Deutscher Gewerkschaftsbund

09.10.2014

Kleine Finanzblasenkunde

Über die krisenhafte Verflechtung von Finanzmarktspekulationen und realwirtschaftlicher Konjunkturentwicklung

Wieso eilt die Weltwirtschaft im neoliberalen Zeitalter von Blase zu Blase? Nur weil der Aufstieg einer Spekulationsblase als Konjunkturmotor dient? Dass die Blasen immer ausgreifender werden, wird deutlich, wenn man sich die Konjunktureinbrüche der letzten drei Jahrzehnte anschaut. Die kritische Debatte über diese neuen Krisenzyklen findet nicht mehr statt, aber auch ihre Auswirkungen auf die Arbeitsgesellschaft werden nur noch am Rande thematisiert.

Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass selbst die übelsten Auswüchse des finanzmarktgetriebenen Neoliberalismus von dessen Apologeten mit einem Verweis auf die menschliche Natur gerechtfertigt werden. Und was nicht alles der unabänderlichen „Natur“ des Menschen entspringen soll: Das auf kurzfristige Profite setzende Shareholder-Value-Prinzip soll Ausdruck seiner unermesslichen Gier sein. Die beständig ansteigende Kluft zwischen Arm und Reich gilt der neoliberalen Ideologie zufolge als Ausdruck der unterschiedlichen individuellen Züge. Der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, hat dieser „Naturalisierung“ neoliberaler Zumutungen in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland eine weitere Facette hinzugefügt. Laut Greenspan, in dessen 19-jähriger Amtszeit (1987 bis 2006) die historisch bespiellose Expansion der globalen Finanzmärkte stattfand, ist auch eine Finanzmarktblase nur Ausdruck natürlicher menschlicher Dispositionen: „Blasen ergeben sich aus der unveränderlichen menschlichen Natur,“ erklärte Greenspan unter Verweis auf die Tatsache, dass die Weltwirtschaft inzwischen „von Blase zu Blase läuft,“ wie es das WSJ formulierte. Eine „längere, stabile Konjunktur mit niedriger Inflation“ bilde demnach „die notwendige als auch die hinreichende Bedingung für das Auftauchen einer Blase“.

Wenn dem so wäre, dann hätte die Menschheit bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ihre Reproduktion in einer widernatürlichen Wirtschaftsverfassung vollzogen. Insbesondere die Ära der keynesianischen Nachkriegsprosperität war durch das Ausbleiben größerer „natürlicher“ Finanzmarktblasen gekennzeichnet. Die Finanzmarktzyklen mit spekulationsbefeuerter Boomphase und darauf folgendem Crash etablierten sich erst mit der Durchsetzung des Neoliberalismus unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den 80er Jahren.

Kurzer historischer Überblick

Die krisenhafte finanzielle Expansion bildet das Kernelement des neoliberalen Kapitalismus. Der Börsen-Crash am 19. Oktober 1987, in dessen Verlauf der US-Leitindex Dow Jones um 22,6 Prozent binnen eines Tages abstürzte, war der erste Schock des neuen Zeitalters. Es war der stärkste Tageseinbruch in der Geschichte des Dow Jones, dem bald Kurseinbrüche in Australien, Hongkong und London folgten. In Japan bildete sich in dieser Zeit die erste gigantische Immobilienblase heraus, die 1990 platzte und das japanische „Wirtschaftswunder“ beendete. Das Land versank in der folgenden sogenannten „verlorenen Dekade“ in einer hartnäckigen Deflation, die mit einem steigenden Schuldenberg, konjunktureller Stagnation und einer schleichenden Verarmung breiter Bevölkerungsschichten einherging.

Die Asien-Krise verwüstete dann ab 1997 die Volkswirtschaften vieler südostasiatischer „Tiger-Länder“, deren Währungen unter den Folgen platzender Kreditblasen auf den Devisenmärkten zusammenbrachen. Indonesien, Südkorea und Thailand waren von ihr besonders betroffen. Aber auch Malaysia, die Philippinen und Singapur litten unter den Folgen. In der Tendenz nahmen die Spekulationsblasen immer größere Dimensionen an. Die erste große Finanzmarktblase in globalem Maßstab bildete die sogenannte Dot-Com-Blase zur Jahrtausendwende. Angefacht vom Siegeszug der Internet-Technologien, entbrannte in den meisten Industrieländern eine regelrechte Investitionsmanie, bei der Tausende dubioser Start-ups mit Milliardenbeträgen überhäuft wurden und erstmals große Teile der Mittelklasse am Aktienboom partizipieren wollten. Yahoo erreichte dabei kurzfristig einen höheren Börsenwert als der damalige deutsch-amerikanische Industriekonzern Daimler-Chrysler. Der auf Hightech-Werte fokussierte Aktienindex NASDAQ stieg von knapp 1000 Zählern in 1995 auf rund 5000 im März 2000 – um dann nach dem obligatorischen Platzen der Blase binnen zweier Jahre auf weniger als 1500 Zähler abzustürzen.

Nach dem gescheiterten Traum von der „New Economy“ baute sich langsam eine gigantische Immobilienblase auf, die bekanntlich im Jahr 2008 platzte. Neben den USA, dem Zentrum dieser Spekulationsdynamik, wurden auch viele Länder Europas davon ergriffen: Spanien, Großbritannien und Irland sind die bekanntesten Beispiele. Aber auch in Teilen Osteuropas - dem Baltikum, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und sogar der Ukraine - stiegen kurzfristige Schuldenblasen auf. Die Globalisierung dieser gigantischen transatlantischen Blasenbildung erfolgte über „innovative“ Finanzprodukte wie die berüchtigten Collateralized Debt Obligation (CDO), in denen faule Hypotheken oder Kredite „verbrieft“ und auf den Weltfinanzmärkten gehandelt wurden. Deswegen führte das Platzen dieser „globalisierten“ Immobilienblasen ab 2007 das gesamte Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds. Auch Finanzinstitute aus Ländern wie der Bundesrepublik, die keine Immobilienblase ausgebildet hatten, gerieten aufgrund der CDOs in ihren Bilanzen ebenfalls in die Schieflage.

Die Weltwirtschaft hat noch immer mit den Auswirkungen dieser Weltfinanzkrise und des darauf folgenden globalen Konjunktureinbruchs - der nur durch massive staatliche Konjunkturprogramme aufgefangen werden konnte - zu kämpfen. Und selbstverständlich sind die Finanzmärkte erneut in einer spekulativen Aufwärtsbewegung. Das US-Wirtschaftsportal Market-Watch beschreibt den gespenstischen Charakter der gegenwärtigen Blasenbildung. Während der Aktienbesitz innerhalb der erodierenden amerikanischen Mittelschicht rasch zurückgehe, seien es wenige institutionelle Großanleger, die die Preise für Wertpapiere nun in die Höhe schnellen lassen. Dabei befinde sich der Aktienboom in keiner vernünftigen Relation zur durchwachsenen und bestenfalls stagnierenden, realwirtschaftlichen Entwicklung. Der Auftrieb der Aktienpreise sei durch die Krisenmaßnahmen der Geldpolitik ausgelöst worden, mit denen die Folgen der geplatzten Immobilienblase bekämpft wurden. Die Notenbank habe in Reaktion auf den Konjunktureinbruch die Wirtschaft „mit Geld in niemals zuvor gesehenen Ausmaß“ überflutet, sodass deren Bilanz sich auf 4,3 Billionen US-Dollar vervierfachte. Diese Geldschwemme sorge zusammen mit dem historisch niedrigen Zinsniveau dafür, dass Aktien nicht aufgrund einer ökonomischen Erholung attraktiv wurden, sondern weil sie die letzte Option für profitable Investitionen darstellten. Market-Watch beschreibt weiterhin die aktuelle Liquiditätsblase, in der die Weltfinanzmärkte verfangen sind. Die Maßnahmen der Geldpolitik (Negativzinsen und Geldschwemme), mit denen die verheerenden wirtschaftlichen Folgen der kollabierten Immobilienblase abgemildert werden sollten, legten somit die Grundlage für die gegenwärtige Spekulationsdynamik.

Die Spekulationsblase als Konjunkturmotor

Es stellt sich damit die Frage, wie sich ein dermaßen instabiles und tendenziell selbstzerstörerisches „Wirtschaftssystem“ etablieren konnte. Wieso eilt die Weltwirtschaft offensichtlich von „Blase zu Blase,“ sodass ein Alan Greenspan dieses Krisenphänomen zum Ausdruck der „menschlichen Natur“ erklären muss? Entscheidend ist hier die Aufstiegsphase einer Spekulationsblase, die mit einer enormen konjunkturellen Belebung einhergeht. Die Finanzmarktspekulation fungiert als Konjunkturmotor, der die reale Wirtschaft antreibt - immer um den Preis eines späteren Einbruchs. Nirgends wurde dies offensichtlicher als bei der Immobilienblase. Der globale Finanzmarkthandel mit CDOs ging ja mit dem Bau und der Sanierung von Immobilien einher, wodurch enorme konjunkturelle Effekte entstanden. Die Bauwirtschaft avancierte in Ländern wie den USA, Spanien oder Irland zum wichtigsten Konjunkturmotor, während die Ausstattung der neuen Häuser die Nachfrage nach Einrichtungsgegenständen der „Weißen Ware“ (wie Möbel, Elektronik, etc.) in die Höhe schnellen ließ. In Spanien, Großbritannien oder Irland herrschte auf dem Höhepunkt der Blasenbildung eine regelrechte Arbeitskräfteknappheit, sodass dort Hunderttausende von Wanderarbeitern aus Osteuropa ein Auskommen fanden.

Ähnlich verhielt es sich mit der Blasenbildung in der „New Economy“, wo ja tatsächlich Investitionen in den entsprechenden infrastrukturellen Ausbau der IT-Technologien getätigt wurden und der Aufbau der später zusammenbrechenden IT-Unternehmen zu Jobwachstum und höherer Nachfrage führte. Zudem hat die breite Beteiligung der Mittelschichten am damaligen Börsenboom zu einem Konsumrausch geführt, da die steigenden Aktienkurse zum Konsum auf Pump verführten und deren Verschuldung vorantrieben. Die Aktienbesitzer rechneten sich reich. Niemand konnte dies Phänomen besser erklären als Alan Greenspan: „Historische Belege lassen den Schluss zu, dass drei bis vier Cent von jedem Dollar, der an zusätzlichem Reichtum auf den Aktienmärkten entsteht, in zusätzlichen Konsumausgaben münden.“ Selbst die gegenwärtige Liquiditätsblase wirkte in der Entstehung stimulierend auf die Weltwirtschaft. Der kurzfristige Boom der Schwellenländer, der nach der Ankündigung der US-Zinswende im Frühjahr 2014 sein Ende fand, war gerade auf die Politik des „billigen Geldes“ der Fed zurückzuführen. Niedrige Renditen in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems trieben anlagesuchendes Kapital in dessen Peripherie, wo es abermals kreditfinanzierte Konjunkturschübe auslöste.

Das Muster ist mit steigender Intensität immer dasselbe: Dem spekulationsbefeuerten Wirtschaftsaufschwung folgt der Crash, wobei die geldpolitischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Folgen wieder die Grundlage für eine abermalige Blasenbildung verursachen. Die Geldpolitik löscht das Feuer der Spekulation mit Benzin. Ein Beispiel mag das illustrieren: Um die Folgen der geplatzten Dot-Com-Blase zu mildern, senkte Greenspan die Leitzinsen massiv ab: Zwischen 2002 und 2005 verharrte der US-Leitzins unter der Marke von zwei Prozent, wobei die Fed diesen nach den Terroranschlägen vom 9.11.2001 sogar für über ein Jahr auf ein Prozent senkte. Diese für die damaligen Verhältnisse beispiellos expansive Geldpolitik führte zu der Immobilienblase, da viele US-Bürger billige Kredite aufnehmen konnten, um Häuser zu erwerben.

Generell entwickelte sich der Finanzmarktsektor in den letzten Jahrzehnten zu einem der global wichtigsten Konjunkturtreiber, auch deswegen, weil der Finanzsektor mitunter viele überbezahlte neue Jobs im Spekulationsgeschäft schaffte. Letztlich ist es aber der Kredit (die wichtigste „Ware“ der Finanzbranche), der die Grundlage des finanzmarktgetriebenen Wachstums bildete. Jede geplatzte Blase hinterlässt Schuldenberge, die in deren Aufstiegsphase in Form von Krediten bzw. Investitionen konjunkturbelebend wirken. Neoliberalismus und Verschuldung sind zwei Seiten einer Medaille, denn die finanzmarktvermittelte Kreditaufnahme avancierte zum zentralen Wachstumsmotor. Salopp gesagt: Heute läuft alles auf Pump. Ironischerweise waren es von Geldwertstabilität und Haushaltskonsolidierung besessene neoliberale Politiker, die den Startschuss für die größte Verschuldungsorgie in der gut fünfhundertjährigen Geschichte des kapitalistischen Weltsystems gaben. Das, was die Neoliberalen in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im Endeffekt vollbrachten, war eine bloße Privatisierung des keynesianischen „Deficit Spending“, das zuvor Staaten zur Rezessionsabwehr anwendeten.

Blasenbildung und die Strukturkrise der Arbeitsgesellschaft

Die Genese des Finanzmarktkapitalismus wird im Blick auf die frühen 80er deutlich. Die Fed musste unter Greenspans Vorgänger Volcker „eine riesige Inflationswelle bekämpfen und hat das auch geschafft, aber darauf folgte ein starker Konjunktureinbruch“, erinnerte sich der ehemalige Fed-Chef Greenspan. Die Bekämpfung der Inflation wurde durch eine massive Leitzinserhöhung erreicht, die zur Wirtschaftskrise und mittelfristig zur weitgehenden Deindustrialisierung der USA führte. Doch zugleich machte das hohe Zinsniveau die Vereinigten Staaten für anlagesuchendes Kapital interessant. Die Kapitalzuflüsse in die USA, die mit der Hochzinspolitik Volckers initiiert wurden, bildeten die Initialzündung des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus. Die „riesige Inflationswelle“, von der Greenspan sprach, war eine Folge der schweren Strukturkrise, in der sich viele Industriegesellschaften in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts befanden. Diese Ära der Stagflation wurde durch die Erschöpfung des Wachstumspotenzials nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Die zunehmende Rationalisierung in der Industrie, einhergehend mit Massenarbeitslosigkeit, tat ihr übriges. Der „fordistischen“ Industrie fehlte ein neuer Leitsektor, der wiederum massenhaft Arbeitsplätze für diejenigen Lohnabhängigen schaffen würde, die aufgrund gesättigter Märkte und zunehmender Automatisierung aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen wurden.

Wie lösten die neoliberalen Politiker und Ökonomen nun diese strukturelle Krise? Sie machten die Finanzbranche zu einem „Leitsektor“, der die Weltwirtschaft im zunehmenden Ausmaß auf einem immer schneller wachsenden und immer labileren Schuldenberg zusteuern ließ. Wer will, der kann darin eine wirtschaftspolitische Spitzenleistung sehen. Die Diskussion über die Krisenfolgen – einer tiefgreifenden Veränderung der Arbeitsgesellschaft - war in den 80er Jahren viel stärker ausgeprägt als heutzutage, obwohl der kometenhafte Aufstieg der Finanzmärkte und die damit einhergehende prekäre Stabilisierung der Weltwirtschaft die damaligen Skeptiker schnell mundtot machte. Angesichts der absurden Dimensionen, in die der Schuldenturmbau auf den Finanzmärkten inzwischen vorgerückt ist, wäre eine Wiederbelebung dieses offenen Diskurses gerade im gewerkschaftlichen Umfeld von höchster Dringlichkeit.


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Kurzprofil

Tomasz Konicz
geb. 1973 in Olsztyn/Polen
freier Journalist
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