Deutscher Gewerkschaftsbund

12.05.2020

China, China, Corona

Die USA verlieren unter Donald Trump ihre Führungsrolle in der Welt. Doch schon zuvor war das "amerikanische Jahrhundert" geprägt von törichten Kriegen, ideologischer Starrheit und skrupelloser Unterstützung einiger widerlicher Diktaturen. China will die Rolle Amerikas gern übernehmen, zumal nach der Coronakrise - und orientiert sich an einem historischen Vorbild.

 

Von Ian Buruma

Zwei Frauen mit Atemmasken überqueren eine kleine sonst menschenleere Straße in China, um zu einem Geschäft zu gelangen.

Nach anfänglichem Chaos und offiziellen Lügen über die Covid-19-Pandemie hat China die Lage mit drastischen Ausgangsbeschränkungen für Millionen Menschen unter Kontrolle gebracht. Mittlerweile sind die Straßen schon wieder voller als hier zu sehen. DGB/Gauthier Delecroix/Flickr

Statt alle Befugnisse der US-Bundesregierung zu nutzen, um die verheerenden Auswirkungen der Covid-19-Pandemie einzudämmen, verschwendet Präsident Donald Trump wertvolle Zeit und Energie, um China die Schuld an der Verbreitung des Virus zu geben. Experten sprechen von einem neuen Kalten Krieg. Wenn die Vereinigten Staaten jedoch wirklich vorhaben, China in einem Kampf um die globale Führerschaft die Stirn zu bieten, vermasselt es Trump gerade gründlich.

Chinas fördert die Weltgesundheitsorganisation auch zum Eigennutz

Zu einer Zeit, da die chinesische Regierung Länder auf der ganzen Welt mit Gütern zur Bekämpfung der Pandemie überhäuft und sogar medizinische Teams entsendet, unterbricht Trump den Flugverkehr aus Europa. Er macht sich nicht einmal die Mühe, Amerikas europäische Verbündete darüber vorher zu informieren. Seit März überwies die chinesische Regierung 50 Millionen US-Dollar an die Weltgesundheitsorganisation (WHO), während Trump – der behauptet, die WHO sei "China-zentriert" – die Finanzmittel aus den USA eingefroren hat.

Als die G7-Außenminister eine Videokonferenz abhielten, um eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung von Covid-19 zu erörtern, bestand der Beitrag von US-Außenminister Mike Pompeo darin, den Erreger nach seiner vermuteten Herkunft als „Wuhan-Virus“ zu bezeichnen. Nachdem die anderen Teilnehmer genug von diesen Trump-inspirierten Mätzchen hatten, beendeten sie die Konferenz ohne Abschlusserklärung.

Die chinesische Großzügigkeit kommt freilich nicht ohne Bedingungen. Aus Angst davor, Festlandchina zu verärgern, weigerte sich die WHO feige, Taiwans Erfolg bei der Eindämmung des Virus anzuerkennen oder Taiwan gar als Mitglied in die Organisation aufzunehmen. Während die US-Regierung sich Verschwörungstheorien über Chinas Schuld an der Pandemie zu eigen machte und verbreitete, schwächte die Europäische Union ihre Kritik an vorsätzlichen chinesischen Fehlinformationen ab, nachdem China mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht hatte.

Eine Delegation mit US-Präsident Trump sitzt an einem langen Tisch auf der einen Seite, eine Delegation mit Chinas Staatschef Xi Jinping ihm gegenüber.

Beim G20-Gipfel in Hamburg tauschten sich Trump und Xi Jinping noch recht nüchtern aus und vereinbarten eine Pause bei den Zoll-Streitigkeiten zwischen den USA und China. Dieser Tage wirft Trump China vor, Schuld an der Coronakrise zu sein - und China verweist auf das chaotische Krisenmanagement der USA. DGB/Archiv

Die chinesische Großzügigkeit kommt freilich nicht ohne Bedingungen. Aus Angst davor, Festlandchina zu verärgern, weigerte sich die WHO feige, Taiwans Erfolg bei der Eindämmung des Virus anzuerkennen oder Taiwan gar als Mitglied in die Organisation aufzunehmen. Während die US-Regierung sich Verschwörungstheorien über Chinas Schuld an der Pandemie zu eigen machte und verbreitete, schwächte die Europäische Union ihre Kritik an vorsätzlichen chinesischen Fehlinformationen ab, nachdem China mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht hatte.

China sah sich im 18. Jahrhundert als Führungsmacht der zivilisierten Welt

Die Wirksamkeit der chinesischen Einschüchterungen ist ein Zeichen für die wachsende Wirtschaftskraft Chinas. Vermutlich wäre eine derartige Taktik weniger effektiv, wenn die westlichen Verbündeten und andere interessierte Parteien wie Japan, Südkorea sowie südostasiatische Länder zusammenhalten würden. In der Vergangenheit war eine derartige gemeinsame Front auf amerikanische Führung angewiesen. Doch aufgrund der selbstbezogenen Unfähigkeit der aktuellen Regierung ist das ausgeschlossen. Auf lange Sicht könnte China mangels besserer Alternativen daher die Führerschaft übernehmen.

Tatsächlich verfolgten westliche Länder selten eine gemeinsame Politik gegenüber China, und die Gründe dafür haben sich seit dem späten 18. Jahrhundert nicht wesentlich geändert. Damals entsandte der britische König George III. Lord Macartney, um diplomatische Beziehungen zum chinesischen Reich aufzunehmen. Die Ironie dieser gescheiterten Mission bestand darin, dass die Briten mit China andere Waren als Opium handeln wollten. Doch Kaiser Qianlong erklärte, es gäbe nichts, das die Chinesen von den Briten brauchen würden.

Macartney hatte bereits den Unmut seiner Gastgeber erregt, weil er darauf beharrte, vor dem Kaiser lediglich das Knie zu beugen, statt sich protokollarisch korrekt mit einem Kotau zu Boden zu werfen. Eine solche Geste der Unterwerfung forderte sein eigener Souverän schließlich nicht.  Die Mitglieder einer ähnlichen niederländischen Mission, die dem chinesischen Brauch folgten und vor dem Drachenthron ihren Kotau machten, fanden kurze Zeit später dagegen die Gunst des kaiserlichen Hofs. Das erzürnte wiederum die Briten. Sie rügten die typische holländische Habgier – alles für einen schnell verdienten Gulden. Allerdings kamen die Holländer nicht als Abgesandte ihres Monarchen, sondern von der Niederländischen Ostindien-Kompanie.

Entscheidend war hier, dass China sich als Zentrum der zivilisierten Welt betrachtete. Ausländische Gesandte konnten nur als Überbringer von Ehrerbietungen gesehen werden, niemals aber als gleichberechtigte Partner. Macartney konnte mit Chinas Kaiser nicht ins Gespräch kommen, da er selbstbewusst die Ansicht vertrat, Großbritannien wäre die globale Führungsmacht. Die Niederländer wiederum waren ähnlich wie die heutige EU in erster Linie an, einer Öffnung des chinesischen Marktes für ihre Produkte interessiert und daher bereit, Chinas Regeln zu folgen.

Zeichnung vom Besuch eines britischen Gesandten im 18. Jahrhundert am Fuße eines erhaben thronenden chinesischen Kaisers, umgeben von Gefolgsleuten.

Der chinesische Kaiser Qianlong erwartete 1793 einen Kotau des englischen Gesandten. Doch das machte der nicht. Denn die Briten waren damals schon auf dem Weg zur führenden Weltmacht. Auf dieser Basis kam es zu keiner Handelsvereinbarung. DGB/British Library's collection of Western Drawings/Gemeinfrei

Obwohl Großbritanniens Einfluss geschwunden ist, findet der Schlagabtausch der Großmächte aus der Zeit Macartneys heute noch seinen Nachhall. Über beinahe mehr als ein Jahrhundert präsentierte sich der amerikanische Anspruch, mustergültiges Leitbild der Zivilisation zu sein, nicht weniger großspurig als die sinozentrische Weltsicht der Qing-Kaiser. Als China verarmt und der Gunst der Großmächte dieser Welt ausgeliefert war, fiel es den Amerikanern leicht, die Chinesen als potenzielle Überläufer in Richtung Demokratie, Kapitalismus und Christentum herablassend zu maßregeln.

Die Aussicht auf eine globale Führungsrolle Chinas ist nicht verlockend

Unter dem Vorsitzenden Mao Zedong war in China kaum Geld zu verdienen. Trotzdem bestand Uneinigkeit unter den westlichen Ländern, wie mit ihm umzugehen sei. Als Großbritannien im Jahr 1950, nur ein Jahr nach der Revolution, die Volksrepublik China diplomatisch anerkannte, reagierten die USA wutentbrannt, da sie sich gerade auf ihren Kreuzzug gegen den weltweiten Kommunismus vorbereiteten. Bis in die 1970er-Jahre erkannte Washington das nationalistische Regime von Chiang Kai-shek im winzigen Taiwan als die einzige legitime Regierung Chinas an.

Nun, da in China wieder viel Geld zu verdienen ist, kehren wir zurück in die Zeit Macartneys. Der Grenzverlauf des Reiches der Mitte entspricht mehr oder weniger dem des Qing-Reiches. Die Regierung ist nicht demokratischer als unter Kaiser Qianlong. Und nach einem Jahrhundert der Kriege, Invasionen, Massenarmut und des Blutvergießens präsentiert sich China erneut als zivilisatorisches Modell, dem die Barbaren folgen sollen.

Die Aussicht auf eine globale Führungsrolle Chinas ist nicht verlockend. Doch die USA verblassen gerade rasch als Alternative. Das „amerikanische Jahrhundert“ war geprägt von zahlreichen törichten Kriegen, ideologischer Starrheit und skrupelloser Unterstützung einiger sehr widerlicher Diktaturen. Doch beruhte die globale Anerkennung der amerikanischen Führungsrolle weitgehend auf dem Respekt vor einer Regierungsform, die trotz aller Mängel bei der Umsetzung - auch in Teilen der chinesisch-sprachigen Welt – das menschliche Streben nach Freiheit ansprach.

Das gilt für das China von heute nicht. Wenn China die weltweite Führungsrolle spielen will, muss es mehr bieten als Geld und Einschüchterung. Freiheit zählt noch immer. Warum sonst errichteten die protestierenden Studenten 1989 eine zehn Meter hohe Göttin der Demokratie auf dem Platz des Himmlischen Friedens? China wird es nicht schaffen, dieses Anliegen auf globaler Ebene voranzutreiben, ohne vorher im eigenen Land damit zu beginnen.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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