Deutscher Gewerkschaftsbund

22.06.2022
Pflichtdienstdebatte

Wehrpflicht durch die Hintertür

In der Debatte um ein staatlich verordnetes Pflichtjahr wird über Fachkräftemangel und die Förderung von sozialem Engagement schwadroniert. Doch es geht auch um den leichteren Zugriff auf Soldat*innen, meint unser Autor Thomas Gesterkamp.

Soldaten der Bundeswehr marschieren

Seit 2011 ist die Wehrpflicht ausgesetzt: Thomas Gesterkamp befürchtet in der Debatte um einen Sozialen Pflichtdienst ihre Rückkehr und beobachtet eine Wiederkehr des soldatischen Männlichkeitsbilds. DGB/Colourbox.com

Liegt es am bereits klaffenden Sommerloch, dass ein altes Thema wieder durch die Medien geistert? In einem Interview hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine “soziale Pflichtzeit” für alle angeregt und damit öffentliche Diskussionen ausgelöst. Nebulös blieb, ob er mit dieser Idee nur junge Menschen beglücken will - oder ob auch einst für untauglich befundene männliche Babyboomer („Drückeberger“) und sogar die vielen “ungedienten” Frauen dieser Generation in die Pflicht genommen werden sollen.

Dienst für die Gemeinschaft

Jenseits bekannter und auch diesmal vorgebrachter moralischer Argumente – sinnstiftender Dienst für die Gemeinschaft, Horizonterweiterung, Signal gegen egomanische Tendenzen – geht es im Kern um etwas ganz Anderes. Nämlich darum, die vor über einem Jahrzehnt ausgesetzte (und keinesfalls endgültig abgeschaffte) Wehrpflicht wieder einzuführen. Eine Art Rekrutierung durch die Hintertür: Wir müssen uns schließlich vorbereiten, wappnen für künftige NATO-Einsätze gegen Russland!

Dafür brauchen wir nicht nur die vielzitierten schweren Waffen, sondern auch Personal, das diese bedienen kann. (Männliche) Helden, die bereit sind, im Extremfall für ihr Vaterland zu sterben, wie in längst vergangenen Zeiten. Doch es gibt da ein „Problem“: Nach fast achtzig Jahren Frieden, in einer auch von den Gewerkschaften beförderten pazifistischen Grundstimmung, ist die Bereitschaft zu kämpfen nicht sonderlich hoch. Und wenn sich, wie zu befürchten, nicht genügend Freiwillige zum Militär melden, müssen sie eben “eingezogen” werden. Dienstverpflichtet, wie eh und je im Krieg: Im “Verteidigungsfall” konnte der Staat schon immer über die Körper insbesondere von Männern behördlich verfügen, sie kasernieren und auf die Schlachtfelder schicken.

Die einseitige Zumutung, auf diese Weise zu “dienen”, wurde im gesellschaftlichen Konsens lange als gerechter Ausgleich im Geschlechterverhältnis betrachtet. Unausgesprochen galt sie als Kompensation für die exklusive Fähigkeit des Gebärens und der Übernahme von deutlich mehr Sorge- und Erziehungsarbeit durch Frauen. Dass nun SPD-Bundespräsident Steinmeier (die CDU sowieso) nicht einfach die Rückkehr zur Wehrpflicht fordert, sondern lieber über Sozialkompetenz und bürgerliches Engagement schwadroniert, ist kein Zufall. Den weiblichen Teil der Bevölkerung von einem “Pflichtjahr” auszunehmen passt schlicht nicht zum Zeitgeist.

Durch militärischen Drill geprägtes Mannsein hatte in (West)Deutschland nach Faschismus und verlorenem Weltkrieg ein extrem schlechtes Image. Mit der Integration in das westliche Bündnis und der Gründung der Bundeswehr wurde der Dienst an der Waffe 1955 erneut etabliert. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, angesichts der Erfahrungen mit dem Nazi-Regime im Grundgesetz verankert, nahmen die Söhne und Enkel der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen massenhaft in Anspruch. Als auch die bizarre Gewissensprüfung (“Was würden Sie machen, wenn Ihre Freundin im Park überfallen wird?”) abgeschafft wurde, entschieden sich männliche Jugendliche ganzer Schulklassen für den Zivildienst. Sie verweigerten “per Postkarte”, waren danach in pflegerischen oder erzieherischen Berufen tätig. Das erweiterte ihr Rollenspektrum: Der Trend ging weg vom harten Kämpfer, hin zum weichen, fürsorglichen Mann.

Ukraine-Krieg: Rückkehr soldatischer Männlichkeit

Ist nun alles anders? Mit der Propagierung soldatischer Leitbilder liefern die Medien seit dem Ukraine-Krieg die passende Begleitmusik. “Pesto schützt nicht vor Pistolen”, unter dieser provokativen Überschrift forderte der Münchner Autor Tobias Haberl im Spiegel mehr “Männlichkeit in Zeiten des Krieges”. In den politischen Feuilletons monieren Essayisten seit dem russischen Angriff die mangelnde “Wehrhaftigkeit” des deutschen Mannes. Dieser sei verweichlicht, beschäftige sich zu viel mit Kochrezepten und väterlichen Gefühlen, statt die althergebrachte Rolle des Beschützers einzunehmen. Einstige Kriegsdienstverweigerer wie der Schriftsteller Ralf Bönt oder der Tote Hosen-Sänger Campino biedern sich der öffentlichen Mehrheitsmeinung an – und erklären, sie würden sich heute anders entscheiden und an die Front gehen.

Irritierende Bekenntnisse, denn auch AfD-Rechtsaußen Björn Höcke moniert seit Jahren die angeblich fehlende “Maskulinität”. Seine nun in der bürgerlichen Mitte aufgegriffenen Appelle, “mannhafter” zu agieren, stehen historisch betrachtet in einer höchst problematischen Kontinuität. Während der Weimarer Republik störten sich Reaktionäre an der freizügigen Atmosphäre etwa des Berliner Nachtlebens, Hedonismus schwäche die Volksgemeinschaft. In dem von den Nationalsozialisten angezettelten Krieg kämpften deutsche Männer dann “hart wie Kruppstahl” für Frauen und Kinder.

Spiegel-Autor Haberl, der passend zur aufgeheizten Stimmung ein ganzes Buch zum Thema geschrieben hat (“Der gekränkte Mann – Verteidigung eines Auslaufmodells”) wiederholt nicht zufällig das Narrativ rechter Kommentare zur Kölner Silvesternacht 2015, als Frauen von Männern aus migrantischen Herkunftsfamilien sexuell belästigt wurden: “Wo waren eigentlich die Freunde dieser Frauen? Am Ende fanden einige Schutz hinter dem Türsteher eines Hotels, einem im heutigen Kroatien geborenen Mann.” Bullige Alphatypen aus dem früheren Jugoslawien oder Boxweltmeister wie Wladimir Klitschko, inzwischen Bürgermeister von Kiew, als neue männliche Rollenmodelle?

Gewerkschaften: Fachkräftemangel nicht mit Pflichtdienst beheben

Ganz abgesehen von der an 1914 erinnernden Kriegsbegeisterung gewendeter Künstler und Intellektueller: Steinmeiers Vorschlag hätte auch schwer wiegende Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, Sozialverbände wie Gewerkschaften haben darauf mit deutlichen Worten hingewiesen. “Der Fachkräftemangel muss angegangen werden, aber nicht mit einem Pflichtdienst”, positionierte sich der DGB auf Twitter. Und die frisch gewählte Vorsitzende Yasmin Fahimi sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung: “Wir haben bereits ein Freiwilliges Soziales Jahr, das gut funktioniert.” Es gebe nach wie vor viele junge Leute ohne Schulabschluss, “die sich fragen, was die Gesellschaft für sie tut – das sollten wir zuerst beantworten, bevor wir sie in die Pflicht nehmen”.

Neben militärischen Zwecken sollen staatliche dekretierte Dienste auch Löcher im Sozialsektor stopfen, für die eine verfehlte Politik verantwortlich ist. Schlecht bezahlte Pflichtjahre gefährden hier tariflich abgesicherte Arbeitsplätze, es droht ein neues Lohndumping im Gesundheitswesen, bei den Rettungsdiensten oder in der Altenpflege. Schon in der Vergangenheit wurden Wehr- wie Zivildienstleistende mit Taschengeldern abgespeist. Ist doch alles für einen guten Zweck!


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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