Deutscher Gewerkschaftsbund

31.05.2017

Ein sozialer Internetkapitalismus

Die digitale Ökonomie ist ein globales Phänomen. Viele ihrer modernen Technologien verschaffen uns mehr Freiheiten und zunehmend mehr Arbeitsplätze. Doch mit ihnen erreicht uns auch eine verschärfte Form des Wirtschaftsliberalismus. Wie kann man die Arbeitnehmer davor schützen und nachhaltig ihre Rechte verteidigen? Ein Essay von Steven Hill.

Crowdworking-Stand

clickworker.com/Flickr; CC BY-SA 2.0

40 Millionen deutsche Arbeitnehmer zu erfassen ist keine einfache Aufgabe. Nach meiner Untersuchung scheint ein verzerrtes Bild des Arbeitsmarkts zu einer Fehleinschätzung der Probleme zu führen. Viele der Arbeitsplätze, die in den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise von 2008 in Deutschland verloren gingen, waren „gute Jobs“: Es waren unbefristete Vollzeitstellen mit anständiger Bezahlung, stabiler sozialer Absicherung und einer gewissen Arbeitsplatzsicherheit. In letzter Zeit hat die deutsche Wirtschaft wieder angezogen, sodass einige der verschwundenen Arbeitsplätze mit mittlerem Einkommen wiederhergestellt werden konnten. Viele der neuen Stellen sind jedoch weniger dauerhaft, mit befristeten oder mit Teilzeitverträgen.

Laut Eurostat hat sich die Zahl der deutschen Arbeitnehmer, die ein zweites Arbeitsverhältnis haben, in den letzten zehn Jahren verdoppelt, während der Lohnzuwachs im Durchschnitt kaum merklich war. Und als ob diese Zahlen nicht schon bedenklich genug wären, gibt es auch neue Hinweise, dass die Forschung die wichtigen Trends auf dem Arbeitsmarkt anscheinend unterschätzt. Das Problem liegt darin, dass sich die Behörden stark auf eine Haushaltsbefragung beziehen, die vor vielen Jahren entwickelt wurde, als die große Mehrheit der Beschäftigten einer geregelten, unbefristeten Arbeit in Vollzeit bei nur einem Arbeitgeber nachgingen. Da heute aber viele Beschäftigte in mehr als einem Unternehmen tätig sind, ist die alte Methodik nicht mehr ausreichend.

Wie viele Clickworker oder Crowdworker gibt es denn in Deutschland?

In den staatlichen Studien werden 1 Prozent der deutschen Haushalte befragt: „Sind Sie berufstätig? Haben Sie noch einen zweiten Arbeitgeber?“ Mit dieser Methode werden viele Daten zum Hauptarbeitsplatz gesammelt. Zum zweiten Arbeitsplatz werden jedoch kaum Details erfasst. Nach dritten oder vierten Arbeitgebern wird erst gar nicht gefragt. Neben der Haushaltsbefragung stützen sich die Behörden zudem auf die Selbstauskunft von Arbeitgebern zur Zahl ihrer Beschäftigten. Doch auch bei dieser Methode ist Dr. Karin Schultz-Bischoff von der Hans-Böckler-Stiftung nicht sicher, ob sie so gut funktioniert. „Heute sind viele Berufstätige Zeitarbeiter oder Freiberufler, haben Werkverträge oder Minijobs. Die traditionellen Erfassungsmethoden sind deshalb nicht mehr genau genug“, erklärt sie. „Sie können die Komplexität der Gruppe der Berufstätigen nicht abbilden.“

Diese Ansicht wird von einer neuen Studie des McKinsey Global Institute unterstützt. Dessen tiefer greifende Untersuchung ergab, dass der Anteil der „unabhängig Beschäftigten“ in Deutschland tatsächlich 90 Prozent über den Schätzungen auf der Grundlage der Haushaltsbefragungen lag. Laut McKinsey verdienen fast ein Drittel der Deutschen im arbeitsfähigen Alter ihr Einkommen „unabhängig“ von traditionellen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnissen – als Selbstständige, Freiberufler, Zeitarbeiter, Clickworker und Vertragsnehmer –, entweder hauptberuflich oder als Zusatzeinkommen. Dies zeigt, dass die Methodik der behördlichen Schätzungen die Zahl dieser Berufstätigen um fast die Hälfte zu niedrig ansetzt.

Das deutsche Arbeitsrecht hilft hier nicht

Neben diesen methodischen Herausforderungen gibt es noch ein weiteres eklatantes Versäumnis: Die Arbeitsmarktexperten haben bisher noch nicht einmal versucht, die Zahl der Click- und Crowdworker in Deutschland zu erfassen. Clickworker verdienen ihren Lebensunterhalt an ihrem Computer und werden von Internetunternehmen und Arbeitsplattformen beschäftigt. Diese Beschäftigten haben also keinen direkten Arbeitsplatz und arbeiten oft noch nicht einmal für ein deutsches Unternehmen. Meistens sind weder die Arbeitgeber noch die Beschäftigten den nationalen oder lokalen Behörden gegenüber rechenschaftspflichtig. Die meisten von ihnen versteuern ihr Einkommen wahrscheinlich nicht und zahlen auch nicht in das deutsche Krankenversicherungs- oder andere Sozialversicherungssysteme ein. Noch dazu sind diese Beschäftigten nicht durch das deutsche Arbeitsrecht gegen ihre skrupellosen Arbeitgeber geschützt, die manchmal noch nicht einmal für bereits fertiggestellte Arbeit bezahlen wollen.

Ich habe verschiedene deutsche Arbeitsmarktexperten und auch Vertreter der Ministerien gefragt, wie viele deutsche Arbeitnehmer ihr Einkommen auf diesen Online-Plattformen verdienen. Dabei habe ich speziell nach einer Silicon-Valley-Firma namens Upwork gefragt, einer Online-Arbeitsplattform, bei der nur 250 Festangestellte mithilfe der Internettechnik eine Armee von 10 Millionen Freiberuflern aus aller Welt managen. Keiner dieser Experten konnte mir eine Antwort geben. Ich brauchte nur 20 Minuten, um auf die Upwork-Website zu gehen und herauszufinden, dass auf dieser Plattform mehr als 18.000 Deutsche gelistet sind – mit Foto, Beruf und Wohnsitz. Und das ist nur die Zahl von einer dieser Onlinearbeit-Vermittlungsseiten. Es gibt viele, unter anderem Mechanical Turk von Amazon, Airbnb, CrowdFlower, die belgische Seite Minut.com oder die deutschen Plattformen Clickworker, AppJobber und WorkHub.

Podiumsdiskussion mit Steven Hill

Der US-Publizist Steven Hill diskutiert bei der jüngsten Re:publica mit der Professorin Sarah T. Roberts vom Department of Information Studies at the University of California Los Angeles, dem Chefredakteur von Motherboard Deutschland Max Hoppenstedt und der stellvertretenden IG-Metall-Vorsitzenden Christiane Brenner (von re. nach li.) re:publica/Flickr

Während die deutschen Behörden sich überhaupt nicht um die Erfassung dieser Arbeitnehmer bemühen, haben einige Gewerkschaften wie Verdi und die IG Metall versucht, diese Beschäftigten nicht nur zu zählen, sondern ihnen auch zu helfen. Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, spricht von mindestens einer Million Clickworkern in Deutschland. Andere Untersuchungen schätzen ihre Zahl auf 1,0 bis 2,3 Millionen, je nach Definition. Die Hans-Böckler-Stiftung führte eine Studie zu Clickworkern und ihrem Einkommensniveau durch: Ausgehend von den konservativsten Lohnschätzungen daraus werden Einkommen in Höhe von 4 Milliarden Euro möglicherweise nicht versteuert und den Krankenkassen entgehen fast 600 Millionen Euro, da die Beschäftigten nicht bei den Behörden gemeldet sind.

Und das ist der Grund, warum diese Zahlen eine Rolle spielen: Wäre es nur eine kleinere Zahl an Beschäftigten, die von diesen Trends betroffen sind, müssten die Verantwortlichen wahrscheinlich weder ihre Denkweise noch ihre Politik stark ändern. Wenn diese Unregelmäßigkeiten auf dem Arbeitsmarkt jedoch größer sind als wir denken und sich hier ein zunehmender Trend abzeichnet, dann kann die Situation umschlagen. Je nachdem welche Ansicht korrekt ist, werden unterschiedliche politische Maßnahmen benötigt.

Eine Herausforderung für die Sozialdemokraten

So werden zum Beispiel im neuen Weißbuch Arbeiten 4.0 einige hervorragende Vorschläge des Arbeitsministeriums vorgestellt – sie konzentrieren sich jedoch meistens auf die Verbesserung von Vollzeitjobs und Festanstellungen, die durch Arbeitsverträge geregelt sind, obwohl die Zahl solcher Arbeitsverhältnisse zurückgeht. Für Teilzeitarbeitskräfte gibt es nur wenige Vorschläge, dabei sind sie die am schnellsten wachsende Gruppe auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Und es gibt keinen ernsthaften Versuch im Weißbuch, Vorschläge für die stark steigende Zahl der „unabhängig Beschäftigten“ vorzulegen oder Empfehlungen zu geben, wie die Situation der Menschen verbessert werden kann, die mehrere Teilzeitjobs haben.

Mitten im Wahlkampf für die Bundestagswahl scheint die SPD darauf zu setzen, die Zahl der unbefristeten Vollzeitstellen zu erhalten und möglichst zu vergrößern. Das wird sich aber wahrscheinlich nicht realisieren lassen. In einer Zeit, in der die globale und europäische Wirtschaft von dem sich verlangsamenden Wirtschaftswachstum in China, einem der größten Exportmärkte für Deutschland, und verschiedenen langfristigen Gegenströmungen ausgebremst wird, sollte man nicht auf konjunkturelle Impulse von außen zählen. Herauszufinden, wie die Qualität von Teilzeitjobs verbessert werden kann, wäre hier die bessere Strategie. Damit könnte auch der Verlust weiterer unbefristeter Vollzeitjobs eingedämmt werden.

Welche Position sollten also die Gewerkschaften einnehmen, da das deutsche System offenbar darin versagt, die verschiedenen Arten der Arbeit korrekt zu erfassen und  die Zahl der unabhängig Beschäftigten, die in Teilzeit für mehrere Arbeitgeber arbeiten, weiter steigt?

So werden aus "schlechten Jobs" wirklich "gute Jobs"

Erstens sollten die Gewerkschaften die Behörden dazu bringen, die Daten besser zu erfassen, die nötig sind, um zu verstehen, wie die Arbeit der 40 Millionen Beschäftigten in Deutschland heute aussieht. Hier sollten auch Clickworker einbezogen und Versuche gestartet werden, die Steuergesetze sowohl bei den Clickworkern als auch bei den ausländischen Unternehmen, die sie beschäftigen, durchzusetzen. Die zunehmende Unzuverlässigkeit der Regierungsdaten sorgt ausschließlich dafür, verschiedene Mythen über die deutsche Wirtschaft zu festigen, und verhindert, dass die politisch Verantwortlichen sowie die Öffentlichkeit verstehen, wie dringend man sich mit den neuen Entwicklungen auseinandersetzen muss.

Zweitens sollten die Gewerkschaften einen Plan auf den Weg bringen, um die Qualität von Teilzeitjobs zu verbessern. Arbeitnehmer, die Flexibilität bevorzugen, sollten dafür nicht ihre soziale Absicherung aufgeben müssen. Mit einem ortsungebundenen und einheitlichen Sozialversicherungsnetz für alle deutschen Beschäftigten wäre beides möglich. Das könnte folgendermaßen aussehen:

Wenn ein Unternehmen – egal welcher Größe – eine Arbeitskraft in Deutschland beschäftigt, zahlt es zusätzlich zum Lohn einige Euro pro Stunde als „Absicherungsgebühr“. Dieses Geld wird dann in einem Individual Security Account (ISA) angelegt, der zur sozialen Absicherung des Beschäftigten dient. Die Höhe der „Gebühr“ für den ISA wird durch die Arbeitsstunden des Beschäftigten im Unternehmen berechnet (oder über einen Prozentsatz des Bruttolohns, falls kein Stundenlohn besteht). Beschäftigte mit mehreren Arbeitgebern erhalten so Beiträge von jedem Unternehmen zu ihrem ISA. Gleichzeitig zahlen sie entsprechende Beiträge von ihrem Lohn ein, berechnet nach Einkommenshöhe, um auch selbst zu ihrer sozialen Absicherung beizutragen. Ausländische Unternehmen, die digitale Arbeit vergeben, müssen sich ebenfalls beteiligen.

Deutschland hat bereits Erfahrung mit solch einem System: Eine ortsungebundene Sozialversicherung wäre in etwa eine Künstlersozialkasse (KSK) für alle. Deutschland könnte auf diesem Modell der KSK aufbauen, um ein einheitliches System zu schaffen, das auch andere Berufe einschließt, die derzeit noch nicht vom Sozialversicherungssystem profitieren. Alternativ könnte Deutschland das bestehende System für Hausgewerbetreibende, also in eigener Arbeitsstätte selbstständig arbeitende Personen, erweitern, bei dem 50 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge der Beschäftigten von ihren Arbeitgebern bezahlt werden.

Mehr soziale Sicherheit für wenig Geld

Die Kosten dafür müssten nicht hoch sein, vielleicht 2 bis 3 Euro zusätzlich zum Stundenlohn. Die Kosten dieser ortsungebundenen sozialen Absicherung würden also nicht aus den Steuereinnahmen der Regierung kommen, sondern von den Unternehmen, die diese Zusatzkosten auf ihre Kunden umlegen können, sowie von den Sozialversicherten selbst. Da alle Unternehmen teilnehmen würden, hätte keines einen Wettbewerbsnachteil durch die zusätzlichen Kosten.

Das System für Hausgewerbetreibende und die KSK belegen, dass Deutschland den Wert solcher Systeme für bestimmte Arten von Beschäftigung bereits erkannt hat. Warum also sollten nicht alle Beschäftigten davon profitieren? Ohne ein solches Gesetz werden viele Unternehmen weiterhin unabhängig Beschäftigte für sich arbeiten lassen, weil sie weniger durch das Arbeitsrecht geschützt sind. Die Unternehmen senken damit ihre Arbeitskosten erheblich, da sie keine Abgaben für Kranken- oder andere Sozialversicherungen zahlen müssen. Dadurch wiederum werden „gute Jobs“ weniger.  Durch eine ortsungebundene, einheitliche soziale Absicherung für alle Beschäftigten entfiele der Anreiz zur Beschäftigung solch schutzloser Arbeitskräfte anstelle von fest angestellten Vollzeitkräften. Und so könnte eine stabilere Basis für die Arbeitnehmer der Zukunft geschaffen werden.


Kurzprofil

Steven Hill
Steven Hill ist ein weltweit anerkannter Wirtschaftsjournalist. Kürzlich erschien sein neues Buch "Die Start-Up-Illussion" auf Deutsch.
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