Deutscher Gewerkschaftsbund

08.10.2019

Ein wahrhaftiger Blick auf die Arbeitswelt in den USA

Auch wenn Donald Trump gegen die Globalisierung kämpft wie Don Quijote gegen die Windmühlen – ohne chinesische Investoren würde manche US-Firma nicht mehr existieren. Die von den Obamas präsentierte Netflix-Dokumentation "American Factory" erzählt die schwierige Geschichte dieser Globalisierung eindrucksvoll am Beispiel einer Fabrik in Ohio.

 

Von Thomas Greven

Barack und Michelle Obama stehen strahlend Arm in Arm mit Julia Reichert Steven Bognar.

Das Regie-Team Julia Reichert und Steven Bognar hat für die Netflix-Dokumentationsserie von Michelle und Barack Obama den ersten Film gemacht: "American Factory". DGB/Chuck Kennedy/Courtesy by Netflix

Die USA und China scheinen in ihrem Handelskonflikt dauerhaft verhakt. Trump hat bei seiner Strategie des erpresserischen Protektionismus wohl unterschätzt, wie weit die chinesische Entschlossenheit geht, sich nicht vom Ausland dominieren zu lassen. Die zeitweise westliche Kolonialisierung des "Reichs der Mitte" mag in Europa und den USA völlig vergessen sein, in China ist sie es eindeutig nicht. Eine Möglichkeit, restriktiver werdende Handelsschranken zu unterlaufen, sind Direktinvestitionen in sogenannte "transplants", also der Aufbau von Produktionsstandorten im Land der Endkonsumenten, um von dort zu liefern.

Japan hat es in den 1990er-Jahren vorgemacht, als US-Präsident George H.W. Bush auf Druck der amerikanischen Automobilproduzenten – und der Gewerkschaften – "freiwillige Exportbeschränkungen" verlangte und bekam. Nun also China. Im Kontext der seit Jahrzehnten andauernden Deindustrialisierung des amerikanischen "Rust Belts" werden allerdings chinesische Investoren inzwischen oft wie Heilsbringer begrüßt.

Die Leiden der einst stolzen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse im Rust Belt

So beginnt auch der neue Netflix-Dokumentarfilm "American Factory" von Steven Bognar und Julia Reichert, die bereits 2009 den für einen Oscar nominierten Kurzfilm "The Last Truck" (HBO) gedreht haben – über genau diese Fabrik in Dayton, Ohio! Das ist vielleicht kein Wunder, denn Dayton ist die Heimatstadt der Regisseure und liegt mitten im von Globalisierung und Automatisierung gebeutelten "Rust Belt", der immer noch wichtigsten Industrieregion der USA.

Ging es im ersten Film um die Schließung des wichtigen GM-Werks in Dayton und um den Verfall der Kultur einer einstmals stolzen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse, so zeigt der neue Film zunächst den Honeymoon zwischen den amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeitern und einem chinesischen Milliardär. Er eröffnet die Fabrik nämlich wieder, um Autoglas zu produzieren. Mangels Alternativen hatten insbesondere die älteren der ehemaligen GM-Beschäftigten nichts sehnlicher erhofft, als wieder im Werk arbeiten zu können. Die zwischenzeitlich verfügbaren Jobs waren deutlich schlechter bezahlt, und es gab oft auch keine Sozialleistungen, insbesondere keine Krankenversicherung.

Eine kleine chinesische Arbeiterin zeigt einer größeren amerikanischen Kollogin auf einer Glasscheibe, die vor ihr auf eine Maschine geschnallt ist,was sie tun soll.

Die chinesischen Arbeiter*innen weisen ihre amerikanischen Kolleg*innen, für die Glasscheibenproduktion völlig neu ist. DGB/Courtesy by Netflix

Die Regisseure haben sich offensichtlich ein hohes Maß an Vertrauen bei allen Beteiligten erarbeitet, so dass sie nicht nur die anfängliche Euphorie, sondern auch die späteren Missverständnisse und Konflikte aus großer Nähe dokumentieren können. Die Übersetzungen der Aussagen der chinesischen Akteure haben inzwischen Kritik auf sich gezogen, was aber wohl vor allem damit zu tun hat, dass sie manchmal ein hohes Maß an kultureller Verachtung für die "faulen Amerikaner" und ihre "fetten Finger" zeigen. Dies irritiert mutmaßlich die an ihre vorgebliche Überlegenheit gewöhnten Amerikaner massiv und ist den an guten Geschäftsbeziehungen ja durchaus auch weiterhin interessierten Chinesen zumindest unangenehm. Andere Aussagen sind im Kontext des amerikanischen Arbeitsrechts sogar justiziabel.

Der Investor und die Arbeiter*innen aus China halten Ausbeutung für normal

Sinnbildlich für die hoffnungsvolle Phase zu Beginn steht im Film die kulturelle Annäherung, ja Freundschaft, zwischen einem ehemaligen GM-Arbeiter und seinem chinesischen Ausbilder. Die Produktion von Autoglas ist für die Amerikaner genauso neu wie die Erfahrung, von Ausländern etwas beigebracht zu bekommen, zumal hier der deutlich Jüngere den Erfahrungsvorsprung hat. Auch der Chinese ist froh über die privaten Begegnungen, ist er doch ohne irgendwelche Zulagen für zwei Jahre fern der Heimat und seiner Familie, kasernenartig untergebracht, und – so sehen es jedenfalls seine amerikanischen Kollegen – eigentlich immer im Werk.

Am Ende ist es die Selbstverständlichkeit, mit der die Chinesen ihre Ausbeutung nicht nur hinnehmen, sondern offenkundig als völlig normal erachten und dies auch von den Amerikanern erwarten, die eine kulturelle Annäherung scheitern lässt. Ein einziger amerikanischer Vorarbeiter wird gezeigt, der die protofaschistischen Management- und Disziplinierungspraktiken, die er auf einer China-Reise im Stammwerk des Glasherstellers mitbekommt, begeistert aufnimmt; die Szene, in der er versucht, das Gelernte gegenüber seiner müden Frühschicht umzusetzen, grenzt ans Groteske. Allen anderen ist die Entgeisterung deutlich anzusehen, auch den Managern, die im amerikanischen Kontext durchaus zur Ausbeutung bereit sind und Gewerkschaften mit allen Mitteln bekämpfen – "das soll jetzt das Vorbild sein"?

Arbeiter in gelben Warnwesten, von hinten zu sehen, hängen ein Bild des chinesischen Konzernchefs in der Fabrik auf.

Ein Bild des Fuyao-Konzernchefs Cao Dewang wird in der Fabrikhalle in Dayton aufgehängt, als man noch froh ist über seine Investition in die alte Produktionsstätte. DGB/Courtesy by Netflix

Zum Arbeitskampf kommt es schließlich, als dem chinesischen Milliardär die Geduld ausgeht. Die Fabrik macht Verluste, auch weil es in der Anlaufphase mit der Qualität hapert. Nicht nur hat er explizit keine Lust, ständig in die USA zu reisen, ihm sind auch die amerikanischen Manager zu lasch – sie werden gefeuert und durch Chinesen ersetzt. Die Regisseure sind mit Kamera und Mikrofon nah dabei, wenn es immer wieder zu komischen sprachlichen Patzern kommt und zu kulturell schiefen Tönen bei den Ansprachen der Chinesen.

Als die Belegschaft sich gewerkschaftlich organisieren will, droht der Investor mit Schließung des Werks

Die amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter können nicht verstehen, wie schlecht ihre chinesischen Vorarbeiter untereinander über sie reden. Doch die Respektlosigkeit drückt sich vor allem in Löhnen und Arbeitsbedingungen und der nervösen, zunehmend gereizten Atmosphäre im Werk aus. Der Stresslevel steigt mit der Ungeduld der Chinesen. Schließlich kommt es zum Versuch, die Belegschaft gewerkschaftlich zu organisieren, wofür gemäß US-Arbeitsrecht eine Mehrheit der Wahlberechtigten erforderlich ist. Die explizite und ungesetzliche Drohung, das Werk in diesem Fall zu schließen, zeigt das Ausmaß der Gewerkschaftsfeindlichkeit des chinesischen Investors. In seinem Stammwerk kann er schließlich darauf vertrauen, dass die Gewerkschaft, die nicht mehr als ein Arm der KP China ist, keinen Ärger macht. Obendrein ist einer seiner Verwandten dort der Vorsitzende.

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama und seine Frau mischen sich – wie es Tradition in Amerika ist – kaum noch in die amerikanische Tagespolitik ein. Bei Netflix aber fördern sie Filmprojekte wie "American Factory". Sie wollen, dass "wahrhaftige Geschichten erzählt werden". Dieser Anspruch ist hier eindrucksvoll erfüllt, weil jede Seite sich in dem Film angemessen repräsentiert wiederfindet, ohne dass die Regisseure ihren Standpunkt explizit machen oder verbergen müssen.

 


 


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Kurzprofil

Thomas Greven
Thomas Greven ist Privatdozent für Politikwissenschaft an der FU Berlin.
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