Deutscher Gewerkschaftsbund

26.04.2018

Die Verwirrung des Markus Söder

Die CSU hat Angst vor den nächsten Wahlen. Deshalb hat Bayerns neuer Ministerpräsident das christliche Kreuz zum bayerischen Kreuz gemacht. Damit jedoch gefährdet er den gesellschaftlichen Zusammenhalt und tut nur der AfD einen Gefallen.

 

Kommentar von Daniel Haufler

Postkarte mit Kreuzen und Herz, in dem gedruckt steht: Jesus in my heart

Selbst die Hersteller der Kitsch-Postkarte wissen, wofür das Kreuz steht. DGB/Colourbox.de

Es ist schon erstaunlich: Der bayerische Ministerpräsident weiß offenkundig wenig vom Christentum. Wäre es anders, hätte er seine Landesregierung nie beschließen lassen, dass in allen Behörden Bayerns künftig ein Kreuz hängen muss, weil das "Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns" sei. Anscheinend denkt Markus Söder, dass der Hügel Golgatha im bayerischen Voralpenland oder vielleicht auch im Ammergebirge liegt – immerhin gibt es ja in Oberammergau berühmte Passionsfestspiele.

Doch: Das Kreuz ist eben keine Folklore – jedenfalls für Christen. Es ist vielmehr, dass Symbol dafür, dass Gottes Sohn an diesem Folterwerkzeug für die Menschen gestorben ist, um sie von ihren Sünden zu erlösen. Es ist das Symbol der Erlösung und der Hoffnung, der Verbindung von Himmel und Erde. Das Kreuz ist eines der einfachsten Zeichen der Welt und das Erkennungszeichen der Christenheit. Das lernt in Bayern gewiss jedes Kind in der Schule, nur Markus Söder hat diesen Teil des Unterrichts wohl verpasst, auch wenn in seinem Klassenzimmer sicher ein Kreuz hing.

Gemälde der Kreuzigung Christi, wahrscheinlich  von Giotto di Bondone

Die Kreuzigung Christi, Gemälde von 1330, das dem Maler Giotto (di Bondone) zugeschrieben wird. DGB/Flickr/Frans Vandewalle/CC BY-NC 2.0

Man könnte Söders Kreuz-Aktion sogar schlicht für Blasphemie halten. Schließlich verleugnet er das Christentum mit seiner Balkensepp-Nummer – und dazu heißt im 3. Buch Mose klipp und klar: „Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.“ Doch wir leben ja in aufgeklärten oder sogar postmodernen Zeiten und wollen daher Vernunft walten lassen. Und jeder, der vernünftig über den Kreuz-Beschluss nachdenkt, kann nur zu dem Schluss kommen: Das ist blanker und gefährlicher Populismus, und unchristlich noch dazu.

Das Kreuz als Zeichen der Abschottung

Denn das Kreuz soll nicht alle in Bayern lebenden Menschen integrieren, sondern Muslime und Juden, Atheisten und Agnostiker ausschließen. Das Ziel: Söders CSU will so im Wahlkampf die eigene Klientel mobilisieren. Der Kruzifix-Befehl geht schließlich einher mit einer neuen Grenzpolizei und einem Landesamt für Asyl, das abgelehnte Asylbewerber schneller und effizienter abschieben soll. Söder hofft, dass er der AfD in Bayern mögliche Wähler abspenstig machen kann, ohne Rücksicht auf Recht und Religion.

Kreuz durch einen Kreis

Das Kreuz, um das es Söder wirklich geht - auf einem Wahlzettel für die CSU. DGB

Das ist freilich nicht neu. Schon 1983 hat Bayern mit dem Kreuz Politik gemacht. Damals verordnete die CSU, dass in jedem bayrischen Klassenzimmer ein Kreuz zu hängen habe. Das Verfassungsgericht erklärte die Regelung später für verfassungswidrig und damit nichtig. Es verbot nicht das Aufhängen von Kreuzen, wie es im Kruzifix-Streit von Konservativen oft behauptet wurde, sondern lediglich die Pflicht dazu. In der Entscheidung wies das Gericht explizit daraufhin, dass das Kreuz nicht lediglich ein kulturelles oder überreligiöses Zeichen sei: „Das Kreuz ist Symbol einer bestimmten religiösen Überzeugung und nicht etwa nur Ausdruck der vom Christentum mitgeprägten abendländischen Kultur.“

Es ist mithin klar, dass auch die neue Kruzifix-Regelung irgendwann als verfassungswidrig verdammt wird. Bis dahin jedoch schadet die CSU mit ihrem Populismus allen Versuchen, eine offene Gesellschaft zu schaffen für alle Religionen und Ethnien, die hier in Deutschland und sogar in Bayern seit Jahren und teils Jahrzehnten ihre Heimat gefunden haben. Die folkloristische Vorstellung Söders erinnert an eine Zeit, als die Mehrheit der Deutschen von einer ethnisch und religiös homogenen Gesellschaft träumte. Heute tun das noch viele Rechtsradikale, angefangen bei der AfD. Wenn die CSU sich diesen Rechten anschließt, gefährdet das nicht nur die große Koalition, sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt im ganzen Land. Christlich ist das wahrlich nicht.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai 2017 verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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