Deutscher Gewerkschaftsbund

26.04.2018

Die Legende vom menschenleeren Land

Statistiker melden eine Trendwende bei den Geburtenraten in Deutschland. Annahmen zur Bevölkerungsentwicklung müssen revidiert werden, auch wegen der Zuwanderung. Der viel beschworene Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt fällt gewiss geringer aus als befürchtet.

 

Von Thomas Gesterkamp

Mutter mit ihrem Kind

Auch in Deutschland bekommen gut ausgebildete Frauen wieder mehr Kinder. DGB/Colourbox.de

In Deutschland werden wieder mehr Kinder geboren, die Rate ist so hoch wie seit Anfang der 1970er Jahre nicht mehr. War sie zwischenzeitlich auf 1,3 Kinder pro Frau gefallen, liegt sie inzwischen bei fast 1,6. In absoluten Zahlen melden die Statistiker für das letzte abgeschlossene Berichtsjahr 2016 fast 800.000 Neugeborene, sieben Prozent mehr als 2015 und fast zwanzig Prozent mehr als 2011. Es ist das fünfte Mal in Folge, das ein Geburtenanstieg verzeichnet wurde.

Die Bevölkerung wächst bis 2023 nach einer aktuellen Prognose des (arbeitgebernahen) Instituts der deutschen Wirtschaft auf fast 84 Millionen Menschen. Auch im Jahr 2035 sollen es noch über 83 Millionen Einwohner sein, also mehr als heute. Damit zeichnet sich ab: Bisherige Voraussagen, die von einem deutlichen Schrumpfen ausgingen, waren schlicht falsch - und viel zu pessimistisch.

"Die Deutschen sterben aus", das behaupteten, neben rechten Rassisten, vor allem die Lobbyisten der Versicherungswirtschaft: Ein Gewerbe, das Sicherheit verkaufen will, ist interessiert daran, dass Menschen über die Zukunft verunsichert sind. Doch demografische Prognosen sind nie eindeutig, wissenschaftlich objektiv oder wertfrei. Dahinter stecken auch handfeste ökonomische Interessen. Mit der These von der "Vergreisung" der Gesellschaft wurden Ängste geschürt, um Riester-Renten und andere Lebensversicherungen unter die Leute bringen.

Grafik Bevölkerungspyramiden von 1950 und 2016; dazu eine Prognose für 2060.

Sie heißen zwar noch „Pyramiden“, aber der von Krieg und Geburtenrückgang geprägte Altersaufbau der Bevölkerung verlangt nach einer neuen Bezeichnung. DGB/Atlas der Arbeit

Mehr Akademikerinnen bekommen Kinder

Die steigenden Geburtenziffern beruhen darauf, dass die Kinder der Babyboomer jetzt im gebärfähigen Alter sind. Bemerkbar macht sich auch der Wertewandel in der Generation Y, der Jahrgänge ab 1980, die in Befragungen neben der beruflichen Karriere auch private Lebensziele hoch bewertet. Auffällig ist nach Detailauswertungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zudem, dass immer mehr Frauen erst im Alter zwischen 30 und 40 Jahren Nachwuchs bekommen. Das gilt vor allem für Akademikerinnen, die nach dem Studium zunächst beruflich Fuß fassen wollen und ihren Kinderwunsch biografisch nach hinten verschieben. Waren vor zehn Jahren fast ein Drittel der gut ausgebildeten Frauen mit Anfang 40 kinderlos, so sind es heute nur noch 25 Prozent.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschlands Geburtenrate mit 1,59 Kindern je Frau nun im EU-Durchschnitt. In Spanien, Italien, Portugal und Griechenland ist die Quote niedriger, höher ist sie im katholischen Irland, aber auch in den Niederlanden, Großbritannien und Skandinavien. Das einstige Gefälle zum Nachbarn Frankreich schwindet: Dort ist die Kinderzahl pro Frau in jüngster Zeit sogar gesunken, liegt aber immer noch erheblich über dem deutschen Wert.

In familienpolitischen Debatten wird in diesem Kontext stets auf das System der französischen Kinderbetreuung (Ecole maternelle) hingewiesen. Durch den Ausbau von Kitas und Krippen holt Deutschland langsam auf, auch die Einführung des Elterngelds als Lohnersatzleistung wirkt sich offenbar aus. Es gibt also sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Geburtenzahlen und attraktiven, die Vereinbarkeit erleichternden staatlichen Leistungen - was von Wissenschaftlern und manchen Politikern lange bestritten wurde.

Baustellenschild unter dem steht: Rentenpolitik

Realistische Annahmen zum Bevölkerungswachstum müssten zu einer anderen Rentenpolitik führen. DGB/Colourbox.de

Es braucht das Recht für Eltern, von Teilzeit in Vollzeit zurückzukehren

Verzerrt wird die Statistik durch den Faktor Migration. Von den Kindern, die 2016 in Deutschland geboren wurden, haben 185.000 ausländische Mütter. Das war ein Viertel mehr als im Jahr 2015 und eine direkte Folge der Zuwanderung. So kamen 2016 beispielsweise 18.500 Kinder syrischer Eltern in Deutschland zur Welt, in 21.800 Fällen hatten die Mütter einen türkischen, in 11.800 Fällen einen polnischen Pass. Unter den biodeutschen Frauen liegt die Geburtenrate im Schnitt bei 1,46, unter den Migrantinnen bei 2,28. Allerdings beobachten die Bevölkerungsforscher, dass sich diese Differenz abschwächt, weil sich die Zugewanderten ab der zweiten  Generation dem "deutschen Leitbild anpassen". Und dieses Leitbild lautet: zwei Kinder pro Familie.

Jetzt sind vor allem die Unternehmen gefordert. Sie müssen mehr qualifizierte Teilzeitstellen anbieten, in denen Eltern nicht beruflich abgehängt werden, sondern sich weiter entwickeln können. Ein aktueller Gesetzentwurf aus dem Bundesarbeitsministerium sieht endlich ein Rückkehrrecht auf Vollzeit vor, allerdings soll das nur für größere Betriebe gelten Die Wirtschaftsverbände wenden sich gegen diese angebliche Regulierung, dabei liegt sie eigentlich in ihrem eigenen Interesse. Denn die Dauerklage über einen drohenden (oder je nach Region und Branche schon existierenden) Fachkräftemangel klingt zwar manchmal übertrieben, enthält aber einen wahren Kern. Demnächst gehen geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand, die Firmen sind auf erwerbstätige Mütter und auf die nachwachsende Generation angewiesen. Weil die Zuwanderer überwiegend jung sind, werben potenzielle Arbeitgeber um sie, doch viele Geflüchtete sind noch nicht ausreichend qualifiziert für die nachgefragten Berufe.

Im weltweiten Maßstab betrachtet war es schon immer eine irritierende Vorstellung, dass sich ein reicher Staat mit einer guten Infrastruktur "entvölkern" könnte. Mit dem Kleinrechnen des Faktors Migration und der Fortschreibung niedriger Geburtenraten haben die Demografen die Legende vom menschenleeren Deutschland befördert. Stiegen die Einwohnerzahlen entgegen der Prognosen, erklärten die Statistiker das kurzerhand zum Ausreißer. Realistische Annahmen sind wichtig, damit die Politik nicht Interessenverbänden wie den Versicherern auf den Leim geht. Statt das Rentenalter zu erhöhen und zur "privaten Vorsorge" aufzurufen, sollte sie eine weiterhin bevölkerungsreiche Zukunft planen, mehr in die Schulen investieren und den öffentlichen Wohnungsbau der wachsenden Großstädte ankurbeln.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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