Deutscher Gewerkschaftsbund

24.01.2023

Talsperren: „Der Klimawandel ist ein großes Thema“

Talsperren gehören in vielen Regionen zur öffentlichen Infrastruktur. Im Sauerland etwa sind sie Trinkwasserspeicher für das Ruhrgebiet. Michael Schmitt berichtet von seiner Arbeit an der Biggetalsperre und beschreibt, wie groß die Rolle des Kimawandels bereits heute auf die Wasserversorgung ist.

Biggetalsperre im Sauerland

Die Biggetalsperre im Sauerland wikimedia commons / Asio otus / CC BY-SA 3.0

Michael Schmitt: Wir kümmern uns um die bautechnischen Anlagen, das heißt, wir betreuen die Bauwerke und die Grünflächen am Staudamm und am See. Am Betriebshof arbeiten zehn Kollegen – es sind tatsächlich nur Männer. Einen typischen Arbeitstag gibt es nicht. Wir mähen die Flächen, schneiden Hecken, pflanzen, erneuern die Wege. Heute sind zwei Kollegen im Kontrollstollen und dokumentieren die aktuellen Messwerte. Das steht alle vierzehn Tage an. Um den Staudamm gibt es über 300 Bohrungen mit Sensoren. Damit prüfen wir kontinuierlich, ob alles dicht ist oder ob das Wasser versucht, den Damm zu umlaufen.

Für zehn Leute sind das viele Aufgaben, zumal Staudamm und See riesig sind.

Das stimmt. Wir haben deshalb in den letzten Jahren viel in Maschinen investiert. Der demografische Wandel zeigt sich auch beim Ruhrverband, die Kollegen werden nicht jünger. Und die körperlichen Arbeiten an den Hängen und Ufern sind wirklich anstrengend. Unser Ziel war, solche Tätigkeiten maschinell zu unterstützen. Früher wurde ein Freischneider zum Beispiel auf dem Rücken getragen. Heute haben wir einen Schlepper mit Auslegemäher, was bei 36 Kilometer Wegstrecke durchaus Sinn macht. Ähnlich bei den sechs Kilometern Hecke. Für die 9 Hektar Rasenfläche auf dem Staudamm haben wir eine ferngesteuerte Mähraupe. Das entlastet uns alles. Obwohl bei uns die meisten deutlich über fünfzig sind, haben wir einen sehr niedrigen Krankenstand.

Wie sieht die Rekrutierung aus, wenn ihr Personal sucht – oder Auszubildende?

Das ist hier im ländlichen Bereich nicht einfach. Auf Lehrstellen bewerben sich nur wenige. Der öffentliche Dienst wird oftmals nicht mehr als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. Wobei wir mit unserem Tarifvertrag für die Wasserwirtschaft gut dastehen. Wir sehen außerdem zu, dass wir unsere Leute vom Betriebshof aus der E5 in die E7 bekommen. Wegen der erworbenen Fachkenntnisse für den Talsperren- und Stauseebereich ist das auch richtig so. Wir haben hier nur Problemlöser, das sind hier oft alles andere als Routinearbeiten. Unsere Schlosser stellen Unikate her, ganz spezielle Bauteile für unsere Anlangen. Die gehören in die E7, auch wenn der Arbeitgeber sich da oft nicht so flexibel zeigt.

Matthias Schmidt

Michael Schmitt arbeitet seit 1995 beim Ruhrverband. Er unterstützt den Betriebshof der Biggetalsperre am Rande der Stadt Attendorn im Sauerland. Bevor er zum Ruhrverband kam, hat er als Garten- und Landschaftsbauer bei der Stadt Ennepetal gearbeitet. 1995 absolvierte er die Lehrgänge und Prüfungen zum Stauanlangen Meister. Er ist im Personalrat und bei ver.di aktiv.

Der Ruhrverband ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und der größte Wasserwirtschaftsverband in Nordrhein-Westfalen. Durch Bau und Betrieb von Talsperren und Kläranlagen kontrolliert er Wassermenge und Wassergüte im Einzugsgebiet der Ruhr. Knapp 1.000 Beschäftigte stellen so die Trink- und Brauchwasserversorgung von rund 4,6 Millionen Menschen im Ruhrgebiet sicher.
DGB

Wie wirkt sich bei euch die Digitalisierung der Arbeit aus?

Sie hilft uns, wenn ich zum Beispiel an unsere wirklich alten Bauwerke denke. Die Listertalsperre oberhalb des Biggesees ist von 1912. Das ist eine Schwergewichtsmauer, 300 Meter lang. So eine Mauer bewegt sich natürlich, je nach Wasserstand und Sonneneinstrahlung. Das wird digital aufgenommen. Es gibt sogenannte Diver mit Sendern und Empfängern, die messen das alle 15 Minuten. Das erleichtert die Überwachung der Anlage enorm.

Und was verändert sich hier in der Region durch den Klimawandel?

Ich bin in Hagen aufgewachsen, also im Ruhrgebiet. Früher kannte ich einen richtigen Winter nur aus dieser Region hier, also aus dem Sauerland. Um Schlitten zu fahren, sind wir hierhergefahren. Und bis so 2009 oder 2011 haben uns hier die Winter auch hart getroffen. Wir hatten große Probleme, auf den Hauptdamm zu kommen. Wir mussten mit Radladern Schnee räumen, damit wir an die wichtigsten Funktionselemente der Talsperre kommen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert, die Schneefräsen und den Schneepflug brauchen wir gar nicht mehr. Die Winter setzen deutlich später ein und sind kürzer.

Und wie haben sich die Dürresommer der letzten Jahre ausgewirkt?

Um die Talsperre und den See sind Wälder, dafür hat der Ruhrverband auch einen eigenen Arbeitsbereich Forst. Und der leidet. Von den 70 Hektar Fichtenbestand ist noch ein Hektar übrig, der Rest ist weg. Die Landschaft hier hat sich brutal verändert. Und auch mein Betriebshof ist betroffen. In einem normalen Sommer mähen wir die 9 Hektar vom Haupthang der Talsperre drei bis vier Mal. Durch die Hitze reduziert sich das, in diesem Jahr haben wir nur zweimal gemäht. Man könnte denken, dass das eine Erleichterung ist. Aber es ist alles viel zu trocken und auf den Flächen haben wir bei der Arbeit extreme Staubentwicklung. Und die Vegetation schützt ja auch die Talsperre, allein durch die Wurzelkraft. Wenn das fehlt, hast du bei Starkregen Probleme mit Erosion und Ausspülungen.

Winter mit wenig Schnee oder Dürresommer, wie beeinflusst das bei euch die Wasserregulierung?

Die Zuläufe, die Wälder in der Umgebung, das Grundwasser, das ist immer in Symbiose mit der Talsperre. Wenn es jetzt nach dem trockenen Sommer regnen würde, könnten wir das Wasser im Biggesee eigentlich gut gebrauchen. Aber der Boden nimmt ihn komplett auf, wie ein Schwamm. Da kommt bei uns als Zufluss nicht viel an. Genauso die fehlende Schneeschmelze im Frühjahr, all das wirkt sich aus. Wir müssen mit Blick auf Hochwasser in der Talsperre ja Stauraum freihalten. Eigentlich war die wichtigste Zeit dafür immer Februar/März. Aus dem Ebbegebirge, also aus unseren seitlichen Zuflüssen, kam dann immer die Schneeschmelze. Wenn das durch war, haben wir wieder aufgestaut bis zum Vollstau, um im Sommer Wasser an das Flusssystem abgeben zu können.

Und heute hat sich das zeitlich alles verschoben?

Ja. Es ist kaum noch möglich, die Wasserregulierung längerfristig zu planen. Einerseits haben wir das 14. Jahr in Folge mit unterdurchschnittlichen Niederschlägen. Die sommerlichen Trockenphasen werden immer länger und müssen durch das Wasser aus den Talsperren ausgeglichen werden. Andererseits wurde nach dem Hochwasser aus dem Sommer 2021 mit den Überwachungsbehörden diskutiert, ob auch über das Jahr verteilt Stauraum in der Talsperre vorhanden sein muss. Das wurde für diesen Sommer anders entschieden. Mit Blick auf die letzten Monate kann man nur sagen: zum Glück. Im Mai war die Talsperre voll, jetzt liegen wir bei 64 Prozent. Wenn wir im Frühjahr nicht aufgestaut hätten, wären wir jetzt bei unter 40 Prozent.

Wie habt ihr hier das Sommerhochwasser aus 2021 denn erlebt? Wie konntet ihr darauf reagieren?

Heftiges Hochwasser ist das andere Phänomen des Klimawandels. Unsere Talsperrenleitzentrale in Essen arbeitet sehr eng mit dem DWD zusammen, dem Deutschen Wetterdienst. Von dort kam die Warnung, dass in unserer Region enorme Niederschläge kommen. Die Leitzentrale hat also entschieden, vor dem großen Regen aus dem Biggesee schnellstmöglich Wasser abzugeben. Alles was geht, alle Turbinen Feuer frei. Das ist im Sommer sehr ungewöhnlich. Während des Starkregens konnten wir dadurch enorme Wassermengen in der Talsperre zurückhalten. Der vorher freigeschaufelte Stauraum hat ausgereicht. Die Biggetalsperre war nach dem Regen zu 100 Prozent gefüllt, aber die Hochwasserentlastung ist nicht in Betrieb gegangen.

Wie lange habt ihr vor der Flut gebraucht, damit ausreichend Wasser als Stauraum abgelaufen war?

Zwei bis drei Tage. Wir haben am Montag die Warnung bekommen und haben bis Mittwoch Wasser abgelassen. Und am Mittwoch ging es ja dann los.

In diesem Jahr gibt es Diskussionen, ob Talsperren in Dürresommern weniger Wasser an die Flüsse abgeben dürfen, also mehr Wasser zurückhalten. Ich denke zum Beispiel an den Edersee in Nordhessen.

Die Diskussion gibt es hier auch und das ist natürlich auch eine Reaktion auf den Klimawandel. Für die Ruhr gibt es den Pegel in Hattingen, das ist unser Referenzpunkt. Dort müssen wir einen Abfluss von 15 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in trockenen Sommern durch die Talsperren sicherstellen. Mit den Dürresommern kam die Diskussion auf, ob dieser Mindestwasserabfluss nicht auf 12 Kubikmeter abgesenkt werden kann. Die erforderliche Änderung des Ruhrverbandsgesetzes diskutieren wir nun schon seit vier Jahren mit der Landespolitik. Die letzten Dürresommer zeigen, dass wir diese Anpassung brauchen.

Wenn die Mindestwasserabgabe nicht geändert wird, käme es irgendwann zu Engpässen in der Wasserversorgung?

Ja, dann wird es finster oder treffender gesagt: trocken und durstig.

Wie lautet das Fazit? Können öffentliche Arbeitgeber mit der Klimakrise umgehen?

Klimawandel ist bei uns ein absolut großes Thema. Wir werden ständig gefragt, wie wir für die nächsten Jahre aufgestellt sind und welche Maßnahmen wir ergreifen. An den Themen sind wir dran, das habe ich ja geschildert. Wann stauen wir ein, wann stauen wir ab? Was ist die Mindestwasserabgabe? Solche Fragen werden uns auch weiter begleiten. Der Ruhrverband ist da aber gut aufgestellt. Unseren Energieverbrauch wollen wir auch weiter reduzieren und die eigene Stromerzeugung ausbauen. Bis 2024 wollen wir so viel Strom selbst erzeugen, wie unsere über 800 wasserwirtschaftlichen Anlagen brauchen.

Und der Kampf ums Wasser wird natürlich auch weitergehen und sich im schlechtesten Fall verschärfen. Zumindest in vielen Regionen in Deutschland.

Das stimmt. Und ein Punkt ist mir wirklich wichtig, dafür bin ich auch schon auf die Straße gegangen. Es darf keine Privatisierung von Wasser geben, das wäre eine Katastrophe. Es könnte nichts Schlimmeres passieren, als das wenige Menschen die Macht über das Wasser haben, die aus dem privaten Bereich kommen und nur auf Profite schauen. Wasser muss in öffentlicher Hand bleiben, da ist es gut aufgehoben. Die aktuelle Situation müsste das allen klargemacht haben. Besonders, wenn man die explodierenden Strompreise sieht und gleichzeitig die uferlosen Gewinne der Stromkonzerne.


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Kurzprofil

Dr. Niels Spilker
Niels Spilker arbeitet beim DGB Bundesvorstand in der Abteilung Öffentlicher Dienst und Beamtenpolitik. Er studierte Naturschutzbiologie und Politikwissenschaften in Marburg, Potsdam und Berlin. Er promovierte am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.
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