Deutscher Gewerkschaftsbund

18.03.2020

Corona-Pause für die Börsen!

Die Unsicherheit lässt Aktienkurse taumeln. Der Kursverfall verstärkt die Unsicherheit, worauf weitere Verkäufe folgen. Die Spirale dreht sich nach unten und schadet der Realwirtschaft. Es ist daher ratsam, die Börsen erst einmal komplett zu schließen. Die Welt braucht jetzt nicht auch noch zappelnde Finanzmärkte.

 

Von Stephan Kaufmann

Börsentafel schräg von der Seite aufgenommen mit einer fallenden Kurve der Kurse, auf der Corona steht

DGB/dah

Es gibt einige Börsenregeln, die sind schlicht trivial. „Der Trend ist dein Freund“ ist so eine ewig  gültige Weisheit oder auch: „Panik ist ein schlechter Ratgeber“. Im Gegensatz zur Angst vernebelt Panik den Blick auf die Realität, eine Abwägung findet nicht mehr statt. So ein Zustand scheint an den Aktienbörsen eingetreten zu sein. Angesichts der Ausbreitung des Corona-Virus schießen die Spekulationen ins Kraut und die Kurse auf und vor allem ab. Da mittlerweile in den Hauptstädten die Restaurants, Geschäfte und Behörden schließen, wäre es vielleicht keine schlechte Idee, die Börse auch gleich zuzumachen.

Aktienkurse werden von Erwartungen bestimmt – und die sind nicht gut in Zeiten der Covid-19-Pandemie

Der Aktienhandel steht schon in normalen Zeiten auf schwankendem Grund. Die Händler studieren die ökonomische Lage, Geschäftszahlen der Unternehmen, die Entwicklung der Preise, Zinsen Wechselkurse. Daraus verfertigen sie Annahmen darüber, wie sich Markt und Kurse in nächster Zeit entwickeln werden, danach richten sie ihre Kaufentscheidungen aus. Dabei weiß jeder Anleger: Eine Aktie steigt nicht, weil er steigende Gewinne und daher einen steigenden Kurs erwartet. Sondern eine Aktie steigt, wenn die Mehrheit der Anleger davon ausgeht, dass sie steigen wird. Und da das jeder Anleger weiß, steigt eine Aktie eben, wenn die Mehrheit der Anleger davon ausgeht, dass die Mehrheit der Anleger mit einem Steigen rechnet.

Dieser Mechanismus eröffnet den Investoren jede Menge Freiheit der Spekulation, wohin es die Märkte treiben wird. Diese Spekulation allerdings hat eine zwar lose, aber doch unauflösliche Verbindung zur Realwirtschaft. Gewinne, Umsätze, Wirtschaftswachstum bilden das Fundament der Einschätzung der Anleger, weswegen ihre Analyse auch „Fundamentalanalyse“ genannt wird.

Eine Frau sitzt vor einem Computer und blickt nachdenklich das Gesicht auf ihre Fäuste gestützt.

Besorgter Blick einer Brokerin, denn derzeit erfüllen die Börsen nicht ihren Zweck: eine halbwegs korrekte Bewertung der Aktien, also auch der Firmen, und die Finanzierung von Unternhmen über den Verkauf von Anteilsscheinen. Die Börsen vernichten nur Geld. DGB/Colourbox

Derzeit jedoch ist den Märkten ihr Fundament weggebrochen. Es herrscht allgemeine Unklarheit darüber, wie stark die Covid-19-Pandemie und die Maßnahmen gegen ihre Ausbreitung Unternehmen, Branchen und ganze Wirtschaften schädigen werden. Während in normalen Zeiten ein realwirtschaftlicher Trend – sagen wir ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent – existiert, auf dessen Abweichung nach oben oder unten an den Märkten spekuliert wird, so ist dieser Trend derzeit verschwunden. Wenn nicht einmal ein solides Unternehmen wie Volkswagen auch nur annähernd prognostizieren kann, wie das laufende Jahr wird, dann haben die Aktienhändler kein Geländer mehr, an dem sie sich entlanghangeln können.

Das Aktienvermögen hat sich um über 15.000.000.000.000 Dollar vermindert

Also greift Panik um sich. Die Unsicherheit lässt Aktienkurse taumeln. Der Kursverfall verstärkt die Unsicherheit, worauf weitere Verkäufe folgen. Die Spirale dreht sich nach unten. Üblicherweise sind Staaten und Zentralbanken in der Lage, durch Kreditzusagen, Zinssenkungen oder Konjunkturprogramme den Verfall aufzuhalten. Derzeit jedoch nicht. Im Gegenteil: Als die US-Zentralbank am vergangenen Wochenende ihre Leitzinsen massiv senkte und ein 700-Milliarden-Dollar-Anleihekaufprogramm ankündigte, wurde dies an den Märkten nicht als Versicherung interpretiert, sondern als Beleg dafür, für wie schlimm die Zentralbank die Lage hält. Es folgte einer der stärksten Kursrutsche in der US-Geschichte. Das globale Aktienvermögen dürfte sich mittlerweile um 15 bis 20 Billionen Dollar (!) vermindert haben.

Um Panik an den Märkten zu stoppen, gibt es an der US-Börse so genannte circuit breakers. Erreichen die Kurssprünge eine gewisse Stärke, wird der Handel vorübergehend unterbrochen, so dass jeder mal durchatmen und die weitere Entwicklung klarer abschätzen kann. So zum Beispiel im Oktober 1997, als die Asienkrise ins Laufen geriet. Oder am 11. September 2001 nach den Anschlägen auf das World Trade Center, als die Börse sogar einige Tage schloss. In beiden Fällen wirkte die Unterbrechung, die Kurse kletterten schon bald wieder. Der US-Aktienindex S&P 500 brauchte nur einen Monat, um wieder auf den Stand vor den 9/11-Anschlägen zu kommen.

Arbeiter am Fließband in einer Autofabrik.

Zahlreiche Autokonzerne haben die Produktion schon heruntergefahren, ihre Kurse fallen kontinuierlich. Das schadet den Unternehmen noch mehr als die Covid-19-Pandemie. DGB/habrda/123rf.com

In der Corona-Krise jedoch ist der Handel nun schon drei Mal unterbrochen worden, ohne nennenswerten Effekt. Es wäre deshalb sinnvoll, die Börse erst einmal komplett zu schließen. Denn  ihre beiden Funktionen kann sie derzeit ohnehin nicht erfüllen. Erstens kann niemand behaupten, dass der Aktienhandel derzeit eine halbwegs korrekte Bewertung der Aktien und damit der Aussichten der Unternehmen liefert. Denn für diese Bewertung bräuchten die Anleger mehr Sicherheit über das, was noch kommt. Zweitens dient die Börse derzeit auch kaum als Instrument zur Zuteilung von Kapital. In normalen Zeiten kann ein Unternehmen über den Verkauf von Anteilsscheinen sich Mittel  für seine Geschäfte besorgen. Doch angesichts der Lage an den Märkten und den abgestürzten Kursen dürfte es derzeit niemanden geben, der darauf besonders scharf ist.

Die Börsenabstürze schädigen die Realwirtschaft und können eine Wirtschaftskrise auslösen

Die Realwirtschaft braucht aktuell die Börse also nicht. Umgekehrt jedoch können Börsenabstürze die Realwirtschaft schädigen. Schließlich bedeuten sinkende Kurse echte Vermögensverluste – man mag die ganze Finanzsphäre als „heiße Luft“ bezeichnen, gleichzeitig aber werden Menschen durch sinkende Kurse real ärmer. Obendrein vermindern die Kursverluste die Kreditwürdigkeit der betroffenen Unternehmen, zum Beispiel der Banken. Ihre Kurse notieren derzeit auf dem Niveau der Neunzigerjahre.

Die abgrundtiefen Notierungen nähren das Misstrauen und Pessimismus an den Finanzmärkten. Wenn dann auf Grund der abgestürzten Kurse den Unternehmen keine Kredite mehr gewährt werden oder nur zu hohen Zinsen, dann schlägt die Finanzkrise auf die Realwirtschaft durch. Eine Untersuchung der französischen Bank Natixis legt nahe: Da die Finanzsphäre mittlerweile so groß geworden ist, sind es mittlerweile meist ihre eigenen Krisen, die zu einer Wirtschaftskrise führen. In den Jahrzehnten davor war es umgekehrt: Wirtschaftskrisen führten zu Finanzkrisen.

Insgesamt spricht also einiges dafür, an den Börsen den Stecker zu ziehen – und zwar im Sinne des Wortes. Denn der Großteil des Handels findet mittlerweile automatisiert statt, Computer handeln mit Computern. Dieser Handel, der schon in normalen Zeiten fragwürdig ist, scheint derzeit schlicht überflüssig. Das Virus breitet sich aus, Menschen erkranken; sie müssen zu Hause bleiben, ihre Versorgung und ihre Einkommen müssen gesichert und die Unternehmen geschützt werden. Die Welt hat genug zu tun und braucht keine zappeligen Märkte.


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Kurzprofil

Stephan Kaufmann
ist Wirtschaftsjournalist und Sachbuchautor. Er arbeitete lange Jahre als Wirtschaftsredakteur für die Berliner Zeitung.
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