Deutscher Gewerkschaftsbund

11.02.2021

Die Wahrheiten der Ökonomen

Bereits Jahrzehnte vor Donald Trumps Wahl zum Präsidenten erklärten Ökonomen den entmachteten Menschen, die Wirtschaftspolitik basiere auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das war eine monströse Lüge. Trump nutzte sie aus, um die Wut gegen das "Establishment" zu schüren - und das nicht erst am 6. Januar. Kann und will Joe Biden diese Krise wirklich überwinden?

 

Von Yanis Varoufakis

Schwarzbild mit einem bewachten Tor im Vordergrund, im Hintergrund ist das Kapitol in Washington zu erkennen.

Die Spuren von Trumps Vermächtnis sind in Washington noch zu erkennen. Das Kapitol ist seit der Stürmung am 6. Januar ab geriegelt. Ein Bild, das es so nie zuvor gab in der US-Hauptstadt. DGB/Victoria Pickering/Flickr

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump wird von seinen Gegnern als Lügner und Anstifter zum Aufruhr bezeichnet. Doch Trump ist viel schlimmer als das. Viele Politiker lügen und manipulieren, um unbequeme Wahrheiten zu verdecken. Zwischen seinen langen Tiraden übelster Verlogenheit sagt Trump allerdings manchmal etwas Wahres, etwas, das kein anderer Präsident jemals zugeben würde. So behauptete er, die dominante Sichtweise des Globalismus sei keineswegs nur vorteilhaft, und er gestand ein, dass er tatsächlich der Post der Vereinigten Staaten Gelder entziehen wollte, um den Demokraten die Stimmabgabe zu erschweren.

Wir betrachten die Ökonomie wie eine Naturwissenschaft - das ist ein großer Fehler

Wissenschaftler haben nun natürlich gute Gründe dafür, Trumps Abschied zu feiern. Sie sind erleichtert, dass sie nun epidemiologische Daten im Weißen Haus präsentieren können, ohne sich vor Vergeltung fürchten zu müssen – und Covid-19 endlich systematisch bekämpft wird. Um aber vorhersagen zu können, ob es unter Präsident Joe Biden eine allgemeine Rückkehr zur Wahrheit geben wird, müssen wir uns daran erinnern, wie Wahrheit in unserer Gesellschaft überhaupt erkannt wird.

Liberale lieben dabei die Analogie zum Markt: Meinungen tummeln sich angeblich wie Waren auf dem großen Marktplatz der Ideen, wo sie durch einen dezentralen Prozess bewertet werden, an dem Konsumenten und Produzenten von Sichtweisen und Nachrichten beteiligt sind. Dabei sollen die richtigen Ansichten die falschen verdrängen.

Leider ist dieser Marktplatz der Ideen selbst eine Lüge. Im Gegensatz zu Erdbeeren oder Handys kann der Wert von Ideen nicht auf individueller Ebene bestimmt werden. Die Wahrheiten des Darwinismus, Einsteins spezieller Relativitätstheorie oder des Keynes-Arguments, dass die Geldtheorie bei Nullzinsen nicht mehr funktioniert, können normale Menschen nicht aufgrund persönlicher Erfahrungen beurteilen. Deshalb verlassen wir uns auf kopflastige, durch und durch undemokratische Institutionen, die diese Theorien für uns überprüfen.

Universitäten und wissenschaftliche Fachverbände übernehmen die Aufgabe, falsche Annahmen auszufiltern. Im Gegensatz zur Marktanalogie agieren sie als zentral organisierte Instanz, die den hierarchischen Peer-Review-Prozess im Hinblick auf eine leidenschaftslose Überprüfung von Behauptungen organisiert.

Schlange von Menschen in dunklen Jacken, die auf der Straße anstehen.

Nicht erst stehen in US-Städten lange Schlangen vor den Armenküchen. Die Wirtschaftskrise im vergangenen Jahrzehnt und nun obendrein die Corona-Krise offenbart mehr denn je die soziale Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. DGB/dah/Archiv

Jeder Wissenschaftler will natürlich, dass seine Lieblingstheorie diesen Prozess überlebt, aber zumindest in den Naturwissenschaften wird durch streng befolgte Protokolle gewährleistet, dass sich empirisch nicht gestützte Theorien im Licht von Beweisen in Wohlgefallen auflösen. Dieser kopflastige und sachliche wissenschaftliche Prozess hat unsere Vorfahren aus der Unwissenheit befreit und – gemeinsam mit der Prozess der Kommerzialisierung – die Mutter aller ausbeuterischen Systeme gestürzt: den Feudalismus.

Verschwörungstheoretiker interpretieren widersprechende Fakten weg

Trump ist deshalb gefährlicher als ein normaler Lügner, weil er einen Weg gefunden hat, den wirtschaftlichen Doppelgänger der Wissenschaft auszubeuten: Hinter jeder staatlichen Maßnahme, die unser Leben beeinflusst, lauert irgendeine ökonomische Hypothese, die von einem Peer-Review-Verfahren unterstützt wird. Laien halten das für wissenschaftlich begründet. In der Ökonomie wird sogar ein eigener Nobelpreis vergeben. Doch dieser ganze Prozess hält nicht, was es verspricht, weshalb er zum großen, wenn auch unfreiwilligen Verbündeten Trumps werden konnte.

Betrachten wir die drei Säulen jeder populären Verschwörungstheorie: Sie gibt erstens ihren Anhängern das euphorische Gefühl, überlegenes Wissen zu besitzen. Mit ihrer Hilfe können sie zweitens die eigennützigen Gründe der Experten für die Verbreitung von Unwahrheiten offenlegen. Und schließlich ermöglicht es ihnen die Theorie, für eine Sache zu kämpfen, die größer ist als sie selbst – und gegen einen Feind, der vor nichts zurückschreckt, um die Wahrheit zu verschleiern.

Dabei sollten wir nicht vergessen, dass dies die gleichen Säulen sind, die der wissenschaftlichen Revolution zugrunde lagen. Was Wissenschaft vor allem ausmacht, ist der Prozess der Falsifikation, der Überprüfung. Verschwörungstheoretiker haben keine Angst vor empirischen Beweisen, da sie immer eine Erklärung dafür finden, oder sie in ihre eigene Theorie einbauen können. Der Wissenschaft wiederum helfen empirische Beweise, die Unwahrheit zu verwerfen, da sich die Natur nicht um unsere Theorien kümmert. Unabhängig von den meteorologischen Prognosen tut das Wetter, was es will; wenn also die Vorhersagen der Meteorologen falsch sind, muss auch ihr Modell falsch sein.

Pressekonferenz im kleinen Presseraum des Weißen Hauses mit der Sprecherin Jennifer Psaki hinter dem Pult. Reporter strecken die Arme in die Höhe, weil sie Fragen stellen wollen.

Trump ist weg. Mit Joe Biden zieht eine neue Ehrlichkeit in das Weiße Haus ein. Seine Sprecherin Jennifer Psaki verpricht jedenfalls in einer der ersten Pressekonferenzen, nun würden keine Lügen mehr verbreitet. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Nun stellt sich allerdings die Frage, warum sich zwei Nobelpreisträger für Ökonomie aus dem gleichen Jahr gegenseitig als Scharlatane bezeichnen können. Zwischen Nobelpreisträgern für Physik oder Biologie wäre dies nie passiert. Der Grund, warum dies unter Ökonomen geschieht, ist, dass Märkte und Gesellschaften anders funktionieren als das meteorologische Ereignisse. Im Gegensatz zu den Meteorologen können ehrwürdige Finanzanalysten richtige Prognosen abgeben, selbst wenn sie betrunken sind.

Die ökonomischen Fehler, die Trumps Populismus ermöglichten, werden noch immer gemacht

Dies ist der Grund, warum kein empirischer Erfolg oder Misserfolg jemals dazu führt, dass eine ökonomische Theorie verworfen wird. Wie Verschwörungstheoretiker und Theologen können Ökonomen verschiedener Schulen – zum Beispiel Keynesianer, Monetaristen und Marxisten – jede mögliche Beobachtung innerhalb der Grenzen ihres jeweiligen Bezugssystems erklären. Und wie in der Religion entsteht auch in der Ökonomie das jeweils vorherrschende Glaubensbekenntnis aus Machtkämpfen zwischen Gruppen, die ihre Interessen hinter unterschiedlichen Dogmen verstecken.

Hier kommt nun Trump ins Spiel: Bereits Jahrzehnte vor seiner Wahl erklärten Wirtschaftsexperten den zahllosen entmachteten Menschen, die Maßnahmen, mit denen ihr Leben zerstört würde, basierten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dies war eine monströse Lüge, die es Trump ermöglicht hat, ihre Verzweiflung gegen das "Establishment" zu lenken – und auch gegen ein wissenschaftliches Ethos, das durch seine Verbindung mit der Ökonomie besudelt wurde.

Zum Glück ist Trump nun weg. Die ökonomische Sichtweise jedoch, die Trump als politisches Standbein diente, bleibt weiterhin fest verwurzelt, und ihr Einfluss ist unter Präsident Joe Biden womöglich noch größer. In der neuen Regierung sind etliche der Experten vertreten, die bereits hinter der ungleichen, ausbeuterischen, irrationalen sozialen und wirtschaftlichen Ordnung standen, die den Trumpismus erst ermöglichte. Nehmen wir nur die mystische ökonomische Vorstellung einer "natürlichen" Arbeitslosigkeit. Sie soll beweisen, dass trotz aller gegenteiligen Belege, das Senken der Reallöhne die Beschäftigung fördert. Oder erinnern wir uns, wie die Ökonomen die Deregulierung gefordert hatten, die erst zur Finanzkrise führte. Danach gaben sie staatlichen Eingriffen in das Hypothekengeschäft die Schuld dafür und setzten die Regierungen unter Druck, ihre deregulierten Zahlmeister zu retten.

Im Weißen Haus herrscht nun wieder Normalität. Biden wird versuchen, nicht zu lügen. Wenn er muss, wird er ökonomisch mit der Wahrheit umgehen. Aber er wird niemals wichtige Wahrheiten sagen, wie jene, die Trump gelegentlich herausrutschten. Also wird die Wahrheit weiterhin einen schweren Stand haben, und dies sowohl bei den Experten der neuen Regierung als auch im Trumpismus – der Bewegung, die durch genau die giftigen Maßnahmen entstanden ist, für die all die falschen ökonomischen Wahrheiten dieser Experten verantwortlich sind.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Yanis Varoufakis
lehrt an der Universität in Athen Wirtschafts- wissenschaften. Er war 2015 Finanzminister in Griechenland. Heute ist er aktiver Blogger und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" (Kunstmann Verlag, 2017).
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