Deutscher Gewerkschaftsbund

04.09.2017

Das verschenkte TV-Duell

Martin Schulz hatte keine Chance gegen Angela Merkel. Doch das lag nicht an dem Kanzlerkandidaten und schon gar nicht an der Kanzlerin, sondern an den ModeratorInnen und dem öden Frage-Antwort-Spiel. Kritik eines gescheiterten TV-Formats.

Von Daniel Haufler

Angela Merkel und Martin Schulz bei der TV-Debatte

Die Kanzlerin lächelt süffisant, ihr Herausforderer eher angespannt. Screenshot

Einige Vorhersagen sind einfach: Bayern München gewinnt die Meisterschaft; die neuen Kaninchen werden bei guter Pflege acht Jahre alt – und Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin. Damit wären schon mal die wichtigsten Themen erledigt. Wirklich? Nun ja, Bayern könnte dieses Mal mit seinem überalterten Kader scheitern, eines der Kaninchen einen Herzinfarkt haben (gab es leider auch schon mal) – und Angela Merkel die Gunst der Wähler verlieren. Wirklich? Ja, zumindest was Bayern und die Kaninchen betrifft. Bei der Kanzlerin kann man sich derzeit eigentlich nichts vorstellen, was eine vierte Amtszeit verhindert. Keine Fehler Merkels, keine überragenden Auftritte ihres Herausforderers Martin Schulz, keine Themen, die eine Mehrheit besser bei der SPD oder der aktuellen Opposition aufgehoben sähe. So sah es vor dem "TV-Duell" aus – und so ist es danach.

Abwahl der SPD aus der Regierung

Es fehlt, kurz gesagt, die berühmte Wechselstimmung. Schließlich besagt eine banale Weisheit der Politologie in diesem Land: Nicht die Opposition wird ins Amt gewählt, sondern die Regierung abgewählt. Und so wie es derzeit aussieht, wird, wenn überhaupt, nur die SPD aus der Regierung gewählt (gab es leider auch schon mal) und nicht die Kanzlerin mit ihrer Union. Wenn es so kommt, bleibt nur eine Frage: Kann Merkel wieder mit der leicht aufpolierten FDP allein die Regierung bilden oder müssen die Grünen noch als Mehrheitsbeschaffer gewonnen werden? Das wäre nicht ganz einfach, aber die Umweltpartei hat längst Franz Münteferings Spruch verinnerlicht, dass Opposition Mist ist, und sich in Koalitionsfragen als, nennen wir es mal, geschmeidig erwiesen.

Für alle, die nicht "digital natives" sind: Facepalm (englisch face = ‚Gesicht' und
englisch palm = ‚Handfläche') ist Internetjargon. Das Wort beschreibt, wenn man
mit einer Hand Teile des Gesichts bedeckt, weil man sich (fremd-)schämt.

Franz Müntefering, immerhin zweimal kurzzeitig SPD-Vorsitzender und auch schon mal Vizekanzler von Angela Merkel, durfte dann gestern Abend den Auftritt seines Nach-Nachfolgers in der SPD in der Talk-Sendung von Anne Will loben. Der Kanzlerkandidat habe getan, was zu tun war – Merkel angreifen bei den Themen Rente, Flüchtlingspolitik oder Türkei. Allerdings seien wichtige Themen, gar nicht oder nur kaum vorgekommen. Und damit hatte Müntefering tatsächlich Recht: der Sozialpolitik räumten die Moderatoren lediglich wenige Minuten ein; Investitionen, Bildung und Steuergerechtigkeit kamen nur ganz am Rande vor, Klimapolitik, Digitalisierung oder eine Frage nach den großen Projekten, die eine künftige Regierung von Merkel oder Schulz verfolgen würden, überhaupt nicht.

Einseitige Themenauswahl zulasten von Martin Schulz

Vor allem dank der völlig einseitigen Themenauswahl hatte Schulz keine Chance. Und er fand auch keine Mittel, sich aus dem Frage-Antwort-Korsett zu befreien, zumal es in der ersten Hälfte eher ein Duell war zwischen den Moderatoren auf einen Seite, die mit den vermeintlichen Ängsten der BürgerInnen in der Flüchtlingspolitik argumentierten – die AfD dürfte es gefreut haben – und den vernünftigen Politikern Merkel und Schulz auf der anderen Seite, die so zu einer ungewollten großen Koalition der Moderation gezwungen waren.

Wenn dieses TV- Duell eine Erkenntnis gebracht hat, dann: dieses Format kann so nicht funktionieren, nicht nur aufgrund der schlechten Moderatoren. Eine einzige Sendung mit den Kandidaten kann unmöglich alle wichtigen Themen sinnvoll behandeln; zudem verhindert das vorgegebene Frage-Antwort-Spiel jede Debatte – und damit genau das, was den BürgerInnen einen wirklichen Eindruck von den Argumenten und der Fähigkeit der Kandidaten vermitteln könnte: eine Kontroverse über politische Inhalte. Das vorgegebene Format bevorzugt letztlich immer den Amtsinhaber, der es nicht schaffen muss, sein Gegenüber in einem rhetorischen Schlagabtausch in die Enge zu treiben.

Zwei Männer in Badehosen vor dem Meer im Gegenlicht

Die Hoffnung lebt: Wenn diese Männer den Atlantik überqueren können, dann kann auch Martin Schulz die Wahlen gewinnen. Archiv

Noch nichts entschieden

Der einzige Trost für Schulz aus der empirischen Sozialwissenschaft ist: TV-Debatten haben noch keine Wahl hierzulande entschieden, und auch aus den USA weiß man, dass die Duelle in den Medien gnadenlos überschätzt werden. Barack Obama hat trotz eines Aussetzers in der ersten Debatte gegen Mitt Romney souverän die Wahlen gewonnen. Hillary Clinton nutzte all ihre Kompetenz und Schlagfertigkeit nichts gegen Donald Trump.

Es lohnt sich also noch für die Sozialdemokraten und ihren Kanzlerkandidaten zu kämpfen – vielleicht nach dem Motto: Du hast keine Chance, aber nutze sie! Es stammt von dem bayerischen Dramatiker, Künstler und Regisseur Herbert Achternbusch. In seinem Film "Die Atlantikschwimmer" von 1976 stehen der Bademeister Herbert und der Briefträger Heinz am Meeresufer und wollen weg, aber sie haben kein Schiff für die geplante Atlantiküberquerung. Da sagt Herbert, gespielt von Achternbusch selbst, den berühmt gewordenen Satz, steigt angekleidet ins Wasser und schwimmt los.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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