Deutscher Gewerkschaftsbund

11.10.2018

Der Mann in Trumps Ohr

US-Präsident Donald Trump unterstützt sklavisch die Politik der israelischen Regierung. Gleichzeitig spielen Antisemiten und rechtsextreme Ideologen in seinem Umfeld eine wichtige Rolle, allen voran der smarte und eiskalte Stephen Miller. Und das hat Folgen.

 

Von Ian Buruma

Stephen Miller

Stephen Miller ist der Mann, der an Trumps schlimmste Instinkte appelliert: aggressiven Chauvinismus, rachsüchtige Abscheu gegenüber Liberalen, Feindseligkeit gegenüber Minderheiten. Reuters/Leah Mills

Es gibt eine Menge komischer Typen in der Entourage von US-Präsident Donald Trump. Doch wenige sind so seltsam – oder so unheimlich – wie der 33-Jährige Stephen Miller, Trumps Redenschreiber und wichtigster Berater. Miller ähnelt einem Typ Rechtsextremen, wie man ihn viel häufiger in Europa als in den USA findet: jung, glatt und im eleganten Anzug strahlt er tatsächlich einen Hauch von Dandy aus. Es ist ein geschickter Hetzer, dessen aufwieglerische Rhetorik gegen Einwanderer und Flüchtlinge – "Wir werden diese Mauer hoch bauen, und wir werden sie groß bauen!" – die Mengen bei Trump-Auftritten zur Raserei treibt. Eine seiner aufheizenden Ideen ist, dass Migranten die Amerikaner mit schrecklichen Krankheiten infizieren werden.

Miller appelliert an Trumps schlimmste Instinkte: aggressiven Chauvinismus, rachsüchtige Abscheu gegenüber Liberalen, Feindseligkeit gegenüber Minderheiten. Seine Parteinahme ist extrem. Hier ein Zitat: "Für alles, was heute mit diesem Land nicht stimmt, sind die Menschen verantwortlich, die gegen Donald Trump sind!" Vielleicht glaubt er das sogar selbst.

Trump erwähnte Juden nicht einmal am Holocaust-Gedenktag

Merkwürdig an Miller ist unter anderem der scheinbare Konflikt zwischen seinen Ansichten über Einwanderer, Flüchtlinge und Minderheiten und seinem persönlichen Hintergrund. Er stammt von Juden ab, die in die USA kamen, nachdem sie vor Pogromen in Weißrussland geflüchtet waren. Er wuchs in Kalifornien auf. Seine Eltern waren Demokraten. Er selbst jedoch las schon auf der High-School rechtsextreme Literatur (Zeitschriften gegen Schusswaffenkontrolle und Ähnliches) und pflegt seitdem Verkehr mit Ideologen, deren Ideen häufig kaum von Antisemitismus zu unterscheiden sind. In Trumps Rede im letzten Jahr anlässlich des Holocaust-Gedenktages wurden Juden noch nicht einmal erwähnt; manche glauben, dass Miller der Autor war.

Miller bezeichnet sich selbst als Patrioten. Es ist natürlich nichts ungewöhnlich daran, wenn Juden amerikanische, französische, britische, russische oder auch deutsche Patrioten sind. Auch gibt es keinen Grund, warum Juden nicht konservativ sein sollten. Margaret Thatcher berief eine Reihe Juden in hohe Ämter, was den ehemaligen Premierminister Harold MacMillan zu der schnippischen Bemerkung veranlasste, in ihrem Kabinett gäbe es "mehr alte Estländer als alte Eton-Schüler".

VIDEO des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA)

 

Es gibt neben Miller noch andere Juden in Trumps Umfeld. Trump ernannte Gary Cohn zum Direktor des Nationalen Wirtschaftsrates und Steven Mnuchin zu seinem Finanzminister. Keiner von beiden ist Nativist, also fremdenfeindlich und gegen Einwanderung. Cohn wäre im vergangenen Jahr beinahe zurückgetreten, als Trump die gewalttätigen Mobs aus weißen Rassisten in Charlottesville (Virginia) verteidigte. Er trat dann in diesem Jahr zurück, aber aus Protest gegen die Einführung von Zöllen auf Stahlimporte. Wie Mnuchin glaubt auch Cohn an niedrige Steuern und ungehindertes, freies Unternehmertum.1

Es ist schon ungewöhnlich, gleichzeitig Jude und Nativist zu sein – zumindest außerhalb von Israel. Doch die Frankfurter Allgemeine Zeitung vermeldete kürzlich, dass eine Anzahl von Juden der einwandererfeindlichen Alternative für Deutschland (AfD) beigetreten sei. Viele von ihnen sind offenkundig russischer Abstammung. Das Hauptmotiv dafür, dass sie sich den Rechtsextremen angeschlossen haben, scheint eine übertriebene Furcht zu sein, dass die Muslime kurz davor stünden, den Westen zu zerstören. Miller wird von einer ähnlichen apokalyptischen Vision heimgesucht. Und es gibt noch andere seiner Art, etwa den Kasinomagnaten und wichtigen Trump-Unterstützer Sheldon Adelson.

Juden sind normalerweise keine Anhänger von Blut-und-Boden-Ideologien

Doch es gibt überzeugende Gründe, warum Juden in der Diaspora normalerweise keine Nativisten werden. Nativistische Bewegungen, die auf den besonderen Privilegien von Blut und Boden beharren, waren in der Vergangenheit unweigerlich schlecht für Minderheiten, insbesondere Juden, und führten zu der Art von Gewalt, die Millers Urgroßeltern aus ihrem Heimatland vertrieb.

Einige finden es verblüffend, dass Antisemiten die Juden in der Vergangenheit beschuldigt haben, entweder archetypische Bolschewisten oder archetypische Kapitalisten zu sein. Historisch gesehen waren die meisten Juden, die in armen Dörfern lebten, weder das Eine noch das Andere. Doch die Attraktivität linker Ideen für jüdische Intellektuelle ist kaum verwunderlich. Karl Marx selbst hoffte, dass ethnische und religiöse Unterschiede keine Rolle mehr spielten, wenn sich die arbeitende Bevölkerung der Welt erst einmal vereinigt haben würde. Und Voltaire, nicht gerade ein Freund der Juden, bemerkte einmal über die Londoner Börse: „Hier handeln Jude, Mohammedaner und Christ miteinander, als ob sie alle vom selben Glauben wären, und verwenden das Wort Ungläubige nur für Leute, die bankrottgehen“. Der Kapitalismus überschreitet bekanntlich Grenzen.

Evangelikale Christen sitzen bei einem Empfang im Weißen Haus an runden Tischen mit weißen Decken.

Die führenden Evangelikalen in den USA, hier zu Gast im Weißen Haus, untersützen Trump und seine Israel-Politik. Über die rechtsextremen Berater sehen sie hinweg. Weißes Haus/Gemeinfrei

Auswanderung war seit dem achten Jahrhundert vor Christus das Schicksal der Juden – keineswegs immer freiwillig. Offene Gesellschaften, religiöse Toleranz und Freizügigkeit sind seltene Segnungen. Daher die traditionelle Attraktivität von Orten wie Amsterdam oder in der Tat den USA. Sie erklärt, warum amerikanische Juden weiterhin überwiegend die Demokraten wählen, selbst nachdem sie wohlhabender geworden sind. Der konservative amerikanische Intellektuelle Norman Podhoretz hat 2009 ein Buch mit dem Titel "Why Are Jews Liberals?" geschrieben. Er war verblüfft von der Vorstellung, dass, wie sein Mitkonservativer Milton Himmelfarb spottete, "Juden wie Episkopale verdienen und wie Puerto-Ricaner abstimmen".

Doch daran ist nichts Verblüffendes. Das Misstrauen gegenüber dem Nativismus ist das Ergebnis langer, blutiger Erfahrungen. Und heute untermauert es eine wachsende Ernüchterung unter amerikanischen Juden gegenüber Israel. Auch im Heiligen Land ist ein Nativismus, der jüdische Rechte auf Kosten der Araber betont, im Zunehmen begriffen. Obwohl der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sich, wann immer es ihm passt, auf den Holocaust beruft, steht er ideologisch evangelikalen Eiferern und rechtsextremen Nativisten wie seinem ungarischen Amtskollegen Viktor Orbán näher als den meisten jüdischen Amerikanern.

Die große Mehrheit der Juden in den USA ist gegen Trump

Dies ist der Grund, warum die meisten Juden trotz des vielen Geredes über mächtige jüdische Lobbys in Washington weiterhin gegen Trump stimmen werden, auch wenn er ein beinahe sklavischer Unterstützer der israelischen Regierung ist und den Palästinensern offen feindselig gegenübersteht. Dies ist zugleich der Grund, warum Miller ein so merkwürdiger Fall bleibt. Anlässlich der Feierlichkeiten zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana im vergangenen Monat verurteilte Millers ehemaliger Rabbi, Neil Comess-Daniels, Millers Politik als "völligen Gegensatz zu allem, was ich über das Judentum weiß". Ich bin mir nicht sicher, dass die jüdische Theologie eine derart vehemente Aussage stützt, aber seine Empfindungen sind eindeutig.

Als William Kristol, ein neokonservativer Kommentator, der früher einmal mit der harten Rechten flirtete, seine Abscheu gegenüber Trump äußerte, nannte David Horowitz, einer von Millers Mentoren, Kristol einen "abtrünnigen Juden". Sigmund Freud hätte dies als "Projektion" bezeichnet. Tatsächlich reicht das Konzept zumindest bis zum babylonischen Talmud zurück, der warnte: "Verspotte deinen Nachbarn nicht mit dem Makel, den du selbst hast."


1 Jared Kushner kann man in dieser Diskussion außen vor lassen, denn der einzige Grund für seine Anwesenheit im Weißen Haus ist seine Ehe mit Trumps Tochter Ivanka.

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Übersetzt von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2018


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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