Deutscher Gewerkschaftsbund

24.10.2018
Saudi-Arabien

Öl, Waffen und Dollars

Es gibt genau einen Grund, warum Saudi-Arabien mit der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi durchkommen wird: sein Öl. Vor allem das Öl, das das Land noch gar nicht fördert. Die USA und Europa sind künftig noch mehr als jetzt schon abhängig davon, dass die Saudis den Preis deckeln.

 

Von Stephan Kaufmann

Panorama von Riad in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad dominiert der Kingdom-Turm die Skyline und dokumentiert die Macht der Königsfamilie. DGB/Fedor Selivanov/123rf.com

Saudi Arabien gerät immer mehr unter Druck, seit Agenten des Landes den Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul getötet haben. Die US-Regierung hat eine Visa-Sperre gegen 21 Verdächtige verhängt. Die Bundesregierung will zunächst keine weiteren Waffenlieferungen an das Land genehmigen. Trotz dieser Maßnahmen ist auffällig, wie vorsichtig und zumeist wohlwollend Amerika und Europa das Königreich behandeln – und das gilt ebenso für die saudischen Militärschläge in Jemen. Von ökonomischer Seite wird diese Vorsicht oft damit begründet, dass Saudi Arabien ein guter Kunde der Rüstungsindustrie sei. Dies trifft zwar zu. Doch die eigentliche Bedeutung des Landes liegt in seinem Boden: das Öl.

Für Exporte und Investitionen spielt Saudi-Arabien keine große Rolle

Ökonomisch gesehen ist Saudi Arabien kein Riese. Seine Wirtschaftsleistung ist nur ein Fünftel so groß wie die deutsche und entspricht der der Schweiz. Als Ziel deutscher Ausfuhren ist es eher unbedeutend, vergangenes Jahr lieferte die hiesige Wirtschaft den Saudis Güter für 6,6 Milliarden Euro, das entspricht 0,5 Prozent aller deutschen Exporte. Auch als Anlage spielt es keine Rolle: Der Investitionsbestand beträgt 1,6 Milliarden – das sind nur rund 0,1 Prozent aller deutschen Direktinvestitionen im Ausland.

Erdöl-Raffinerie in bläulichem Morgenlicht

Saudi-Arabien ist ein "Swing-Producer" und kann das Auf und Ab der globalen Nachfrage beim Erdöl leicht durch Erhöhung oder Verringerung der Fördermenge ausgleichen. DGB/36clicks/123rf.com

Für die Waffenproduzenten allerdings ist das Königreich ein guter Kunde, insbesondere für die USA und Großbritannien, die 80 Prozent aller Rüstungsimporte liefern. Aber auch die deutschen Waffenschmieden profitieren, ihnen genehmigte die Bundesregierung 2016 Exporte über 500 Millionen Euro nach Saudi Arabien, dieses Jahr waren es bisher 416 Millionen – nur Algerien erhält mehr.

Die globale Macht Saudi Arabiens resultiert jedoch aus seinem Öl. Jeden Tag fördert es derzeit mehr als zehn Millionen Fass und bestreitet damit 13 Prozent der Weltproduktion. Die USA fördern zwar mehr Öl – aber sie verbrauchen auch viel mehr. Daher beherrschen die Saudis den globalen Ölexportmarkt, von dem sie knapp ein Viertel bestreiten, doppelt so viel wie Russland. Das Königreich ist die Tankstelle der Welt – und sorgt derzeit wieder einmal dafür, dass der Ölpreis nicht durch die Decke geht.

Saudi-Arabien hat weltweit mit Abstand die größten Ölreserven

Doch fördert und exportiert Saudi Arabien nicht nur viel Öl – seine Reserven sind auch die größten. Fast 270 Milliarden Fass (159 Liter) lagern noch im Wüstenboden, das entspricht knapp 16 Prozent der weltweiten gesicherten Vorkommen. Zum Vergleich: Die Reserven Russlands betragen mit 106 Milliarden Fass nicht mal die Hälfte der saudischen, die der US-Reserven kaum ein Fünftel. Über ähnlich große Reserven wie die Saudis verfügt sonst nur Venezuela. Doch sind seine Vorkommen kaum erschlossen und das Land gilt den USA als politisch unsicherer Kandidat, ebenso Russland.

Damit ist Riad in der Lage, den globalen Ölpreis zu beeinflussen. Es verfügt über die Reserven wie auch über freie Produktionskapazitäten – die Saudis können den Ölhahn kurzfristig auf- und zudrehen. Am Hebel sitzt die saudische Regierung, da die gesamte Förderung beim Staatskonzern Saudi Aramco konzentriert ist. Sie kann ihr Ölangebot flexibel steuern und macht immer einen Gewinn. Denn die Förderung saudischen Öls ist sehr billig: Die Produktionskosten liegen bei nur zehn Dollar je Fass. Amerikanisches oder russisches Öl ist rund doppelt so teuer, venezolanisches drei Mal und brasilianisches fünf Mal teurer.

Satellitenaufnahme von der Arabischen Halbinsel

Von oben sieht die Arabische Halbinsel friedlich aus, durch die hier gerade die Tag-Nacht-Grenze verläuft. DGB/Anton Balazh/123rf.com

All dies macht Saudi Arabien zum so genannten „Swing Producer“ - das Auf und Ab der globalen Produktion und Nachfrage kann es leicht durch Erhöhung oder Verringerung der Fördermenge ausgleichen, um den Ölpreis steigen oder fallen zu lassen. Zwischen Mai und Juni 2018 zeigte das Königreich, was es vermag, als es innerhalb nur einen Monats die Förderung um eine halbe Million Fass pro Tag erhöhte.

Diese Rolle als potenzieller Preisdrücker ist derzeit in den Verbraucherländern sehr gefragt. Denn in  Venezuela führt die Wirtschaftskrise zu Produktionsrückgängen. Libyen ist auf Grund des Bürgerkrieges ein ständiger Risikofaktor. Vor allem aber treten am 5. November die neuen US-Sanktionen gegen den Iran in Kraft. Washingtons Ziel ist, dass "der Export von iranischem Öl und Gas und Energieprodukten auf Null fällt", so John Bolton, Sicherheitsberater von Trump. Damit verlöre die Welt etwa drei bis vier Prozent der globalen Ölproduktion.

Vor allem der Konflikt zwischen Iran und den USA särkt die Saudis

Es droht also ein deutlicher Angebotsausfall – und diese Drohung hat in den vergangenen Wochen die Ölpreise nach oben getrieben. Heute liegt er 30 Prozent höher als vor einem Jahr, was Europa und die USA durch steigende Inflationsraten zu spüren bekommen. Im Zuge des Konflikts zwischen den Saudis und Washington warnte die Bank HSBC davor, dass der Ölpreis von aktuell 75 Dollar auf 100 Dollar je Fass steigen könnte. Das können die Saudis verhindern – am Dienstag fiel der Ölpreis um fünf Prozent, nachdem Energieminister Khalid Al-Falih zugesagt hatte, Ausfälle zu kompensieren.

Es ist daher kein Wunder, dass die Regierungen der Industriestaaten vorsichtig mit dem Königreich umgehen, ihm außenpolitisch viele Freiheiten lassen und versuchen, das Land über Waffenlieferungen von sich abhängig zu machen. Denn die Kosten für Öl gehen in alle nationalen Rechnungen mit ein, ein steigender Preis ist in Zeiten nachlassender Konjunktur unerwünscht. Und die USA brauchen Saudi Arabien an ihrer Seite, um den Iran kostengünstig in die Knie zu zwingen. 


Nach oben

Kurzprofil

Stephan Kaufmann
ist Wirtschaftsjournalist und Sachbuchautor. Er arbeitete lange Jahre als Wirtschaftsredakteur für die Berliner Zeitung.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten