Deutscher Gewerkschaftsbund

09.12.2020
Podcast

Ablenkung in einem kalten Advent

Unsere Kolumnistin Renée Zucker hat sich dieses Mal den Buchstaben T vorgenommen, T wie Toi-lettenpapierrollen, T wie Tannenbaum oder auch T wie Texas Ranger. Sie spannt in aller Kürze wie-der einen schönen weiten Bogen, der allerdings mit einer kritischen Beobachtung beginnt: Das Wort "Weihnachten" wird so oft von Politikern derzeit gebraucht, dass man es nicht mehr hören kann...

Kolumnentext:

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Geschafft! Das Wort "Weihnachten" fiel in den letzten Tagen so oft, dass es niemand mehr hören kann. Mindestens 87 Prozent der Deutschen sagen bestimmt, sie würden freiwillig auf alles zwischen Tannenbaum, Kartoffelsalat und Geschenkpapier verzichten, wenn nur niemand mehr drüber redet. Nichts leichter als das. Reden wir lieber darüber, ob es stimmt, was meine Freundin Sigrid neulich behauptete: dass heutzutage viel weniger Blätter auf der Klopapierrolle sind. Kaum habe man die Rolle auf den Halter geschoben, schaue man schon auf die Pappe, deren Durchmesser eindeutig viel größer als der früherer Papprollen sei.

Aber das weniger drauf ist, kann eigentlich nicht sein, wende ich ein - draußen steht doch drauf, wie viele Blätter in wie vielen Lagen auf einer Rolle sind - nachgezählt hab ich's natürlich nicht... Aber mir fällt ein, dass ich mich doch auch hin und wieder schon mal fragte, wieso man ständig eine neue Klopapierrolle aus der Packung zutzeln muss. Und dies würde vielleicht auch erklären, warum die Bevölkerung bei der leisesten Lockdowndrohung sofort losrast, um ja nur genügend Klopapierpakete zuhause zu haben...

Mit zunehmendem Alter bekommt man öfter Plätzchen geschenkt

Ob wirklich die innere Papprolle mit den Jahren einen größeren Durchmesser bekommen hat, müsste man mal in Kitas nachprüfen, die lange nicht mehr aufgeräumt wurden, da lässt sich  sicherlich noch so manches hübsche Klorollenbastelwerk finden. Für diesen Recherche-Tipp bedankte sich Sigrid mit selbstgebackenem Backwerk in Engelform.

Mit zunehmendem Alter bekommt man immer öfter Weihnachtsplätzchen geschenkt. Ich gebe sie gleich an die Enkel weiter. Die allgemein übliche rituelle Entsorgung von sandig schmeckendem Teigeinerlei muss nur von dem verheißungsvollem Tonfall begleitet werden, in dem man das Wort: "Vanillekipferl" ausspricht. Schon wiegen sich die Beschenkten träumerisch im adventalen Modus. Das Trockenfutter meines Hundes hat allerdings mehr Aroma und vermutlich saftigere Konsistenz.

Ein Phänomen dieses seltsamen Coronajahres ist, dass man sich über alles und jeden Gedanken macht. Zumindest dann, wenn man mit sich selbst durch ist. Fragen wie: Bin ich jetzt mehr allein als vorher, habe ich in diesen kontakt- und ablenkungsarmen Tagen etwas geschaffen, wozu ich sonst nie Zeit oder Talent hatte? Bin ich ein besserer Mensch geworden?  Soll ich nicht mal endlich eine Bucketlist anfertigen, also aufschreiben, was ich alles unbedingt vor dem Tod erledigen möchte? Und lohnt es sich noch, abzunehmen oder zum Friseur zu gehen? Können so viele Streaming-Serien wirklich gesund sein?

Wie er die Maske trägt, so ist der Mensch

Und wenn man sich dann mit Hilfe von Phoenix in die vermeintliche Wirklichkeit gezappt hat, fragt man sich angesichts mehr oder weniger inspirierender Bundestagsdebatten, welche Temperatur wohl eigentlich im Reichstag herrschen mag. Am Rednerpult steht eine klimakteriumsunverdächtige jüngere Frau in leichtem Blüschen, so leicht, dass man für sie frieren möchte, während die Bundestagspräsidentin Roth, die über ihr thront, einen echt dicken Strickpullover trägt, in dem sie gleichzeitig avant und après Ski und noch die ganze Loipe dazu durchbrettern könnte. Aber auf sowas achten die Kommentatoren dort gar nicht.

Ausgerechnet in der FAZ las ich einen bemerkenswerten Gedanken: "Und es ist ja nicht alles schlecht: Statt wie früher wenigstens ein paar Sätze wechseln zu müssen, bevor man die schlimmsten Dummbatze identifiziert hatte, genügt heute der Blick auf Masken, die unter der Nase, unterm Kinn oder gar nicht getragen werden." Diesen, fürwahr sehr praktischen, weil zeitsparenden Aspekt, hatte ich tatsächlich noch gar nicht bedacht. Dennoch bin ich nicht sicher, ob man nicht doch ein wenig verblödet in diesen Tagen - obwohl man doch genug Zeit hat, sich zu bilden. Enkel Oskar ficht das alles nicht an. Sofort waren die trockenen Rührteig-Engel aufgegessen. Er, der sonst an allem Essen rummeckert, lobte voller Begeisterung die leckeren Fledermäuse.

Lektüre-Tipp: Krimis mit schwarzem Texas-Ranger

Wir lesen jetzt die beiden im Polar Verlag auf Deutsch erhältlichen Krimis von Attica Locke über den schwarzen Texas Ranger Darren Matthews. Für "Bluebird, Bluebird", den ersten Band, hat die Drehbuchautorin und Produzentin der HipHop-Dramaserie "Empire" gleich einen Edgar, den Edgar Allen Poe Award bekommen, den bedeutendsten amerikanischen Preis für Kriminalschriftsteller.

In diesem Jahr ist der zweite "Heaven, my Home" erschienen - er spielt 2016 in der Zeit nach der Wahl des unsäglichen Präsidenten in dem Dorf Hopetown, wo Schwarze und Caddo-Indianer ganz gut zusammenleben und nun, einerseits von Spekulanten und andererseits von Rednecks bedroht werden. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass Locke eine schwarze Rangerin zur Serienheldin macht, aber vielleicht fand sie das zu viel des Guten... "Ich bin schwarze Amerikanerin", sagt die Autorin, "und in unserer Geschichte gibt es noch so viel, das nicht erzählt wurde". Es besteht also noch Hoffnung. Wie immer.

Buchumschlag des Krimis "Bluebird, Bluebird" von Attica Locke.

Polar Verlag

Attica Locke: Heaven, my Home. Kriminalroman, 336 Seiten, Polar Verlag, Stuttgart 2020, 22 Euro.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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