Deutscher Gewerkschaftsbund

26.04.2021

Amerikas andere Hegemonie

Extremismus von links entzündet – und spiegelt – sich rechts. Wenn Wellen der „Woke-Kultur“ über Universitäten und liberale Medien außerhalb der USA hereinbrechen, gilt dies ebenso für die oft viel abscheulicheren und gefährlicheren Folgen der ideologischen Abwege am rechten Rand.

 

Von Ian Buruma

5 Japaner mit Q auf T-Shirts und "17" auf Baseball-Kappen halten eine kleine weiße Fahne vor sich, auf der auch Q steht.

Auch die QAnon-Bewegung ist ein erfolgreicher Exportartikel der USA. Selbst in Japan findet sie Anhänger, die Donald Trump verehren und fürchten, von bösen Ausländern ferngesteuert zu werden. DGB/dah

Amanda Gormans bemerkenswerter Vortrag ihres Gedichts "The Hill We Climb" bei der feierlichen Einführung von Joe Biden in das Amt des US-Präsidenten hat Millionen berührt. Auch aus diesem Grund beauftragte ein namhafter niederländischer Verlag eine bekannte Autorin mit der Übersetzung. Die Entscheidung für Marieke Lucas Rijneveld, Gewinnerin des International Booker Prize, die weiß ist und sich selbst als nicht binär identifiziert, hat sofortige Proteste schwarzer Aktivisten in den Niederlanden ausgelöst. Eine ähnliche Debatte gab es in Deutschland. Die Aktivisten hier wie dort forderten, dass Gorman als Afroamerikanerin von einer schwarzen Person übersetzt werden solle. Die Vergabe an eine weißen Übersetzerin fand einer der Protestierenden "schmerzhaft". Rijneveld zog sich aus dem Projekt zurück.

Im Guten wie Schlechten: Amerikas Einfluss ist stark wie eh und je

Auf der anderen Seite des Erdballs, in Japan, schmücken lokale Anhänger die bei rechtsextremen Amerikanern beliebte Verschwörungstheorie QAnon mit ganz eigenen irren Phantastereien aus. Japanische QAnon-Gläubige sind überzeugt, dass Japan hinter den Kulissen von böswilligen Ausländern regiert wird und die Kaiserfamilie für so ziemlich alles verantwortlich ist, sogar die Atombombe und das verheerende Erdbeben von 2011. Und als wäre das nicht genug, hat sich eine Gruppe japanischer QAnon-Jünger ausgerechnet den in Ungnade gefallenen ehemaligen US-General Michael Flynn zum Idol erkoren.

Im Guten wie im Schlechten: der Einfluss der amerikanischen Kultur ist so stark wie eh und je. Zumindest in dieser Hinsicht sind die Nachrichten über den Niedergang der USA stark übertrieben. Trotz des Aufstiegs Chinas, des enormen Reichtums der Europäischen Union und des peinlichen Spektakels, das Donald Trump als Präsident geboten hat, bekommen Menschen in aller Welt ihre kulturellen und politischen Anregungen weiterhin oft aus Amerika.

Früher war die Angst vor dem kulturellen Einfluss der USA bei Rechten besonders groß. Vor dem Zweiten Weltkrieg geißelten Kulturkonservative in Europa und Japan den vulgären amerikanischen Konsumismus, die ethnisch gemischte Einwanderergesellschaft ohne Wurzeln und den ungezügelten Liberalismus der politischen Institutionen. Das Vorbild USA bedrohte die soziale Ordnung, die ethnische Homogenität und die Hochkultur. Aber natürlich haben die politischen Extreme viel gemeinsam. Ganz links hasst man die globale Ausstrahlung der kapitalistischen Kultur Amerikas, die "Cocakolonisierung" mindestens genauso sehr.

Die junge Schwarze Amanda Gorman spricht in zwei Mikrophone vor sich. Sie trägt einen langen gelben Mantel und einen dicken roten Haarreif.

Die Lyrikerin Amand Gorman trug ihr Gedicht "The Hill We Climb" bei der Amtseinführung von Joe Biden vor. Die Frage, ob auch Weiße es in andere Sprachen übersetzen dürften, löste in mehreren Ländern heftige Debatten aus. DGB/Kevin Lamarque/Reuters

Im Grunde hat zu den erfolgreichsten Exporten Amerikas neben Coca-Cola immer schon die Protestkultur gehört. Schließlich wurde sogar die Französische Revolution durch die Amerikanische Revolution inspiriert. In den 1960er-Jahren demonstrierten Studierende weltweit gegen den "amerikanischem Imperialismus" und den Vietnamkrieg, folgten dabei aber dem Vorbild von Studierenden in Berkeley oder an der Universität Columbia in New York und hörten amerikanische Protestsongs. Und wie Andreas Papandreou in Griechenland haben auch viele andere anti-amerikanische Politiker ihre Ideen an amerikanischen Universitäten entwickelt.

Jetzt ist die Frage: verspricht der Einfluss der USA heute mehr Freiheit?

Die Anziehungskraft der Vereinigten Staaten, die institutionelle Mängel, den historisch begründeten Rassismus und alle Anfälle moralischer Hysterie überstrahlt, lag schon jeher in dem Versprechen wirtschaftlicher, politischer, künstlerischer und sexueller Freiheit. Deshalb gingen linke Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland in den 1930er- und 1940er-Jahren auch lieber in die USA, konservative dagegen eher nach Großbritannien.

Jetzt ist die Frage, ob der Einfluss der USA heute mehr Freiheit verspricht oder weniger. Man kann natürlich finden, dass "critical race theory" und Identitätspolitik, die amerikanische Universitäten und die liberalen Medien gerade in Aufruhr versetzen, befreiend wirken, insbesondere für sexuelle und ethnische Minderheiten. Sie wurzeln aber zum großen Teil in Traumata der amerikanischen Geschichte, ebenso wie das Bestehen auf öffentlich zur Schau gestellter Buße aus der besonderen religiösen Tradition Amerikas kommt.

Lassen sich diese Aspekte der amerikanischen Kultur nahtlos auf Gesellschaften in anderen Teilen der Welt übertragen? Hat die amerikanische Obsession für "Identität" und "Repräsentation" in Ländern mit einer anderen Geschichte dieselbe Bedeutung? Warum muss Gormans Gedicht von einer deutschen oder niederländischen Person of Color übersetzt werden? Warum sollte eine französische Oberschule, die den Namen einer französischen Mathematikerin (Sophie Germain) trägt, zu Ehren einer afroamerikanischen Aktivistin (Rosa Parks) umbenannt werden?

Joe Biden sitzt hinter einem Tisch mit blauer Decke bis zum Boden und schaut zu 2 Meter links von ihm sitzenden schwarzen Frau, die gerade in ein Mikro spricht.

Mit Joe Biden könnten Vernunft und Toleranz, für die das intellektuelle Leben Amerikas oft bewundert wurde, wieder zu ihrem Recht kommen. Hier stellt er gerade die neue UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield vor. DGB/Adam Schultz/Weißes Haus/Gemeinfrei

Auch stellt sich die Frage, ob es unserer Freiheit dient, wenn die Bücher klassischer westlicher Autoren im Namen der sozialen Gerechtigkeit und "Dekolonisation" aus dem Lehrplan gestrichen werden. Dies ist ohne Zweifel ebenfalls eine Art von Protestkultur. Der ideologische Eifer, der in Amerika gerade so viel Aktivismus rund um Rasse, Geschlecht und Identität anheizt, ist aber auch ein Echo anderer sozialer Bewegungen aus der Vergangenheit: Puritanismus, quasi-religiöser Eifer, intellektuelle Intoleranz – kurz gesagt, dem Gegenteil von mehr Freiheit.

Der paranoide Stil Amerikas macht sich weltweit breit

Extremismus von links entzündet – und spiegelt – sich rechts. Wenn Wellen der "Woke-Kultur" über Universitäten und liberale Medien außerhalb der USA hereinbrechen, gilt dies ebenso für die oft viel abscheulicheren Folgen der ideologischen Abwege am rechten Rand, dessen, was der Historiker Richard Hofstadter so treffend "den paranoiden Stil der amerikanischen Politik" genannt hat.

Das Vorbild Trump und seine antiliberale, fremdenfeindliche und offen rassistische Rhetorik hat schon eine ganze Reihe autoritärer Politiker inspiriert, die an den Rändern ehemals stabiler liberaler Demokratien stark werden. Das Wachstum von QAnon in Japan zeigt besonders klar, dass sich der paranoide Stil Amerikas auch in anderen Ländern breit macht.

Man kann und sollte vielleicht optimistisch sein und hoffen, dass die moralische Panik in den USA irgendwann abflaut und die Vernunft siegt. Womöglich gelingt es Joe Biden als Präsident, den Trumpismus zu entschärfen, damit die Toleranz, für die das intellektuelle Leben Amerikas oft bewundert wurde, wieder zu ihrem Recht kommt. Vielleicht passiert das sogar, solange die gefährlicheren Auswirkungen des amerikanischen Einflusses in anderen Ländern noch immer wüten. Um Amerikas und der ganzen Welt willen muss man hoffen, dass dies bald passiert.


Nach oben

Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Kürzlich erschien von ihm das Buch "The Churchill Complex: The Curse of Being Special, From Winston and FDR to Trump and Brexit".
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten