Deutscher Gewerkschaftsbund

02.05.2023

Der seltsame Tod des liberalen Individuums

Der Plattform-Kapitalismus hat Personen in Datenfragmente zerlegt. Gab es früher noch ein tägliches Entkommen aus der Arbeitswelt, so sind Menschen heute umfänglich ihrer individuellen Freiheit beraubt, schreibt Yanis Varoufakis.

Twitter-Vögelchen gefangen im Käfig

Midjourney / DGB

Mein Vater war der Inbegriff eines liberalen Individuums – obwohl er ironischerweise sein Leben lang Marxist war. Um sein Brot zu verdienen, musste er seine Arbeitskraft an den Chef eines Stahlwerks in Eleusis vermieten. Aber seine Mittagspausen verbrachte er glücklich im Hinterhof des archäologischen Museums der Stadt, wo er uralte Säulen bewunderte, die darauf hindeuteten, dass die Techniker der Antike fortgeschrittener waren als bisher angenommen.

Um kurz nach fünf kam er dann nach Hause, um nach einem späten Mittagsschlaf an unserem Familienleben teilzunehmen und seine Erkenntnisse in akademischen Artikeln und Büchern niederzuschreiben. Kurz gesagt, sein Leben in der Fabrik war von seinem persönlichen Leben sorgfältig getrennt.

Dies war eine Zeit, in der sogar Linke wie wir dachten, der Kapitalismus gäbe uns zumindest eine gewisse – wenn auch begrenzte – Selbstbestimmung. Wie hart man auch für seinen Chef gearbeitet hat, man konnte sich zumindest einen Teil seines Lebens freihalten und in dieser Zeit autonom, eigenständig und frei sein. Dass nur die Reichen wirklich eine Wahl hatten, dass die Armen meist auf der Verliererseite standen, und dass die schlimmste Sklaverei diejenige derer war, die gelernt hatten, ihre Ketten zu lieben, das wussten wir. Trotzdem schätzten wir die begrenzte Selbstbestimmung, die wir hatten.

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Den jungen Menschen heute wird sogar diese kleine Gnade verweigert. Von ihren ersten Schritten an wird ihnen implizit beigebracht, sich selbst als Handelsmarke zu sehen – aber als eine, die anhand ihrer wahrgenommenen Authentizität beurteilt wird. (Und dies gilt auch in Bezug auf potenzielle Arbeitgeber: „Niemand wird mir einen Job anbieten“, meinte einmal ein Absolvent zu mir, „bevor ich mein wahres Selbst gefunden habe“.) In der heutigen Online-Gesellschaft muss man seine Identität vermarkten. Eine der wichtigsten Tätigkeiten junger Menschen liegt inzwischen in der Kuratierung ihres persönlichen Lebens.

Bevor sie ein Bild posten, ein Video hochladen, einen Film bewerten, ein Foto oder einen Tweet teilen, müssen junge Menschen immer darauf achten, wen sie damit erfreuen oder befremden könnten. Nicht nur müssen sie andauernd irgendwie herausfinden, welches ihrer potenziellen „wahren Selbste“ als am attraktivsten wahrgenommen wird, sondern auch ständig ihre Meinung daraufhin überprüfen, wie sie sich zur Durchschnittsmeinung der Online-Meinungsführer verhält. Da jede Erfahrung dokumentiert und geteilt werden kann, müssen sie sich ständig fragen, ob sie dies gerade tun sollten. Und selbst wenn das Teilen der Erfahrung gar nicht möglich ist, können – und werden – sie sich dieser Möglichkeit immer bewusst sein. Jede Entscheidung, ob veröffentlicht oder nicht, wird so zu einem Baustein für die sorgfältig arrangierte Konstruktion einer Identität.

Man muss kein Linker sein, um zu sehen, dass das Recht auf eine tägliche Zeit, in der man nicht zum Verkauf steht, nicht mehr existiert. Die Ironie dabei ist, dass das liberale Individuum weder von faschistischen Braunhemden noch von stalinistischen Kommissaren ausgelöscht wurde. Es verschwand, als eine neue Form von Kapital damit begann, junge Menschen dazu aufzufordern, das liberalste aller Dinge zu tun: sie selbst zu sein. Diese Form von Kapital nenne ich cloud capital. Sie hat viele Verhaltensänderungen hervorgerufen und monetarisiert, und was ich oben beschrieben habe, ist sicherlich die größte und umfassendste davon.

Ein besitzergreifender Individualismus war der geistigen Gesundheit immer schon abträglich. Aber durch die Zerstörung der Grenze, die dem liberalen Individuum eine Zuflucht vor dem Arbeitsmarkt gab, hat die techno-feudale Gesellschaft, die durch das cloud capital entstanden ist, die Dinge unendlich verschlimmert. Personen wurden in Datenfragmente zersplittert – in eine Identität aus Entscheidungen, die durch clicks ausgedrückt und durch Algorithmen auf eine Art manipuliert werden, die kein menschlicher Geist mehr verstehen kann. Cloud capital hat Individuen produziert, die nicht so sehr besitzergreifend sind, sondern eher besessen – also Menschen, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu besitzen. Es verringert unsere Konzentrationsfähigkeit, indem es unsere Aufmerksamkeit an sich zieht.

Wir sind nicht etwa willensschwach geworden. Nein, unsere Aufmerksamkeit wurde von einer neuen regierenden Klasse gekapert. Und weil die Algorithmen des cloud capital bekanntermaßen das Patriarchat, unfaire Stereotypen und bereits bestehende Unterdrückung verstärken, leiden die Verletzlichsten unter uns am meisten darunter.

"Der einzige Weg, um die grundlegende liberale Idee der Freiheit als Selbstbestimmung zu retten, besteht darin, dass wir die Eigentumsrechte an den zunehmend cloud-basierten Instrumenten der Produktion, Verteilung, Zusammenarbeit und Kommunikation umfassend neu ordnen."

Yanis Varoufakis

Wenn uns der Faschismus etwas gezeigt hat, dann ist es unsere Neigung zu dämonisierenden Stereotypen – und die hässliche Anziehungskraft (und Macht) von Emotionen wie Selbstgerechtigkeit, Angst, Neid und Hass, die diese Neigung in uns erzeugt. In unserer gegenwärtigen sozialen Wirklichkeit konfrontiert uns die cloud mit dem gefürchteten und verhassten „Anderen“. Und da Online-Gewalt blutleer und harmlos erscheint, reagieren wir auf dieses „Andere“ verstärkt mit Spott, abwertender Sprache und Bitterkeit. Intoleranz ist die emotionale Kompensation des Techno-Feudalismus für die Frustrationen und Ängste, die wir hinsichtlich unserer Identität und Orientierung erleiden.

Moderation von Kommentaren oder Regeln gegen Hassrede können diese Brutalisierung nicht stoppen, da sie immanent im cloud capital enthalten ist. Immerhin sind dessen Algorithmen darauf programmiert, die Rendite der cloud zu optimieren, und mit mehr Hass und Unzufriedenheit fließt diese Rendite den Big-Tech-Eigentümern um so üppiger zu. Wenn Algorithmen auf Basis von künstlicher Intelligenz noch nicht einmal mehr von ihren Urhebern verstanden werden, können sie von den Behörden auch nicht reguliert werden. Damit Freiheit eine Chance hat, muss das cloud capital also sozialisiert werden.

Mein Vater glaubte, unsere einzige Verteidigung gegen die Dämonen, die um unsere Seele kreisen, sei, etwas zeitlos Schönes zu finden, auf das wir uns konzentrieren können – was er tat, während er zwischen den Überresten der griechischen Antike umherging. Ich habe versucht, dies über die Jahre auf meine eigene Weise zu tun. Aber wenn wir uns gegenüber dem Techno-Feudalismus allein, isoliert und als liberale Individuen verhalten, wird uns dies nicht weit bringen. Uns aus dem Internet abzumelden, unsere Mobilgeräte auszuschalten und Bargeld anstelle von Plastikkarten zu nutzen, ist keine Lösung. Tun wir uns nicht zusammen, können wir das cloud capital niemals zivilisieren oder sozialisieren – und niemals unseren eigenen Geist aus seinem Klammergriff befreien.

Und hier liegt der größte Widerspruch: Der einzige Weg, um die grundlegende liberale Idee der Freiheit als Selbstbestimmung zu retten, besteht darin, dass wir die Eigentumsrechte an den zunehmend cloud-basierten Instrumenten der Produktion, Verteilung, Zusammenarbeit und Kommunikation umfassend neu ordnen. Um das liberale Individuum wiederzubeleben, brauchen wir also genau das, was Liberale eigentlich verabscheuen: eine neue Revolution.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Erschienen auf Project Syndicate


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Kurzprofil

Yanis Varoufakis
lehrt an der Universität in Athen Wirtschafts- wissenschaften. Er war 2015 Finanzminister in Griechenland. Heute ist er aktiver Blogger und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" (Kunstmann Verlag, 2017).
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