Deutscher Gewerkschaftsbund

01.11.2016
Arbeitszeitpolitik

Sechs Stunden sind genug

Debattenreihe Arbeitszeit

DGB

Arbeitszeitpolitik steht derzeit in Politik, Gesellschaft und Gewerkschaften weit oben auf der Agenda. Das alte gewerkschaftliche Ziel einer allgemeinen Reduzierung spielt in den Debatten aber nur eine untergeordnete Rolle, kritisiert der Journalist Thomas Gesterkamp. Initiativen für die 30-Stunden-Woche oder gar den Sechs-Stunden-Tag gehen derzeit weniger von den Gewerkschaften, sondern eher von kirchlichen Verbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen aus.

Frau an Schreibtisch mit Computer und Uhr

Colourbox.de

Zwei Stunden später zur Arbeit gehen oder zwei Stunden früher Feierabend machen, mehr Zeit für Familie, Freunde oder Sport, und dabei auch noch genauso viel verdienen wie zuvor: Das klingt wie ein alter gewerkschaftlicher Traum. Für die MitarbeiterInnen mehrerer Altenheime und Kliniken der schwedischen Großstadt Göteborg ist dieser Traum im Februar 2015 in Erfüllung gegangen. PflegerInnen und Krankenschwestern arbeiten dort nur noch sechs Stunden pro Tag – bei vollem Lohnausgleich.
Angeschoben hat das Projekt Göteborgs Linkspartei, die die Kommune zusammen mit Sozialdemokraten und Grünen regiert. Hintergrund waren Berichte, die besonders starke körperliche wie psychische Belastungen beim städtischen Pflegepersonal festgestellt hatten. Die Unterstützer des innovativen Modells streichen die Vorteile heraus: Die Beschäftigten haben seither mehr Zeit für ihre Patienten, sie fühlen sich weniger gestresst und sind deutlich seltener krank. Erste Analysen hätten ergeben, dass der Sechs-Stunden-Tag tatsächlich eine Erfolgsgeschichte werden könne, glaubt Anders Hyltander, Gebietschef des übergeordneten Universitätskrankenhauses. Vor der Einführung kürzerer Arbeitszeiten klagten die Pflegeabteilungen über Fachkräftemangel: „Nun klopfen die Leute an und wollen hier arbeiten, unsere Rekrutierungsprobleme haben sich enorm vermindert.”

Göteborg erprobt die 30-Stunden-Woche

Das Experiment kostet aber auch Geld, denn parallel wurden zusätzliche Stellen geschaffen. Die jährlichen Gesamtkosten von umgerechnet knapp einer Million Euro sollten eigentlich durch die höhere Produktivität der MitarbeiterInnen ausgeglichen werden. Doch ganz so leicht geht diese Win-Win-Rechnung bislang nicht auf. In der Anfangsphase habe man das ambitionierte Ziel verfehlt, geben Kliniken wie Politiker zu. Das soll sich aber ändern - ohne dabei zusätzlichen Stress beim Pflegepersonal auszulösen. “Es geht nicht darum, schneller zu arbeiten, sondern darum, besser organisiert zu sein, sagt Krankenhausleiter Hyltander. Sein einfaches Credo: Ausgeruhte Beschäftigte leisten mehr als erschöpfte.
Ein Glaube, dem sich die bürgerliche Opposition in Göteborgs Stadtrat nicht anschließen will. Schon nach einem Jahr versuchte sie mit Unterstützung der rechtsnationalen Schwedendemokraten, das „populistische Linksprojekt” vorzeitig zu stoppen. Der Antrag wurde am Ende abgelehnt, die Erprobung des ungewöhnlichen Zeitmodells bis Februar 2017 verlängert. Ein Forschungsbericht soll bis dahin klären, ob die positiven Effekte der Arbeitszeitverkürzung überwiegen. Rückenwind erhalten die Initiatoren durch das enorme Medienecho: Zeitungen, Radiosender und Fernsehstationen aus aller Welt haben über „Göteborgs Sechs-Stunden-Tag“ berichtet.

Arbeitszeitverkürzung bringt Lebensqualität

Best-Practise-Beispiele von Versuchen, den alten Gewerkschaftstraum kürzerer Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich zu verwirklichen, entfalten stets eine enorme Strahlkraft. In Deutschland zeigte sich dies in den 1990er Jahren nach der Einführung der 28,8-Stunden-Woche im Volkswagen-Konzern. Eigentlich nur als Instrument der „Beschäftigungssicherung“ gedacht, stellten die Automobilwerker überrascht fest, wie viel an Lebensqualität sie durch die verkürzten Schichtdienste gewannen. Dieser Aspekt hatte auch bei den vorausgegangenen heftigen Arbeitskämpfen in der Metallindustrie um die 35-Stunden-Woche eine Rolle gespielt. Die Gewerkschaftsfrauen forderten schon damals den Sechs-Stunden-Tag, nicht zuletzt wegen der privaten Verpflichtungen erwerbstätiger Mütter im traditionellen Rollenmodell der Geschlechter.
Heute spielen solche Utopien in der gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik kaum noch eine Rolle. Das gilt auch für die neue Arbeitszeitkampagne, die die IG Metall unter dem Titel „Mein Leben. Meine Zeit. Wir denken Arbeit neu“ gerade gestartet hat. Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, spricht von einem „Mega-Thema“, das „so viele Facetten” habe, dass kein Spielraum für allgemein kürzere Arbeitszeiten bestehe. Im Mittelpunkt der Kampagne stehen Forderungen wie „den Verfall von Überstunden bekämpfen”, „Schichtsysteme humaner gestalten” oder „mobile Arbeit regeln”.

Allgemeine Reduzierung der Arbeitszeit kein Thema

Das Thema Arbeitszeitpolitik hat in DGB und Gewerkschaften in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen, die alte gewerkschaftliche Forderung nach einer grundsätzlichen Reduzierung der Wochenarbeitszeit eher nicht. Bereits Hofmanns Vorgänger Detlef Wetzel hatte es zur Chefsache gemacht. In seinen Interviews bezog sich der frühere IG Metall-Vorsitzende auf eine groß angelegte Online-Befragung unter über 500 000 Gewerkschaftsmitgliedern aus dem Jahr 2014. Die hatte ergeben, dass die Beschäftigten selbstbestimmter arbeiten wollen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als ein drängendes Thema ansehen. Detlev Wetzel lobte stets die Pläne von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die für Eltern eine mit einem „Familiengeld” unterstützte Wochenarbeitszeit in einem Korridor zwischen 28 und 36 Stunden vorgeschlagen hat. Sogar ein Plakat ließ die IG Metall in diesem Zusammenhang entwerfen, auf dem zwei Kinder in Anlehnung an einen bekannten Slogan aus den 1950er Jahren skandierten: „Nachmittags gehören Mutti und Vati mir!” Gebraucht wurde dieses Motiv bisher nicht, denn in den folgenden Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektrobranche spielte das Thema Arbeitszeitverkürzung keine Rolle. Die größte deutsche Einzelgewerkschaft verlangte wie üblich eine kräftige Lohnerhöhung, daneben stand immerhin noch die Forderung nach einem Recht auf Bildungsteilzeit.

Zivilgesellschaftliche Bewegung

GewerkschafterInnen, PolitikerInnen, Nichtregierungsorganisationen und WissenschaftlerInnen aus sieben Ländern kamen Ende Oktober im Brüsseler EU-Parlament zusammen, um sich auf europäischer Ebene zum Thema Arbeitszeitverkürzung zu vernetzen. Beteiligt waren auch christliche Gruppen wie die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung KAB und der evangelische Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt KDA. Finanziell unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) und die KAB-Stiftung „Zukunft der Arbeit und der sozialen Sicherung”. Solche Kooperationen seien eine neue Entwicklung, betont Martin Schirdewan, Leiter des Brüsseler RLS-Büros: „Das ist das erste Mal, dass wir mit einer katholischen Organisation auf einer gemeinsamen Einladung stehen.” Beim Thema Arbeitszeitverkürzung gebe es ermutigende “progressive Allianzen”.
An diesen Allianzen freilich sind die deutschen Gewerkschaften kaum beteiligt. Spitzenfunktionäre von DGB und IG Metall waren auf der Brüsseler Tagung nicht erschienen, für ver.di nahm die Tarifpolitikerin Syliva Skrabs teil. In der Dienstleistungsgewerkschaft mit ihrem hohen Frauenanteil ist der Wunsch nach reduzierten Arbeitszeiten nie verschwunden, sie fordert als neues Leitbild die „kurze Vollzeit für alle”. Die betriebliche Realität allerdings sieht völlig anders aus. „Faktisch haben wir immer noch den 40-Stunden-Standard in Europa”, resümiert Steffen Lehndorff, Zeitforscher am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg/Essen.
Gerade Deutschland mit seinen immensen Exportüberschüssen braucht eigentlich dringend Initiativen, weniger zu arbeiten – schon um die auf Dauer untragbaren wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Euro-Zone zu verringern. Debattiert wird das in den Gewerkschaften derzeit nur in manchen ver.di-Gliederungen und Frauengremien. Deutlicher forcieren zivilgesellschaftliche Organisationen das Thema. Die Brüsseler Veranstaltung zum Beispiel ging von der deutschen Attac-Gruppe „ArbeitFairTeilen” und dem französischen „Collectiv Roosevelt” aus, das unter dem gleichen Namen auch in Belgien aktiv ist. In Großbritannien setzt sich die New Economic Foundation für einen schrittweisen Übergang zu einer 21-Stunden-Woche ein - das ist die durchschnittliche Arbeitsdauer inklusive aller Teilzeit und prekär Beschäftigten auf der Insel. Und In Schweden experimentiert, wie schon beschrieben, eine Stadtverwaltung mit dem Sechs-Stunden-Tag bei vollem Gehalt.  

Blick auf das “ganze Leben”

In Deutschland propagieren kirchliche Verbände schon lange das Leitbild einer „Tätigkeitsgesellschaft”, die auch die unentgeltlich geleistete Sorgearbeit einbezieht und mit der Idee eines garantierten Grundeinkommens verknüpft. Seit 2005 fordert etwa die KAB in diesem Kontext auch kollektive Arbeitszeitverkürzungen und die schrittweise Einführung der 30-Stunden-Woche. Sie will auf diese Weise die Arbeitslosigkeit abzubauen und das Erwerbsarbeitsvolumen fair verteilen – auch zwischen Männern und Frauen. “Leider hat sich sogar die IG Metall, die einst die 35-Stunden-Woche erkämpfte, von solchen Vorschlägen weitgehend verabschiedet”, bedauert der KAB-Bundesvorsitzende Andreas Luttmer-Bensmann. Kürzere Arbeitszeiten würden bei Tarifauseinandersetzungen „gar nicht erst thematisiert”. Besonders wichtig, da ist sich der Katholik Luttmer-Bensmann mit seinem evangelischen KDA-Kollegen Michael Klatt einig, sei den Kirchen „der Schutz des erwerbsfreien Sonntags”.
Im Gegensatz zu den Diskussionen in zivilgesellschaftlichen Gruppen wird in  Gewerkschaften und Parteien das Thema Arbeitszeit kaum unter einem ganzheitlichen, das “ganze Leben” umfassenden Ansatz betrachtet. Die Reduzierung der Arbeitszeit für alle steht dort nicht auf der Agenda. Es sei derzeit „schwierig, in Deutschland eine gewerkschaftliche Kampagne für die 30-Stunden-Woche zu machen”, glaubt Steffen Lehndorff. Wegen der Vielfalt der Lebenslagen könne man „nicht mit einer einzigen Zahl operieren”. Der IAQ-Forscher empfiehlt, „lange Vollzeit zu skandalisieren und kurze Vollzeit attraktiv zu machen” – etwa durch das von Ministerin Schwesig vorgeschlagene Familiengeld oder durch Steuernachlässe für niedrige Einkommen. Die Abschlussdeklaration der Brüsseler Tagung verlangt dezidiert „eine Verkürzung der Arbeitszeit mit vollem Lohnausgleich, zumindest für die unteren Einkommensgruppen, und vollem Personalausgleich”.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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