Deutscher Gewerkschaftsbund

04.09.2020

Gegen die neoliberale Denunziation des Sozialstaats

Kein Ökonom wird so missverstanden und falsch interpretiert wie Adam Smith. Vielen gilt er als Verfechter des "freien Marktes" und bornierten Egoismus. Was für ein Irrtum! Gern verbreitet von neoliberalen FAZ-Herausgebern. Smith sah eine wichtige und starke Rolle des Staates.

 

Von Rudolf Walther

Zeichnung von Adam Smith im Profil

"Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer teilzunehmen." (Adam Smith, Theory of Moral Sentiments) DGB/Archiv

Adam Smith (1723-1790) ist einer der wichtigsten Begründer der politischen Ökonomie. Diese segelte im deutschen Sprachraum unter der falschen Flagge "Nationalökonomie" und verkam im 19. Jahrhundert zur Ideologie des Freihandels. Danach wurde Smith im 20. Jahrhundert zu einem Apologeten des freien Marktes und Erfinder des kleinen Einmaleins der "Bereicherungswissenschaft" (Friedrich Engels) gemacht. Nationalökonomen destillierten aus seinen Theorien wohlfeile Gemeinplätze wie die "unsichtbare Hand" des Marktes, die alles regelt, oder den vom sprichwörtlichen Bäcker, der nicht aus Wohlwollen, sondern aus egoistischem Interesse Brot verkaufe. Damit rückte Interessiertheit, der jedes Interesse als gleich und gleichberechtigt gilt, ins Zentrum der Nationalökonomie. Angeblich politik- und moralfreie Interessen bilden demnach Motor und Ziel wirtschaftlichen Handelns. Womit und wozu jemand handelt, wird ebenso gleichgültig wie die dazu verwendeten Mittel. Fast alles geht vollständig in trivialer Kalkulation von Interessen unter dem Namen "Betriebswirtschaftslehre" auf. Die Interessen von Menschen und Tieren, Natur und Umwelt werden so zu bloßen "Kostenfaktoren".

 Smith sieht einen Anspruch auf Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen

Zwar funktionierte die Wirtschaft noch nie und nirgends nach dem Modell des "freien Marktes" oder der "vollkommenen Konkurrenz", aber zumindest als anzustrebendes Ideal blieb es wirksam – auch in der "sozialen Marktwirtschaft", die nach dem Zweiten Weltkrieg vielerorts jenen Freihandels-Liberalismus ablöste. Für dessen Begründung nahmen jedoch viele Mainstream-Ökonomen Adam Smith in Haft. Sie reduzierten dabei allerdings die Theorien des Ökonomen und Moralphilosophen Smith auf triviale und banale Versatzstücke.

Die oft zitierte Passage zum "System der natürlichen Freiheit" in Smith' 5. Buch über den "Wealth of Nations" (1776, Wohlstand der Nationen) wird oft nur vergröbernd interpretiert. Die "vollkommene Freiheit" eines jeden, "sein Interesse auf eigene Weise zu verfolgen", wird bis heute im Horizont eines bornierten Egoismus gesehen. Das Buch von 1776 darf jedoch nicht unabhängig von der „Theory of Moral Sentiments“ (1759) gedeutet werden, deutsch unter dem verfälschenden Titel "Theorie der moralischen Gefühle" erschienen. "Moral Sentiment" bedeutet im moralphilosophischen Kontext der schottischen Aufklärung moralische Urteilspraxis und nicht einfach subjektiv-moralisches Gefühl.

In diesem komplexen Werk versuchte Smith, die anthropologischen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zu klären sowie das paradoxe Zusammenspiel von Interesse und Sympathie empirisch zu belegen. Mit "Sympathie", der emotionalen Basis für die Kommunikation von Menschen mit Menschen, meint Smith, unsere Art und Weise, moralische Urteile zu fällen — denn Sympathie gehöre zur menschlichen Natur, sei in ihr tief verankert. In dieser natürlichen Disposition steckt nach Smith auch der Anspruch auf Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen. Smith entwickelte seine These nicht normativ, sondern empirisch-pragmatisch aus der Beobachtung des Alltags. Der erste Satz der "Theory of Moral Sentiments" lautet: "Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer teilzunehmen."

Kupferstich von einer frühneuzeitlichen Manufaktur mit einfachen Holztischen, an denen Menschen arbeiten.

Als Smith sein Hauptwerk "Wohlstand der Nationen" verfasste, existierte der moderne Kapitalismus noch nicht, sondern erste Manufakturen wie diese in Großbritannien. DGB/Wikimedia Commons

Wie der Philosoph Ernst Tugendhat betont, geht Smith dabei nicht von einer Interessengleichheit zwischen zwei Handelnden aus, sondern von einer "Harmonie der Affekte", die bei allen Menschen naturgegeben sei — Menschen wollen als Menschen untereinander menschlich handeln, also mit Sympathie für den Anderen. Die Argumentation ist zwar zirkulär, aber sie beruht eben nicht auf einem ichbezogenen Prinzip, sondern auf dem Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit von Menschen voneinander als genuin gleicherweise soziale Wesen.

Der Arbeitsteilung sind laut Smith Kooperation und gegenseitige Hilfe eigen

Auf dieser Basis argumentiert Smith auch in seinem Werk "Wealth of Nations". Er stützt sich gerade nicht — wie ihm weithin unterstellt wird — auf borniert-egoistischen Interessen und Kalkülen der Plusmacherei von Krämern. Seine grundlegende Einsicht lautet: "Nicht von dem Wohlwollen der Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihre 'Eigenliebe'" (self-love) und "sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen". Die beiden Sätze werden meistens auf den ersten Satzteil reduziert und obendrein verfälschend interpretiert — nämlich im Horizont merkantiler Krämer-Egos beziehungsweise des neoliberalen Marktradikalismus, der das Ego von Krämerseelen zur „unsichtbaren Hand“ adelt.

Das meint Smith jedoch an keiner Stelle seines 1.000 Seiten starken Buches, in dem das Wort "Eigeninteresse" ("self-interest") genau einmal vorkommt – und zwar im Kontext mit den Staatsausgaben für den religiösen Unterricht, wo es heißt: "In der römischen Kirche wird der Fleiß und Eifer des niederen Klerus durch das mächtige Motiv des Eigeninteresses (…) lebendig erhalten". Im ökonomischen Kontext geht es Smith nicht um Motive, sondern um die anthropologische Basis des menschlichen Handelns.

Im sozialen Zusammenleben ist dies für Smith Sympathie, aus der heraus Menschen handeln und tauschen, weil "der Hang zu tauschen, zu handeln und eine Sache gegen andere auszutauschen" („to truck, barter, and exchange one thing for another“) zur existentiellen Grundausstattung sozialer Wesen gehört: "Gib mir, was ich will und du sollst haben, was du willst". Der zivilisatorische Fortschritt einer arbeitsteiligen Tauschgesellschaft besteht für Smith darin, dass nicht jeder oder jede alles selbst herstellen muss und kann, was er oder sie zum Überleben benötigt. Der Arbeitsteilung eingeschrieben sind Kooperation und gegenseitige Hilfe, und diese entspringen gerade nicht egoistischen Kalkülen, sondern bilden die elementare soziale Basis von Tauschgesellschaften.

Erste Seite aus dem Buch "Wealth of Nations" mit Angabe des Titels und des Autors.

"Überall, wo viel Eigentum ist, da ist auch große Ungleichheit. Für einen sehr reichen Mann muss es wenigstens 500 arme geben, und der Überfluss bei den Wenigen setzt die Dürftigkeit der Menge voraus." (Adam Smith, Wealth of Nations) DGB/Archiv

Der für Wirtschaft zuständige FAZ Herausgeber Gerald Braunberger räumte kürzlich in einem Essay unter dem Titel "Mehr Adam Smith wagen" zwar ein, Adam Smith sei kein "unkritischer Anhänger eines Laissez-faire" gewesen oder der kruden neoliberalen Idee einer „spontanen Ordnung“ (Friedrich A. Hayek). Doch Braunberger feilt sich Smith so lange zurecht, bis er zu seiner These passt, wonach Smith zwar staatliche Intervention für Bildung und Gesundheit sowie zur Bekämpfung von Armut befürwortete, aber von staatlichen Geldern für einzelne Wirtschaftszweige oder Zukunftsinvestitionen nichts wissen wollte. Für Braunberger verbietet sich daher finanzielle Hilfe bei dauerhafter Arbeitslosigkeit, denn derlei führe nur zu höherer Staatsverschuldung und nicht zu mehr Produktivität und Wachstum. Entgegen seiner eingangs erwähnten These, wendet er sich pauschal gegen den sich "immer aktiver gebärdenden Staat" und landet schließlich beim üblichen Schwur auf die Dreifaltigkeit von "mehr Markt, weniger Staat und schwarze Null".

Staatliche Interventionen für Kompensation und Chancengleichheit

In Smith' "commercial society" geht es um technischen und wirtschaftlichen Fortschritt, aber nicht um jeden Preis: "Ein Mensch, der sein ganzes Leben damit verbringt, ein paar einfache Operationen zu vollziehen (…), hat keine Gelegenheit seinen Verstand zu üben" und wird "dumm und beschränkt", sofern nicht staatliche Interventionen für Kompensation und Chancengleichheit sorgen.

Braunbergers Polemik gegen eine solide begründete Nachfragepolitik und seine Parteinahme für die unternehmerfreundliche Angebotspolitik findet bei Smith keinen Rückhalt: "Konsum ist der einzige Zweck aller Produktion; und das Interesse des Produzenten sollte nur insoweit berücksichtigt werden, als es zur Beförderung des Konsumenteninteresse nötig ist. (...) Allein beim Marktsystem wird das Interesse des Konsumenten fast beständig dem des Produzenten aufgeopfert, und es scheint, dass danach die Produktion und nicht die Konsumtion als Endzweck allen Gewerbefleißes und allen Handels betrachtet wird." Für die neoliberale Denunziation des Sozialstaats als "komfortable Stallfütterung" (Wilhelm Röpke) finden sich bei Smith keine Argumente.

Was den Appell "Mehr Adam Smith wagen" betrifft, lässt sich sagen: Es gibt bei Smith entgegen Braunbergers neoliberaler Deutung viele Anknüpfungspunkte, die seiner Sicht strikt zuwiderlaufen: "Überall, wo viel Eigentum ist, da ist auch große Ungleichheit. Für einen sehr reichen Mann muss es wenigstens 500 arme geben, und der Überfluss bei den Wenigen setzt die Dürftigkeit der Menge voraus. Der Überfluss der Reichen erweckt den Unwillen der Armen, die oft durch Mangel und durch Neid dazu getrieben werden, deren Besitz anzugreifen." Auch auf das Gesundreden von Hartz-IV-Reformen, Niedriglohnsektor und der damit verbundenen Altersarmut hat Smith eine bündigere Antwort als die Neoliberalen mit ihren Bedenken gegen den Mindestlohn: "Überdies ist es nicht mehr als billig, dass die, welche den ganzen Körper des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgen, an dem Erzeugnis ihrer eigenen Arbeit so viel Anteil haben, dass sie selbst auf erträgliche Weise sich ernähren, kleiden und wohnen können."


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Kurzprofil

Rudolf Walther
ist Historiker und hat als Redakteur wie Autor des Lexikons "Geschichtliche Grundbegriffe" gearbeitet. Seit 1994 ist er als freier Autor und Publizist tätig.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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