Deutscher Gewerkschaftsbund

13.03.2020

Von der Pandemie zum Wirtschaftskollaps?

Wir können die ökonomischen Gefahren der Covid19-Pandemie nicht endgültig abschätzen, müssen aber mit einem ökonomischen Schock gigantischen Ausmaßes rechnen und mit einer schweren globalen Rezession. Hier offenbart sich im wahrsten Sinne des Wortes die Risikogesellschaft.

 

Von Robert Misik

Blick in ein leeres Theater von der Bühne aus. Der Raum ist in rot gehalten.

Nach und nach schließen jetzt Schulen, Theater, Universitäten, Lokale und letztlich auch Unternehmen, um die Corona-Pandemie halbwegs unter Kontrolle zu bekommen. DGB/dotshock/123rf.com

Vor 30 Jahren schrieb Ulrich Beck eine Gesellschaftsanalyse mit dem berühmten Titel "Risikogesellschaft", der schnell zu einem geflügelten Wort wurde. Gesellschaften sind in sich heterogen und zunehmend unsteuerbar, Globalisierung etabliert Großrisiken, und wir haben es mit Technologien zu tun, die aufgrund ihrer Komplexität immens fehleranfällig sind. Zugleich machen die Subjekte in individualisierten Gesellschaften die Erfahrung, dass sie viele Risiken selbst schultern müssen.

Die Corona-Pandemie ist eine gute Illustration dieser Risikogesellschaft, weil globale Großrisiken sich summieren und gegenseitig verstärken. In einer globalisierten Welt verbreitet sich eine Pandemie schneller, vor allem aber steckt sie die ökonomischen Netzwerke an. Und die sind ungemein verletzlich. Wir können bis heute die ökonomischen Gefahren der Pandemie nicht einmal abschätzen, müssen aber mit einem ökonomischen Schock gigantischen Ausmaßes rechnen und mit einer schweren globalen Rezession.

Wir haben es mit einem Nachfrage- und einem Angebotsschock zu tun

Das wurde schon klar, als die gesundheitliche Krise noch als begrenzte chinesische Angelegenheit erschien, denn Lieferketten zerrissen. Die Produktion, die in China regional lahm lag, führte schnell zu Problemen in Europa. Vorprodukte und Montageteile wurden nicht produziert, oder sie konnten nicht mehr nach Europa geliefert werden (wie auch generell viele Waren aus China). Das betrifft Bauteile für die Autoindustrie, aber auch Medikamente. Der Flugverkehr wurde lahm gelegt, auch die Cargo-Schiffe mit ihren Containern blieben in den Häfen. In der Just-in-Time-Produktion bedeutet das nicht nur, dass Teile fehlen, sondern dass völliges Chaos ausbricht. Jeder Container ist im Voraus verplant, all diese Planungen gehen im Tohuwabohu unter. Noch in vielen Monaten werden Container irgendwo rumstehen, wo sie nicht sein sollten.

Ökonomen sprechen in solchen Fällen von einem exogenen Schock, was nichts anderes heißt, als dass der Schock aus einem außerökonomischen Geschehen entspringt, das aber sofort ökonomische Auswirkungen hat. Wir haben hier aber noch mit einem besonders schweren Fall zu tun, da der Schock sowohl ein "Angebotsschock" ist als auch ein "Nachfrageschock" – letzteres spätestens mit der pandemischen Ausbreitung der Infektion in anderen Kontinenten wie Europa und Amerika.

Brettspiel mit dem Titel Pandemie, auf dem Figuren und Karten liegen. Grundton des Spiels ist Blau.

Schon 2008 kam ein Gesellschaftsspiel heraus, bei dem die Spieler versuchen mussten eine globale Pandemie zu bekämpfen. Ausgangspunkt für die Mission ist das Centers for Disease Control and Prevention in den USA, das mittlerweile von Trumps Regierung kaputt gespart wurde. DGB/Archiv

Der Angebotsschock besteht darin, dass die Firmen ohne die Vorprodukte ihre Waren nicht produzieren können. Der Nachfrageschock besteht darin, dass die Konsumenten, die ihren Konsum einschränken oder einschränken müssen. Etwa weil sie verunsichert sind oder weil sie aufgrund von Quarantänemaßnahmen und der massiven Gesundheitskrise gar nicht mehr konsumieren können. Etwa auch, weil Geschäfte geschlossen werden, Restaurants Beschränkungen unterliegen, weil Veranstaltungen abgesagt und Theater, Kinos und das ganze öffentliche Leben lahm liegen – oder weil, wegen all dieser Maßnahmen, ihre Einkommen sinken.

Maßnahmen gegen die Gesundheitskrise verstärken die ökonomische Krise

Die innere Krisenanfälligkeit komplexer Risikogesellschaften versteht man besser, wenn man eines bedenkt: Maßnahmen, die die Gesundheitskrise bekämpfen, können sofort die ökonomische Krise verstärken – etwa durch die totale Einschränkung des öffentlichen Lebens und die Reduktion aller Sozialkontakte bis hin zur Stillstellung des öffentlichen Verkehrs. Was "richtig" für die Bekämpfung der einen Krise ist, ist fatal in Hinblick auf die andere.

Nur zehn Jahre nach der Kernschmelze an den Finanzmärkten könnte auch eine neue Finanzkrise drohen. Aktienmärkte stürzen ab, Wertpapiere könnten generell an Wert verlieren. Individuelle Anleger werden dadurch nur rechnerisch ärmer, aber ganz anders sieht das schon bei Banken aus, wenn Kredite massenhaft ausfallen oder gar die Immobilienblase platzt. Und wenn etwa die Zinsen für beispielsweise italienische Staatsanleihen wieder nach oben schnellen, dann könnte bald wieder das Gespenst von Staatsbankrotten durch Europa gehen und eine neue "Eurokrise" drohen.

Das ist das ökonomische Krisenpanorama. Wir wissen nicht, wie schlimm es wird - aber wir sollten damit rechnen, dass es sehr schlimm wird. Und eines sollte klar sein: Es ist jetzt nötig, massiv und mutig zu handeln.

Karikatur mit einem Boot, auf dem eine Schwarze Null zu einer Insel gefahren wird.

Noch wollen die meisten Christdemokraten die "Schwarze Null" bewahren, doch das ist unrealistisch. DGB/Heiko Sakurai

1.) Jeder Staat muss sich auf massive Ausgabensteigerungen und Einnahmenausfälle einstellen. Das wird die Budgetdefizite sprunghaft ansteigen lassen. Doch das ist jetzt wirklich das geringste Problem.

Klassische Konjunkturmaßnahmen sind nötig, aber nur bedingt wirksam

2.) Allergrößte Dringlichkeit haben natürlich die Stabilisierung und der Ausbau des Gesundheitssystems. In Italien brauchte es rund drei Wochen zwischen dem Status "kein Problem" und dem Status "Zusammenbruch des Gesundheitssystems". In Österreich haben wir mit Stand Freitag, 13. März, gut 300 nachgewiesene Infizierte und einen Verdoppelungszeitraum von zwei Tagen und sechs Stunden. Das heißt: Schon innerhalb von zehn Tagen wären wir bei 10.000 Infizierten. Deutschland zählt gegenwärtig etwas über 2000 Infizierte. Die Verdoppelungskurve ist etwas flacher, aber 20.000 nachgewiesene Infizierte Anfang April sind eine eher optimistische Schätzung. Das ist eher konservativ geschätzt. Intensivbetten können schnell knapp werden, dasselbe gilt für Beatmungsgeräte, Ärzte und Pflegepersonal und überhaupt Krankenhausplätze. Alles, was getan werden kann, um künftige Kapazitäten zu erweitern, muss getan werden. Betten und Gerätschaften ranschaffen, Ärzte und Pfleger engagieren, wo habhaft, womöglich vielleicht auch große Hotels – die ohnehin leer stehen – in Krankenhäuser umfunktionieren.

3.) Klassische Konjunkturmaßnahmen müssen ergriffen werden, können aber in der gegenwärtigen Lage nur eine beschränkte Wirkung haben. Zu denen zählt auch die Ankurbelung öffentlicher Investitionen, besonders effektiv in der Bauwirtschaft, in der Energieinfrastruktur, in den Datennetzen. Vieles davon braucht aber Zeit, und würde bei gleichzeitiger Gesundheitskrise keine so großen positiven Folgen haben. Auch die Unterstützung für Unternehmen bei Investitionen dürfte bloß beschränkt wirksam sein. Noch bei den günstigsten Kreditbedingungen werden nicht allzu viele Unternehmen nun ihre Produktionskapazitäten ausbauen. Noch weniger Wirkungen hätte wohl eine Ankurbelung des Massenkonsums. Selbst wenn die Regierung jedem morgen 5.000 Euro schenkte, würde kaum einer gleich shoppen, weil es ja gilt unnötige soziale Kontakte zu vermeiden. Es muss zwar alles getan werden, um einen Totalabsturz in eine Rezession zu vermeiden, es muss aber auch klar sein, dass viele der gewohnten Instrumente in der gegenwärtigen Lage kaum wirken.

Karte mit den Corona-Fällen weltweit und rechts der Zahl für Deutschland: 2078.

Die Lage mit der Corona-Pandemie verschärft sich in den meisten Staaten. Nur in China und Südkorea werden derzeit mehr geheilte als neu infizierte Patienten gemeldet DGB/Johns Hopkins University

4.) Eine der wichtigsten Aufgaben bleibt, die Einkommen der breiten Bevölkerungsschichten zu stabilisieren und Massenentlassungen zu vermeiden. In der Großen Depression in Folge der Finanzkrise 2008 ist Deutschland dabei etwa mit der staatlich unterstützten Kurzarbeit gut gefahren. Kurzarbeit und Unterstützung durch den Staat führt dazu, dass Arbeitnehmer nicht entlassen werden müssen, stabilisiert die Einkommen während der Krise und führt vor allem dazu, dass es nach Überwindung der Krise einen schnelleren Aufwärtstrend gibt. Jeder Euro, der dafür ausgegeben wird, kommt letztlich mehrfach zurück.

Jetzt sind wir alle Keynesianer – um Menschen vor dem Absturz zu retten

5.) Viele Unternehmen und Beschäftigte werden gegenwärtig und in den nächsten Wochen dramatisch getroffen werden. Das gilt für Hotels, Messebetreiber, Messebauer, Restaurants und deren Beschäftigte, für Theater und sonstige Kulturinstitutionen, Clubs, die gesamte Kreativszene, Schauspieler, Autoren, deren Lesungen ausfallen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Es betrifft aber auch Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die die Kinderbetreuung übernehmen müssen, wenn Schulen und Kitas schließen müssen. Hier wird es Notmaßnahmen in Hinblick auf Entgeltfortzahlung etc. geben müssen. Grundsätzlich müssen wir davon ausgehen, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung richtig massiv betroffen sein wird, mit massiven Einkommenseinbußen bis hin zu existenziellen Bedrohungen. Gerade im Dienstleistungssektor kann eine Insolvenzwelle drohen. Es wäre weder gerecht, noch wäre es ökonomisch vorausschauend, die Unternehmen, Solo-Selbstständigen und die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hier allein zu lassen und eine Pleitewelle hinzunehmen.

"We are all Keynesians Now" – "Jetzt sind wir alle Keynesianer" – so lautet das legendäre Diktum von Milton Friedman, des berühmten "Antikeynesiansers". In einer schweren Krise, die von einer Konjunkturkrise sogar zu einer massiven Systemkrise werden kann, sollte das erst recht gelten. Es ist jetzt die Aufgabe der Regierungen, die Wirtschaft zu stabilisieren, Arbeitsplätze zu verteidigen und Menschen vor dem Absturz zu retten.


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Kurzprofil

Robert Misik
ist ein österreichischer Publizist und Journalist, der sich seit Jahrzehnten mit der Sozialdemokratie in Europa beschäftigt. 1992 bis 1997 war er Korrespondent des Nachrichtenmagazins Profil in Berlin.

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