. Nur zwei Prozent der Menschen aus den älteren 15 Mitgliedstaaten leben in einem anderen EU-Land; für die neueren Mitglieder liegt die Zahl fast bei zehn Prozent. Die grenzüberschreitende Arbeitsmobilität in den älteren EU-Ländern hat zwischen 2006 und 2016 nur von 3,2 auf 3,9 Millionen zugenommen, aber in den neuen von 1,8 auf 4,4 Millionen.

Arbeitsmigration war ein wesentlicher Faktor für die Brexit-Entscheidung

Eine Reihe von Faktoren führt zu dieser Mobilisierung der Arbeitskräfte: unterschiedliche Einkommensniveaus zwischen den Ländern, Chancen auf dem Arbeitsmarkt und auch historische Muster. Fachleute sprechen oft von "Pull"- und "Push"-Faktoren, also Ziehen und Drücken: In Europa lockt es die Menschen in andere Länder, wenn sie dort arbeiten können, oder sie müssen weg ziehen, wenn sie zu Hause keinen anständigen Arbeitsplatz finden.

Der Strom der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwischen den EU-Mitgliedstaaten ist nicht gleichmäßig. Die Ziele richten sich nach der Wirtschaftskraft und damit nach den Chancen auf einen Arbeitsplatz. In Deutschland arbeiten 2,3 Millionen Menschen aus anderen EU-Ländern. In Großbritannien sind es 2,2 Millionen, in Italien 790.000, in Spanien 773.000 und in Frankreich 673.000. Damit beherbergen diese fünf Länder fast 75 Prozent der mobilen Arbeitskräfte aus einem anderen Mitgliedstaat; in Bezug auf ihre Bevölkerung stehen Luxemburg mit 43 Prozent und Zypern mit 15 Prozent an der Spitze. Von der "neuen" in die "alte" EU strömten die Arbeitsuchenden ebenfalls zu wenigen Zielen. Allein 1,3 Millionen gingen nach Großbritannien, wo sie zu einem wichtigen Faktor für den Brexit wurden. 1,2 Millionen kamen nach Deutschland.

Grafik zur Bevölkerungsentwicklung in der EU.

Ihre Arbeitskräfte werden die großen EU-Industrieländer auf Dauer nicht aus den Nachbarstaaten holen können. DGB/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Die Mobilität hat den Zielländern am meisten geholfen. Für die Entsendeländer ist die Bilanz zwiespältig. Als sie beitraten, war die Arbeitslosigkeit unter den neueren Mitgliedstaaten viel höher als in den älteren. Kurzfristig wirkte die Auswanderung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen wie ein Sicherheitsventil: Migration bedeutete eine Alternative. Zudem stützten die Geldüberweisungen an ihre Familien und die Entlastung des Arbeitsmarktes die nationalen Haushalte.

Doch dort ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, während die Migration von Ost nach West weiter zugenommen hat. Viele dieser Länder leiden heute unter Arbeitskräftemangel, insbesondere von Fachkräften. Dies stellt ein ernsthaftes Problem dar.

Aus Rumänien sind zwischen 2009 und 2015 die Hälfte der Ärzte ausgewandert

In den zehn Jahren vor 2008 schloss das Lohnniveau in den östlichen Mitgliedstaaten der EU rasch zu dem im Westen auf. Aber seit der Finanzkrise jenes Jahres stagniert es oder sinkt sogar. Trotz sich verbessernder Berufschancen zu Hause locken die höheren Löhne anderswo. Öffentliche Dienste kollabieren bereits wegen Personalmangels. So hat Rumänien zwischen 2009 und 2015 die Hälfte seiner Ärzteschaft verloren, und zehn Prozent seiner Bevölkerung sind ohne medizinische Versorgung.

Anlass zur Sorge ist auch, dass die Migrantinnen und Migranten an ihren neuen Standorten eher gering qualifizierte Arbeit leisten. Rund 37 Prozent der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die die Erweiterungsländer verlassen haben, geben an, dass sie für ihre derzeitigen Arbeitsplätze überqualifiziert sind. Diese Verschwendung von Humanressourcen zeigt, dass die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb der EU weder die ursprünglichen Erwartungen erfüllt hat, noch ihr volles Potenzial nutzt.


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Kurzprofil

Béla Galgóczy
kam 2003 zum European Trade Union Institute for Research (ETUI, Europäisches Gewerkschaftsinstitut). Dort ist Senior Researcher für Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik.
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