Deutscher Gewerkschaftsbund

17.04.2018

Zum Tod eines politisch engagierten Wissenschaftlers

Der Historiker Reinhard Rürup ist am 6. April 2018 im Alter von 83 Jahren verstorben. Er war nicht nur ein herausragender akademischer Lehrer, er hat zudem die Topographie des Terrors mitbegründet und geleitet, eine der wichtigsten Einrichtungen, die an die Verbrechen im Nationalsozialismus erinnert.

 

Von Detlev Brunner

Besucher in der Open-Air-Ausstellung "Topographie des Terrors" in Berlin

Reinhard Rürup war 1987 Mitbegründer und von 1989 bis 2004 Direktor der Berliner Stiftung „Topographie des Terrors“, deren Open-Air-Ausstellung am Ort des NS-Reichssicherheitshauptamtess viel besucht ist. DGB/magmac83/123rf.com

Reinhard Rürup stammte aus Westfalen, studierte ab 1954 Geschichte und Germanistik in Freiburg und Göttingen und promovierte 1962 bei Percy Ernst Schramm mit einer Arbeit über den Pietisten Johann Jakob Moser. Ab 1967 als Assistent von Thomas Nipperdey am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin tätig, wurde er dort 1970 habilitiert. 1975 erhielt er den Ruf auf die Professur für Neuere Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft an der TU Berlin.

Rürup behielt diesen Lehrstuhl bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1999, unterbrochen nur von Gastprofessuren in Berkeley, Stanford, Harvard und Jerusalem. Allein diese Stationen stehen für den ausgezeichneten internationalen Ruf des Historikers. Er war eine der tragenden Säulen des kleinen, aber renommierten Instituts an der TU Berlin, dessen Gründung nach der NS-Diktatur aus der Überzeugung erfolgte, dass eine technische Lehranstalt und seine Studierenden nicht ohne eine geisteswissenschaftliche Einbettung auskommen dürften. Es war für Rürup eine große Enttäuschung, dass diese Entscheidung mit Beginn des 21. Jahrhunderts der Sparpolitik zum Opfer fiel und der Fachbereich 1, in den das Geschichtsinstitut integriert war, abgewickelt wurde.

Reinhard Rürup

Der Historiker und Sozialdemokrat Reinhard Rürup bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2012, DGB/Heinrich-Böll-Stiftung/Stefan Röhl/CC BY-SA 2.0

Rürup war die universitäre Lehre nicht lässliche Pflicht. Seiner Offenheit und Gesprächsbereitschaft verdankten es Generationen von Geschichtsstudierenden, dass sie an der TU nicht mit dem unzugänglichen Apparat von Massenuniversitäten konfrontiert waren. Die fast familiäre Atmosphäre am Institut war nicht zuletzt ihm als Person und seinem Verständnis von Lehre zu verdanken.

Zentrum für Antisemitismusforschung gegründet

Rürups Forschungsinteressen verlagerten sich vom 19. Jahrhundert zunehmend auf zeitgeschichtliche Themen, darunter die Novemberrevolution 1918, und vor allem auf die Geschichte des Antisemitismus, des Judentums und des Holocausts. Auf diesen Feldern hat er Grundlegendes angestoßen, so ist die Gründung des in seiner Art einzigartigen Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin 1982 seinem Engagement zu verdanken. Auch für Gebiete wie die Technikgeschichte, als Teil von Gesellschaftsgeschichte, machte sich Rürup (zusammen mit Karin Hausen) stark. Die Einrichtung des von Karin Hausen geleiteten Zentrums für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung im Jahre 1995 erfolgte ebenfalls mit seiner Unterstützung. All dies hat den hervorragenden internationalen Ruf der Geschichtswissenschaft an der TU Berlin wesentlich begründet.

Als politisch engagierter Wissenschaftler begnügte Reinhard Rürup sich nicht mit dem engeren akademischen Feld. Dass Geschichte nicht als Wissenschaft "im Elfenbeinturm" zu betreiben sei, war eine seiner Überzeugungen. Seit 1966 Sozialdemokrat und seit den frühen 1980er-Jahren Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD argumentierte er jedoch nie im engen parteipolitischen Rahmen.

Umschlag eines Buches von Reinhard Rürup mit einem Bild von der Topograhie des Terrors.

Zum 80. Geburtstag Rürups erschien 2014 unter dem Titel „Der lange Schatten des Nationalsozialismus“ eine Anthologie mit seinen Aufsätzen. DGB

Die Erinnerungspolitik geprägt

Mit der West-Berliner Ausstellung "Berlin, Berlin" anlässlich der 750-Jahrfeier der Stadt war er für einen ausstellerisch wie inhaltlich wegweisenden Entwurf der Präsentation von Stadtgeschichte verantwortlich, die sich gegen die dogmatisch fundierte Version im östlichen Teil der Stadt absetzte. Die im Zuge dieses Stadtjubiläums erarbeitete Ausstellung "Topographie des Terrors" auf dem Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes legte den Grundstein für einen der meistbesuchten Gedenkorte an den NS-Terror. Weitere Beispiele sind die von ihm geleitete Ausstellung "Der Krieg gegen die Sowjetunion" von 1991 und die Umwandlung des ehemaligen "Kapitulationsmuseums" in Berlin-Karlshorst zu einem deutsch-russischen Museum gegen den Krieg.

Reinhard Rürup hat den wissenschaftlichen und erinnerungspolitischen Diskurs in einer Weise geprägt, die leider nicht häufig anzutreffen ist: in der Argumentation sachlich, bestimmt, unbeirrt, aber auch moderierend. Als Hochschullehrer bleibt Reinhard Rürup als jemand in Erinnerung, der jenseits professoraler Attitüde auftrat und seine Kritik nie vernichtend, sondern kollegial vortrug. Die historische Wissenschaft und die historisch-politische Öffentlichkeit werden seinen Rat und seine pointierten Positionen vermissen.


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Kurzprofil

Detlev Brunner
lehrt deutsche und europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts am Historischen Seminar der Universität Leipzig.
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