Deutscher Gewerkschaftsbund

11.06.2019

Digitale Rollenklischees

Selbst die Unesco hat erkannt: Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz werden Frauen diskriminiert. Davon könnte Alexa reichlich berichten - wenn sie denn so programmiert wäre. KI muss künftig geschlechtergerecht gestaltet werden. Hier sind auch die Gewerkschaften gefordert.

 

Von Lena Clausen

Echo-Box von Amazon, die auch ein Mikro enthält, im Dunkeln, nur durch einen blauleuchtenden Ring zu erkennen.

Alexa hört alles und antwortet geduldig. Eben ganz Frau, oder? DGB/James Copeland/123rf.com

Rufen Sie doch mal ihrer digitalen Sprachassistentin Alexa zu: „Du bist eine Schlampe!“ Dann werden sie von der Antwort überrascht sein. Denn sie erwidert unendlich lahm: "Danke für das interessante Feedback". Frauen im echten Leben würden da sicher ganz andere Worte einfallen. So aber verankert Alexa Rollenklischees in den Köpfen der Menschen.

Genau das bestätigt jetzt auch eine Unesco-Studie. Die "Weiblichkeit" digitaler Dienst-Systeme verstärkt Gender-Stereotype. Das ist ein oft verkanntes Problem. Die Ergebnisse zeigen: Wenn durch sprachgesteuerte KI-Assistentinnen Geschlechter-Vorurteile verbreitet werden, begünstigt das die Akzeptanz von sexueller Belästigung und sprachlichem Missbrauch. Da Alexa & Co natürlich keine eigene Entscheidungsfreiheit haben, reagieren sie auf einfache Zurufe, egal in welchem Ton oder wie unfreundlich eine Anfrage gestellt wurde. Das vermittelt den Eindruck, Existenz und Erfüllung von Frauen bestünde darin, den Männern das Leben möglichst angenehm zu machen. Als würden sie nur – unterwürfig und stets verfügbar – auf Anweisungen warten. Zudem gibt es Hardware und Software-Fehlern ein weibliches Gesicht. Irren, so scheint es dann, ist eben typisch weiblich.

Gender-Insensibilität der KI lässt sich offenbar nur mit mehr KI-Forscherinnen beheben

In Deutschland nutzen rund 10 Millionen Menschen sprachgesteuerte Systeme, davon ist die Mehrheit in der Altersgruppe der Unter-30-jährigen. Die geschlechter-ungleichen Abläufe erreichen also die jungen Menschen überdurchschnittlich – und werden entsprechend länger nachwirken. Schon allein deshalb gilt es, schnell und entschieden gegenzusteuern. Nur so werden die Fehler, die in der analogen Welt mit viel Kraft und Geduld bekämpft wurden, nicht in die digitale Welt übertragen und in die Zukunft tradiert. Gleichberechtigung 4.0? Davon sind wir noch weit entfernt.

Eine Ursache der Misere: Frauen sind viel zu wenig in Forschung und Entwicklung dieser Techniken eingebunden. Nur 12 Prozent der KI-ForscherInnen sind weiblich, nur 6 Prozent der Software-EntwicklerInnen. Doch der Kampf gegen Gender-Ungleichheit in der KI kann nur Erfolg haben, wenn mehr Frauen sich digital bilden und dann obendrein forschen.

Im Vordergrund ein Roboterkopf, der von Strahlen umgeben ist, im Hintergrund eine Frau, die ihre Hand nach dem Kopf ausstreckt.

Noch sind Frauen dramatisch unterrepresäntiert in Forschung und Entwicklung neuer Techniken wie der KI. DGB/Sebastien Decoret/123rf.com

Die Unesco hat Empfehlungen formuliert, um "Gender-Befangenheit" in der digitalen Welt einzudämmen. So würde es zum Beispiel helfen, wenn KI genderlos programmiert wird und nicht standardmäßig weiblich. Die Technologie sollte so gestaltet werden, dass sie Beleidigungen und abwertende Sprache nicht fördert, die auf Geschlechterrollen basiert. Also, entschiedener Protest statt "interessantes Feedback"-Unfug. Weiterhin wäre es hilfreich, dass KI eindeutig als „nicht-menschlich“ definiert wird.

Was heißt der zunehmende Einsatz von KI und die darin enthaltene Geschlechterungerechtigkeit für die Gewerkschaften? Was heißt es für ihren Arbeitsalltag, wenn Kollegen es gewohnt sind, "weiblichen" Maschinen und Robotern Befehle zu erteilen und diese es dann prompt und ohne Möglichkeit des Widerspruchs ausführen?

Gewerkschaften müssen sich stark machen für eine KI, die nicht männlich dominiert wird

Seit Beginn der Arbeiter- und Frauenbewegung vor über 100 Jahren, haben sich die Gewerkschaften für Frauen und ihre Rechte stark gemacht. Auch heute unterstützen die Gewerkschaften Frauen in der analogen Welt: Sie fordern Paritätsgesetze, damit genauso viele Frauen wie Männer in den Parlamenten repräsentiert sind. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist ein Grundprinzip gewerkschaftlichen Selbstverständnisses. Es gibt gewerkschaftliche Projekte, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen zu fördern und vieles mehr.

Dabei dürfen sie die digitale Welt nicht aus den Augen verlieren, die das Leben und Arbeiten immer mehr bestimmen wird. Es gilt die Weichen jetzt zu stellen, damit sich nicht Geschlechterfestschreibungen, Sexismus und Diskriminierungen ins nächste Jahrhundert fortschreiben. Gewerkschaften müssen sich daher auch dafür stark machen, dass KI-Technologie in Unternehmen nicht unbewusst männlich ist. Betriebsräte brauchen Mitbestimmungsrechte, wenn solche Systeme eingeführt werden und sollten sie gender-sensibel bewerten.


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Kurzprofil

Lena Clausen
ist Redakteurin des gewerkschaftlichen Infoservices "Einblick".
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