Deutscher Gewerkschaftsbund

22.03.2013

Auf dem Weg zur Sonne, zur Freiheit!

Ausstelluingsplakat

Technoseum Mannheim

Das TECHNOSEUM in Mannheim präsentiert die eindrucksvolle Schau „Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013“.

Die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) am 23. Mai 1863 in Leipzig markiert die Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie. 1875 fusionierte der ADAV mit der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“, die am 8. August 1869 auf wesentliche Initiative August Bebels und Wilhelm Liebknechts in Eisenach gegründet worden war, zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“, die sich dann 1890 in SPD umbenannte. Zum runden Geburtstag widmet das TECHNOSEUM in Mannheim der Geschichte der Arbeiterbewegung eine umfassende Ausstellung; ihren Namen verdankt sie im Übrigen einer Zeile des um 1900 überaus populären „Bergarbeiterlieds“ des Arbeiterpoeten Heinrich Kämpchen.

Drei Pfeiler der Arbeiterbewegung

Chronologisch angelegt zeichnet die Schau die eng miteinander verflochtene Entwicklung der verschiedenen Akteure der Arbeiterbewegung nach. Im Fokus des Interesses steht die bis zu ihrer Zerschlagung 1933 noch in unterschiedliche ideologische Richtungen aufgespaltete Gewerkschaftsbewegung. Gleichrangig werden aber auch die weit gespannten wirtschaftlichen und kulturellen Vereinigungen der Arbeiterbewegung - im Sinne eines breit angelegten Verständnisses des Ausstellungsthemas - in den Blick genommen. Zu ihnen zählten einerseits Genossenschaften, Konsumvereine und andere gemeinwirtschaftliche Organisationen, andererseits die Arbeiterturn- und Sportvereine, Sängerbünde, Wohlfahrtseinrichtungen, sowie die Arbeiterwohlfahrt, aber auch die aus der Arbeiterbewegung entstandenen Naturfreunde und nicht zuletzt die proletarische Frauenbewegung.

Die Ausstellung setzt die Geschichte der Arbeiterbewegung stets mit der sich in kontinuierlichem Wandel befindlichen Lebens- und Arbeitswelt in Beziehung. Bei diesem anspruchsvollen Unterfangen konnte das Museumsteam um Horst Steffens auf die geballte museale Erfahrung zurück greifen, die das Mannheimer Haus in Bezug auf die Auswirkungen des technologischen Wandels und der Industrialisierung auf den Alltag und das Leben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen ohnehin zu bieten hat und in seiner Dauerausstellung permanent präsentiert.

Handwerker und Gesellen

Im Einzelnen ist der Ausstellungsparcours in sieben Abschnitte gegliedert, in denen zunächst die Voraussetzungen und dann die Entwicklung der Arbeiterbewegung in den letzten rund 200 Jahren durch eine Fülle von Objekten dargestellt wird. Im Zentrum des ersten Ausstellungsabschnittes steht ein Fundus von Exponaten, die die vorindustrielle Gesellen- und Handwerkskultur zum Gegenstand haben. Eine (funktionsfähige) Handdruckpresse illustriert den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit. Sogenannte „Technoscouts“ demonstrieren ihre Funktionsweise und versorgen die Besucher mit druckfrischen Plakaten und Flugblättern aus den verschiedenen Phasen der bewegten Geschichte der Arbeiter und ihrer Organisation.

Die kapitalistische Durchdringung der Wirtschaft und die Erosion zünftig-ständischer Wirtschaftsformen mündete gerade bei vielen Handwerkern und Gesellen in sozialem Protest. Ihre Traditionen haben die frühe Arbeiterbewegung geprägt. Die ersten Gewerkschaften wurden nicht zufälligerweise von hochqualifizierten Zigarrenarbeitern und Buchdruckern gegründet. Dass bereits die vorindustriellen Gesellenbewegungen über wirtschaftliche Selbsthilfeeinrichtungen verfügten, veranschaulicht zum Beispiel eine gediegen-schöne Lade der Kranken-Unterstützungs-Kasse der Schumacher-Gesellen aus dem späten 17. Jahrhundert.

1863-1890

Der folgende Abschnitt ist der Frühphase der Arbeiterbewegung gewidmet, deren rasanten Aufstieg der wilhelminische Obrigkeitsstaat weder durch die 1878 erstmals vom Reichstag verabschiedeten (und bis 1890 immer wieder verlängerten) Sozialistengesetze noch durch sozialpolitische Konzessionen verhindern konnte. Gezeigt wird die Totenmaske Ferdinand Lassalles, des ersten Vorsitzenden des ADAV, der schon 1864 in Folge der leichtfertigen Beteiligung an einem Duell aus dem Leben schied. Dass das Denken von Karl Marx und Friedrich Engels die  frühe Sozialdemokratie programmatisch weitgehend prägte, veranschaulichen mehrere Exponate, darunter eine handgeschriebene Manuskriptseite des Marx'schen 'Kapitals'.

Die zentrale Figur des Ausstellungsabschnitts ist jedoch  August Bebel. Das Leben des „Arbeiterkaisers“, der die Politik der SPD bis zu seinem Tod 1913 prominent mitgestaltete, wird unter anderem durch eine von ihm selbst gedrechselte Türklinke – Bebel hatte eine Drechslerlehre absolviert – sowie durch sein Wanderbuch und zahlreiche seiner Schriften dokumentiert.

1890-1918/19

Die folgende Station führt zunächst in die Welt des Bergbaus und der Kohle, dem Treibmittel der Industrialisierung schlechthin. In einem simulierten Bergwerksstollen werden die Bedingungen, unter denen die Knochenarbeit unter Tage trotz erster mechanischer Hilfsmittel nach wie vor zu verrichten war, plastisch veranschaulicht. Anschließend wird der Aufstieg der Arbeiterbewegung im Kaiserreich durch eine Vielzahl von Exponaten gewürdigt. Neben der Entwicklung der SPD und der sich im Vergleich zu ihr gemauserten Gewerkschaftsbewegung wird auch die Entwicklung der Arbeiterkultur mit ihren zahlreichen Facetten differenziert nachgezeichnet. Dass der Aufschwung der organisierten Arbeiterschaft früh von großen Protest- und Streikbewegungen begleitet und angetrieben wurde – zeigen die Massenstreiks der Bergleute 1889 oder der Kampf der Textilarbeiterinnen im sächsischen Crimmitschau für den Zehnstundentag 1903/04.

Frauen aus Crimmitschau

Technoseum Mannheim

Zu Recht wird auch die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung breit dokumentiert. Bebels „Die Frau und der Sozialismus“, 1879 erstmals erschienen, erwies sich mit seiner empathischen Forderung nach umfassender Gleichstellung der Frauen als Bestseller; Sozialistinnen aller Länder konnten sich bei ihrem langen Kampf um die Gleichberechtigung auf die unumstrittene moralische Autorität der sozialistischen Leitfigur berufen.

Neben der sozialistisch geprägten Hauptströmung wird auch dem christlich geprägten Teil der Arbeiterbewegung gebührende Aufmerksamkeit geschenkt und auch dem Internationalismus der (sozialistischen) Arbeiterbewegung wird Rechnung getragen. Eine noch stärkere Akzentuierung hätte hier allerdings nicht geschadet, stellten die Internationalen Sozialistenkongresse der Zweiten Internationale europaweit beachtete politische Großereignisse dar. Zudem sind das Scheitern der internationalen Solidarität und die fatale Einbindung von SPD und Gewerkschaften in die kaiserliche Kriegspolitik als eine der wichtigsten Ursachen für die Spaltung des politischen Arms der Arbeiterbewegung anzusehen.  Allerdings wäre der Internationalismus des sozialistischen Teils der Arbeiterbewegung eine eigene Ausstellung wert.

1918/19-1945

Der vierte Ausstellungsabschnitt widmet sich einerseits der Weimarer Republik, ihren wenigen scheinbar politisch stabilen Jahren und ihrem Niedergang sowie andererseits der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Naheliegenderweise rückt hier die Darstellung der sich förmlich überschlagenden politischen Ereignisse in den Vordergrund. Die Rolle von SPD und Gewerkschaften als eigentliche Träger der ersten deutschen Demokratie wird zu Recht unterstrichen. Die Thematisierung des Nationalsozialismus richtet sich schwerpunktmäßig auf die Zerschlagung von Arbeiterparteien und Gewerkschaften, die politische Verfolgung zahlloser Mitglieder und Funktionäre sowie auf Widerstand und Exil. Aber auch die Veränderung der Arbeitswelt durch die in den 1920er Jahren auf weiter Front zum Zuge kommende Fließbandarbeit und die Durchdringung und Formierung der Arbeitswelt durch NS-Massenorganisationen wie die „Deutsche Arbeitsfront“ werden aufschlussreich dargestellt.

Ausstellungseinblick

Technoseum Mannheim

BRD und DDR

Die Anfänge des Wiederaufbaus der Arbeiterbewegung nach 1945 dokumentiert die Ausstellung zunächst noch in einem gemeinsamen Raum. An den beiden Raumwänden wird die Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone ihrem Pendant in den drei Westzonen gegenüber gestellt. Die Spaltung Deutschlands in zwei Teilstaaten spiegelt sich dabei im Ausstellungsparcours wider, der nun verzweigt und die Entwicklung in Ost- und Westdeutschland getrennt darstellt. In der DDR degenerierte die Arbeiterbewegung mit ihren verstaatlichten Massenorganisationen fast vollständig zum Herrschaftsinstrument einer schmalen Funktionärskaste. In Westdeutschland arrangierten sich SPD und Gewerkschaften mit der sozialen Marktwirtschaft und verabschiedeten sich endgültig von der marxistischen Klassenkampfrhetorik der Vorkriegszeit. Dabei hatten sie einen erheblichen Anteil daran, dass der rasante Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit nicht an den Arbeitnehmern vorbei lief. 

1980-2013

Mit einem Einschnitt in den 1980er Jahren setzt die Ausstellung eine eher unorthodoxe, doch gut begründbare Zäsur. In der DDR scheitert der autoritäre Staatssozialismus an seiner wirtschaftlichen Ineffizienz und schließlich am revolutionären Widerstand der DDR-Bürger gegen ihre obrigkeitsstaatliche Gängelung. Rückblickend betrachtet entfaltete sich dieser Prozess schon früh in den 1980er Jahren. Globalisierung und Automatisierung und der sukzessive Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft veränderten einmal mehr die Arbeitswelt. Hinzu kam seit den 1980er Jahren ein neoliberaler Deregulierungswahn und seit der Jahrtausendwende eine Art globalisierter Finanzkapitalismus, der sich staatlichen Regulierungsversuchen bis heute entziehen konnte und neue Formen sozialen Protestes auf den Plan rief. Die Ausstellung dokumentiert diesen Wandel der Arbeitswelt und ihre Auswirkungen auf alte und neue soziale Bewegungen durch zahlreiche Exponate.

Insgesamt ist es dem Mannheimer Museum vorzüglich gelungen, der interessierten Öffentlichkeit eine inhaltlich ebenso facettenreiche wie spannende Ausstellung zu präsentieren. Eine superbe Ausstellungsgestaltung rückt die Exponate in das rechte Licht und macht den Ausstellungsbesuch zu einem Erlebnis.

Den Kopf schütteln muss man allerdings darüber, dass sich SPD und Gewerkschaften nicht selbst angespornt fühlten, ihre 150-jährige Geschichte aus eigener Kraft und aus eigener Sicht in einer ähnlich gehaltvollen Dokumentation zu präsentieren. Sie können dem Mannheimer Haus durchaus dankbar sein.

 

Öffnungszeiten:
täglich 9.00 bis 17.00 Uhr


Eintrittspreise:
Erwachsene 6,00 Euro
Ermäßigte 4,00 Euro
für Kinder bis 6 Jahre ist der Eintritt frei

In den kommenden Monaten bietet das TECHNOSEUM ein umfangreiches Begleitprogramm an. Unterrichtsmaterialien für Lehrer und Schüler sind im Internet abrufbar unter:

http://www.technoseum.de/fileadmin/media/pdf/pdf_Schulen_Unterrichtsmaterial/Lehrerhefte/Durch_Nacht_zum_Licht_Lehrerheft.pdf

Der Katalog hat 450 Seiten, kostet 20 Euro und bietet neben reichem Bildmaterial zahlreiche vertiefende Aufsätze.

In Mannheim läuft die Ausstellung bis zum 25. August. Nochmals zu sehen sein wird die Schau vom 25. Oktober 2013 bis zum 1. Mai 2014 im Sächsischen Industriemuseum in Chemnitz.

Weitere Informationen:

www.technoseum.de


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Dr. Rainer Fattmann
Historiker und selbständiger wissenschaftlicher Publizist.
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