Deutscher Gewerkschaftsbund

11.03.2020

Covid-19 und die Lehre aus der Ebola-Epidemie

Noch blicken alle bei Covid-19 vor allem auf China oder Italien. Doch bald dürfte die Pandemie auch Afrika erreichen. Dort ist das Gesundheitssystem noch schlechter darauf vorbereitet. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt schon Hilfen bereitstellen - auch im eigenen Interesse.

 

Von Adaora Okoli

Mehrere Menschen tragen gelbe Schutzkleidung von Kopf bis Fuß und stehen nebeneinander, während sie Gesichtschutzmasken anlegen.

Die Ebola-Seuche erforderte noch strengere Schutzmaßnahmen als der Corona-Virus. Hier bereiten sich Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen auf ihren Einsatz vor. DGB/MSF

Vor sechs Jahren wurde Westafrika vom Ebola-Virus heimgesucht. Obwohl Ebola tödlich und hochgradig ansteckend ist, hätten die wirtschaftlichen und menschlichen Verluste viel geringer sein können, wenn die internationale Gemeinschaft rechtzeitig die nötige Unterstützung gewährt hätte. Und nun, wo sich der neue Corona-Virus (Covid-19) verbreitet, laufen die Regierungen und internationalen Institutionen Gefahr, denselben Fehler zu wiederholen.

In Nigeria, wo ich als Ärztin arbeitete, brachte im Juli 2014 ein infizierter Liberianer das Ebola-Virus nach Lagos. Als er in unser Krankenhaus kam, um sich behandeln zu lassen, waren wir sehr schlecht vorbereitet. Ich wurde infiziert, und einige meiner Kollegen traf es auch. Zum Glück war es ein privates Krankenhaus mit gewissen Ressourcen wie fließendem Wasser und medizinischen Handschuhen. Außerdem hatte unser medizinischer Leiter, als wir vermuteten, einen Ebola-Fall zu haben, sofort die Beamten beim nationalen Gesundheitsministerium und bei der Weltgesundheitsorganisation informiert. Der Staat und die Gesundheitsbehörden stellten sofort Ressourcen bereit.

Die internationale Hilfe bei der Ebola-Epidemie kam spät und reichte nicht

Letztlich dauerte es 93 Tage, bis das Virus in Nigeria unter Kontrolle war. Wir verloren acht Menschenleben, einiger meiner engsten Kollegen waren unter den Opfern. Ich hatte Glück, dass ich überlebte. Aber in Guinea, Liberia, und Sierra Leone war der Ausbruch viel verheerender. Angesichts ihrer schwachen und schlecht ausgerüsteten Gesundheitssysteme brauchten diese Länder, um den Ausbruch bewältigen zu können, dringend internationale Unterstützung. Doch als die Hilfe kam, war es zu wenig und zu spät.

Zwischen April und Oktober 2014 mobilisierten die Vereinten Nationen über ihren zentralen Notfallfonds Cerf 15 Millionen Dollar für den Kampf gegen Ebola. Aber im August 2014 lagen die geschätzten Kosten zur Eindämmung des Ausbruchs bei über 71 Millionen Dollar. Und im Monat darauf – als in einer Woche 700 neue Fälle auftraten – lagen sie bereits bei einer Milliarde.

Ohne adäquate Finanzierung hatten die Krankenhäuser nicht genug Betten oder Isolationseinheiten für die Opfer. Mangels Alternativen missachteten Verwandte von Ebola-Opfern zudem die Anweisungen der Regierung und warfen die infizierten Leichname, die immer noch ansteckend waren, einfach auf die Straße.

Hände in blauem Handschuhen füllen mit einer Pipette etwas in ein Gefäß.

Covid-19-Tests gibt es bis heute nicht in ausreichender Zahl - nicht in Europa und den USA und schon gar nicht in afrikanischen Staaten. DGB/Tom Wolf

Im September 2014 gründeten die UN ihre Mission für Ebola-Notfallschutz (UNMEER), um die Bemühungen vor Ort zu verstärken und unter den Einsatzkräften eine "gemeinsame Zielsetzung" zu fördern. Bis Dezember hatten die Geberländer und -organisationen 2,89 Milliarden Dollar versprochen. Aber diese ehrgeizigen Zusagen konnten nicht wie geplant eingehalten werden: Bis Februar 2015 war lediglich eine Milliarde Dollar verfügbar.

Bei Covid-19 drohen die gleichen Fehler wie bei Ebola

Diese Lücke war nicht überraschend. Laut Oxfam stellen Geldgeber durchschnittlich nur 47 Prozent der Hilfszahlungen bereit, die sie versprechen. In den Empfängerländern trifft oft noch weniger tatsächlich ein. Dies spiegelt einen massiven Mangel an Verantwortlichkeit wider. Obwohl die Versprechen nicht erfüllt werden, wird die Öffentlichkeit von den für das Fundraising zuständigen UN-Büros nicht informiert.

Daraus ergibt sich ein Teufelskreis: Durch Verzögerungen bei der Finanzierung verschlimmert sich der Ausbruch, was wiederum die Gesamtkosten erhöht. Bis Ebola unter Kontrolle war, vergingen drei Jahre, und die Geberländer hatten bis dahin fast das Fünffache dessen ausgegeben, was im September 2014 geschätzt wurde. Fast 12.000 Menschen waren gestorben.

Mit dem Covid-19-Ausbruch scheint sich die Geschichte nun zu wiederholen, aber in noch größerem Maßstab. In den Ländern, in denen sich das Virus bereits verbreitet hat, lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung. Sobald es afrikanische Länder mit schwachen Gesundheitssystemen erreicht – insbesondere die dicht besiedelten Städte dort – könnte die Anzahl neuer Infektionen rasant ansteigen.

Eine Weltkarte mit den aktuellen Zahlen zu den Corona-Erkrankungen. Rote Kreise markieren die besonders betroffenen Gegenden.

Das ist der aktuelle Stand der Covid-19-Pandemie. Wenn nicht entschieden genug gehandelt wird, können die Zahlen schon bald rasant ansteigen - in Europa, den USA und auch Afrika. Die Zahlen links und rechts oben gelten für Deutschland am 11.3. um 14.30 Uhr. DGB/Johns Hopkins University

Tedros Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, hat diese Gefahr erkannt und um 675 Millionen Dollar gebeten, um die schwachen Gesundheitssysteme bis zum April auf Covid-19 vorzubereiten. Aber bis Ende Februar war die Stiftung von Bill & Melinda Gates die einzige Organisation, die dem Aufruf nachkam und eine Spende von 100 Millionen Dollar anbot. Geht es in diesem Tempo weiter, könnte die Hilfe für die befürchtete Zahl von Opfern – in Afrika und anderswo – viel zu spät kommen.

Viren lassen sich nicht an Staatsgrenzen aufhalten

Der Ebola-Ausbruch von 2014-2016 hat zwei Tatsachen über die globale Reaktion auf Krisen verdeutlicht: Das Fundraising während Katastrophen funktioniert nur selten, und der Notfallfonds Cerf, der für alles von Hurrikanen bis hin zu Dürren zuständig ist, reicht nicht aus. Deshalb muss ein separater Notfallfonds gegründet werden, der sich auf Seuchen konzentriert und von den Geberländern, Nichtregierungsorganisationen und UN-Büros immer wieder aufgefüllt wird.

Dabei geht es gar nicht so sehr um Wohltätigkeit, sondern um Selbstschutz. Viren lassen sich nicht von Staatsgrenzen aufhalten. Ich glaubte damals, in Nigeria sei ich vor der Ebola sicher, doch dann habe ich mich infiziert. Als die Norditaliener vom Covid-19-Ausbruch in Wuhan hörten, hätten sie wohl kaum geglaubt, dass sie bald selbst komplett unter Quarantäne stehen.

Auch wenn ein Land wie Singapur in der Lage sein mag, auf Covid-19 kraftvoll und effektiv zu reagieren, ist dies bei vielen anderen nicht der Fall. Wenn ein Virus auf Gemeinschaften übergreift, die nicht fähig sind, ihn unter Kontrolle zu halten, können selbst jene, die dazu eigentlich in der Lage wären, schnell überfordert werden. Einfach ausgedrückt: Niemand ist sicher, bevor alle sicher sind.

Viren bewegen sich schneller als Regierungen oder internationale Fundraiser. Wir können die Gefahren eines Ausbruchs am besten minimieren, wenn im Ernstfall ein angemessener Notfallfonds bereit steht und eingesetzt werden kann. Falls wir noch nichts aus der Ebola-Krise gelernt haben, müssen wir dies bei Covid-19 schleunigst nachholen.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Adaora Okoli
ist eine Ärztin, die das Ebola-Virus überlebt hat. Sie ist Aspen New Voices Fellow und engagiert sich für die weltweite Gesundheit.
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