Deutscher Gewerkschaftsbund

13.01.2021

Götterdämmerung in Washington

Die Wut, die Ressentiments und die wirtschaftlichen Probleme Amerikas, die Donald Trump ausgenutzt hat, werden nicht verschwinden. Denn er hat die sozialen und politischen Missstände noch verschärft. Dennoch wird er von seinen Anhängern immer noch wie ein Messias verehrt. Wird das nun noch so bleiben?

 

Von Ian Buruma

Gemälde eines brennenden Gebäudes, das wie ein Tempel aussieht, hinter sich überschlagenden Wellen.

Das Schlussbild von Richard Wagners "Götterdämmerung" mit dem in Flammen stehenden Walhall passt eigentlich ganz gut zum Gefühl, das in Washington nach dem Sturm des Kapitols durch einen rechten Mob herrscht. DGB/Max Brückner/Gemeinfrei

Wer von dem Chaos in Washington, DC überrascht war, hat in den letzten vier Jahren nicht aufgepasst. Die grotesken Szenen, die sich am 6. Januar rund um das Kapitol abspielten, waren tatsächlich schockierend: wild gewordene Schläger mit Neonazi-Fahnen und Trump-Bannern randalierten sich ihren Weg in das Repräsentantenhaus und den Senat, während der Mob unter USA- und "Stop the Steal"-Rufen von diesem Moment des Triumphs Selfies schoss, um diese eines Tages den Enkelkindern zu zeigen.

Führende Republikaner schmeichelten Trumps Ego bis zu allerletzten Minute

Doch das widerlichste Spektakel bot Trump selbst, als er seine tobenden Anhänger zum Marsch auf das Kapitol anstachelte, um die Wahlentscheidung umzustoßen und gegen jene "bösen" Feinde zu kämpfen, die ihn angeblich seines Sieges beraubt hatten.

Das war zwar schockierend, kam aber nicht überraschend. Jeder Mensch hätte das kommen sehen können. Schon 2016 hatte Trump zu der Frage, ob er das Wahlergebnis akzeptieren, gesagt, er würde lediglich seinen Sieg anerkennen. Schon damals war also klar, dass er sich nicht an die Grundregeln der liberalen Demokratie halten würde. Doch das war aber nicht der einzige Beleg: die freie Presse bezeichnete er auch damals bereits als "Feind des Volkes", seine politische Konkurrentin Hillary Clinton wollte er eingesperren lassen, Einwanderer waren für ihn Vergewaltiger und Drogendealer und so weiter. Als Präsident duldete und ermutigte Trump gewalttätige Extremisten, die Schwarzen und Juden den Krieg erklärten – 2017 nach dem berüchtigten Marsch weißer Rassisten in Charlottesville.

Doch trotz alledem unterstützten ihn führende Persönlichkeiten der Republikanischen Partei – auch diejenigen, die sich nun in allerletzter Minute vom Präsidenten distanzieren. Sie schmeichelten seinem kolossalen Ego und schützten ihn gegen alle Bemühungen, sein haarsträubendes und möglicherweise rechtswidriges Gebaren zu mäßigen. Sie taten das nicht aus Liebe zu Trump. Aber solange er ihnen gab, was sie wollten – Deregulierung, niedrigere Steuern für die Superreichen und die schnelle Ernennung rechtsextremer Richterinnen und Richter – ließ man ihn tun, was er wollte.

Donald Trump winkt, kurz bevor er in den Hubschrauber einsteigen wird, der einige Meter hinter ihm steht. Es ist Nacht.

Die letzte Aufnahme im offiziellen Foto-Stream des Weißen Hauses zeigt den US-Präsidenten am 4. Januar. So ähnlich dürfte das Foto aussehen, wenn er in den nächsten Tagen endgültig aus dem Amt scheidet - erzwungen oder nicht. Wie schön. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Doch trotz alledem unterstützten ihn führende Persönlichkeiten der Republikanischen Partei, – auch diejenigen, die sich in allerletzter Minute vom Präsidenten distanzierten – sie schmeichelten seinem kolossalen Ego und schützten ihn gegen alle Bemühungen, sein haarsträubendes und möglicherweise rechtswidriges Gebaren zu mäßigen. Sie taten das nicht aus Liebe zu Trump. Aber solange er ihnen gab, was sie wollten - Deregulierung, niedrigere Steuern für die Superreichen und die schnelle Ernennung rechtsextremer Richterinnen und Richter – ließ man ihn tun, was er wollte.

Trump ist ein Sektenführer, der Erlösung von der frevelhaften Welt verspricht

Manche Republikaner würden einräumen, dass Trump kein – nun ja – "konventioneller Politiker" war. Das trifft sicher zu. Trump entspricht eher einem Sektenführer, einem charismatischen Agitator, der seinen Anhängern die Erlösung von der frevelhaften Welt der gewalttätigen und dekadenten Städte, der liberalen Eliten, der Schwarzen, der Schwulen, der Einwanderer und anderer verunreinigender Fremdkörper im politischen Gemeinwesen verspricht. Viele Menschen stimmten für Trump, weil sie in ihm mehr einen Messias als einen Politiker sahen.

Die große Frage lautet nun, ob eine Sekte Bestand haben kann, wenn der Anführer nicht mehr an der Macht ist. Kann der Trumpismus ohne Trump lange überleben? Er verfügt in der Republikanischen Partei noch immer über großen Einfluss und er wird versuchen, diesen Zustand über soziale Medien aufrechtzuerhalten. Er könnte vielleicht sogar sein eigenes kleines Medienimperium aufbauen. Aber würde das reichen? Wäre das von Dauer?

Der Trumpismus könnte auch unter einem anderen Führer überleben. Das hoffen jedenfalls Politiker wie Senator Ted Cruz aus Texas. Sein Versuch, sich bei Trumps Wählerbasis anzubiedern, indem er den Sieg des designierten Präsidenten Joe Biden sabotiert, ist ein Vorgeschmack auf eine zukünftige Präsidentschaftskandidatur. Cruz mangelt es allerdings an Trumps vulgärem Charisma. Er ist ein hochgebildeter Zyniker, ein rücksichtsloser und raffinierter politischer Akteur, aber nicht jemand, der leicht die Massen begeistert.

Die Zukunft des Trumpismus hängt auch von einer lange diskutierten philosophischen Frage ab. Was treibt die Geschichte in stärkerem Maße an: große Führer oder sozioökonomische Bedingungen? Ebenso wie Hitler wird auch Trump vor allem von Linken oft als Symptom und nicht als Ursache einer gesellschaftlichen Pathologie gesehen.

Gemälde von einer Fabrikhalle mit Arbeitern in gelben Overalls, die Autos zusammenbauen. Links im Hintergrund schauen ihnen Männer in Anzügen und Frauen in schicken Kleidern dabei zu.

Trump versprach den Arbeiterinnen und Arbeitern in der traditionellen Industriegion des Rust Belt (früher: Manufacturing Belt), dass er dort Jobs schafft und überhaupt ihre Stimme in Washington sei. Stattdessen hat er die Reichen mit einer Steuerreform beschenkt. Das Bild von Diego Rivera von 1933 zeigt das Ford-Werk in Dearborn nahe Detroit, das 2004 endgültig dichtmachte. DGB/Diego Rivera/Thomas Hawk/Flickr

Dieser Ansicht ist durchaus etwas abzugewinnen. Trump hat Probleme und Ressentiments, die schon lange vor seinem Eintritt in die Politik vorhanden waren, gewieft ausgenutzt: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Angst vor Immigranten, die Abscheu vor dem Islam, die zunehmende Dominanz der Großstädte und der Finanzwelt gegenüber verarmten, entindustrialisierten und ländlichen Gebieten, den Hass auf ethnische Minderheiten und so weiter.

Es ist kein Zufall, dass populistische Aufrührer derart schräge Frisuren haben

Dieser Themen bedienten sich auch andere Demagogen der Gegenwart mit mehr oder weniger Erfolg. Damit der sich einstellt, müssen diese manipulativen politischen Akteure eine gewisse Anziehungskraft ausüben - eine Eigenschaft, die von konventionelleren Politikern oft auf eigene Gefahr unterschätzt wird.

Aussehen und Auftreten spielen dabei eine bedeutende Rolle. Es ist kein Zufall, dass einige populistische Anführer derart schräge Frisuren tragen – von den gefärbten Haarimplantaten des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi über Trumps platinfarben überkämmter Glatze bis hin zur gekonnt zerzausten blonden Pracht auf dem Kopf des britischen Premierministers Boris Johnson. Das Haar ist, wie Hitlers Schnurrbart, Teil ihrer „Marke“. Ein geborener Demagoge weiß sich abzuheben.

Mehr als die meisten seiner Kollegen in der Welt der Demagogen ist Trump jedoch ein Geschöpf des Showbusiness. Seine großen Erfolge feierte er nicht im Immobiliengeschäft; tatsächlich war er ein katastrophal schlechter Geschäftsmann, der von einem Misserfolg zum nächsten stolperte. Er etablierte sich vielmehr über eine Fernsehshow, die seine Marke stärkte und die er mit wahrhaft meisterlichem Talent zur Selbstdarstellung zu seinen Gunsten nutzte. Cruz, Josh Hawley, Tom Cotton oder Marco Rubio - allesamt republikanische Senatoren mit Ambitionen, in Trumps Fußstapfen zu treten – können ihm in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen.

Die Wut, die Ressentiments und die wirtschaftlichen Probleme, die Trump ausgenutzt hat, werden freilich nicht verschwinden. Und er hat die sozialen und politischen Missstände Amerikas noch enorm verschärft. Die Symptome werden anhalten, aber vielleicht ohne einen Mann mit der bösartigen Begabung, sie noch weiter anzufachen.

Und Trumps Anhänger werden ihren Messias verlieren. Ohne Trumps bizarre, aber effektive Vorherrschaft in der Partei könnte den Republikanern durchaus eine Phase brutaler Flügelkämpfe ins Haus stehen, die womöglich zur Spaltung der Partei führen. Sollte das passieren, hätten sie es sich wirklich verdient.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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