Deutscher Gewerkschaftsbund

27.06.2018

Sie spielen das Spiel zu Ende...

Bundeskanzlerin Merkel und Bundestrainer Löw finden sich seit einer Weile auf einer Rutschbahn nach unten. Nur wollen sie es nicht wahrhaben. Das kann bald zum Doppeldesaster für die Rumpelfüßler auf dem Rasen und in der Politik führen.

 

Von Norbert Seitz

Kinder als Fans mit Deutschland-Fahne.

Ob sie demnächst noch Grund zur Freude haben werden? DGB/Colourbox.de

Es gibt sie wieder die symbolischen Korrespondenzen und atmosphärischen Ähnlichkeiten zwischen Politik und Fußball. Dieses Mal bedarf  es keiner metaphorischen Kneifzange mehr, um beide Sphären in einer holprigen Parallelspur zu wähnen. Die Nationalmannschaft und Bundesregierung stecken in einer Krise, die auch dann nicht beendet sein dürfte, wenn Merkel den Bayern doch noch ein rettendes Remis abtrotzen sollte, und Löws Buben noch ein wenig im Turnier verweilen – ohne am Ende den Titel verteidigen zu können.

Den Zenit haben Löw und Merkel gleichzeitig überschritten

Der lange Zeit vorbildhafte Ruf der Deutschen gerät auf ein Mal ins Schlingern, die Schadenfreude über die deutschen Einserschüler ist europaweit spürbar: Sie drückt sich in Schlagzeilen zum Schweden-Krimi aus: "Danke Deutschland, dass Du noch lebst!", „Deutschland kommt immer wieder zurück, egal ob gut oder schlecht spielend.“ Oder in Anspielung auf das für sprichwörtlich gehaltene deutsche "Konsequenzbewusstsein", das einen freilich eher den Schauer über den Rücken treibt: "Sie spielen das Spiel zu Ende..."

Kanzlerin und Trainer – beide haben fast zur gleichen Zeit ihren Job begonnen, sie 2005, er 2006, und ihre Verträge enden 2021 bzw. 2022. Doch allmählich scheinen beide, ihren Zenit überschritten zu haben. Man hätte ihr und ihm statt ihrer Amtszähigkeit schon lange wohlwollend geraten, sich bei der UNO oder dem FC Barcelona zu verdingen, als weiterhin dem deutschen Nimbus der Unbesiegbarkeit zu frönen oder anders: sich am unverbrüchlichen deutschen Wesen wie der (Export-) Weltmeisterschaft aus dem eigenen Schlamassel ziehen zu wollen.

Angela Merkel blickt grimmig.

Angela Merkel blickte auch schon fröhlicher als jetzt, kurz vor dem Ende ihrer Karriere. DGB/Mykhaylo Palinchak/123rf.com

Früher korrespondierte Kohls ungedecktes Versprechen von den „blühenden Landschaften“ mit Beckenbauers siegestrunkener Prahlerei nach dem römischen Finale 1990, dass ihm die künftige Unschlagbarkeit des wiedervereinigten Deutschland für den Rest der Welt leid tue. Dem entspricht heute das gerüttelt Maß an Sturheit, das Merkel und Löw zu verbinden scheint. Wo die Kanzlerin nach dem Wahldebakel zum Besten gab, "nicht erkennen zu können, was wir jetzt anders machen müssten", klang es bei Löw nach dem misslungenen Auftakt ähnlich. Mit südbadischem Trotz verkündigte er bissig: "Vom ursprünglichen Plan wird nicht abgewichen."

Keine Spur von Teamgeist

Daneben ist vom vielbeschworenen Teamgeist nicht mehr viel zu erkennen – von Gündogans Integrationsgau über Hummels' Standpauken gegen Kollegen nach dem von ihm mit vermasselten Auftakt gegen Mexiko bis zu den Entgleisungen kleinkarierter DFB-Funktionäre in Sotschi nach dem Schlusspfiff. Und von der CSU ganz zu schweigen, die dem Trainer gleichsam über ihren selbsternannten Ersatzsprecher Waldi Hartmann die furchterregende Maxime ausrichten ließ: "Löw muss endlich lernen, dass Fußball Krieg ist." Also, zurück zu den Panzern!

Es hat in den letzten Jahren eine starke Verschwisterung gegeben zwischen der Kanzlerin einerseits und La Mannschaft andererseits. Sie war im Camp stets gern gesehen. Stammkicker Sami Khedira schwärmte einmal sogar von der wohltuend motivierenden Wirkung ihrer Visiten. Doch wer ist nach dem Mexiko-Match noch Herr Khedira?

Joachim Löw blickt skeptisch.

Hatte sich alles ein wenig anders vorgestellt: Weltmeistertrainer Joachim Löw. DGB/Herbert Kratky/123rf.com

Emmanuel Macron und die kabinenerprobte Kanzlerin haben vor dem Turnier schon angekündigt, sich an diplomatischen Boykottmaßnahmen wie denen der erzürnten Briten nicht zu beteiligen und ihren Teams während des Turniers Beistand in der Arena leisten zu wollen. Solche Ankündigungen machen Regenten in der Regel nur vor dem Hintergrund der Mitfavoritenstellung ihrer Teams. Denn am liebsten kommen sie ohnehin nur zum Finale fürs Geschichtsbuchfoto. Man stelle sich nur vor, der für Sport zuständige Innenminister Seehofer würde noch auf dem Weg nach Moskau oder St. Petersburg von seiner Chefin aus dem Amt befördert.

Keiner ist mehr so langmütig wie zu Kanzler Kohls Zeiten

Nunmehr wird ein Neustart nach der Vorrunde bzw. nach der Bayern-Wahl herbeigeredet. Doch beim Topos "Neustart" fühlt man sich ge-quält an Rot-Grün Ende der 90er und Anfang der Nullerjahre erinnert, als dem Bündnis Schröder-Fischer sogar zweieinhalb Fehlstarts bis zu ihrer knappen Wiederwahl verziehen wurden. Komplementär dazu könnte man auch WM-historisch jenes Kohl-Turnier von 1986 in Mexiko ins Feld führen, als Beckenbauers hyper-defensive Rumpelfüßler in einer ganzen Serie von Neustartversuchen am Ende in Maradonas Finale landeten, um hinterher nach achtbarer Niederlage wenigstens vom Kanzler höchstpersönlich geherzt worden zu sein.

Doch so langmütig sind Bürger und Medien in diesen hochexplosiven Krisenzeiten nicht mehr gestimmt, als dass sie derartige Serienpatzer noch durchgehen ließen. Die unverdrossene Merkel und der schwe-bende Löw drohen eher scheibchenweise demontiert zu werden, sollten ihre Missionen in einem Doppel-Desaster enden.

Toni Kroos kurz vor einem Freistoß mit Ball.

Der Spielmacher Toni Kroos denkt nach. Kann er noch mal ein Spiel entscheiden? Für Löw und Merkel wäre das gut. DGB/Flickr/DSanchez17/CC BY-NC 2.0

Fraglich, ob Merkel, sollte die Regierung platzen, nochmals eine neues Kabinett hinbekäme; und ob Löw der richtige Mann wäre, um nach einem frühen Ausscheiden eine neue jüngere Mannschaft aufzubauen. Zu lange hat er sein Titel-Team von Maracana gepflegt wie ein verschrobener Oldie seine Pfeifensammlung.

Die SPD muss sich wie Leroy Sané fühlen

Und die SPD? Sie muss sich im gegenwärtigen Krisenstadium vorkommen wie der ausgemusterte Leroy Sané. Das schmerzt umso mehr, als sie unter Schröders Regentschaft die Deutungs- und Schunkelhoheit über den Volkssport Nr. 1 erworben zu haben schien. Denn der letzte SPD-Kanzler fühlte sich an der Seite Beckenbauers so pudelwohl wie später nur bei Putin in St. Petersburg.

Ralf Stegner twitterte in der 75. Spielminute des Schweden-Matches, Löw möge Kroos doch auswechseln. Damit befindet sich der Kieler Parteioligarch gleichsam in schräger Traditionslinie zu den Nachkriegsgrößen Schumacher und Ollenhauer, die schon Erhards Sozialer Marktwirtschaft den sicheren Gang in die Volksarmut prophezeiten.


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Kurzprofil

Norbert Seitz
ist freier Hörfunkjournalist beim Deutschlandfunk und Dozent an der Humboldt-Universität in Berlin. 1997 veröffentlichte er sein bahnbrechendes Buch "Doppelpässe. Fußball & Politik" (Eichborn Verlag).
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