Deutscher Gewerkschaftsbund

10.09.2018

Digitale Barrieren überwinden

Frauen können von der Digitalisierung enorm profitieren - und das weltweit. So werden in China 55 Prozent der neuen Internet-Unternehmen von Frauen gegründet. Zudem bieten E-Commerce und technologiebasierte Unternehmen den Frauen mehr Flexibilität und Autonomie. Es gilt daher verstärkt, Frauen in diesem Bereich besser zu qualifizieren.

 

Von Sandrine Devillard und Anu Madgavkar

Grundschullehrerin in Indien mit einem Laptop, im Hintergrund ein Text in Hindi an der Wand.

Wenn Mädchen gut vorbereitet sind auf die neuen Technologien, bieten sich ihnen vielfältige Möglichkeiten. In Indien sind laut einer Unicef-Studie bisher jedoch nur 29 Prozent der Internetnutzer weiblich. DGB/Jagdish Agarwal/123rf.com

Digitale Technologien sind für die Frauen dieser Welt ein zweischneidiges Schwert. Da Männer über den besseren Zugang zu diesen Technologien verfügen, laufen Frauen Gefahr, wirtschaftlich und sozial noch mehr den Anschluss zu verlieren. Gelingt es den Frauen allerdings, das volle Potenzial digitaler Technologien auszuschöpfen, eröffnen sich ihnen damit entscheidende neue Möglichkeiten.

Laut Schätzungen der GSM Association liegt die Zahl der Frauen mit Zugang zu Internet und Mobiltelefonen im Schnitt bei 85 Prozent des Wertes für Männer. Insgesamt sind 1,7 Millionen Frauen in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens von Internet und Mobiltelefonie ausgeschlossen. Das schränkt die Chancen für Frauen und Mädchen enorm ein.

Arbeit im Internethandel macht Frauen flexibler

Digitale Technologien verbessern den Zugang der Frauen zu Finanzdienstleistungen, da ihnen Mobile Banking lange Anfahrten zu Banken oder Geldautomaten erspart. Mit den technologiegestützten Leistungen über Telefon oder Tablet ergeben sich bei der Gesundheitsfürsorge außerdem große Vorteile. Denn man erspart Frauen in den entlegenen Gebieten lange, oft gefährliche Wege zum Arzt. Das zeitsparende Potenzial digitaler Technologien ist derart groß, dass sie Frauen auch bezahlte Beschäftigung ermöglicht. Heute leisten Frauen drei Viertel der gesamten unbezahlten Betreuungsaufgaben. Das entspricht in Geldwert etwa 10 Billionen Dollar oder 13 Prozent des weltweiten BIP – wobei sich beides nicht in Einkommen, geschweige denn in Wirtschaftskraft niederschlägt.

Ihrem Wesen nach bieten E-Commerce und technologiebasierte Unternehmen den Frauen mehr Flexibilität und Autonomie. Sie helfen ihnen, neben ihrer bezahlten Arbeit auch ihre häuslichen Verpflichten wahrzunehmen. In Indonesien erwirtschaften Firmen im Besitz von Frauen 35 Prozent des Umsatzes im Internet-Handel, aber nur 15 Prozent des Umsatzes von Offline-Unternehmen.

Ein Arzt telefoniert und blickt auf einen Computer.

Technologiegestützte Leistungen über Telefon oder Tablet bieten bei der Gesundheitsfürsorge große Vorteile für Frauen, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern. DGB/ferli/123rf.com

Ebenso werden in China 55 Prozent der neuen Internet-Unternehmen von Frauen gegründet. Bei der E-Commerce-Plattform Taobao von Alibaba gibt es genauso viele weibliche wie männliche Shop-Inhaber. Tatsächlich leben in China 114 der weltweit 147 Selfmade-Milliardärinnen. Im Vergleich dazu sind es im zweitplatzierten Land, den Vereinigten Staaten, lediglich 14.

Die wirtschaftliche Stärkung der Frauen ist nicht nur für die davon profitierenden Frauen ein Vorteil. Das McKinsey Global Institute (MGI) schätzt, dass Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter die Weltwirtschaft bis 2025 um 12 Billionen Dollar jährlich vergrößern könnte. Allein in der Region Asien-Pazifik könnte die Vollzeit-Beschäftigung von mehr Frauen in Sektoren mit höherer Bezahlung und Produktivität für einen Anstieg des BIP im Ausmaß von 4,5 Billionen Dollar sorgen und damit die derzeitige Entwicklung um 12 Prozent übertreffen.

Effektiv gegen geschlechtsspezifische Verzerrungen bei Algorithmen

Auf Unternehmensebene, so zeigt eine zunehmende Fülle an Beweisen, wirkt sich mehr Geschlechtergerechtigkeit auch positiv auf das Geschäftsergebnis aus. Eine größere Vielfalt an Führungsstilen verbessert die Qualität der Entscheidungsfindung. Mit entsprechenden Chancen ausgestattet, könnten Frauen im Zeitalter von Automatisierung und künstlicher Intelligenz als führende Innovatoren agieren und dazu beitragen, dass Algorithmen keine geschlechtsspezifische Verzerrung aufweisen.

Allerdings bestehen enorme Barrieren, die Frauen daran hindern, diese Chancen auch zu nutzen. In Indien beispielsweise sind nur 29 Prozent aller Internetnutzer weiblich. Mädchen in ländlichen Gebieten dürfen häufig keine Informations- und Kommunikationstechnologien nutzen. In einem Dorf in Uttar Pradesh werden Mädchen, die Mobiltelefone außer Haus nutzen, mit einem Bußgeld bestraft.

Symbolbild zum Internethandel mit kleinen Symbolen für Einkaufskorb, Kreditkarte, Einkaufstasche etc.

In China handeln auf er E-Commerce-Platform Taobao von Alibaba genauso viele Frauen wie Männer. DGB/Yulia Kireeva/123rf.com

Jenseits gesellschaftlicher Haltungen, die den Zugang der Frauen zu digitalen Technologien untergraben, fehlt es Frauen und Mädchen unverhältnismäßig oft an den notwendigen Qualifikationen, um die Chancen des digitalen Zeitalters zu nutzen. In Singapur beispielsweise hinken Frauen den Männern in der Ausbildung in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik, Technik und Technologie hinterher. An der Nanyang Technological University studierten in den Jahren 2015-2016 nur 27 Prozent Frauen Computerwissenschaft, obwohl der Frauenanteil bei den Studierenden der Universität insgesamt bei 50 Prozent liegt.

Auf dem Spiel stehen nicht nur die Möglichkeiten der Frauen, die Chancen aufgrund der digitalen Revolution zu ergreifen, sondern auch ihre Fähigkeit, der bevorstehenden Automatisierungswelle standzuhalten. Allein in Singapur werden bis zum Jahr 2030 aufgrund der Automatisierung 800.000 vollzeitäquivalente Arbeitsplätze verloren gehen. Die am stärksten betroffenen Stellen sind schlecht bezahlte Jobs mit geringerem Qualifikationsniveau, die eher mit Frauen besetzt sind.

Digitale Technologien werden Jobs da schaffen, wo Frauen stark vertreten sind

Allerdings werden viele neue Arbeitsplätze in den Bereichen Bildung und Gesundheitswesen entstehen, wo Frauen traditionell stark vertreten sind. Laut MGI-Forschungen könnten in den nächsten 10-15 Jahren über 100 Millionen Jobs geschaffen werden, da der Bedarf hier steigt.

Noch ist nicht klar, wie genau sich die Automatisierung auf die Beschäftigungssituation der Frauen auswirken wird. Es besteht jedoch kein Zweifel: bessere Qualifikationen von Frauen erweitern ihre Berufs- und Einkommensperspektiven in der fortschreitenden digitalen Revolution. Der Erfolg der Frauen im Internethandel zeigt, dass digitale Technologien wirtschaftliche Bedingungen zum ihrem Vorteil schaffen können, lokal, national und sogar global. Mehr berufstätige Frauen – insbesondere in den Technologie-Branchen, die unsere kollektive Zukunft gestalten – wären eine gute Nachricht für alle.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, Copyright: Project Syndicate, 2018


Nach oben

Kurzprofil

Sandrine Devillard
ist Senior Partnerin bei McKinsey und im Beirat des McKinsey Global Institute (MGI), der das Institut bei der Geschäfts-, Wirtschafts- und Technologieforschung berät.
» Zum Kurzprofil
Anu Madgavkar
ist Partnerin des McKinsey Global Institute (MGI), einem Wirtschaftsforschungsinstitut. Madgavkar kam 2011 zu MGI und leitet Teams mit Sitz in Indien, die sowohl an globalen als auch an indienorientierten Forschungsprojekten arbeiten.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten