Deutscher Gewerkschaftsbund

16.11.2022
Interview mit Dietmar Schäfers

Wanderarbeiter: Die WM in Katar hat viele Akteure sensibilisiert

Seit der WM-Vergabe an Katar im Jahr 2010 gibt es deutliche Verbesserungen beim Arbeits- und Gesundheitsschutz für Wanderarbeiter*innen. So gibt es nun einen Mindestlohn, das offizielle Kafala-System, das Menschen zu Leibeignen macht, ist formal abgeschafft worden. Dietmar Schäfers spricht im Interview über seine Hoffnung, dass der Fortschritt auch in anderen Ländern der Golfregion und weltweit Folgen hat.

Wanderarbeiter in Katar

Wanderarbeiter warten in Doha auf einen Bus. Wikimedia Commons / Alex Sergeev / CC BY-SA 3

Am 20. November startet die Fußball-WM in Katar. Du hast viele Jahre für bessere Arbeitsbedingungen auf den Stadion-Baustellen gekämpft. Wie war dein Eindruck zu Beginn?

Die FIFA hat 2010 die Fußball-Weltmeisterschaft an Katar vergeben. Seit 2013 waren wir viele Male vor Ort, um uns ein Bild von den Arbeitsbedingungen auf dem Bau zu machen und mit den Wanderarbeitern zu sprechen. Auf der einen Seite gab es große Baustellen mit wirklich schlechten Arbeits- und Gesundheitsbedingungen, die Berichte sind zu Recht um die Welt gegangen: wenig Gesundheitsschutz, schlechte Verpflegung und miserable Unterbringung. Aber es gab auch zu Beginn Bauprojekte, etwa im Bereich der Gasindustrie mit bis zu 20.000 Wanderarbeiten, die vorbildlich waren.

Wer trägt die Verantwortung für die schlechten Bedingungen rund um die WM?

Allen voran ist die FIFA verantwortlich. Sie hat die WM nach Katar vergeben. Bei der Vergabe geht es eben nicht nur um lukrative Werbeverträge und Steuerfreiheit, sondern auch um die Einhaltung der Menschenrechte. Die UN hat 2011 eine Leitlinie veröffentlicht, in der heißt es: wirtschaftliche Akteure haben eine Verantwortung für Menschenrechte. Die FIFA ist klar ein wirtschaftlicher Akteur. Für mich gilt schon immer: Arbeitsrechte sind Menschenrechte und Menschenrechte sind Arbeitsrechte.

Aber an der WM verdienen auch andere Akteure.

Genau, verantwortlich sind auch die Unternehmen, die vor Ort Stadien, Wohnheime und Infrastruktur aufbauen. Sie kommen in der Berichterstattung kaum vor. Der Staat Katar ist ebenfalls verantwortlich, aber auch die Herkunftsländer, aus denen die Wanderarbeiter kommen. Menschen aus Nepal oder Bangladesch verlassen ihr Land ja nicht ohne Grund. Ein Großteil des Verdienstes senden sie an ihre Familien. Ein Drittel des nepalesischen Bruttoinlandproduktes wird durch das Geld erzielt, dass die Wanderarbeiter nach Hause überweisen. Ich verstehe nicht, warum sich diese Staaten nicht stärker für ihre Bürgerinnen und Bürger einsetzen.

 

Dietmar Schäfers

Dietmar Schäfers war bis 2020 stellvertretender Vorsitzender der IG BAU. Seit 2009 ist er Vizepräsident der globalen Gewerkschaftsförderation Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI), wo er die Bereiche Mega Sport Events, Arbeit- und Gesundheitsschutz und Menschenrechte verantwortet. IG BAU

Gab es eine Zusammenarbeit mit den Kataris?

Uns war klar, wenn wir in Europa nur auf negative Schlagzeilen setzen, wird sich die Lage für die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht verbessern. Wir haben darum bewusst das Gespräch gesucht, um über die Arbeitsbedingungen zu sprechen. Im Unterschied zu anderen Gastgeberländern von Sportereignissen wie Russland oder China, haben die Kataris mit uns gesprochen. 2016 gab es dann einen ersten Meilenstein. Mit dem Supreme Committee, das für die Organisation der WM und somit auch den Bau der Stadion verantwortlich ist, haben wir eine Vereinbarung über internationale Arbeitsinspektionen auf Baustellen beschlossen. Dieser Vertrag ist jährlich verlängert worden. Insgesamt sind seitdem 25 Inspektionen durchgeführt worden. Der Standard beim Arbeits- und Gesundheitsschutz entsprach zuletzt dem der USA oder der BRD.

In Katar gibt es auch einen Mindestlohn.

Ja, der liegt aktuell bei rund 250 Euro pro Monat und wird jährlich überprüft. Davon profitieren die Menschen, die aus ärmeren Ländern in Katar arbeiten. Es ist der erste Mindestlohn in der Golfregion. Durch den Fokus auf die WM kommt also einiges in Bewegung – in Katar und hoffentlich auch in anderen Ländern. Verschiedene Anliegen sind per Gesetz umgesetzt worden. So sind Anwerbegebühren für Beschäftigte aus anderen Ländern nun verboten. Das Kafala-System ist zwar abgeschafft worden, aber es gibt immer noch erheblichen Widerstand in der Wirtschaft. Die Reformen müssen besser umgesetzt werden. Übrigens: Das Wanderarbeiter aus Nepal, Indien oder Pakistan eingesetzt werden, ist weitverbreitet. Etwa in Dubai oder Saudi-Arabien, wo 2029 die asiatischen Winterspiele anstehen. Dort wollen wir Gewerkschaften auch für bessere Arbeitsbedingungen sorgen.

Gab es Versuche, euch mit Geschenken oder Geld zu beeinflussen?

Uns ist bis heute kein Geld angeboten worden. Wir hätten das natürlich abgelehnt. Zum Vergleich: Vor der WM in Russland haben wir das erste Gespräch mit den Verantwortlichen nach 25 Minuten abgebrochen, weil man versucht hat, uns zu bestechen. Auch für die internationalen Arbeitsinspektionen in Katar haben wir keinen Cent genommen. Das verstößt gegen unsere Regeln und würde uns unglaubwürdig machen.

Wo wurde noch angesetzt, um die Bedingungen für die Wanderarbeiter zu verbessern?

Wir haben unsere Betriebsräte in den multinationalen Baukonzernen angesprochen und ihnen geraten, die Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen. Teilweise sind sie gemeinsam mit ihren Geschäftsführern nach Katar geflogen, um sich zu informieren. Anschließend ist viel Geld investiert worden, um zum Beispiel die Situation in den Unterkünften zu verbessern. Andere Unternehmen haben Rahmenvereinbarungen mit der Bau- und Holzarbeiter Internationalen (BHI) abgeschlossen, in denen es um die Arbeits- und vor allem Anwerbepolitik geht. Generell sehe ich es als Erfolg, dass viele Akteure nun für das Thema sensibilisiert wurden.

Bleiben die Fortschritte bei den Arbeitsbedingungen, wenn die Weltmeisterschaft vorbei ist?

Ich setze darauf. Im März haben wir mit dem Arbeitsministerium vereinbart, dass wir erstmal bis Ende 2024 vor Ort aktiv bleiben dürfen. Es soll weitere gemeinsame Projekte geben. Unser gewerkschaftliches Ziel ist es, ein Arbeitszentrum für die Wanderarbeiter zu errichten. Dort sollen sie sich informieren, weiterbilden und austauschen können. Es freut mich, dass wir dabei nun auch Unterstützung aus der Wirtschaft bekommen. Adidas hat sich auch öffentlich für die Eröffnung eines Arbeiterzentrums in Katar ausgesprochen. Zudem ist es wichtig, den Familien der verstorbenen Arbeiter mit einem Entschädigungsfonds zu helfen.

Wie soll der Fonds aussehen?

Die FIFA wird 440 Millionen Dollar an Prämien an die teilnehmenden Fußballverbände verteilen. Diese Summe muss mindestens auch für die Familien der tödlich verunglückten Arbeiter bereitgestellt werden. Der Fonds muss nach transparenten Regeln aufgestellt werden.

Wie ist das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und DFB?

Ich bin wirklich froh, dass der DFB mit Bernd Neuendorf einen Präsidenten hat, dem Menschenrechte und der Arbeits- und Gesundheitsschutz sehr wichtig sind. Der DFB ist ein wichtiger Akteur in der internationalen Öffentlichkeit. Ein Beispiel: Kürzlich habe ich ein gutes und ausführliches Gespräch mit Gianni Infantino, dem FIFA-Boss geführt. Nur einen Tag später sendet er einen Brief an die Mitgliedsverbände, dass nach den Debatten um die Menschenrechte in Katar doch nun endlich der Fußball im Mittelpunkt stehen sollte. Der DFB und viele weitere große Fußballverbände haben darauf hin einen sehr diplomatischen aber deutlichen Brief an Infantino geschrieben. Sie wollen unter anderem weiterhin auf die Errichtung des Gastarbeiter-Zentrums sowie einen Entschädigungsfonds drängen.

Weltweit gibt es 200 Millionen Arbeitsmigrant*innen. Wie soll es für diese Menschen weitergehen?

Diese Arbeiterinnen und Arbeiter müssen weltweit im Fokus bleiben – auch in den großen Medien. Die BHI bereitet aktuell eine Kampagne mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft 2026 in Mexiko USA und Kanada vor. Vor allem in Mexiko ist die Lage jetzt schon für viele Beschäftigte nicht gut. Hinzu kommen die schlimmen Verbrechen, die durch die organisierte Kriminalität begangen werden. Aber auch in den USA wird es schwierig, die Arbeitsbedingungen auf WM-Baustellen anzugehen.

Abschließend: Schaust du dir die WM an?

Ja, das werde ich. Ich kann hier nur auf Aussagen der Gastarbeiter in Katar verweisen, mit denen ich gesprochen habe. Sie sind stolz auf ihre geleistete Arbeit und lehnen ein Boykott der WM ab.


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Kurzprofil

Sebastian Henneke
Sebastian Henneke ist verantwortlicher Redakteur für das DGB-Debattenportal Gegenblende.
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