Deutscher Gewerkschaftsbund

18.09.2020

Medien sind keine Tech-Konzerne

Moderne Redaktionen können nicht mehr ohne "Content-Management-Systeme" (CMS) ihre Produkte herstellen. Manche Medien wie die Washington Post vermarkten diese Systeme nun, weil mit Nachrichten nicht genug Geld zu verdienen ist. Das ist ein Fehler und fatal für kleinere Konkurrenten.

 

Von Sava Tatić

Internetseite der Washington Post mit einem Foto von Joe Biden bei einer Rede, das in der Mitte steht, rechts und links daneben Texte sowie Links zu weiteren Texten.

Die einflussreiche Washington Post lebt nicht nur von ihren Zeitungsverkäufen und Online-Abonennten, sondern auch vom Vermarkten ihres Redaktionssystems. Eigentümer Jeff Bezos (Amazon) will schließlich auch damit Geld verdienen. DGB/dah/Screenshot

Wenn es um die schlechte Verfassung der Nachrichtenmedien geht, gilt Technologie als Ursache und Heilmittel zugleich. Als das Internet Mitte der 1990er-Jahre das Geschäftsmodell traditioneller Nachrichtenagenturen auf den Kopf stellte, bildeten spätere Technologien – von den sozialen Medien bis hin zu Mikrozahlungen – die Grundlagen eines neuen Modells. Heute ist das Wohlergehen des Journalismus allerdings erneut durch Innovation bedroht – und dieses Mal ist der Schaden weitgehend selbst verschuldet.

Die Arbeit mit einem Content-Managing-System ist für viele eine "Shitshow"

Moderne Redaktionen sind auf Content-Management-Systeme (CMS) angewiesen, die es Journalisten ermöglichen, Nachrichtentexte zu planen, zu schreiben, zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Dennoch kann praktisch jeder Journalist eine Horrorgeschichte über das CMS seines Verlags erzählen. Vor einigen Jahren hat das Online-Fachmagazin Digiday einige dieser Berichte zusammengestellt – und ein verheerendes Bild von verlorenen Inhalten und verlorener Zeit gezeichnet. Ein Autor bezeichnete die Arbeit mit dem CMS seines Verlags als "Shitshow".

Große Medienunternehmen – insbesondere Vox Media und die Washington Post in den USA – sehen im CMS-Chaos eine Chance und vermarkten nun ihre eigenen Content-Management-Systeme an andere. Warum sind diese Unternehmen plötzlich so erpicht darauf, ihre internen Tools an andere Redaktionen zu verkaufen?

Die offensichtliche Antwort lautet Einnahmen. Vox Media schafft es nicht, seine Umsatzziele allein durch Werbung zu erreichen. Führungskräfte der Washington Post glauben, dass die Lizenzierung ihres CMS, Arc Publishing, jährlich bis zu 100 Millionen Dollar einbringen könnte.

Und sie sind nicht allein: Während CMS-Lösungen, die kompliziert zu bauen und zu installieren sind, das meiste Geld einbringen, verscherbeln Verlage jeder Größe andere Arten von maßgeschneiderter Software, von Newsletter-Technologie über Story-Templates bis hin zu Direct-to-Consumer-Texting-Tools, mit denen sich direkt an den Leser gerichtete Textnachrichten senden lassen. Wie der Medienbeobachter Max Willens festgestellt hat, "beginnen Verlage tatsächlich, sich eher wie Unternehmen für digitale Produkte zu verhalten, die Dienstleistungen an Kunden verkaufen, anstatt Werbung für Marken zu machen".

Jeff Bezos sind lachend auf einem Sessel vor einem rötlichen Hintergrund.

Das Strickmuster, mit dem Jeff Bezos' AWS Neuerungen im Cloud Computing vorantrieb, könnte Innovationen im Journalismus hemmen, weil die Post sowohl Chefentwickler als auch größter Kunde des Produkts ist. DGB/Steve Jurvetson/WikimediaCommons

Dennoch sind einmalige Verkäufe proprietärer Software möglicherweise nicht das endgültige Ziel, insbesondere für große Akteure wie die Washington Post. Dem Branchenanalysten Ken Doctor zufolge betrachtet der Eigentümer der Post, Jeff Bezos, Arc Publishing als Netzwerk von Tools, mit dem letztlich alle Aspekte des Verlagsgeschäfts untermauert werden könnten, von der Erstellung von Inhalten bis hin zu Werbung und Abonnements. Diese Vision spiegelt dieselbe Blaupause wider, mit der Bezos Amazon Web Services (AWS) zu einer der profitabelsten Cloud-Computing-Plattformen der Welt gemacht hat: Man baut eine Technologie für den internen Gebrauch auf und vergibt anschließend Lizenzen an die Welt.

Tech-Milliardäre festigen ihre politische und unternehmerische Macht

Doch das Strickmuster, mit dem AWS Neuerungen im Cloud Computing vorantrieb, könnte Innovationen im Journalismus hemmen, weil die Post ‒ so wie die meisten Verlage, die Software verkaufen ‒ sowohl der Chefentwickler als auch der größte Kunde des Produkts ist. Wenn der Umsatz durch den Verkauf von Arc wächst, werden die Prioritäten der Kunden die Produktentwicklungsstrategien verkomplizieren. Und derzeit wird es schon von Dutzenden von Kunden weltweit genutzt. "Mit der Zeit", warnt Willens, "werden die Verlage möglicherweise überlegen müssen, ob ihre Produkt-Roadmaps von den Bedürfnissen der Kunden oder von ihren eigenen bestimmt werden sollten." Angesichts des marktbeherrschenden Kurses, auf dem sich AWS befindet, ist abzusehen, in welche Richtung Arc nachgeben wird.

Ähnliche Bedenken sind in anderen Bereichen aufgekommen, in denen Bezos tätig ist. So finanzieren Technologie-Milliardäre Lösungen für die Corona-Krise, springen da ein, wo Regierungen versagen – und festigen dabei ihre politische und unternehmerische Macht. Wenn dieselben Milliardäre anfangen, kriselnden Nachrichtenunternehmen aus der Patsche zu helfen, könnten die Retter in der Not des Journalismus auch seine Unabhängigkeit gefährden.

Eine weitere Sorge, insbesondere für kleinere Verlage, ist der Preis eines proprietären CMS. Die Gebühren für eine Jahreslizenz der Software Chorus von Vox Media liegen im sechs- und siebenstelligen Bereich. Etabliertere Lösungen wie das CMS Méthode von EidosMedia können Millionen kosten. Im Jahr 2014 etwa gab News Corp Australia schätzungsweise 60 Millionen Australische Dollar (43 Millionen US-Dollar) für die Implementierung von Méthode aus. So wird das Schreckgespenst einer Zukunft heraufbeschworen, in der sich nur die größten und profitabelsten Nachrichtenagenturen ein hochmodernes CMS leisten können.

Zeichung von einem Schweizermesser, aus dem diverse Sachen herausgeklappt sind. Daneben steht unter anderem Open Access, Open Government, Open Business, Open Education etc.

DIe Lösung für viele Probleme ist Open Source, weil davon nicht nur die großen Konzerne profitieren, sondern auch kleine und mittelständische Betriebe. Auch in anderen Bereichen bieten Open-Konzepte eine Chance. DGB/Johannes Spielhagen/WikimediaCommons

Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, benötigen kleinere Verlage eine effektive und erschwingliche Alternative. Glücklicherweise gibt es bereits eine Lösung: Open-Source-Software. Per Definition ist Open-Source-Software – die auf einer frei zugänglichen Code-Basis aufgebaut ist – kollaborativ, flexibel und anpassbar. Anders als teure, starre und oft veraltete proprietäre Systeme kann ein Open-Source-CMS also leicht skaliert und an sich ändernde Branchenbedingungen angepasst werden.

Nur mit Journalisten kann man innovative und bezahlbare Softwarelösungen für Journalisten schaffen

Die meisten sofort einsatzbereiten Open-Source-Alternativen wie Drupal und WordPress sind für Nachrichtenredaktionen, die komplexe Workflows und spezifische Designanforderungen haben, unzureichend optimiert. Angesichts dieser Einschränkungen arbeitet WordPress zusammen mit Google an der Entwicklung von Newspack, einem CMS, das speziell für kleine und mittelgroße Verlage konzipiert ist. Aber Newspack dürfte kaum zum digitalen Heiligen Gral der Medienbranche werden. Zunächst einmal werden die jährlichen Gebühren für größere Verlage bei etwa 25.000 Dollar liegen – ein hoher Preis für eine Open-Source-Lösung. Vielleicht noch problematischer ist, dass der Top-Down-Ansatz bei der Entwicklung der Software bedeutet, dass sich die Nachrichtenunternehmen zumindest anfangs an die Veröffentlichungen von WordPress anpassen müssen und nicht umgekehrt.

Im Laufe von fast zwei Jahrzehnten, in denen ich Nachrichtenredaktionen bei der Umstellung von Altsystemen auf Open-Source-Publishing-Lösungen unterstützt habe, habe ich aus erster Hand erfahren, wie entscheidend Zusammenarbeit ist. Nur durch die Zusammenarbeit mit Journalisten kann man hoffen, effektive Softwarelösungen für Journalisten zu schaffen, die innovativ, erschwinglich, anpassungsfähig und leicht zu aktualisieren sind, um sich ändernden Umständen und Prioritäten gerecht zu werden.

Nachrichtenunternehmen sind keine Technologieunternehmen. Ihre Bemühungen so zu tun, als ob es wären, sind eigennützig und könnten eine ohnehin angeschlagene Branche weiter zugrunde richten. Anstatt ihre eigenen digitalen Produkte zu verkaufen, sollten rivalisierende Medienunternehmen in eine gemeinsame Code-Basis investieren, um gemeinsame Herausforderungen anzugehen. Nur dann können sie die Ressourcen aufbringen in dem Punkt zu konkurrieren, auf den es ankommt: der Qualität ihres Journalismus.

 


Aus dem Englischen von Sandra Pontow / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Sava Tatić
ist Geschäftsführer von Sourcefabric, einem gemeinnützigen Entwickler von Open-Source-Technologie für Nachrichtenmedien.
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