Deutscher Gewerkschaftsbund

18.07.2017

Rente statt Sterben

Seit einer Weile schlagen Politiker von Union und FDP immer mal wieder die Rente mit 70 vor. Das Thema wird auch im anstehenden Bundestagswahlkampf kontrovers diskutiert werden. Wer wissen will, wie realistisch der Vorschlag ist, sollte das Schwarzbuch "Rente mit 70" lesen.

Von Daniel Haufler

Dachdecker auf einem hohen Kirchendach

Kein Job mehr für Siebzigjährige. Michael Geisler, Flickr

Uwe Meschwitz sagt es drastisch: „Was macht ein Dachdecker, wenn er älter wird? Sterben.“ Denn er bekommt bloß 800 Euro Rente; das rechnete ihm die Rentenversicherung nun aus. Dabei hat er mit 15 angefangen, ist über 40 Jahre am Arbeiten. Seit ein paar Jahren ist er sogar staatlich anerkannter Fachleiter für Dach-, Wand und Abdichtungstechnik, also Dachdeckermeister. Er hat danach als Betriebsleiter gearbeitet und sich selbstständig gemacht. Doch all das reicht nicht fürs Leben im Alter. Wir als Gesellschaft aber müssten daran denken. Wir brauchen ein Sozialsystem, wie es das früher gegeben hat, fordert Meschwitz. Und alle müssten darin einzahlen: Unternehmer, Beamte, Arbeiter und Angestellte. Nur so könne man für die Zukunft sorgen.

Dachdecker ist ein Knochenjob

Das ist ihm umso wichtiger, weil klar ist: „Die wenigsten Kollegen halten es lange aus in unserer Branche. Diesen Beruf wird man nie bis 67 machen können.“ In der Tat scheiden 70 Prozent schon lange vor dem Rentenalter aus. Der Rest wird verschlissen. „So viele Stellen für Baumarktmitarbeiter und Pförtner, wie wir brauchen würden, die gibt es gar nicht“, sagt Meschwitz. Dachdecker, das ist ein knochenharter Beruf. „Kollegen, die älter als 50 sind, haben so gut wie keine Chance mehr, irgendwo zu landen.“ Auch das hat er am eigenen Leib erlebt, als er sich nach mehreren Bandscheibenvorfällen nur mit eisenhartem Willen die Fortbildung zum Meister erkämpfte.

Das Portrait von Uwe Meschwitz ist eines von 45 Portraits im Schwarzbuch „Rente mit 70". Sie stellen nicht nur engagierte Menschen vor, die ihre Berufe als Dachdecker oder Fahrdienstleiter, Reinigungskraft oder Verkäuferin, Chemielaborant oder Friseur über lange Jahre mit Leidenschaft ausgeübt haben. Sie sind gleichzeitig Zeugen für ein Rentensystem, in dem sie sich vor Armut im Alter fürchten müssen. Schon jetzt sind 22.000 Rentner in Deutschland auf Grundsicherung angewiesen. Sie müssen eine staatliche Unterstützung bekommen, damit sie etwa Miete und Nebenkosten bezahlen können.

Transparent "Rente: Kurswechsel jetzt. Handeln statt Aussitzen!"

Die richtige Zeit für Rentenproteste Haufler

Insbesondere alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose sind laut einer Untersuchung von DIW und ZEW für die Bertelsmann-Stiftung bis zum Jahr 2036 von Altersarmut bedroht. Die Armutsrisikoquote steigt in der Altersgruppe der dann 67-jährigen in den kommenden Jahren von heute 16 auf 20 Prozent an. Bei alleinstehenden Frauen ist die Zunahme noch stärker. Im Jahr 2026 werden 27,8 Prozent von staatlichen Leistungen abhängig werden statt heute 16,2 Prozent.

Keine Chance auf eine vernünftige Rente

Guten Grund, Armut im Alter zu befürchten, hat auch Uwe Meschwitz Frau Rita, die ebenso in dem Band portraitiert wird. Sie ist gelernte Bäckermeisterin und Einzelhandelskauffrau. 2013 ging sie mit ihrem Mann nach Dresden, wo er sich selbstständig machte. Sie war optimistisch, dass sie dort in ihrem Beruf arbeiten könnte. Doch das stellte sich als Irrtum heraus. „Der Standard waren 14 Tage kostenlose Probearbeit. Und zwar in Früh- oder Spätschicht. Für Bewerber, die vom Arbeitsamt kamen, war das gang und gebe“, berichtet sie. Vor Einführung des Mindestlohns wurden ihr wie anderen 4,50 Euro Stundenlohn angeboten. Sie könnten ja aufstocken, hieß es. Rita Meschwitz arbeitete dann für 6,50 Euro. „Seien Sie froh, dass ich Ihnen nicht noch die Arbeitskleidung abziehe“, sagte ihr Chef.

Eine Zukunft in ihrem angestammten Beruf sah sie nicht mehr. Heute arbeitet sie im Dachdeckerbetrieb ihres Mannes. 14 Tage Probearbeit mit Segen des Jobcenters sind in den Dresdner Bäckereien nicht mehr die Praxis für Fachverkäuferinnen. Aber ein Beruf mit gutem Auskommen und genug Geld für den Aufbau einer vernünftigen Alterssicherung ist es noch lange nicht. Dabei ist der Job anspruchsvoller als viele denken. „Die Arbeit, das ist nicht nur das Verkaufen über die Theke. Man muss den Laden putzen, die Regale einräumen, die Kasse abrechnen. Die Körbe mit den Resten zum Wegwerfen haben schon mal 30 Kilo, man muss immer wieder schwer tragen.“ Trotzdem wird hier nur Niedriglohn gezahlt. Rita Meschwitz konstatiert daher nüchtern: „Fragen Sie mal Ihre Bäckereiverkäuferin, was sie für eine Rente haben wird. Da kommen Ihnen die Tränen.“

Eine Rentnerin im Rollstuhl und ein Rentner am Stock beim Spazieren durch einen Park.

Keinesfalls jeder erreicht den Ruhestand ganz gesund. Florian Richter, Flickr

Als Ursache für die wachsende Altersarmut sehen die letzten Rentenstudien unter anderem die Zunahme von Unterbrechungen im Arbeitsleben und die unsicheren Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnsektor. Außerdem sinkt das Rentenniveau durch die demografische Entwicklung und rentenrechtliche Veränderungen kontinuierlich. Nicht nur nach Auffassung der Bertelsmann-Stiftung entfalten die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge nicht die gewünschte Wirkung. Die Ergebnisse der Studien decken sich in vielen Teilen mit dem Alterssicherungsbericht, den die Bundesregierung selbst 2016 veröffentlichte.

Wer die aktuellen Daten und die Portraits in diesem Buch liest, versteht sofort, warum für viele Beschäftigte die Rente mit 70 nicht nur ein Ding der Unmöglichkeit, sondern eine ernsthafte Bedrohung ist. Der Vorschlag, das Rentenalter anzuheben, ist allein darauf ausgerichtet, „die Rentenausgaben zu senken“, stellen die Herausgeber in der Einleitung fest. „Es soll weniger Rente gezahlt werden, um den Beitragssatz für die Arbeitgeber senken zu können. Dabei sind die ständigen Rufe nach einer weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters gefährliche Brandbeschleuniger. Sie zerstören gezielt die Leistungsfähigkeit und Akzeptanz der gesetzlichen Rentenversicherung.“

Eine Drohung für die Arbeitnehmer

Am Ende stünden ein höheres Rentenalter bei niedrigerem Rentenniveau und groteskerweise höheren Beiträgen für die Arbeitnehmer. Die müssten außerdem noch die Kosten für die notwendige zusätzliche Altersvorsorge privat zahlen werden. Das Fazit der Herausgeber: „Den Schaden davon haben alle Beschäftigten, gerade auch die jüngeren, denn für sie sollen die Altersgrenzen steigen.“

Und die Herausgeber rechnen auch kurz vor, was das im Einzelnen heißen kann: Steigt das Rentenalter von 65 auf 67 Jahre, bedeutet das für jemanden, der mit 75 Jahren stirbt, eine Kürzung der Zeit des Rentenbezugs um 20 Prozent, steigt das Rentenalter gar auf 70, wäre es eine Halbierung der Rentendauer. (…) Diese Rechnung wird noch gravierender, wenn man bedenkt, dass Menschen mit geringem Einkommen im Schnitt früher sterben als jene mit höherem Einkommen.

Parkbank

Auch im Ruhestand kann man sich noch wehren. Niklas Bildhauer, Flickr

Die Herausgeber lehnen eine Anhebung des Rentenalters strikt ab und wollen stattdessen die gesetzliche Rentenversicherung stärken, um sie für künftige Generationen zu sichern. Die gesetzliche Rentenversicherung muss ein Leben in Würde im Alter ermöglichen, fordern sie. „Aus Sicht der Gewerkschaften ist dazu das Rentenniveau zu stabilisieren und im weiteren Schritt anzuheben, etwa auf 50 Prozent. Damit wären die Renten im Jahr 2045 rund 20 Prozent höher als nach geltendem Recht.“

Ein wichtiges Buch zur Bundestagswahl

Rente sei aber nicht nur einfache Mathematik, schreiben sie, wie so manche Professoren und Vertreter aus dem Arbeitgeberlager und der Politik meinten. Vielmehr gehe „es um vielfältige Lebens- und Arbeitsrealitäten, um Erfahrungen und Belastungen konkreter Menschen. Und für die Absicherung eben dieser Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steht die Versicherungsleistung, an der sich der Wert und die Bedeutung der gesetzlichen Rentenversicherung messen lassen müssen.“

Das Schwarzbuch argumentiert und illustriert überzeugend mit seinen Portraits, warum die Anhebung des Rentenalters kein vernünftiges Konzept ist. Zusätzlich gibt das Buch immer wieder Einblicke in die spezifischen Probleme verschiedener Branchen, angefangen von der Gebäudereinigung über die Automobilbranche bis hin zur Nahrungsmittelindustrie. Die Lektüre dieses anregenden Buches ist jedem zu empfehlen, der sich eine Meinung über die Rentenpolitik der Gegenwart und der Zukunft bilden will. Am besten vor den nächsten Bundestagswahlen.


Annelie Buntenbach, Markus Hofmann, Ingo Schäfer: Rente mit 70. Ein Schwarzbuch. Mit Texten von Alf Mayer. 192 Seiten, Ch. Links Verlag, Berlin 2017, 15 Euro (E-Book: 9,99 Euro). Hier zu bestellen.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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