Deutscher Gewerkschaftsbund

07.09.2017

Erfolgsgeschichte neu erzählt

Ludwig Erhard gilt gemeinhin als Vater der "Sozialen Marktwirtschaft", der mit ihr im Westen Deutschlands Wohlstand für alle schaffen wollte. Ein neues Buch kann belegen: Ganz so, wie es diese Erzählung besagt, war es nicht. Eine interessante Neudeutung.

DM-Münzen mit dem Kopf Ludwig Erhard eingraviert

Der richtige Platz für Erhard: auf der Rückseite der Zwei-Mark-Münze. DGB/Wrangel/123RF

Kaum ein Begriff hat das Selbstverständnis von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der Bundesrepublik so geprägt wie „Soziale Marktwirtschaft“. Sie gilt als Schlüssel für Wachstum, Wohlstand und das „deutsche Modell“. Ihre Konzeption und Durchsetzung wird in Politik, Medien und Forschung auf die Vorarbeiten von Theoretikern wie Alfred Müller Armack oder Franz Böhm zurückgeführt. In die Praxis umgesetzt habe sie dann Ludwig Erhard mit der Währungsreform. Dieser Standarderzählung widerspricht der Berliner Historiker Uwe Fuhrmann. In seiner Studie geht er in einer historischen Dispositivanalyse dem Entstehungsprozess der Sozialen Marktwirtschaft nach.

Soziale Marktwirtschaft versus Wirtschaftsdemokratie

Die Dispositivanalyse ist eine von dem französischen Philosophen und Soziologen Michel Foucault inspirierte Methode. Sie fragt nach der Entstehung, Durchsetzung und Bedeutungsgeschichte eines Begriffs und der damit verbundenen Diskurse. Fuhrmann beschränkt sich aber nicht auf eine reine Diskursgeschichte, sondern verknüpft Diskursanalyse und Ereignisgeschichte so, dass die unterschiedlichen diskursiven wie nichtdiskursiven Elemente zu einer Gesamtstrategie – einem Dispositiv – verbunden werden, das sich gegenüber den in der damaligen Zeit durchaus wirkungsmächtigen Vorstellungen von Wirtschaftsdemokratie, Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien und volkswirtschaftlicher Gesamtplanung dauerhaft durchsetzen konnte. Die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft, so Fuhrmann, folgte weder einem von Erhard ersonnenen Plan, noch war sie bloße Propaganda, um die Restauration des westdeutschen Kapitalismus zu legitimieren.

Tagesration eines Normalverbrauchers an Essen auf einem Tisch: drei Scheiben Brot, etwas Haferflocken, Zucker und Marmelade

Vollwertig war die Ernährung auch nach dem Krieg keineswegs. Bundesarchiv

In seiner Arbeit untersucht er den historischen Kontext und die Herausforderungen des Notstandes im besetzten Deutschland. Zudem analysiert er die Formulierung und Realisierung des strategischen Dispositivs der freien Marktwirtschaft durch die Westalliierten und ihr deutschen Verbündeten, schildert den breiten Widerstand nach der Währungsreform und geht dann auf die durch den Druck der Protestbewegung erzwungene Modifizierung der Politik wie der Diskurse hin zum Begriff der sozialen Marktwirtschaft ein. Der historische Kontext der Nachkriegszeit ließ Alternativen durchaus zu, doch die Westalliierten suchten eine Strategie, die eben nicht in Vergesellschaftung, Wirtschaftsdemokratie und planvolle Ressourcensteuerung mündete. Sie wollten zügig den Notstand der Bevölkerung, den Hunger, die unzureichende Versorgung, den Mangel an Wohnraum und die zerstörter Infrastruktur beheben, damit sie die besiegten Deutschen mit Hilfslieferungen versorgen mussten.

Die Amerikaner wollten die kapitalistische Wirtschaft

Den USA ging es zudem darum, das produktive System einer kapitalistischen Wirtschaft durchsetzen. In diesem Sinne verhinderten sie die Umsetzung der Sozialisierungsbestimmungen der Verfassungen von NRW und Hessen und verfolgten das Ziel einer umfassenden Währungsreform. Diese Politik wurde von Ludwig Erhard, dem Direktor der bizonalen Wirtschaftsverwaltung, flankiert mit einer Politik der freien Marktwirtschaft. Ihr Kern war die fast komplette Freigabe aller Preise in der Erwartung, der Stimulation von Wettbewerb, Produktivität und Wohlstand für alle. Mit dem Diskurs der freien Marktwirtschaft sollte dieser schockartige Übergang von der Bewirtschaftung zum ungehinderten Wettbewerb legitimiert werden. Marktwirtschaft wurde als Alternative zum Kapitalismus propagiert und als Gegensatz zur Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit oder des Sozialismus.

Eine Frau schaut ihr Haushaltsbuch durch und zählt das verbliebene Geld auf dem Tisch 1948

Auch nach der Währungsreform 1948 mussten die meisten noch sprichwörtlich jeden Pfennig zwei Mal umdrehen. Bundesarchiv

Mit der Währungsreform, der von Erhard und der Wirtschaftsverwaltung mit einer weitgehenden Preisfreigabe flankiert wurden, füllten sich die Läden, aber die Menschen konnten mit dem neuen Geld kaum etwas kaufen. Denn die niedrigen Umtauschquoten, der weiterhin bestehende Lohnstopp und die Mondpreise für die nun zur Verfügung stehenden Güter und Dienstleistungen verfestigten das Elend von Millionen. Auf Notstand folgte Widerstand gegen den Wucher und gegen die neue Freiheit der Marktwirtschaft. An vielen lokalen Beispielen belegt Fuhrmann die breite Protestbewegung der Bevölkerung, die von vielen Betriebsräten initiiert und unterstützt wurde. Die Rolle der Gewerkschaften sieht er aber durchaus widersprüchlich. Denn sie formierten und verstärkten diesen Widerstand, der im Generalstreik vom 12. November 1948 gipfelte, kanalisierten aber zugleich die Proteste.

Protest und Generalstreik bewirkten dann die Modifizierung des strategischen Dispositivs: Aus Angst vor einer weiteren Eskalation beschloss der Verwaltungsrat der Wirtschaftsverwaltung umfangreiche Produktionsprogramme von preisgebundenen Waren und steuerte die Produktion durch die Zuteilung von Rohstoffen. Zudem wurden der Lohnstopp aufgehoben und die Sozialversicherungsleistungen aufgewertet.

Diese realpolitischen Elemente verknüpften sich mit einer Modifizierung des Diskurses, die eher aus der Not geboren, denn strategisch überlegt war. In einer Reaktion im Vorfeld des Generalstreiks sprach der Oberdirektor der Verwaltungsrates Hermann Pünder von „sozialer Marktwirtschaft“. Umgehend griffen die CDU Sozialausschüsse, der Wirtschaftsethiker von Nell Breuning, aber auch der DGB und zeitweise die SPD diesen Begriff auf und verbanden ihn mit ihren Vorstellungen einer sozialstaatlichen Regulierung zu der Mitbestimmung, Tarifautonomie, Soziale Sicherung und die soziale Verantwortung des Staates für das Wohl aller gehörten.

Plakat für Erhards Soziale Marktwirtschaft

Die CDU machte sich den Begriff "Soziale Marktwirtschaft" zu eigen - auch in der Auseindersetzung mit der SPD. KAS/ACDP 10-001: 858 CC-BY-SA 3.0 DE

Schlecht für die SPD

Dies geschah freilich anfangs gegen den Willen Erhards, da der sogenannte Vater der sozialen Marktwirtschaft anfangs nichts von ihr wissen wollte. Er befürchtete eine Politik verfolgen zu müssen, die gegen die reine Lehre vom Wettbewerb verstieß. Adenauer wiederum erkannte nach einigem Zögern schnell, die Offenheit dieses Begriffs. Für das Wahlprogramm der Union bei den anstehenden Bundestagswahlen 1949 war er ideal. SPD und DGB hielten dem ihre Vorstellungen von Wirtschaftsdemokratie entgegen, stellten die Soziale Marktwirtschaft aber nicht mehr grundsätzlich in Frage.

Fuhrmann bilanziert: „Die soziale Marktwirtschaft hatte sich als am besten an die gesellschaftliche Umgebung angepasst erwiesen, weil sie im entscheidenden historischen Augenblick viele einflussreiche Unterstützer gewann.“ Die Erläuterung einer neuen und in der deutschen Forschung weitgehend noch nicht rezipierten Methode ist Fuhrmann ebenso gut gelungen wie die Analyse von Diskurs und Ereignisgeschichte. Es ist an der Zeit die Anfänge der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik kritisch zu überarbeiten.

 


Umschlag von Uwe Fuhrmanns Buch Die Entstehung der "Sozialen Marktwirtschaft"

Uwe Fuhrmann: Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/ 1949. Eine historische Dispositivanalyse. UVK Verlag 2017, 360 Seiten, 39 Euro.


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Kurzprofil

Dr. Wolfgang Uellenberg-van Dawen
Historiker, 1982 – 2014 Hauptamtlich bei DGB, IGM und ver.di; dort zuletzt Leiter Politik und Planung in der Bundesverwaltung.
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