Deutscher Gewerkschaftsbund

14.09.2018

Das Ende vom Anfang der nächste Krise

Mit der Lehman-Pleite vor genau zehn Jahren geriet die Finanzkrise endgültig außer Kontrolle, die Geldmärkte trockneten komplett aus, und die Staaten mussten zahlreiche Banken retten. Was haben wir daraus gelernt? Fast nichts! Die Banken haben weiterhin viel zu wenig Eigenkapital, die unregulierten "Schattenbanken" mehr Geld denn je. Die Spekulation geht trotz ein paar neuer Regularien ungebremst weiter. Bis zum nächsten Crash.

 

Von Ulrike Herrmann

Der Vorstandsvorzitzende von Lehman Brothers, Richard Fuld, steht im Kongress bei einer Anhörung, hinter ihm Protestschilder, die ihm Gier vorwerfen.

Richard Fuld war CEO der bankrott gegangenen Bank Lehman Brothers. Vor dem Kongress gab er der Politik eine Mitschuld. Protestierende sahen das anders. Reuters/Jonathan Ernst

Die Finanzkrise vor zehn Jahren war ein Schock – mit dem alle eigentlich rechnen mussten. Selbst Laien sahen schon lange vorher, dass es doch eigenartig war, wie sich die Hauspreise in den USA in nur wenigen Jahren verdoppelt hatten. Bereits zwischen Januar 2004 und Sommer 2005 verzehnfachten sich bei Google die Suchanfragen zum Begriff "Immobilienblase", und die US-Medien erwähnten dieses Wort im Jahr 2005 bereits 3447-mal. Selbst jenseits des Atlantiks erkannte man früh, dass sich in den USA eine Finanzkrise anbahnte. Ab 2005 diskutierten auch deutsche Medien, ob sich eine Immobilienblase in den USA aufpumpte.

Doch naiv nahmen die meisten an, dass nur eine "normale" Rezession drohen würde. Fast niemand erwartete ein weltweites Finanzbeben. Zu den Spätmerkern gehörte auch der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), der die Zeichen der Zeit noch nicht einmal erkannte, als die US-Investmentbank Lehman Brothers bereits zusammengebrochen war.

Das ist eine Krise der USA, glaubte Steinbrück. Was für ein Irrtum

Noch am 28. September 2008 erklärte Steinbrück im Bundestag frohgemut: "Die USA - darauf lege ich gesteigerten Wert - sind der Ursprung der Krise, und sie sind der Schwerpunkt der Krise. Es ist nicht Europa, und es ist nicht die Bundesrepublik Deutschland." Dies erwies sich leider als Irrtum. In Deutschland liefen immense Schäden für den Steuerzahler auf, die am Ende bis zu 70 Milliarden Euro betragen dürften, weil viele hiesige Banken ein allzu großes Rad auf den Finanzmärkten gedreht hatten.

Lehman Brothers war keineswegs die erste Bank, die in Schwierigkeiten geriet. Bereits im Februar 2007 brachen die ersten Fonds in den USA zusammen; im Juli 2007 musste die IKB gerettet werden, im August 2007 die SachsenLB. Neu war bei Lehman nur, dass die Bank nicht aufgefangen, sondern in den ungeordneten Konkurs geschickt wurde. Staunend sah die Welt am 15. September 2008 am Fernseher zu, wie aufgelöste Angestellte ihre Aktenordner aus dem New Yorker Wolkenkratzer trugen.

Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück garantieren den Deutschen ihre Spareinlagen. Das beruhigt die meisten, auch wenn es eigentlich nicht realistisch ist.

Die US-Regierung schickte Lehman in die Pleite, weil es eine eher kleine Bank war. Die Bilanzsumme betrug nur 691 Milliarden Dollar. Zudem war es eine reine Investmentbank, die keine Einlagen von normalen Sparern hatte. In Washington glaubte man, dass niemand Lehman vermissen würde, weswegen man auch vergaß, die europäischen Regierungen zu informieren. Es kam bekanntlich jedoch anders als gedacht. Mit der Pleite von Lehman Brothers geriet die Finanzkrise endgültig außer Kontrolle, denn nun trockneten die Geldmärkte komplett aus. Banken und Fonds gewährten sich gegenseitig keine Kredite mehr, so dass über Nacht selbst gesunde Institute vor dem Zusammenbruch standen.

Nach der Lehman-Pleite sprang die Finanzkrise auf die Realwirtschaft über

Um das Chaos zu stoppen, blieb den Regierungen keine Wahl: Sie mussten alle Bankguthaben garantieren. Auch Kanzlerin Merkel stellte sich publikumswirksam vor die Kamera, um denSparerInnen zu versprechen, "dass ihre Einlagen sicher sind". Ein einziger ungeordneter Konkurs hatte gereicht, um Regierungen weltweit zu überzeugen, dass man sich weitere Bankpleiten nicht leisten konnte. Der Schaden war jedoch geschehen: Mit der Lehman-Pleite sprang die Finanzkrise auf die Realwirtschaft über. Die Aktienkurse brachen ein, Investitionen wurden aufgeschoben, der Konsum lahmte, die Kreditvergabe stockte, die Arbeitslosigkeit stieg. Die deutsche Wirtschaftsleistung schrumpfte im Jahr 2009 um minus 5,1 Prozent, was einen einsamen Negativrekord in der Geschichte der Bundesrepublik darstellt.

Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise von 1929 wurden wach, doch die Politiker hatten die historische Lektion gelernt. Diesmal wurde nicht in die Krise hinein gespart, sondern die meisten Länder legten Konjunkturpakete auf. Auch Deutschland gab knapp 50 Milliarden Euro aus, um die Wirtschaft zu stützen. Berühmt berüchtigt wurde beispielsweise die Abwrackprämie. Unerwartete Hilfe kam zudem aus China. Peking schob das größte Konjunkturprogramm an, das die Welt jemals gesehen hat. 2009 betrug es mehr als 19 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Das ist beispiellos, wie der englische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze feststellt: Derartige Ausgaben habe es im Westen "nur zu Kriegszeiten" gegeben. China stimulierte damit nicht nur sein eigenes Wachstum, sondern wurde erstmals zur Lokomotive für die gesamte Weltwirtschaft. Seither tritt Peking auf internationalen Konferenzen mit deutlich gesteigertem Selbstbewusstsein auf, zu Recht.

Protestzug gegen die Bankenrettung

Proteste gegen die Bankenrettung gab es schon, etwa 2009. Lang ist's her. DGB/Rainer Klotz/123rf.com

Ansonsten aber war die Lehman-Pleite keine Zäsur, sondern eine Bestätigung der Marxschen Erkenntnis: Die Krisen sind nicht das Ende des Kapitalismus – sondern sein Wesen. Oder mit Blick auf die aktuelle Lage gesagt: Nach der Krise ist vor der Krise. Alle Experten rechnen damit, dass sich jederzeit ein neues globales Finanzbeben ereignen kann. Denn an den zentralen Koordinaten hat sich nichts geändert. Die Banken haben weiterhin viel zu wenig Eigenkapital. Auf nur drei Prozent der Bilanzsumme muss es bis 2018 steigen, so sieht es das internationale Abkommen "Basel III" vor. Sobald eine neue Finanzkrise anrollt, wären die Banken also wieder pleite und müssten vom Staat gerettet werden, weil ihr Verlustpuffer nicht ausreicht.

Der letzte Crash hat den Armen und nicht den Reichen geschadet

Nach der Finanzkrise wurden zwar viele tausend Seiten an Vorschriften verfasst, um die Banken besser zu regulieren. Doch die Spekulation wurde nicht gebremst. Besonders beunruhigend: Die "Schattenbanken" sind noch größer geworden – also die unregulierten Geldmarktfonds, Investmentfonds oder Holdinggesellschaften. Der Ökonom Rudolf Hickel hat die Statistiken der G-20-Gruppe ausgewertet: "Es fällt auf, dass das weltweite Finanzvermögen nur noch zur Hälfte durch die regulierten Banken bewegt wird. Ende des Jahres 2015 wurde das Geschäftsvolumen der Schattenbanken auf 75 Billionen Dollar geschätzt. Davon galten 34 Billionen Dollar als extrem riskant. Das sind 13 Prozent der gesamten Finanzaktivitäten und 70 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung."

Eine neue Finanzkrise ist auch deswegen wahrscheinlich, weil der letzte Crash den Reichen gar nicht geschadet hat. Nach nur zwei Jahren hatten sie mehr Vermögen als zuvor. Gelitten haben die Armen, die ihre Jobs und Häuser verloren oder deren Löhne seither kaum gestiegen sind. Für die Vermögenden lohnt es sich nicht, eine Finanzkrise zu vermeiden. Daher kommt die nächste bestimmt.


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Kurzprofil

Ulrike Herrmann
ist Wirtschafts­korrespondentin der "tageszeitung" (taz). Sie ist ausgebildete Bankkkauffrau und hat Geschichte und Philosophie an der FU Berlin studiert. Zuletzt erschien ihr Buch "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können".
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