Deutscher Gewerkschaftsbund

11.11.2013

Klimapolitik in Kanada

Insbesondere Politiker und Wirtschaftsbosse aus energiehungrigen Industrie- und Schwellenländern legen heute regelmässig Zwischenstops in Vancouver, Calgary, Toronto und Ottawa ein. Es gilt, mit den rohstoffreichen Provinzen des Landes die Handelsbeziehungen neu zu ordnen. Deshalb hat der Premierminister Harper, der seit Jahren ebenso unaufgeregt wie konsequent dem Land seine konservative Agenda überstülpt, den in Staats-diensten tätigen Umwelt- und Klimawissenschaftlern Redeverbot auferlegt. Sie dürfen, wenn überhaupt noch, nur in Begleitung von und nach vorheriger Abstimmung mit Harper-Getreuen die Öffentlichkeit über die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten informieren.

Felix Kanada! Das sagt selbst der große und mächtige Nachbar im Süden. Ihm ist nicht entgangen, dass Kanada inzwischen eine feste Größe ist auf dem Besuchsprogramm hochrangiger Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft. Insbesondere Politiker und Wirtschaftsbosse aus energiehungrigen Industrie- und Schwellenländern legen heute regelmässig Zwischenstops in Vancouver, Calgary, Toronto und Ottawa ein. Es gilt, mit den rohstoffreichen Provinzen des Landes die Handelsbeziehungen neu zu ordnen.

Aber Kanada hat noch mehr zu bieten als Rohstoffe. Gut 35 Millionen Kanadier aus fast 200 Ländern geben dem Land eine größere ethnische Vielfalt als der ‘Melting Pot’ New York. Sie geben ihm auch ein gehöriges Maß an Kreativität, die, aufbauend auf gute Bildungsangebote, das Land zu einem ‘natural’ für die Informations- und Wissenswirtschaft machen.

Hinzu kommt, dass das Land über ein umfassendes Netz an öffentlichen Institutionen verfügt, die Rechtssicherheit und Transparenz ebenso garantieren wie das Versammlungsrecht, freie Gewerkschaften, Meinungsfreiheit und eine freie Presse.

Wirtschaft vor Wahrheit

Die Sicherung dieser Errungenschaften kann jedoch nicht als gegeben vorausgesetzt werden. Im Kampf um kurzfristige politische und wirtschaftliche Vorteile besteht die Gefahr, dass sowohl Human- wie auch Wirtschaftskapital leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Obwohl weder Land noch Leute dafür bekannt sind, mit Wildwest-Methoden für “Ordnung” zu sorgen und so politische Entscheidungen zu erzwingen, so ganz kann sich das Land nicht den Attitüden und Verhaltensweisen des großen Nachbarn jedoch entziehen. Denn das, was zur Zeit die konservative Regierung von Premierminster Stephen Harper in Ottawa mit den in seinen Diensten stehenden Wissenschaftlern macht, erinnert sehr an den ruppigen Umgang der Bush-Administration in Washington mit der Wahrheit und der Wissenschaft. Harper, der seit Jahren ebenso unaufgeregt wie konsequent dem Land seine konservative Agenda überstülpt, hat den in Staatsdiensten tätigen Umwelt- und Klimawissenschaftlern Redeverbot auferlegt. Sie dürfen, wenn überhaupt noch, nur in Begleitung von und nach vorheriger Abstimmung mit Harper-Getreuen die Öffentlichkeit über die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten informieren.

So durfte der in Staatsdiensten stehende Wissenschaftler David Tarasick seine Ozonloch-Forschungsergebnisse in der Arktis ebenso wenig der Presse mitteilen wie die Wissenschaftlerin Kristi Miller ihre Beobachtungen über einen Virus, der ganze Lachspopulationen in der Provinz British-Columbia dahinrafft. Harpers Maulkorbpolitik ist inzwischen selbst in den Vereinigten Staaten auf Kritik gestoßen. Der an der Universität von Delaware lehrende Ozeanograph Andreas Münchow, der seit Jahrzehnten mit kanadischen Wissenschaftlern von Ottawa finanzierte Forschungsaufträge durchführt, hat die mangelnde Freiheit der Forschung in Kanada sowie die Schwierigkeiten, Forschungsergebnisse ohne Einmischung der Politik in der breiten Öffentlichkeit vorzustellen, in einem öffentlichen Brandbrief scharf kritisiert.

War da nicht ein Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit?

Münchow hat darauf hingewiesen, dass die Harper-Regierung durch eine Vielzahl unscheinbarer administrativer Interventionen Wissenschaftler daran hindert, ihre Daten und Analysen zu Themen, die für das Gemeinwohl von Bedeutung sind, zu veröffentlichen. Wahre Forschung und Lehre, so der Wissenschaftler, könne nur in einem Klima der Freiheit und Transparenz gedeihen. Und mit einem Seitenhieb an Harper erinnerte Münchow daran, dass sowohl Forschung wie auch Lehre eingehen ‘in the darkness of secrecy’, wenn nur die Ergebnisse das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürfen, die der Politik genehm sind.

Selbst bei wohlwollender Betrachtung kann man nicht übereifrige Bürokraten, die ihren politischen Herren willfährig zu arbeiten, für die grotesken Blüten, die die Maulkorbpolitik der Harper-Regierung bisher getrieben hat, verantwortlich machen. So durfte ein in Staatsdiensten stehender Umweltwissenschaftler ohne Zustimmung des zuständigen Ministers die Presse nicht über eine Flutkatastrophe im Jahre 11.000 vor Christus unterrichten; und einem Kollegen wurde verboten, bei der Vorstellung seines Romans, der den Klimawandel zum Thema hatte, persönlich anwesend zu sein.

Harpers Entscheidung, den freien Informations- und Wissensaustausch mit der Öffentlichkeit in seinem Sinne zu steuern und zu kontrollieren, selbst da, wo wissenschaftliche Erkenntnisse die Sicherheit und öffentliche Gesundheit der Menschen und der Umwelt tangieren, sind ein offener Angriff auf die Informations- und Redefreiheit der Wissenschaft und ein Angriff auf die demokratische Kultur und Verfassung Kanadas.

Harper wischt solche Einwände noch beiseite. Seine Informationspolitik, lassen seine Getreuen verbreiten, habe lediglich zum Ziel, dass in Staatsdiensten stehende Wissenschaftler nicht mit Erklärungen und Analysen in die Öffentlichkeit gehen, die seine politischen Vorgaben, Initiativen und Ziele de facto konterkarieren. Aus diesem Grund habe Harper seine Minister aufgefordert, alles zu unterbinden, was seiner Agenda den Wind aus den Segeln nehmen und in der Öffentlichkeit zu kontroversen Diskussionen führen könnte.

Das heißt zuvörderst, dass alles, was der absoluten Wachstumsideologie der Regierung Harper abträglich sein könnte, wie kritische Fragen nach dem Einfluss, den die weitere, ungehinderte Nutzung fossiler Brennstoffe auf die Umwelt und das Klima haben, durch entsprechend geschönte Regierungsberichte oder Pressemitteilungen die Spitze genommen wird. Durch die Kontrolle der Informationsflüsse und deren Inhalt soll sichergestellt werden, dass das Harper-Team immer ‘on message’ ist; und dass die Presse irgendwann das Handtuch wirft und kritische Nachfragen nicht mehr stellt.

Was die Öffentlichkeit bewirken kann

All dies erinnert in der Tat sehr an die Informationspolitik der Bush-Administration. Auch Bush beauftragte von ihm eingesetzte politische Aufsichtsbeamte, wissenschaftliche Berichte und Analysen, die nicht im Sinne seiner Regierungspolitik waren, regierungskonform zu redigieren. So wurden Ausarbeitungen der Umweltbehörde, die sich kritisch mit dem Klimawandel befassten, routinemässig entschärft oder völlig umgeschrieben. Die Versuche der Bush-Administration, mit politischer Macht wissenschaftliche Analysen und naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten auf Regierungskurs zu bringen, kamen erst zu einem abrupten Ende, als ein ‘Whistleblower’ der ‘New York Times’ Beispiele für die systematische Manipulation wissenschaftlicher Berichte zuspielte.

Gleichwohl gingen Manipulation, Einschüchterung und Bervormundung von Umwelt- und Klimawissenschaftlern in den Bundesstaaten weiter, insbesondere in den konservativen Hochburgen des Südens, wie in Virgina. Dort verlangte der Justizminister, der Republikaner Ken Cuccinelli, dass der von ihm der Datenmanipulation verdächtigte Klimatologe Thomas Mann von der University of Virginia, sämtliche Aufzeichnungen seiner wissenschaftlichen Klimaforschung der letzten Jahre einschliesslich des dazugehörenden Schriftverkehrs mit über 40 Klimaforschern, dem Staatsanwalt zur Prüfung überlässt. Ferner verlangte er die Herausgabe aller benutzten Laptops, Festplatten, ‘source codes’ und Software-Programme.

Erst der Aufschrei in der amerikanischen Fachöffentlichkeit und verschiedener wissenschaftlicher Verbände - wie der American Association for the Advancement of Science -, sowie die strikte Weigerung der Universität, dem Begehren des Justizbehörde nachzukommen, führte zu einer breiten Diskussion in den Medien über die Einmischung politischer Instanzen in den Forschungs- und Lehrbetrieb staatlicher und privater Universitäten. Die von der Universität letztlich angestrengte Klage gegen den Justizminister - und ‘Klimaskeptiker’ - beim obersten bundesstaatlichen Gerichtshof und dessen Entscheidung, dass das Verlangen des Justizministers einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre bedeute, machten diesem Spuk ein Ende.

Aber auch diese Entscheidung beeindruckte die ‘Klimaskeptiker’ nicht nachhaltig. Sie setzten ihre Angriffe auf die Klimawissenschaft fort und entwarfen mit finanzieller und politischer Unterstützung von ‘Big Oil’ Modellgesetze mit dem Ziel, in den Lehrplänen der Schulen den anthropogenen Klimawandel grundsätzlich in Frage zu stellen. In den Parlamenten von Oklahoma, Colorado und Arizona finden zurzeit Beratungen über die Verabschiedung solcher Modellgesetze statt.

Amerikas Medien haben die hinter diesen Initiativen stehenden Absichten sofort erkannt und sie in ihren Berichten und Analysen schonungslos offengelegt. Die New York Times & Co. verstehen sich noch immer als die Vierte Gewalt im Lande, als Gegengewicht zur Exekutiven, Legislativen und Judikativen. Von diesem Selbstverständnis sind die kanadischen Medien noch weit entfernt. Sie haben bescheidenere Ansprüche und pflegen einen eher konzilianten Umgang mit den Mächtigen in Politik, Justiz und Wirtschaft. Im Zweifel sind sie vorsichtig bis abwartend und immer bereit, den ins Kreuzfeuer der Kritik Geratenen mit allzu bohrenden Nachfragen zu verschonen. Die großen ‘Scoops’ sind die Sache der kanadischen Medien ebenso wenig wie die Vermittlung von Wissen. Sie sehen sich vielmehr als ‘ehrliche Makler’, als Transporteure von Informationen, die es gilt, der Öffentlichkeit durch die ihr zur Verfügung stehenden Plattformen zeitnah zu vermitteln. Eine Ordnung in der Abfolge von Informationen herzustellen, die Zusammenhänge offen zu legen, aus Informationen Wissen zu machen und ihnen Bedeutung zu geben, das entspricht nicht dem Selbstverständnis der kanadischen Medien.

Der schwierige Weg in die Wissensgesellschaft

Kanadas Medien befinden sich selbst bei wohlwollender Betrachtung noch immer im Stadium der Informationsgesellschaft; in der Wissensgesellschaft sind sie noch nicht angekommen. Ihre Berichterstattung über die Angriffe auf die Umwelt- und Klimawissenschaftler zeigt dies mit großer Offenheit. Zwar wird über die ‘Maulkorbpolitik’ berichtet, über die möglichen Motive und Ziele, und über die Konsequenzen, die diese Politik nach sich ziehen könnte, wird jedoch kein Wort verloren. Wird es Harper bei der Gängelung ‘seiner’ Wissenschaftler belassen, oder wird er versuchen, auch die Wissenschaftler an den kanadischen Universitäten unter seine Fuchtel zu bringen? Und welche Konsequenzen hätte das für die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes? Denn Kanada hat seinen Wohlstand nicht nur seinen Rohstoffen, sondern vor allem auch der exzellenten Forschungs- und Entwicklungsarbeit seiner Natur- und Sozialwissenschaftler und der guten Bildung seiner Bürger insgesamt zu verdanken. Ohne dieses Humankapital hätte das an Rohstoffen reiche Land das Profil vieler Entwicklungsländer.

Von den Medien wird Harper mit Glacehandschuhen angefasst. Er wird weder zu seiner Bush-ähnlichen Informationspolitik kritisch befragt noch zu seinem Verhältnis zur Wissenschaft und dem freien, ungehinderten Austausch von Informationen und Meinungen insgesamt. Es scheint, den Vertretern der Medienzunft reicht es, zu diesen Fragen von Ministerien produzierte Pressemitteilungen entgegenzunehmen und diese kommentarlos an die Öffentlichkeit weiterzugeben.

Klar ist, mit der Wissenschaft tut sich der kühle Machtpolitiker Harper schwer; besonders dann, wenn diese Daten und Analysen produzieren, die seinen politischen Zielen widersprechen. Dann ist er geneigt, allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz, den anthropogenen Klimawandel als eine sozialistische Verschwörung abzutun. Selbst göttliche Eingebungen und Direktiven müssen dann herhalten, um die Bürger und Wähler auf Kurs zu halten.

Solche öffentlichen Auftritte passen überhaupt nicht zu Harpers ansonsten eher ruhiger Art, Themen und Herausforderungen in der Öffentlichkeit darzustellen. Er weiss natürlich, dass mit Verteufelungen und Glaubensanrufen die Gesetze von Physik und Chemie nicht aus den Angeln gehebelt werden können; ebenso weiss er, dass sie nicht verhindern können, dass zukünftige Generationen das heutige Wegleugnen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse morgen mit einer drohenden Klimakatastrophe werden teuer bezahlen müssen.

Die Rolle der Medien

Gleichwohl scheint es Harper gelungen zu sein, die Medien auf dem Niveau der Informationsverteilung zu halten. Berichte über Umwelt- und Klimathemen sind nach wie vor oberflächlich und hauseigene, kritische Analysen und Kommentare finden so gut wie nicht statt. Eine Auswertung des ‘Climate Change Network’ über die Berichterstattung zum Klimawandel hat ergeben, dass die Zahl der Artikel über die Klimaforschung von in Staatsdiensten tätigen Wissenschaftlern um 80 Prozent zurückgegangen ist. Als Gründe werden von Redakteuren und Reportern die von der Harper-Regierung errichteten Informationsbarrieren genannt sowie die Nichtverwertbarkeit von Informationen, die letztlich der Presse zugeleitet werden. Die nach einem zeitaufwendigen Hin und Her letztlich freigegebenen Informationen sind in der Regel zum Zeitpunkt der Freigabe entweder nicht mehr relevant oder aber inkohärent. Darüber hinaus fehlt ihnen jeglicher sinngebende Kontext.

Für den Wirtschaftshistoriker und Medientheoretiker Harold Innis ist die lasche Art der Berichterstattung über zeitkritische Themen nichts anderes als Ausdruck des systemkonformen Selbstverständnisses der kanadischen Medien. Ihre primäre Aufgabe, so Innis, sehen sie in der Förderung des Konsums und des Hedonismus. Dass dies so ist, hat die Berichterstattung über drei umwelt- und klimapolitisch herausragende Ereignisse - das Kyoto-Protokoll, den Kopenhagener Klimagipfel und den in der Öffentlichkeit höchst umstrittenen Bau der Ölsandpipeline ‘Keystone XL’ - in den kanadischen Zeitungen und kommerziellen Fernsehnetworks sehr anschaulich dokumentiert.

Die beiden grossen kanadischen Tageszeitungen ‘National Post’ und ‘Globe and Mail’ gaben den Wortführern der fossilen Brennstoffindustrie ausgiebig Platz für das Absetzen ihrer Anti-Kyoto-Haltung; ihrer Ablehnung eines umfassenden, globalen Klimaabkommens mit ernst zu nehmenden C02-Reduktionszielen und ihrer absoluten Unterstützung für den Bau einer über 2000 km langen Ölpipeline von den Ölsandfeldern in der Provinz Alberta zu den Raffinieren am Golf von Mexiko. In beiden Zeitungen wurden mitunter die von den Presseabteilungen der Ölunternehmen abgesetzten Mitteilungen Wort für Wort übernommen und als eigene Berichte ‘verkauft’. Die klimatologischen Auswirkungen des weiteren, ungebremsten Abbrennens von Kohle, Öl und Gas auf die Erdatmosphäre wurden dabei nicht erwähnt.

Bezeichnend ist auch die redaktionelle Zuordnung der Themen. Sie wurden den Wirtschaftsredaktionen übertragen. Dort wurden den Berichten über die Umwelt und das Klima, volkswirtschaftliche Fakten und Effizienzkriterien gegenübergestellt. Den Umweltredakteuren blieben die ‘menschelnden’ Stories über das Los der indigenen Populationen im Amazonas und die Mühsal der wasserschleppenden Mädchen in den Grenzgebieten der südlichen Sahara.

Ebenso bezeichnend ist die Behandlung der Klimawissenschaften in der Berichterstattung. Obwohl sich annähernd 99 Prozent der Experten darüber einig sind, dass der seit 200 Jahren andauernde Klimawandel ‘anthropogener’ Natur (also vom Menschen verursacht) ist, produzierte die große Tagezeitung ‘Vancouver Sun’ Überschriften wie “Put Science of Global Warming on Trial” und “The scare tacticians: ‘Scientists’ should face criminal prosecution”. Komplementiert wurden solche Überschriften und Artikel von Op-Ed-Beiträgen von in Klimafragen bisher weniger aufgefallenen Experten wie Sarah Palin. Ausgewiesene Wissenschaftler wie der NASA-Klimatologe James Hansen oder der Universitätswissenschaftler Thomas Mann jedoch kommen nicht zu Wort.

Kanadische Wissenschaftler, die mit Harper und der Öl-, Kohle- und Gasindustrie hart ins Gericht gehen, müssen oft auf amerikanische Zeitungen ausweichen. Sie werden dafür mit Spott und Häme von Harper-Getreuen, der fossilen Energieindustrie und den in ihrem Auftrag tätigen Kolumnisten und Lobbyisten übergossen. So erging es unlängst dem an der Balisillie School für Internationale Angelegenheiten lehrenden Politikwissenschaftler Thomas Homer-Dixon. Die vom Blackberry-Gründer Jim Balsillie gegründete wissenschaftliche Einrichtung wurde in einem Rundumschlag von Peter Foster, dem Kolumnisten der ‘National Post’, als “Hort des Sozialismus” und Homer-Dixon als “linker wissenschaftlicher Winzling, der sich als Wortführer für Null-Wachstum versucht zu profilieren” abgetan. Balsillie selbst wurde als “der Kerl, der die Blackberry-Firma RIM in Grund und Boden gewirtschaftet und mit dem Geld der Firma anti-kapitalistische Unternehmungen finanziert hat” diffamiert.

Wahrheitspolitik: Dummheit oder Absicht?

Der Medienwissenschaftler R.W. McChesney stellt hierzu fest: “Strukturell werden die Inhalte (‘content’) der Medienindustrie von einigen, wenigen Faktoren gesteuert. An vorderster Stelle steht das Bedürfnis, mit dem Medienprodukt Profite einzufahren. Dann beeinflussen die Größe des Unternehmens, die Wettbewerbssituation in der Medienindustrie, der Grad der horizontalen und vertikalen Integration, der Einfluss der werbetreibenden Industrie, die besonderen Interessen der Eigentümer und Manager und, wenn auch eher marginal, die Interessen und Wünsche der Mitarbeiter die Inhalte und den Umfang der Berichterstattung und Kommentierung.“

Für McChesney kommt dem, was Kanadas Medienunternehmer politisch und wirtschaftlich wollen, immer noch eine besondere Bedeutung zu. Ihr Einfluss erstreckt sich nicht nur auf die politische Orientierung und die Meinungsseite, auch die Nachrichtenberichterstattung wird von ihnen nachhaltig beeinflusst. Von dieser Unternehmenskultur kann sich kein Journalist lossagen. Sie durchdringt alle Fasern und Poren eines Unternehmens und beeinflusst nachhaltig, was und wie Redakteure und Reporter ein Thema anpacken.

Die allgemeine Berichterstattung über den Klimawandel in diversen Ländern belegt dies auf geradezu beeindruckende Weise. Eine aktuelle Studie hat wissenschaftlich begutachtete und veröffentlichte Artikel aus den letzten zehn Jahren auf seine Kernaussagen hin untersucht. Von den 928 untersuchten Beiträgen hat nicht einer dem internationalen, wissenschaftlichen Konsens widersprochen, dass wir in einer Hochphase des Klimawandels leben und dass dieser hauptsächlich von Menschen ausgelöst und durch das Verbrennen fossiler Brennstoffen weiter beschleunigt wird. Diese eindeutigen Aussagen haben die Medien des Landes jedoch nicht dazu bewogen, ihre Berichte und Kommentare entsprechend auszurichten. Das 1 Prozent der ‘Klimaskeptiker’ beansprucht und bekommt nach wie vor überproportional viel Platz in den Nachrichtensendungen der Presse und elektronischen Medien.

Ausgewogener als in der kommerziellen Medienindustrie ist die Berichterstattung über den Klimawandel beim öffentlich-rechtlichen Sender “Canadian Broadcasting Corporation”/CBC. Insgesamt spiegelt dort die Klimadiskussion die wirkliche Gewichtung der wissenschaftlichen und politischen Kräfte im Lande korrekt wider und gibt auch Einblicke in die internationale Klimadiskussion. Das dies so ist, liegt zum einen an der die kanadische Gesellschaft genauer reflektierenden Zusammensetzung der Aufsichtsgremien des Senders und seiner Finanzierung, zum anderen aber auch am Selbstverständnis der Redakteure, Reporter und Produzenten. Sie sehen sich noch in der Tradition des aufgeklärten Journalismus, der durch umfassende Informationsangebote das Interesse seiner Zuschauer für gesellschaftlich wichtige Themen wecken und kultivieren will.

Dass die CBC gleichwohl nicht systematisch und kritisch komplexe Themen wie den Klimawandel ‘covert’, liegt zum großen Teil an seiner dünnen Finanzdecke. Dies macht sie anfällig für politischen Druck und wirtschaftliche Repressionsversuche. Die Harper-Regierung dreht mit Hinweis auf die staatlichen Defizite stetig an der Sparschraube mit dem Ergebnis, dass die Staatsgelder immer weniger und die Werbegelder immer wichtiger werden. Damit jedoch steigt auch der Einfluss des Marktes auf Sendeformate und –inhalte. Die gewichtigen Rohstoffunternehmen versuchen, wie bei den kommerziellen Medienunternehmen auch, sicherzustellen, dass ihre Sicht der Dinge umfassend den Bürgern des Landes erläutert und schmackhaft gemacht wird.

Freiheit geht nur mit Unabhängigkeit

Wie können sich die Medien aus der Umklammerung der Politik lösen und wie sich dem kommerziellen Geschäftsmodell von Medienmogulen und Medienindustrie entziehen? Dass die Medienindustrie, wie Innis schreibt, eine Geschäftskultur und ein Geschäftsmodell verkörpert, die primär ausgerichtet ist auf Wirtschaftswachstum und Konsum und auf die Einflussnahme auf alle wesentlichen Bereiche des öffentlichen Lebens, macht die Suche nach alternativen Organisations- und Finanzierungsmodellen unabdingbar.

Kanadas Medien täten gut daran, sich eine Unternehmensstruktur und -kultur zuzulegen, die ihr gegenwärtig von den öffentlichen Universitäten des Landes vorgelebt wird. Journalisten wie Wissenschaftler können nur gedeihen in einem Klima der Offenheit und Unabhängigkeit und in der Gewissheit, dass die Finanzierung ihrer am öffentlichen Gemeinwohl ausgerichteten Arbeit nicht abhängig ist von politischen Wohlgefälligkeiten und Spekulationsgewinnen an der Börse und am Markt. Wissenschaft und Forschung, Informationen und Wissen sind öffentliche Güter, die nicht in den alleinigen Verantwortungsbereich von Politikern oder Wirtschaftsbossen gehören. Folgerichtig müssen sie auch von der öffentlichen Hand, von allen ‘stakeholders’ verantwortet und finanziert werden.

Die öffentlichen Universitäten in Kanada mit ihren von der Politik und Wirtschaft unabhängigen Selbstverwaltungsorganen haben es geschafft, mit öffentlichen Mitteln Forschungs- und Lehrstätten mit Weltformat aufzubauen und zu unterhalten. Gleichzeitig haben sie allen Versuchen der Wirtschaft und Politik, ihre Unabhängigkeit zu beschneiden, erfolgreich die Stirn geboten. Dass im neuesten weltweiten Universitätsranking immerhin eine Handvoll kanadischer Universitäten in den Top 40 zu finden sind, spricht für den Erfolg sowohl ihrer Wissenschaft wie ihrer Politik. Deutschland tendiert mit dem entgegengesetzten Trend eher zum Gegenteil.

Kanadas Medien würden von solch einer Strukturreform ebenfalls profitieren. Die Medien müssten ebenso wie die Universitäten stärker mit öffentlichen Mitteln abgesichert werden. Eingebettet und umgeben von einer Wissenskultur par excellence könnten Medienschaffende sich nicht nur das nötige Fachwissen aneignen und dies jederzeit auf den neuesten Stand der Entwicklung bringen. Dass angesichts leerer öffentlicher Kassen die Finanzierung der Medien bei der Politik und Wirtschaft auf großen Widerstand stoßen wird, ist vorhersehbar. Gleichwohl würde eine umfassende Diskussion über die Freiheit der Wissenschaft und der Presse im Zeitalter der Privatisierungen ebenso die Grundsatzfrage lostreten, welche Initiativen vom Staat mit Steuergeldern finanziert werden sollten und welche nicht.


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