Deutscher Gewerkschaftsbund

26.09.2018

Japans Probleme hätten viele gern

Zahlreiche Ökonomen denken, dass Japans Wirtschaftsmodell bald am Ende sein wird. Das Land hinkt beim Wachstum den Konkurrenten in Europa und Amerika weit hinterher und ist hoch verschuldet. Doch dabei übersehen sie ein paar sehr wichtige Faktoren.

 

Von Adair Turner

Ölraffinerie in Japan vor dem Berg Fuji.

Japans Wirtschaft erweist sich als ziemlich stabil - und das vor schöner Kulisse: dem Fudschijama. DGB/Sakarin Sawasdinaka/123rf.com

Fast jeder sagt, dass Japans Wirtschaftsmodell implodiert sei. Seit 1991 beträgt das jährliche Wachstum lediglich 0,9 Prozent, verglichen mit 4,5 Prozent während der beiden vorangegangenen Jahrzehnte. Das geringe Wachstum hat, im Verbund mit hohen Haushaltsdefiziten und fast keiner Inflation, die Staatsverschuldung in die Höhe getrieben - von 50 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 236 Prozent.

Die "Abenomics", ein von Ministerpräsident Shinzo Abe nach seinem Amtsantritt vor sechs Jahren eingeleitetes Bündel von Reformen, sollten die Inflation auf 2 Prozent anheben. Doch auch fünf Jahre Nullzinsen und eine massive quantitative Lockerung haben dies nicht erreicht. Eine Geburtenrate von 1,4 und praktisch keine Einwanderung bedeuten, dass Japans Erwerbsbevölkerung in den kommenden 50 Jahren um 28 Prozent schrumpfen könnte. Dies würde die Krankenversorgung der Senioren unbezahlbar machen und das Haushaltsdefizit, das schon jetzt bei 4 Prozent vom BIP liegt, drastisch erhöhen.

Steuern müssen erhöht, Ausgaben gesenkt werden

Um eine Schuldenkrise zu vermeiden, müssen die Steuern erhöht und die öffentlichen Ausgaben gesenkt werden. Will man das Wachstum steigern, sind überdies Strukturreformen erforderlich. All dem zum Trotz könnte die gängige Ansicht über das angebliche Scheitern des japanischen Modells falsch sein. Obwohl Japans Bevölkerungsrückgang mit Herausforderungen verbunden ist, könnte er auch Vorteile mit sich bringen. Zudem sind Japans Schulden sind sehr viel tragbarer, als es den Anschein hat.

Zwar bleibt das japanische BIP-Wachstum hinter dem der meisten entwickelten Volkswirtschaften zurück, und das dürfte angesichts des langsamen Bevölkerungsrückgangs auch so bleiben. Doch entscheidend dafür, wie gut es den Bürgern geht, ist das BIP pro Kopf, und hier entspricht Japans 0,65 Prozent jährliches Wachstum in dem Jahrzehnt seit 2007 dem der USA und übertrifft Großbritanniens 0,39 Prozent und Frankreichs 0,34 Prozent. Das ist nicht schlecht für ein Land, dessen Ausgangspunkt einer der höchsten Lebensstandards weltweit ist.

Panorama von Tokyo

Über 38 Millionen wohnen in der Metropolenregion Tokyo. Damit ist es mit Abstand die größte Stadt der Welt. Trevor Dobson/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Zwar stimmt es, dass das Pro-Kopf-Wachstum in den USA im Verlaufe der letzten 25 Jahre höher war. Aber Japans Wirtschaft wird nicht durch jene massive Zunahme der Ungleichheit entstellt, die dazu geführt hat, dass viele amerikanische Arbeitnehmer während dieses Zeitraums stagnierenden Reallöhnen ausgesetzt waren. Die Arbeitslosigkeit liegt bei unter 3 Prozent.

Als eine Maschine, die einem breiten Spektrum der Bürger Wohlstand verschafft, hält Japans Wirtschaft daher heute beinahe jedem Vergleich stand. Mit Verbrechensraten, die zu den niedrigsten weltweit gehören, muss das japanische Gesellschaftsmodell irgendetwas richtig machen. Und der Tourismus boomt: Die Anzahl ausländischer Besucher ist in den letzten 15 Jahren von sechs Millionen auf nahezu 20 Millionen gestiegen.

Die soziale Ungleichheit ist viel geringer als etwa in den USA

Natürlich könnte, was heute funktioniert, morgen demografisch nicht mehr aufrechtzuerhalten sein, und wenn Japans Geburtenrate dauerhaft bei 1,4 verharrt, könnte ein rapider Bevölkerungsrückgang ernste Probleme verursachen. Aber Warnungen, dass das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Rentnern von 2,1 auf 1,3 fallen könnte, sind eine Übertreibung, weil sie willkürlich davon ausgehen, dass das Erwerbsleben mit 65 endet und eine Erhöhung des Rentenalters ignorieren, wie sie die Regierung Abe derzeit etwa vornimmt. Stiege das Durchschnittsalter, mit dem Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, auf 70 an, würde das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Rentnern zwar immer noch fallen, aber lediglich von heute 2,1 auf 1,8 im Jahr 2050.

Zudem ist Japan weltweit führend bei Technologien, die ältere Menschen in die Lage versetzen, länger wirtschaftlich aktiv zu bleiben, und auch in der Robotik, die die Produktion von Waren und Dienstleistungen durch immer weniger Arbeitnehmer ermöglicht. Befürchtungen, dass Roboter Arbeitsplätze vernichten, sind in der öffentlichen Debatte Japans kein Thema. Ein aktuelles Buch, das die Vorteile und Herausforderungen des 100-jährigen Lebens diskutiert, war ein Bestseller.

In einer Welt radikaler Automatisierungsmöglichkeiten sind eine hohe, weiter steigende Lebenserwartung und eine schrumpfende Bevölkerung leichter zu bewältigende Probleme als das rapide Bevölkerungswachstum, das in einigen Schwellenmärkten die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze zu übersteigen droht.

Ein Roboter hebt eine Frau von einem Sofa, im Hintergrund eine Pflegerin.

In keinem anderen Land der Welt wird so an Robotern geforscht wie in Japan. Hier ein Prototyp für die Pflege von Riken's Robear. DGB/Archiv

Kein Grund zur Sorge

Was die Staatsverschuldung und untragbare Haushaltsdefizite angeht, so dürften jene Schwarzseher enttäuscht werden, die vor einer unweigerlichen Krise warnen, falls das Land nicht bald den Gürtel enger schnallt. Japans Bruttostaatsverschuldung mag 236 Prozent vom BIP betragen, doch nach Aufrechnung des staatseigenen Finanzvermögens schätzt der Internationale Währungsfonds die Nettoschulden auf deutlich geringere 152 Prozent.

Zudem hält die Bank von Japan Staatsanleihen im Umfang von 90 Prozent vom BIP und führt alle Gelder, die sie von der Regierung als Zinsen erhält, letztlich als Dividenden wieder an die Regierung ab. Nach Abzug des staatlichen Finanzvermögens und aller Verbindlichkeiten, die Japans Regierung und Bevölkerung faktisch gegenüber sich selbst haben, beträgt das Schuldenniveau nur etwa 60 Prozent vom BIP und steigt nicht weiter an. Dies könnte zu bewältigen sein, selbst wenn die Haushaltsdefizite noch viele Jahre lang hoch bleiben.

Der Grund ist Folgender: Angenommen, ein Land hat eine Bruttostaatsverschuldung von 250 Prozent, Nettoschulden von 150 Prozent, und Anleihebestände der Notenbank von 100 Prozent, so verbleibt eine Nettoschuld von 50 Prozent. Nimmt man weiterhin an, dass Inflation und reales Wachstum jeweils stabil bei 1 Prozent liegen, wächst das nominale BIP mit 2 Prozent. Bei einer Rendite auf Staatsanleihen von 2 Prozent (heute sind es in Japan 0,1 Prozent) bliebe die Schuldenquote stabil, selbst wenn die Regierung Jahr für Jahr ein Primärdefizit von 4 Prozent vom BIP und ein Gesamtdefizit von 5 Prozent aufwiese.

Historische Aufnahme der Börse von Tokyo aus dem Jahr 1950.

Die Geschäfte florierten an Tokyos Börse schon 1950. Und sie tun es bis heute - vornehmlich von Männern initiiert. Gemeinfrei/US Army

Anleihekäufer stehen Schlange

Das ist ungefähr, was Japan derzeit tut. Und statt auf dieses eindeutig nicht nachhaltige Verhalten mit Schrecken zu reagieren, stehen die Anleihekäufer aus aller Welt nach wie vor Schlange, um Staatsanleihen mit Renditen von knapp über null zu erwerben.

Das alles soll nicht heißen, dass es keine wichtigen Herausforderungen gibt. Die Kosten für die Krankenversorgung könnten die Haushaltsdefizite weiter in die Höhe treiben. Zudem legt die Wirtschaftstheorie nahe, dass die Anleiherenditen an irgendeinem Punkt über dem nominalen BIP-Wachstum liegen dürften. Aus beiden Gründen ist mittelfristig ein Plan zur Haushaltskonsolidierung wünschenswert. Und ohne einen Anstieg der Geburtenrate oder zumindest eine gewisse Zuwanderung wird der technologische Fortschritt unverzichtbar, nach dem Japan strebt, um die von einer alternden Gesellschaft ausgehenden Herausforderungen zu bewältigen.

Doch die allgemeine düstere Stimmung in Bezug auf Japans Zukunftsaussichten ist stark übertrieben. Viele Länder könnten sich glücklich schätzen, wenn sie Japans Probleme hätten.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan; Copyright: Project Syndicate, 2018.


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Kurzprofil

Adair Turner
Adair Turner ist ein britischer Ökonom, Manager und Hochschullehrer, der seit 2005 Mitglied des House of Lords ist. Zudem sitzt Lord Turner dem Committee on Climate Change vor. Bis zum 31. März 2013 war er Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority.
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