Deutscher Gewerkschaftsbund

26.04.2022

Gewerkschaftliche Bildung: für eine nachhaltige Entwicklung

Wie können Gewerkschafter*innen die sozial-ökologische Transformation der Arbeitswelt gestalten? Dieser Frage geht ein aktuelles Forschungsprojekt der TU Berlin und dem NELA. Next Economy Lab nach. Mit Bildungsreferent*innen und Gewerkschaftssekretär*innen von IG Metall, ver.di, IG BCE und dem DGB haben die Forscher*innen Interviews geführt.

Workshop-Situation: Menschen beugen sich gemeinsam über einen Laptop

pexels / Canva Studio

Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeit“ skandieren Aktivist*innen bei Klimastreiks. Anders gesagt: eine intakte Umwelt und die schonende Nutzung planetarer Ressourcen sind für die langfristige Sicherung von Arbeitsplätzen unabdingbar. Gewerkschaften kennen Herausforderungen und Ängste der Beschäftigten besonders gut. Sie können den Weg zu einer nachhaltigen Arbeitswelt gestalten, indem sie als progressive Akteur*innen in der sozial-ökologischen Transformation Brücken zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit bauen. Gewerkschaften betrachten die (Re-)Qualifizierung der Beschäftigten durch betriebliche Aus- und Weiterbildung als zentralen Baustein für die sozial gerechte Transformation. Das transformative Potenzial der eigenen Bildungsarbeit steht aber bisher zu wenig im Fokus.

Status Quo gewerkschaftlicher Bildungsarbeit

Gewerkschaftliche Bildung gliedert sich in betriebs- und gesellschaftspolitische Seminare. Während in den 1980ern Jahren in den betriebspolitischen Seminaren noch Konversionsdebatten geführt wurden, fokussieren sich diese heute vorwiegend auf den eng gefassten, rechtlichen Rahmen betrieblichen Umweltschutzes.

In den gesellschaftspolitischen Seminaren lässt sich eine Renaissance umweltpolitischer Themen attestieren – wenn noch als zartes Pflänzlein. Notwendig ist dabei jedoch neben der inhaltlichen Auseinandersetzung die Ausbildung von Transformationskompetenzen: systemisches, normatives, zukunftsfähiges und strategisches Denken sowie Empathiefähigkeit für die Perspektiven, Gefühle und Ängste verschiedener Akteur*innen der Transformation.

Praktisches Lernen: Mehr Kompetenzen durch eigene Transformationsprojekte

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit wird primär als Reflexionsraum gewerkschaftlicher Praxis verstanden und als Lernort, an dem Erfahrungen von Gewerkschaftsmitgliedern in die Gewerkschaftsstrukturen einfließen. Kompetenzen zur Implementierung von Transformationsprojekten und Lösung von Nachhaltigkeitsdilemmata werden weniger vermittelt. Diese könnten durch die Umsetzung konkreter Transformationsprojekte gewonnen werden.

„Jemand, der am Band bei VW arbeitet, muss das Produkt nicht gut finden, […]um seinen Lebensunterhalt gut bestreiten zu können. […] Gleichzeitig kann jemand, der bei VW am Band arbeitet, auch für Fridays for Future auf die Straße gehen und sagen, dass […] die Ausrichtung dessen, wie wir wirtschaften, […] Gefahr läuft, in eine Sackgasse zu kommen. Dass das was ist, womit wir uns auseinandersetzen müssen. Und zwar nicht nur als Gewerkschaft, sondern als Gesellschaft mit all den Akteuren, die dort eine Rolle spielen. Das ist keine Schizophrenie, sondern das ist genau das, was wir ermöglichen und wozu wir die Leute befähigen wollen, emanzipatorisch zu denken und träumen zu können, […] und sich einbringen zu können.“ (IG Metall 2021).

 

Verbindungen zwischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, nachhaltiger Transformation der Wirtschaft und betrieblicher Erfahrungswelt herzustellen, ist für Lernende wichtig. Statt bei Beschäftigten Schuldgefühle durch die Produktionsweise der eigenen Branche auszulösen oder moralische Konsumgebote und -verbote zu diktieren, müssen konkrete Nachhaltigkeitsdilemmata gewerkschaftlicher Praxis in den Fokus gewerkschaftlicher Bildungsarbeit gerückt werden. Dazu gehört zum Beispiel die Angst vor Arbeitsplatzverlust.

 

„Ich glaube, das größte Hemmnis in der Auseinandersetzung ist tatsächlich Angst und Sorge. […] [Wir müssen] Chancen eröffnen […] und gemeinsam gucken: Was ist denn die Chance für uns als Gewerkschaft? Was ist die Chance für uns als Beschäftigte im jeweiligen Betrieb? Aber eben auch: Was ist die Chance für uns als Gesellschaft?“ (IG BCE 2021)

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit sollte Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, um politische Mitsprachefähigkeit und Urteilskraft der Beschäftigten zu stärken. Sie sollen ermutigt werden, sich in Diskurse einzubringen und Lösungsvorschläge für sozial-ökologische Herausforderungen zu entwickeln. Wichtig ist, dass die Lerninhalte dabei für transformative Lernprozesse geeignet sind. Sie sollten weder zu Überforderung der Beschäftigten führen noch zu sehr im Status Quo verhaftet sein. Vielmehr sollten sie dazu einladen konkrete Veränderungsprojekte in Richtung Nachhaltigkeit in Angriff zu nehmen.

Ökologie vom Betrieb aus denken: Potenziale transformativer Lernprozesse

Oft fehlt in Bildungsangeboten der Raum aufgezeigte Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren. Transformative Lernprozesse leben davon, dass Lernende eigene sozial-ökologische Projekte konzeptionieren, planen und umsetzen. So werden innerbetriebliche Handlungsmöglichkeiten gestärkt und wichtige Erfahrungen zum Eigenverständnis von Gewerkschafter*innen in der sozial-ökologischen Transformation gewonnen. Transformationslotsen, wie sie im Kontext digitaler Transformation auftreten, könnten solche Lernprozesse in der betrieblichen Praxis unterstützen. Ähnliche Ansätze finden sich bereits – jedoch bisher ohne Bezug zur sozial-ökologischen Transformation – in der Fortbildungsreihe IG Metall vom Betrieb aus Denken.

Sozial-ökologische Transformation findet in der gewerkschaftlichen Bildung noch wenig Beachtung. Sie muss deutlicher in den Seminarkanon integriert werden. Zugleich könnte die Überarbeitung des Betriebsverfassungsgesetzes die Rahmenbedingungen für innerbetriebliche Handlungsmöglichkeiten von Betriebsräten stärken und die Grundlage für bezahlte Freistellungen im Bereich Nachhaltigkeit ausweiten.

Allianzen mit der Umweltbewegung

Um gemeinsam Bildungskonzepte zur sozial-ökologischen Transformation zu realisieren, braucht es mehr Netzwerke unter den Einzelgewerkschaften und ein gemeinsames Lernfeld mit der Umweltbewegung. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven unterstützt die Reflexion des eigenen Weltverständnisses, was zentral für transformative Lernprozesse ist.

„Wir brauchen viel zeitiger eine ganze Reihe von Kontakten, von Vernetzungen, von gemeinsamer Zusammenarbeit [mit der Umweltbewegung]. Das heißt dementsprechend, wir bräuchten […] eine eigene Akademie mit den Umweltverbänden zusammen. [… ] Wo wir wirklich Bildungsarbeit machen, die sowohl von, von den Umweltverbänden, ihren Leuten wie von uns gemacht werden.“ (IG BCE 2021)

Transformation bedeutet Unsicherheit. Gewerkschaften können den Weg mit den Beschäftigten gehen und gemeinsam versuchen, Transformation zu gestalten. Sie stehen am Knotenpunkt der Zielkonflikte von Sozialem und Ökologie. Bisher befindet sich die Entwicklung einer eigenständigen gewerkschaftlichen Bildung für nachhaltige Entwicklung noch in ihren Anfängen. Um ihr transformatives Potenzial zu heben, sollte Erwerbsarbeit als Lernort und Ausgangpunkt für eine sozial-ökologische Transformation gelten.

Erwerbsarbeit als Lernort für sozial-ökologische Transformation

Gewerkschaftsmitglieder müssen angesichts der künftigen Herausforderungen befähigt werden, den Umbruch mitgestalten zu können. Dafür ist das Lernen im direkten Arbeitsumfeld zentral. Gewerkschaften und Umweltbewegung können voneinander lernen. Gemeinsame Bildungsarbeit könnte den Unterschied machen – auch für die Umweltbewegung. Denn: „Environmentalism without class struggle is just gardening“ (Chico Mendes).

Das Forschungsprojekt Education for Sustainable Unionists 2030 wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert und wird in Zusammenarbeit vom Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin und dem NELA. Next Economy Lab durchgeführt.


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Kurzprofil

Gerrit von Jorck
Gerrit von Jorck lehrt und forscht als ökologischer Ökonom am Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin. Er leitet das Forschungsprojekt Education for Sustainable Unionists und forscht zu den spezifischen Anforderungen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit für eine nachhaltige Entwicklung.
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Tanja Brumbauer
Tanja Brumbauer ist Wirtschaftswissenschaftlerin und setzt sich als Mitgründerin und Geschäftsführerin von NELA (Next Economy Lab) für eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Wirtschaft ein. Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts Education for Sustainable Unionists erarbeitet sie mit Gewerkschaften Bildungsangebote zum Thema der sozial-ökologischen Transformation.
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Lukas Heck
Lukas Heck studiert im Masterprogramm "Socio-Ecological Economics and Policy" in Wien und wirkte im Forschungsprojekt Education for Sustainable Unionists mit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Zeitverwendung, nachhaltige Arbeit und Lebensführung sowie (Sozial-)Ökologische und Feministische Ökonomie.
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