Deutscher Gewerkschaftsbund

04.06.2020

Ein langer heißer Sommer für Amerika

Viele Amerikaner sind entsetzt über die krassen und aufrührerischen Worte von Donald Trump. Doch wird ihre Missbilligung schwerer wiegen als die Angst vor gewalttätigen sozialen Unruhen? Werden uralte rassistische Vorurteile, sie dazu bringen wieder für die trügerische Sicherheit eines ungehobelten weißen Tyrannen zu stimmen? Einiges deutet darauf hin, sicher ist es längst nicht.

 

Von Ian Buruma

Das Weiße Haus in Washington liegt im Dunkeln.

Im Weißen Haus sind die Lichter aus, während draußen gegen Rassismus und Polizeigewalt protestiert wird. Donald Trump hat sich lieber in den Keller zurückgezogen. Vielleicht um die Demonstranten nicht sehen zu müssen, vielleicht auch, weil er ein Angsthase ist. DGB/dah

Könnte den Vereinigten Staaten eine Wiederholung des Sommers 1968 bevorstehen? Auch damals sah die Welt wie der Zorn wütender Menschen in Amerika überkochte, als vorwiegend afroamerikanische Wohnviertel in Innenstädten in Flammen aufgingen und junge Menschen mit Tränengas beschossen, angegriffen und oft von Bereitschaftspolizei und Nationalgarde brutal geschlagen wurden.

Trotz zweier Amtszeiten von Obama ist der Rassismus virulent

Das Ergebnis der zivilen Unruhen war das, was einige Liberale in Amerika im Laufe dieses Jahres befürchten. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Richard Nixon versprach der "schweigenden Mehrheit", den "Nicht-Schreihälsen" und den Nicht-Demonstranten", dass er Recht und Ordnung mit Gewalt wiederherstellen werde. Verwüsteten, zumeist afroamerikanischen Stadtvierteln wurden Bundesgelder entzogen und sie wurden weiter isoliert, weiße Vorstädter kauften mehr Waffen, und die Polizeikräfte wurden bewaffnet, als wären sie ein Zweig des Militärs.

Auch die Unruhen von 1968 begannen, wie die Proteste heute, mit Wut über die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in Amerika. Einen Tag, nachdem Martin Luther King Jr. erklärt hatte, dass "die Nation krank ist", wurde er von einem weißen rassistischen Verbrecher erschossen. Die darauf folgenden Proteste waren nicht nur Ausdruck der Wut über Kings Ermordung, sondern auch über den Mangel an wirtschaftlichen Chancen und Bildungsmöglichkeiten, die das Ergebnis einer langen und oft gewalttätigen rassistischen Geschichte waren.

Trotz der zwei Amtszeiten eines Afroamerikaners im Weißen Haus sind die Bedingungen heute kaum besser – und in mancher Hinsicht schlechter. Dieses Jahr ist es der Tod von George Floyd, dem wehrlosen 46-jährigen Schwarzen in Minneapolis, der von einem Polizisten getötet wurde, der fast neun Minuten lang auf seinem Nacken kniete, der die Ermordung Martin Luther Kings in Erinnerung ruft.

Obendrein hat Covid-19 Afroamerikaner besonders hart getroffen, weil viele von ihnen nicht über finanzielle Ersparnisse verfügen und gezwungen sind, in riskanten Bereichen zu arbeiten, als Pflegekräfte und andere "systemrelevante Arbeitskräfte", oft ohne angemessene medizinische Versorgung. Sobald die globale Rezession wirklich angekommen ist, werden viele gar nichts haben, was die Folgen abfedern könnte.

Donald Trump überquert eine Straße, rechts und links schirmen ihn bewaffnete Polizisten ab.

Der letzte Auftritt des US-Präsidenten war besonders bizarr. Er ließ Demonstranten vor dem Weißen Haus mit Tränengas vertreiben, um zu der nahegelegenen St. Johns Kirche zu gehen, um eine Bibel hochzuhalten. Es ging nur um ein Foto. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Und doch gibt es wichtige Unterschiede zwischen heute und dem Sommer 1968, abgesehen von der Tatsache, dass die Musik damals interessanter war und es mehr Gelegenheiten gab, Sex zu haben. Der letzte Punkt ist durchaus ernst gemeint. Es dürfte die Verdrossenheit vieler junger Menschen verstärkt haben, über mehrere Monate in relativer Isolation eingesperrt zu sein, und diesem Unmut machen sie nur allzu bereitwillig auf der Straße Luft.

In schlechten Zeiten ist der Herausforderer im Vorteil, so auch Joe Biden

Bei den Protesten 1968 ging es nicht nur um Rassendiskriminierung, sondern auch um den Vietnamkrieg. Die beiden Themen hingen miteinander zusammen. Präsident Lyndon B. Johnson, der für die Eskalation dieses rücksichtslosen und grausamen Krieges verantwortlich war, war Demokrat ‒ derselbe Mann, der Bürgerrechtsgesetze verabschiedete. Sie verbesserten das Leben der Afroamerikaner tatsächlich, und provozierten deshalb den Hass vieler Wähler im Süden der USA, die zur Republikanischen Partei wechselten und dazu beitrugen, diese weiter nach rechts rücken zu lassen.

Die "Schreihälse" und "Demonstranten", gegen die Nixon wetterte, waren nicht nur Schwarze, sondern auch junge Weiße, die sich dagegen wehrten, in einem Krieg kämpfen zu müssen, den sie als unmoralisch betrachteten. Robert F. Kennedy, der Kandidat, der versprach, den Krieg zu beenden, und der die brennenden Ghettos besuchte, um die Ängste der Afroamerikaner zu besänftigen, wurde zwei Monate nach King ermordet.

Nixon gewann die Wahl in jenem November nicht nur, weil er die in Panik geratene "schweigende Mehrheit" mit dem Versprechen für Recht und Ordnung zu sorgen besänftigte, sondern auch, weil Hubert Humphrey, ein respektabler Mainstream-Demokrat, sich weigerte, den Vietnamkrieg zu verurteilen. Joe Biden, der voraussichtliche diesjährige Präsidentschaftskandidat der Demokraten, hat trotz all seiner Schwächen gezeigt, dass er kein weiterer Hubert Humphrey sein wird. Seine Sympathien gelten eindeutig den Demonstranten. Biden hat öffentlich an viele Fälle von Polizeigewalt gegen unbewaffnete Schwarze erinnert und versprochen, die Polizeiarbeit zu reformieren.

In schlechten Zeiten hat der Herausforderer einen gewissen Vorteil. So wie Johnson für die Eskalation eines immer unpopulärer werdenden Krieges verantwortlich gemacht wurde, wird der gegenwärtige Amtsinhaber im Weißen Haus die Krankheit des heutigen Amerika auf sich nehmen müssen. Man kann Donald Trump nicht die Schuld an der Covid-19-Pandemie zuschreiben, aber er kann für die stümperhafte Reaktion auf die Krise zur Verantwortung gezogen werden.

Joe Biden sitzt neben Barack Obama und hört ihm zu.

Joe Biden und Barack Obama - hier beide bei einer Sitzung während ihrer Amtszeit im Weißen Haus - haben in Ansprachen mit Verständnis auf die Demonstrationen gegen Polizeigewalt reagiert und Reformen verlangt, die Vorfälle wie den Mord an George Floyd künftig verhindern. DGB/Weißes Haus/Pete Souza/Gemeinfrei

Auch der institutionelle Rassismus, der die Straßen Amerikas erneut in Flammen aufgehen lässt, hat nicht mit Trump begonnen. Aber er hat absichtlich Öl ins Feuer gegossen, indem er dunkelhäutige Einwanderer als Kriminelle beleidigt und bewaffnete weiße Rassisten als anständig bezeichnet hat, indem er wütende schwarze Demonstranten als "thugs" (Deutsch: Gangster, Schläger) abqualifiziert und Milizen, Gardisten und Polizisten mit einem knurrenden, "Bitte seien Sie nicht zu nett" zu mehr Gewalt ermuntert hat.

Trump zitiert rassistische Polizeichefs aus den Sechzigern, um einen "Rassenkrieg" zu provozieren

Während einige Gruppen der extremen Rechten in den USA hoffnungsvoll von einem kommenden "Rassenkrieg" sprechen, tut Trump nichts, um ihren gewalttätigen Enthusiasmus zu dämpfen. Im Gegenteil, er scheint darin zu schwelgen. Trumps unlängst abgesetzter Tweet "wenn das Plündern beginnt, beginnt das Schießen" ist ein Zitat des Polizeichefs von Miami, der seinen Polizisten 1967 befohlen hatte, ihre Waffen auf Demonstranten aus den "Negervierteln" seiner Stadt zu richten.

In den USA nennt man das "stirring up the base". Und ein Großteil der Basis von Trump wird sich sicherlich aufstacheln lassen. Die große Frage im November wird sein, was die Wählerinnen und Wähler tun werden, die 2016 für ihn gestimmt haben, aber nicht derart fanatisch in ihrer Unterstützung sind. Wie denken weiße Frauen in amerikanischen Vororten, Arbeiter aus dem Mittleren Westen und ältere Südstaatler (die mit am stärksten von der Covid-19-Infektion bedroht sind) heute?

Viele Amerikaner sind offensichtlich entsetzt über die krassen und aufrührerischen Worte ihres Präsidenten. Aber wird ihre Missbilligung schwerer wiegen als die Angst vor gewalttätigen sozialen Unruhen? Werden uralte rassistische Vorurteile, die oft unausgesprochen da sind oder sogar offen zugegeben werden, sie dazu bringen wieder für die trügerische Sicherheit eines ungehobelten weißen Tyrannen zu stimmen?

Vieles wird davon abhängen, wie heiß dieser Sommer wird. Wenn die Menschen im November vernünftig denken, ist kaum vorstellbar, dass sie in ausreichender Zahl Stimmen abgeben werden, die diese haarsträubende Regierung weitere vier Jahre an der Macht halten. Allerdings ist Angst der schlimmste Feind der Vernunft.

 


Aus dem Englischen von Sandra Pontow / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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