Deutscher Gewerkschaftsbund

11.01.2018

Ein Rezept gegen die AfD

Es nicht nur peinlich, wie wenig Frauen in Führungspositionen tätig sind, es schadet auch der Wirtschaft, der Politik und dem Land. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt zudem: Nur die Quote hilft. Die nächste Regierung sollte in diesem Sinne handeln. So können Union und SPD schließlich auch Wählerinnen gewinnen.

Von Daniel Haufler

Janina Kugel

Sie ist eine der wenigen Frauen, die im Vorstand eines Konzerns sitzen: Janina Kugel, bei Siemens als Arbeitsdirektorin verantwortlich für über 340.000 Mitarbeiter. Sebastian Gabsch/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Es ist für eine Frau in Deutschland leichter, Oberbefehlshaberin aller Soldaten oder gar Bundeskanzlerin zu werden als Vorstandsvorsitzende eines großen börsennotierten Unternehmens. Darüber hat schon die New York Times vor einiger Zeit gestaunt, um es freundlich zu formulieren.  Nach wie vor vergeben Konzerne ihre Führungspositionen lieber an Männer und kümmern sich keinen Deut um all die Argumente für eine Gleichstellung von Frauen. Das ist natürlich kein spezifisch deutsches Problem. Doch in Europa nimmt die Bundesrepublik einen der hintersten Plätze ein, wenn es um den Anteil von Frauen in Führungspositionen geht. Hier sind es lediglich 22 Prozent, in Lettland hingegen 53 Prozent.

Laut Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, kommt noch hinzu: Frauen in Führungspositionen verdienen im Schnitt 23,4 Prozent weniger als Männer. Weibliche Führungskräfte erhalten durchschnittlich 77 Cent für jeden Euro, den männliche Führungskräfte pro Stunde bekommen. Das geschlechtsspezifische Verdienstgefälle ist mit 5,0 Prozent in Rumänien am geringsten, in Ungarn mit 33,7 Prozent am höchsten. In Deutschland beträgt es Gefälle 26,8 Prozent. Selbst auf dieser Ebene spiegelt sich das Gender Pay Gap wider, das generell zu Recht immer wieder beklagt wird.

Ursula von der Leyen mit Soldaten und Mitarbeitern

Die Verteidigungsminiserin gibt den Weg vor, die Männer folgen... DGB/Sergey Kohl/123rf.com

Für allzu viele Frauen in Führungspositionen ist das allerdings kein Problem – weil es in börsennotierten Unternehmen lediglich 50 von ihnen gibt, die neben 633 besser verdienenden Männern in einem Vorstand mitentscheiden dürfen. Für Freunde der Statistik noch ein paar Zahlen mehr aus der neuen Studie der Albright-Stiftung: Ganze drei (3!) Konzerne haben einen weiblichen CEO. 27 Vorstandsfrauen arbeiten in DAX-Unternehmen (immerhin 13,4 Prozent statt 10,6 im Vorjahr). Noch unerfreulicher ist das Bild in den Vorständen von MDAX- und SDAX-Firmen. Dort ist in 84 von 100 Konzernen gar keine Frau im Vorstand. Es gibt in all diesen Firmen mehr Vorstände, die Peter oder Thomas heißen, als Frauen.

Die Quoten für Aufsichtsräte und Parteiämter wirken wunderbar

Natürlich ist dieses Missverhältnis nicht auf große Firmen oder die Wirtschaft beschränkt. Auch im neuen Bundestag ist der Frauenanteil so niedrig wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Bei der Bundestagswahl am 24. September wurden 218 Frauen und 491 Männer als Abgeordnete gewählt. Dies entspricht einem Frauenanteil von 30,7 Prozent, niedriger war er zuletzt nur von 1994 bis 1998 mit 26,2 Prozent. Doch auch in deutschen Theatern – um mal einen ganz anderen Bereich zu beleuchten – sind 80 Prozent der Intendanten männlich, während im Souffleurberuf zu 80 Prozent nicht toll bezahlte Frauen flüstern dürfen.

Janina Kugel in einem sehr interessanten kleinen Vortrag über ihren Weg zur Führungskraft.

Das Fazit ist einfach und eindeutig: So hartnäckig Union und FDP es auch leugnen – Gleichberechtigung ist ohne Regelungen wie Quoten (und selbstverständlich eine moderne Familienpolitik) nicht zu erreichen. Die Grünen und die Linken haben einen Frauenanteil von mehr als 50 Prozent in Führungspositionen, weil sie beschlossen haben, mindestens die Hälfte aller Ämter weiblich zu besetzen. Die SPD tut sich mit ihrer 40-Prozent-Quote schon schwer, aber es gibt sie wenigstens. Und bei den anderen Parteien sieht es ganz traurig aus. Recht erfolgreich ist auch die 30-Prozent-Quote für Aufsichtsräte, die seit Januar 2016 Gesetz ist. Immerhin sitzen mittlerweile 477 Frauen in Aufsichtsräten, was einem Anteil von 27,5 Prozent entspricht. Es war anderslautenden Behauptungen widersprechend also gar nicht so schwer, kompetente und führungsstarke Frauen zu finden.

Für die neue Bundesregierung unter Führung von Angela Merkel, die ja gern als stärkste Frau der Welt bezeichnet wird, ist daher der Auftrag klar: Mehr Politik für Gleichberechtigung. Das braucht die Wirtschaft, die Politik, das Land. Und es wäre zudem eine vernünftige Methode, Wählerinnen für die demokratischen Parteien zu gewinnen. Denn noch lassen Frauen sich nicht so leicht von rechten Parolen einnehmen. Nur ein Drittel der AfD-Stimmen stammte von Frauen. Daran sollte die Kanzlerin mit ihren GesprächspartnerInnen bei den Koalitionsverhandlungen denken.

 


 

P.S. Am 10. Januar bestätigt das "Managerinnenbarometer" des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): Aufgrund der Quote ist der Frauenanteil in Aufsichtsräten bis Ende 2017 auf gut 30 Prozent gestiegen. Wo keine Quote gilt - in Vorständen und Geschäftsführungen - herrscht hingegen "mit Blick auf die Repräsentation von Frauen beinahe Stillstand". In Vorständen und Geschäftsführungen der 200 umsatzstärksten Unternehmen blieb der Frauenanteil dem DIW zufolge bei etwas mehr als acht Prozent. Nur in den 30 größten börsennotierten Unternehmen erhöhte er sich auf 13, in den Unternehmen mit Bundesbeteiligung auf 18 Prozent - jeweils ein Plus von rund zwei Prozentpunkten.

Besonderen Aufholbedarf gebe es bei Banken und Versicherungen, in denen insgesamt mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind. Bei den 100 größten Banken liegt der Frauenanteil bei knapp neun (Vorstände) und fast 23 Prozent (Aufsichtsräte). Bei den 60 größten Versicherern ging der Anteil auf gut neun (Vorstände) und knapp 22 Prozent (Aufsichtsräte) sogar leicht zurück. Daher appellierten 17 Frauenverbände zu Recht in einem Offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel, den Wandel zu mehr Geschlechtergerechtigkeit zu forcieren. In den bevorstehenden Koalitionsgesprächen gelte es ehrgeizige Ziele sowie ein deutliches Bekenntnis aller Akteure zur Gleichstellung zu vereinbaren.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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