Deutscher Gewerkschaftsbund

01.11.2018

Ausweg aus der Klimakrise

Der Ausstoß von Kohlenstoff muss reduziert werden. Am besten wäre, es gäbe gar keinen mehr. Das ist eine große Herausforderung, doch notwendig. Und wir können es schaffen. Die technischen Voraussetzungen existieren, die Kosten sind tragbar - wenn man es wirklich will.

 

Von Adair Turner

Kohlekraftwerk von RWE in Frimmersdorf

Die Zeit solcher Kohlekraftwerke läuft ab. Doch der Übergang zu Erneuerbaren Energien lässt sich ökonomisch und sozial verträglich organisieren. DGB/T.W. Van Urk/123rf.com

Mit dem Pariser Klima-Abkommen verpflichteten sich fast alle Länder im Dezember 2015, dass sie die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen. Sie stimmten zu, national Klimaschutzbeiträge zu beschließen, die ihre Emissionen im Verlauf des nächsten Jahrzehnts begrenzen oder reduzieren würden. Die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien übersteigen inzwischen die Investitionen in mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke deutlich; die Kosten für Batterien sinken, und die Absätze von Elektrofahrzeugen steigen. Selbst in Präsident Donald Trumps Amerika werden immer mehr Kohlekraftwerke dicht gemacht.

Trotz dieser Fortschritte enthält der jüngste Bericht des Weltklimarates (IPCC) eine ernüchternde Prognose: Bei Fortsetzung der aktuellen Trends steuert die Welt auf eine globale Erwärmung von drei Grad bis 2100 zu. Das ist ein Niveau, das seit mehr als einer Million Jahren nicht erreicht wurde. Die Schäden für das Gemeinwohl dürften katastrophal ausfallen. Der IPCC-Bericht stellt klar, dass das ideale Ziel eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad sein sollte. Über diesem Niveau werden die negativen Folgen immer extremer. Doch um dieses Ziel zu erreichen, müssten die weltweiten CO2-Emissionen bis circa 2055 einen Nettowert von null erreichen – und sogar noch früher, wenn die Emissionen noch mehrere Jahre auf ihrem derzeitigen Niveau verharren.

Die Emissionen müssen bis 2060 auf nahe null sinken

Die genauen Folgen für akzeptable Emissionen aus Kraftwerken, Industrieanlagen, Verkehrsnetzen und Heizsystemen sind davon abhängig, wie schnell die Emissionen beseitigt werden können, die durch eine veränderte Landnutzung wie etwa die Entwaldung verursacht wurden, und wie schnell Emissionen anderer Treibhausgase wie Methan oder Stickstoffoxid verringert werden können.

Klar jedoch ist: Wenn wir es nicht schaffen, die Emissionen aus dem Energieverbrauch und der Industrie bis etwa 2060 auf einen Wert nahe null abzusenken – und früher in den hochentwickelten Volkswirtschaften –, müssen wir uns auf die riskante Annahme verlassen, dass Änderungen bei der Landnutzung Ende des 21. Jahrhunderts hohe negative Emissionen liefern werden. Passiert das nicht, wird die Erwärmung auf deutlich über 1,5 Grad steigen.

Sonnenkollektoren und ein Mitarbeiter mit gelbem Helm, der dazwischen entlangt geht.

In der Umweltpolitik bleibt nur begrenzt Zeit, neue Techniken zu fördern, will man die Klimaziele von Paris erreichen. DGB/Worradirek Muksab/123rf.com

In nur vier Jahrzehnten Emissionsfreiheit zu erreichen wird eine Riesenherausforderung. Doch wie in dem in Kürze erscheinenden Bericht der Energy Transitions Commission argumentiert wird, ist es unzweifelhaft möglich, und zwar zu für die Weltwirtschaft annehmbar niedrigen Kosten. Zudem kennen wir die wichtigsten Technologien, die wir zum Erreichen dieses Ziels brauchen.

Alle praktikablen Wege zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft und letztlich zu CO2-Emissionsfreiheit erfordern, dass der Stromanteil bei der Energieendnachfrage von heute rund 20 Prozent bis Mitte/Ende des Jahrhunderts auf etwa 60 Prozent ansteigen muss. Die weltweite Stromerzeugung würde drastisch von heute 25.000 auf bis zu 100.000 Terrawattstunden steigen.

Atomkraft und Gas werden noch eine Rolle spielen

Dieser Strom muss aus kohlenstoffarmen Quellen kommen. Und während Atomkraft und eine durch Kohlendioxidabscheidung ausgeglichene Stromerzeugung aus Gas dabei möglicherweise eine Rolle spielen werden, sollte der Löwenanteil aus erneuerbaren Quellen kommen – beim IPCC-Szenario sind es 70 bis 80 Prozent. Zum Glück gibt es auf der Welt ausreichend Land, um eine Ausweitung erneuerbarer Energien in diesem Umfang zu unterstützen. Und solange wir schnell handeln, reicht auch die Zeit, um die notwendigen Investitionen zu tätigen.

Ein Elektro-Fahrrad steht an einer Stromsäule und wird aufgeladen.

Elektro-Mobilität wird neben sauberer Industrieproduktion für schadstofffreie Luft eine wichtige Rolle spielen. DGB/fujisl/123rf

Drei weitere Gruppen von Technologien werden ebenfalls unverzichtbar sein. Erstens müssen Wasserstoff, Ammoniak und möglicherweise Methanol als Energieträger in Transport- und Industrieanwendungen und als chemische Ausgangsstoffe verwendet werden. Alle drei werden letztlich synthetisch produziert werden und dabei sauberen Strom als letztliche Energiequelle nutzen.

Zweitens könnte Biomasse einen kohlenstoffarmen Flugtreibstoff oder Ausgangsstoffe für die Kunststoffproduktion bieten. Der Gesamtnutzungsumfang muss dabei freilich sorgfältig gesteuert werden, um schädliche Auswirkungen auf Ökosysteme und Nahrungsmittelversorgung zu vermeiden.

Drittens sollten die Abscheidung von CO2 und seine Speicherung oder Verwendung in zentralen Industrieverfahren wie der Zementproduktion zumindest eine gewisse Rolle spielen. Dort stehen  praktikable alternative Routen zur Dekarbonisierung derzeit nicht zur Verfügung.

0,6 Prozent des globalen BIP reichen bis 2050 für ein besseres Klima

Der Aufbau einer kohlenstofffreien Wirtschaft wird natürlich massive Investitionen in die Stromerzeugung und -übertragung, neue Industrieanlagen und effizientere Ausrüstung erfordern. Um das Ziel von 1,5 Grad zu erreichen, sind laut IPCC-Schätzungen von 2015 bis 2050 zusätzliche weltweite Investitionen von möglicherweise 900 Milliarden Dollar jährlich erforderlich. Dies mag wie eine erschreckend hohe Zahl erscheinen. Doch geht man von 3 Prozent Wirtschaftswachstum jährlich aus, würde das globale BIP (derzeit fast 100 Billionen Dollar) bis 2050 260 Billionen erreichen. Dies impliziert, dass die Welt während der kommenden vier Jahrzehnte weniger als 0,6 Prozent ihrer Einnahmen aufwenden müsste, um potenziell katastrophale Schäden Mensch und Umwelt zu vermeiden.

China allein investiert derzeit jedes Jahr mehr als fünf Billionen Dollar. Ein erheblicher Anteil davon wird auf den Bau von Wohnblöcken in Städten mit stagnierenden und irgendwann zurückgehenden Bevölkerungszahlen verwandt; in diesen Wohnungen wird also nie jemand leben. Durch Umleitung dieser Investitionen könnte China eine kohlenstofffreie Wirtschaft aufbauen, ohne dass dabei Opfer beim Konsum nötig wären. Weltweit wäre das Erreichen der Netto-Emissionsfreiheit möglich, ohne den Lebensstandard zu senken.

Kohlenstofffreie Wirtschaft und hoher Lebensstandard

Doch während eine kohlenstofffreie Wirtschaft unzweifelhaft technisch machbar und ohne weiteres bezahlbar ist, wird sie sich nicht ohne einen starken politischen Willen und zukunftsgerichtete Unternehmensstrategien erreichen lassen. Die Regierungen müssen dafür sorgen, dass der Ausstoß von Kohlenstoff teuer wird sowie Schlüsseltechnologien und -infrastrukturen unterstützen. Energie-Konzerne und die wichtigsten Energie verbrauchenden Branchen müssen Strategien entwickeln, wie sie von heute an bis Mitte des Jahrhunderts Emissionsfreiheit herstellen.

Die Alternative ist ein weiteres Jahrzehnt lediglich schrittweiser Fortschritte, das uns auf einen Weg in die Katastrophe mit 3 Prozent Klimaerwärmung führt – und das innerhalb der Lebensspanne der heutigen Kinder.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2018

 


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Kurzprofil

Adair Turner
Adair Turner ist ein britischer Ökonom, Manager und Hochschullehrer, der seit 2005 Mitglied des House of Lords ist. Zudem sitzt Lord Turner dem Committee on Climate Change vor. Bis zum 31. März 2013 war er Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority.
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