Deutscher Gewerkschaftsbund

14.12.2016
Gleichstellung am Arbeitsmarkt

Arbeitszeit: Vorbild Norwegen?

Debattenreihe Arbeitszeit

DGB

Wenn es um die Gleichberechtigung von Mann und Frau geht, blicken viele in Deutschland neidvoll nach Skandinavien. Gerade Norwegen, mit seiner bereits seit Jahren etablierten Frauenquote für Aufsichtsräte und der Väterquote in der Elternzeit, erscheint in Sachen Gleichstellung als Vorbild. Melanie Hack vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, geht der Frage nach, ob das Land auch in anderen Bereichen des Erwerbslebens vorbildlich ist und nimmt die Teilzeitarbeit in Norwegen kritisch in den Blick.

Panorama Stadt Bergen, Norwegen

flickr/ Juan Antonio F. Segal, CC BY 2.0

Hoher Anteil von erwerbstätigen Frauen

In den vergangenen 40 Jahren hat sich der norwegische Arbeitsmarkt insbesondere im Hinblick auf die Erwerbsbeteiligung von Frauen stark verändert. Heute zeichnet er sich durch eine hohen Anteil erwerbstätiger Frauen aus. Die Erwerbstätigenquote lag im 2. Quartal 2016 bei Männern bei 69,6 Prozent und bei Frauen bei 65 Prozent. Der Unterschied zwischen ihnen beträgt damit 4,6 Prozent – in den 70iger Jahren lag er noch bei 30 Prozent.[1]

Die „Väterquote“ – zwei Schritte vor und einen zurück

Eine wichtige Rolle für die hohe Erwerbsteilnahme von Frauen spielt die fortschrittlich gestaltete Elternzeit, die seit ihrer Einführung 1993 auch explizit die Väter im Rahmen der Vätermonate einbindet. Ein Teil der Elternzeit und des Elterngeldes ist den Vätern vorbehalten – die Länge dieser sogenannten „Väterquote“ wurde seit 1993 mehr als verdreifacht und beträgt heute 10 Wochen. Im Jahre 2014 nahmen 68,2 Prozent der norwegischen Väter mindestens die gesamte Väterquote in Anspruch. Norwegen ist damit weltweit beispielhaft vorangegangen und hat ein international positives Medienecho hervorgerufen.[2] Bei aller Euphorie: Die anfänglich generösen Väterwochen wurden nach einer Hochphase von 14 Wochen (im Jahr 2013) inzwischen um einen Monat auf nur noch 10 Wochen reduziert.[3]

Spitzenreiter bei Teilzeitarbeit von Frauen

Es geht nicht nur um die Frage, ob Frauen erwerbstätig sind, sondern auch wo und vor allem in welchem Umfang. Grundsätzlich haben ArbeitnehmerInnen in Norwegen die Möglichkeit, in Teilzeit tätig zu sein. Ferner gibt es ein besonderes Recht, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten, was insbesondere Familien mit kleinen Kindern bei der Vereinbarkeit Familie und Beruf unterstützen soll.[4]

Positiv ist, dass Frauen in Norwegen ökonomisch fast genauso aktiv sind wie Männer. Die ökonomische Aktivität von Frauen ist seit den 1980er Jahren stark angestiegen. Als Resultat führt Norwegen gemeinsam mit den anderen nordischen Ländern – verglichen mit anderen westlichen Ländern – in diesem Punkt die Statistik an.[5] Dennoch: Obwohl norwegische Frauen fast in gleichem Maße wie ihre männlichen Kollegen am Erwerbsleben teilhaben, liegt der Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen in Norwegen bei 34,7 Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich überwiegend um sogenannte „längere Teilzeit“ mit einem Wochenstundenumfang von mindestens 20 Stunden handelte. Der Anteil der in Teilzeit arbeitenden Männer hat sich leicht erhöht – von 13,9 Prozent im Jahr 2013 auf 14,2 Prozent im Jahr 2014.[6]

Nach dem Geschlecht getrennter Arbeitsmarkt

Vergleichenden internationalen Studien zufolge, ist der norwegische Arbeitsmarkt einer der am stärksten nach Geschlecht segregierten Arbeitsmärkte in der industrialisierten Welt. Das bedeutet, der Arbeitsmarkt ist nach dem Geschlecht geteilt – sowohl horizontal (die unterschiedliche Konzentration von Männern und Frauen in Berufen, Industrien und Sektoren) als auch vertikal (ihre Position in der Jobhierarchie, auch innerhalb desselben Berufes). Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern entsprechen dabei der Differenzierung zwischen öffentlichem und privatem Sektor. So stellen Frauen im öffentlichen Sektor mit 70 Prozent den Großteil der Beschäftigten, während Männer den Privatsektor mit 63 Prozent dominieren.[7] Unterschiede zwischen den Geschlechtern betreffen auch den Lohn. Auch in Norwegen gibt es nach wie vor eine gender pay gap. So erhielten Frauen – nimmt man den gesamten Arbeitsmarkt in den Blick – im Jahre 2015 im Vergleich 86,1 Prozent des Lohns der Männer.[8] Die Lohnlücke liegt also bei 13,9 Prozent. Die Lohnunterschiede sind im öffentlichen Sektor am geringsten und in einzelnen Branchen, in denen die objektiven Faktoren der Stelle vergleichbar sind. Hier sind kaum noch Unterscheide zu verzeichnen.

Norwegen: Vorbild in punkto Teilzeit?

Die statistischen Daten zeigen, dass auch in Norwegen – ungeachtet der in vieler Hinsicht fortschrittlichen Gleichstellungspolitik – Teilzeitarbeit in großem Maße noch immer Frauensache ist.Um unfreiwillige Teilzeit – wenn eigentlich mehr Arbeitszeit gewünscht wird – einzuschränken, wurden in Norwegen 2013 wesentliche gesetzliche Neuerungen verabschiedet. Teilzeitbeschäftigte haben nun das Recht auf eine Stelle, die ihrer in den vergangenen 12 Monaten geleisteten Arbeitszeit entspricht, d.h. der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit plus der geleisteten Überstunden. Ferner ist der Arbeitgeber nun verpflichtet mindestens einmal im Jahr den Gebrauch von Teilzeitstellen mit den Betriebsräten zu beraten. Die in der Praxis vielleicht wichtigste Regelung betrifft Stellenneubesetzungen. Hier genießen Teilzeitbeschäftigte ein Vorzugsrecht auf eine erweiterte Stelle (hinsichtlich der Stundenanzahl) oder eine Vollzeitstelle. Der Arbeitgeber muss die Neubesetzung mit dem teilzeitbeschäftigten Mitarbeiter erörtern.[9]

Norwegen agiert grundsätzlich vorbildlich in Sachen Gleichstellung von Mann und Frau im Erwerbsleben. So steht das Land auf dem glass ceiling index des Economist an zweiter Stelle (nach Island) als besonders attraktives Land für erwerbstätige Frauen.[10] Nimmt man jedoch in den Blick, wie die Teilzeitarbeit verteilt ist, und wie der Arbeitsmarkt nach den Geschlechtern getrennt ist, so wird deutlich: Norwegen hat noch Einiges vor sich bis zu einer geschlechtergerechten Teilhabe am Erwerbsleben.

Norwegen: Vorkämpfer mit Vorbildfunktion

Norwegen kann dennoch Vorbild sein: Entscheidend sind die strukturellen Rahmenbedingungen, welche die Teilhabe am Erwerbsleben überhaupt ermöglichen, und der hohe Anteil arbeitender Frauen. Dass Kinder ab einem Alter von einem Jahr in den barnehage („Kindergarten“) gehen ist keine Frage, sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: etwa 80 Prozent der Kinder im Alter von 1 bis 2 Jahren besuchen einen barnehage. In der Altersgruppe 3 bis 5 Jahre sind es gar 97 Prozent.[11] Inwieweit dies gesellschaftlichen Druck erzeugt, früh einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, ist eine andere Frage. Auch, dass aufgrund des norwegischen Preisniveaus die Berufstätigkeit von Frauen finanziell notwendig sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Positiv hervorzuheben ist in jedem Fall, dass die Familie und das Privatleben sowie ihr Schutz in Norwegen einen hohen Stellenwert genießen. Sitzungen so zu legen, dass Männer wie Frauen ihre Kinder vom barnehage abholen können, ist selbstverständlich. Auch wenn es Unterschiede zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Sektor geben mag, so ist dies grundsätzlich größtenteils akzeptiert. Dies führt aber auch dazu, dass Arbeitszeit in den Abend hinein gelegt wird, wenn die Kinder bereits schlafen. Aktuell ist deshalb in der Diskussion die Bestimmungen zur Nachtarbeit aufzuweichen, um Eltern zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr Flexibilität bei der Verteilung ihrer Arbeitszeiten über den Tag zu gewähren.

Norwegen hat – trotz aller Kritik – bereits die entscheidenden Weichen hin zu einer geschlechtergerechten Arbeitszeitgestaltung und damit hin zu substantieller Gleichheit von Mann und Frau im Erwerbsleben gestellt.[12]



[1] zu den aktuellen Zahlen: Statistics Norway, Arbeidskraftundersøkelsen, 2. kvartal 2016, abrufbar unter: http://www.ssb.no/arbeid-og-lonn/statistikker/aku/kvartal/2016-07-29#content; zu den Vergleichszahlen vergangener Jahrzehnte Naesheim, Helge/Villund, Ole, Deltidsarbeid – blir forskjellene utjevnet?, Samfunnspeilet 02/2013, S. 24-27, S. 24, abrufbar unter: https://www.ssb.no/arbeid-og-lonn/artikler-og-publikasjoner/_attachment/109963?_ts=13e4016ef48.

[2] siehe: Chemin, Norway the fatherland, 19 July 2011, The Guardian, abrufbar unter: http://www.theguardian.com/money/2011/jul/19/norway-dads-peternity-leave-chemin; Clapp, The economics of Norway’s parental leave, and why the U.S. should consider it, The Washington Post, January 11th, 2016, available at: https://www.washingtonpost.com/news/parenting/wp/2016/01/11/the-smart-economics-of-norways-parental-leave/.

[3] Sjøberg, Jeanette, Bare ett land slår Norge i fersk likestillingsrangering, Aftenposten, 08.03.2016, abrufbar unter: http://www.aftenposten.no/okonomi/Bare-ett-land-slar-Norge-i-fersk-likestillingsrangering-60107b.html’

[4] siehe hierzu ausführlich Aumann, Annemarie/Hack, Melanie, Wahlarbeitszeit und Arbeitszeitflexibilisierung,

Modelle einer selbstbestimmten Erwerbsbiografie in Deutschland und Norwegen, ZESAR 07/2016, S. 266-276, S. 272.

[5] Summary of official Norwegian Report 2008: 6, Gender and Pay, S. 2, abrufbar unter: https://www.regjeringen.no/globalassets/upload/BLD/Rapporter/2008/Gender_and_Pay_English_summary_of_NOU_2008_6.pdf.

[6] Sjøberg, Aftenposten, 08.03.2016.

[7] Summary of official Norwegian Report 2008: 6, Gender and Pay, S. 2.

[8] siehe Satistics Norway, Lønn, alle ansatte, 2015, abrufbar unter: https://www.ssb.no/arbeid-og-lonn/statistikker/lonnansatt/aar/2016-03-03.

[9] Siehe ausführlich Aumann/Hack, ZESAR 07/2016, S. 274.

[10] The Economist, Still a man’s world, 03.03.2016, abrufbar unter: http://www.economist.com/news/business/21693952-our-index-climate-working-women-now-includes-paternity-leave-still-mans-world.

[11] Statistisk Sentralbyrå, Barnehager, 2014, endelige tall, abrufbar unter: https://www.ssb.no/utdanning/statistikker/barnehager/aar-endelige/2015-05-04.

[12] So auch Aumann/Hack, ZESAR 07/2016, S. 276.


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Kurzprofil

Dr. Melanie Hack
Melanie Hack, PhD., 34, ist Juristin. Sie setzt sich seit über 10 Jahren mit Fragen des Antidiskriminierungsrechtes auseinander und hat zur Altersdiskriminierung im Erwerbsleben an der Universität in Oslo, Norwegen promoviert. Sie ist seit 2015 als Referentin für Skandinavien am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München tätig.
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